Dräger Rettungsapparat, Modell 1904/09

Leibniz-Gemeinschaft

Im Rahmen der simultanen Ausstellung "8 Objekte, 8 Museen" der Leibniz-Forschungsmuseen stellt das Deutsche Bergbau-Museum Bochum einen wichtigen Meilenstein in der Entwicklung von Rettungsgeräten im Bergbau vor: den Dräger Rettungsapparat, Modell 1904/09.

Unter Tage – unter großer Gefahr
Schwerster körperlicher Einsatz unter gefährlichen Bedingungen – das war der Bergbau zum Ende des 19. Jahrhunderts. Schreckliche Grubenunglücke erschütterten Arbeiter wie Zechenbesitzer. Die starke Solidarität im Bergbau führte zu großen Anstrengungen im Rettungswesen. Keinen Kumpel im Berg zurückzulassen, war und ist die Devise. Es ist also kein Wunder, dass um die Jahrhundertwende zahlreiche Bemühungen unternommen wurden, den Arbeitsschutz und auch die damit verbundenen Instrumente zur Rettung unter Tage mit technischen Innovationen zu verbessern.

Der Rettungsapparat der 1889 gegründeten Firma Dräger ist ein Beispiel dieser Anstrengungen. Mit ihm wurden Grubenwehren und Feuerwehren ausgerüstet. Mit der fortschrittlichen Technik wurde der Einsatz der Retter deutlich verbessert, trotzdem mussten sie sich den Beschränkungen des Geräts anpassen und mit Besonnenheit vorgehen. Der Leitspruch lautete deshalb: „Stehe still und sammle Dich!“

Eine Zeichnung veranschaulicht die Funktionsweise des Dräger-Apparats: Das Gerät arbeitet nach dem Regenerationsprinzip, die Atemluft wird während der Zirkulation aufgefrischt.

In die Kohlendioxid-Filter (p¹/p²) wird die Ausatemluft über Ätzkali geleitet, womit der größte Teil des Kohlendioxids zu Kaliumcarbonat umgesetzt und gebunden wird. Dabei entsteht viel Wärme, die im Kühler (l) an die Außenluft abgegeben wird.

Der verbrauchte Sauerstoff wird aus den Flaschen c¹ und c² ersetzt. Der Druck aus den Sauerstoffflaschen besorgt den Umlauf der Atemluft.

Die regenerierte Luft strömt in den Luftsack (b2) und wird aus diesem eingeatmet. Ventile sorgen dafür, dass Ein- und Ausatemluft getrennte Wege nehmen.

Nach diesem Prinzip des von Dräger entwickelten Apparates arbeiten auch moderne Atemschutzgeräte.

Über ein von Draeger selbst entwickeltes Lubeca-Ventil, das als Druckminderer dient, wird die ausgeatmete Luft mit Sauerstoff angereichert.

Der Dräger Rettungsapparat 1904/09 war nicht der erste seiner Art. Aber Bernhard Dräger setzte damit einen neuen Standard. Das Gerät war besonders zuverlässig, einfach in der Handhabung und bot 3-mal mehr Atemluft als bis dahin üblich.

Wettbewerb – Katastrophen, Krisen, Konjunktur
Während Bernhard Dräger versuchte, seinen Rettungsapparat auf dem Markt zu etablieren, ereignete sich am 12. März 1906 im nordfranzösischen Courrières das bis heute größte Grubenunglück des europäischen Steinkohlebergbaus. Über 1000 Männer fanden den Tod, die Katastrophe führte zu schweren sozialen Unruhen und Streiks. Die Bergleute warfen der Grubenleitung