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Bericht über die Situation der Juden in Berlin - Seite 1

Erich Zwilsky1945-08-01

Jüdisches Museum Berlin

Jüdisches Museum Berlin

Bericht von Erich Zwilsky (1896-1961), betr. Juden in Berlin, maschinenschriftlich, 2 Seiten, Berlin, 01.08.1945.

Erich Zwilsky beschreibt in seiner Funktion als Leiter des Jüdischen Krankenhauses die Lage der überlebenden Juden in Berlin kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, verbunden mit der Bitte um materielle Hilfe, um den überlebenden Juden in Deutschland die Emigration zu ermöglichen.

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Details

  • Titel: Bericht über die Situation der Juden in Berlin - Seite 1
  • Ersteller: Erich Zwilsky
  • Datum: 1945-08-01
  • Ort: Berlin-Wedding
  • Abmessungen: 29,8 x 21 cm
  • Ausgangssprache: deutsch
  • Herkunft: Schenkung von Klaus M. Zwilsky
  • Transkript: Berlin N65, den 1. August 1945 Iranischestr. 2 Betr.: Juden in Berlin In Berlin leben zurzeit schätzungsweise 7.000 Juden – die genaue Zahl wird in Kürze nach Beendigung der jetzt durchgeführten Registrierung angegeben werden können. Es ist anzunehmen, dass ungefähr 30 Prozent, d.h. die reinen Glaubensjuden (die ehemaligen Sternträger), den Wunsch haben, aus Deutschland auszuwandern. Dieser Wunsch hat seinen Ursprung in dem tief eingewurzelten Antisemitismus des deutschen Volkes und den in den meisten Fällen unüberwindlichen Schwierigkeiten zur Gründung einer neuen Existenz. Der Antisemitismus ist weiter in allen Zweigen der deutschen Bevölkerung bis hinauf in die höchsten Kreise deutlich fühlbar. Die Juden haben in vielen Fällen bei den deutschen Behörden nach wie vor die größten Schwierigkeiten. Nicht einmal die jüdischen Rückwanderer aus den KZ-Lägern finden Unterstützung und Hilfe, da sie nicht als Opfer des Faschismus anerkannt werden, weil sie nicht politisch aktiv gewesen sondern »nur als Juden« verfolgt worden sind. Der Aufbau einer Existenz erscheint für unabsehbare Zeit unmöglich. Infolge des fast völligen Warenmangels und der Zerstörung der meisten Fabriken und Geschäftshäuser sowie unendlicher Verkehrsschwierigkeiten ist eine Betätigung im Handel unmöglich. In fast allen anderen Berufszweigen besteht eine große Arbeitslosigkeit. Dazu kommt, dass die Juden durch die Zwangsmaßnahmen der Gestapo nicht nur seelisch ruiniert sondern auch infolge der Beschlagnahmen vollkommen verarmt sind. Diejenigen Juden, die trotz allem noch über ein Sparkassen- oder Bankguthaben beschränkt verfügen konnten, fallen ebenfalls unter die jetzigen allgemeinen Bestimmungen, nach denen diese Guthaben vorerst vollkommen gesperrt sind. Als Beispiel muss auch angeführt werden, dass noch nicht die Freigabe für die nicht unerheblichen Barmittel der Jüdischen Gemeinde Berlin und den Grundbesitz bei den deutschen Behörden trotz wiederholter Vorstellungen erwirkt werden konnte. Schon allein eine Freigabe dieser Wertbestände hätte wesentlich zur Linderung der finanziellen Not der Berliner Juden beitragen können. Die Juden sind wohl ihren Befreiern aus den Klauen der Gestapo großen Dank schuldig, die augenblickliche Lage für sie ist jedoch immer noch sehr bedrückend, und deshalb kennen diejenigen Juden, die nicht durch Verwandtschaft an Deutsche gebunden sind, keinen anderen Wunsch, als dieses Land, das ihnen so viel Schmach angetan hat, zu verlassen und in einer neuen Heimat durch Arbeit und Fleiß eine neue Existenz zu gründen. Ein weiterer Wunsch dieser Juden ist, mit ihren bereits im Ausland lebenden Angehörigen in Verbindung treten und ihnen ein Lebenszeichen geben zu können. Es steht uns keinerlei Material zur Verfügung, um beurteilen zu können, wie viel Juden in Europa noch leben und den Wunsch haben auszuwandern. Soweit wir in Erfahrung bringen konnten, leben die meisten Juden noch in Rumänien; hier soll es nur zur Evakuierung einer relativ geringen Zahl gekommen sein. Die Zahl der Juden in den östlichen Randstaaten ist gering. Nach Berichten aus den KZ-Lägern sind z.B. in Riga die meisten Juden umgebracht worden. Die Zahl der Überlebenden wird mit 4.000 genannt. Die Zahl der in Polen lebenden Juden wird auf 45.000 geschätzt. Mit dieser Schilderung der jetzigen Lage der Juden richten wir an die Welt die dringende Bitte, uns zum Aufbau eines neuen Lebens im Ausland zu verhelfen. Erich Zwilsky Leiter des Jüdischen Krankenhauses Berlin
  • Typ: Typoskript
  • Externer Link: http://objekte.jmberlin.de/object/jmb-obj-199305
  • Inventarnummer: 2003/141/110

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