Deutsche Kunst im Zeitalter von Dürer und Cranach

Am 31. Oktober 1517 veröffentlicht Martin Luther seine 95 Thesen an der Pforte des Wittenberger Doms. Dieser „ketzerische" Akt wird zum Auslöser für die Reformation und Spaltung der Kirche und führt zu weitgreifenden gesellschaftlichen Umbrüchen. Luthers Kritik wendet sich gegen den Luxus und die Missstände in der katholischen Kirche, insbesondere den Ablasshandel, wonach sich Gläubige von ihren Sünden freikaufen können. Indem die mächtige Institution der katholischen Kirche infrage gestellt wird, eröffnen sich auch in anderen Bereichen neue Perspektiven auf die Welt. Ideen des Humanismus und der Renaissance beeinflussen die Denkweise der Menschen. Um 1500 weitet sich so der Horizont – auf der Wissensebene wie auch geografisch mit der Entdeckung und Eroberung neuer Kontinente und Kulturen.

Anlässlich des 500. Jahrestages der Veröffentlichung von Luthers Thesen präsentieren die Staatlichen Museen zu Berlin, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München Schlüsselwerke der deutschen Kunst um 1500 im Los Angeles County Museum of Art (LACMA). In den Meisterwerken von Dürer, Cranach, Holbein, Riemenschneider und weiterer Zeitgenossen zeichnen sich die gesellschaftlichen Spannungen dieser Epoche ab, die zu den wichtigsten Kapiteln deutscher und europäischer Kunst- und Kulturgeschichte zählt.

Die Ausstellung wurde mit Unterstützung des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland ermöglicht.

Tradition und Religion
Andachtsbilder mit Motiven aus der Bibel prägen die westliche Kunst vor 1500. Über die Jahrhunderte hinweg bildeten sich in der katholischen Kirche Traditionen zur Veranschaulichung der Liturgie und des Kultes heraus. Im Zentrum stehen die Heilsgeschichte Christi sowie Darstellungen von Maria und den Heiligen als Vermittler zwischen den Gläubigen und Gott. Um 1500 wird ein Wandel in der Bildsprache sichtbar: Die Figuren werden menschlicher, ihre Körperlichkeit und Individualität werden betont – sie scheinen nun der diesseitigen Welt zu entstammen.
Nicht nur im Gottesdienst, auch im Alltag pflegen die Gläubigen eine enge Beziehung zu den Figuren aus der Bibel und den Heiligenlegenden. Vor allem in der privaten Andacht werden kleinformatige Holzskulpturen von Christus, Maria und den Heiligen angebetet und in schwierigen Situationen um direkten Beistand ersucht. Nicht selten werden die Figuren dabei behandelt, als wären die dargestellten Personen tatsächlich anwesend: Sie werden berührt, geküsst, in manchen Gegenden an Feiertagen sogar angekleidet und mit Gaben bedacht. Gegen diesen Brauch richten sich später die Bilderstürmer. Sie sehen darin den in der Bibel verbotenen Götzendienst und zerstören viele christliche Werke.
Humanismus und Wirklichkeit
Mit der Verbreitung humanistischer Ideen aus Italien erobern neue Bildmotive den Raum nördlich der Alpen. Landschaften, historische Szenen und Figuren der antiken Mythologie zeugen von einer veränderten, neuen Wahrnehmung der Welt zwischen Antikensehnsucht und intensiver Beobachtung der Natur und des Menschen. In filigranen Zeichnungen findet sich die originäre Handschrift von Künstlern wie Albrecht Dürer oder Erhard und Albrecht Altdorfer wieder. Die Motive werden mehr und mehr um ihrer selbst Willen gezeigt. Die Zeichnungen sind daher auch als Ausdruck einer europäischen Renaissancekunst zu verstehen, in der Künstler als Individuen auftreten und ihre Kunstwerke zunehmend an Autonomie gewinnen.
Antike Götter und Helden wie Amor, Saturn, Venus und Herkules werden im Zuge der Antikenbegeisterung der Renaissance wiederentdeckt und zu beliebten Bildmotiven. Ihre Abenteuer zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt kreisen um universelle Themen wie Liebe, Tod, Ehre oder Verrat. Aber auch „Aberglauben“ aus dem Volk wie den weitverbreiteten Hexenglauben findet man in Bildern der Zeit um 1500 wieder. Zwar verspotten die Humanisten diesen als „Irrglauben“, den Künstlern jedoch bietet das Thema Stoff und eine gewisse (Narren)Freiheit für ungewöhnliche Szenen und Kompositionen.
Porträt und Status
In der Renaissance und der Reformation spielen Porträts eine zentrale Rolle, vergegenwärtigen sie doch wichtige Akteure innerhalb der sich rasant entwickelnden, komplexer werdenden Gesellschaft. Bürger, Kaufleute und Gelehrte lassen sich auf neuartige Weise detailreich in Öl festhalten. In einer Zeit, in der Bilder teuer und aufwendig sind, bedeutet es Privileg und Prestigegewinn, sein Ebenbild malen zu lassen. Berühmte Bildnisse wie das des Geschäftsmannes Jakob Muffel von Albrecht Dürer oder das Doppelbildnis von Thomas Godsalve und Sohn von Hans Holbeins d. J. führen jene historische wie künstlerische Relevanz des Porträts um 1500 vor Augen.
Auch in den verbreiteteren Zeichnungen wird die Entfaltung europäischer Bildniskunst greifbar. Diese Kunst ist zunehmend von der humanistischen Vorstellung des Menschen als Individuum geprägt. Die Darstellungen von Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern geben Hinweise auf das direkte Umfeld der Künstler, aber auch die lebensnahe Wiedergabe unbekannter Persönlichkeiten unterstreicht die delikate Beobachtungsgabe der Porträtisten.
Hof und Kultur
Die politische Dimension des Humanismus zeigt sich in den erstarkenden Fürstentümern, die die neuen Ideen propagieren und protegieren. Die höfische Kultur erreicht in dieser Zeit herausragende kulturelle Bedeutung. Objekte aus kurfürstlichen Kunstkammern sind Zeugnisse raffinierter Handwerkskunst. Schatullen, Pokale, aber auch Waffen und Rüstungen vermitteln einen Eindruck vom Leben am fürstlichen Hof. Beispielhaft für die repräsentativen Ansprüche eines protestantischen Fürstentums steht die Hofkunst in Dresden, dessen Fürstentum hohes Ansehen genießt und auf Reichsebene großen Einfluss ausübt.
Mit prunkvollen Rüstungen präsentieren sich die Fürsten entsprechend ihres Rangs und als Vertreter und Verfechter ihres christlichen Glaubens. Auf eisernen Harnischen werden religiöse Szenen oder Motive auf kunstvollste Weise dargestellt.

Auch Objekte aus edelsten Materialien wie Gold und Silber zieren figürliche Dekorationen. Sie feiern Tugenden wie Tapferkeit und Gerechtigkeit …

...und den christlichen Glauben.

Streit und Schmach
Die Reformation beschränkt sich nicht auf den Hof, sondern betrifft alle Bereiche der Gesellschaft. Der Konflikt zwischen katholischer Kirche und Reformatoren wird landesweit und sogar über die Grenzen hinaus ausgefochten. In Flugblättern und Spottdarstellungen werden der Papst und das korrupte Mönchstum aufs Schärfste angeprangert. Die katholische Seite antwortet mit Vorwürfen und Beleidigungen gegen Luther und seine Anhänger.

Mit modernen Bildmedien wie Flugblatt, Holzschnitt und Buchdruck werden die reformatorischen Ideen verbreitet. Zahlreiche Druckereien sowie versierte Handwerker und Künstler in den Städten des Reiches ermöglichen, den Streit mit einer gezielt eingesetzten Bildpropaganda zu unterstreichen und zu polarisieren. So gelingt es, auch Nicht-Lesekundige visuell auf die Ziele der Reformer und Protestanten einzuschwören.

Mitwirkende: Geschichte

Online-Kuration: Nadine Söll, Jutta Dette
Text, Redaktion: Jutta Dette, Astrid Alexander

Auf der Grundlage von: Renaissance and Reformation - German Art in the Age of Dürer and Cranach, Nov 20, 2016–March 26, 2017, A Cooperation of the Los Angeles County Museum of Art, the Staatliche Museen zu Berlin, the Staatliche Kunstsammlungen Dresden, and the Bayerische Staatsgemäldesammlungen München, Catalogue of the Exhibition at the Los Angeles County Museum of Art, Munich: Prestel, 2016.

© Die Ausstellung wurde vom Los Angeles County Museum of Art, den Staatlichen Museen zu Berlin, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München organisiert und mit Unterstützung des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland ermöglicht. Zusätzliche Unterstützung leistete die Gladys Krieble Delmas Foundation.

Quelle: Alle Medien
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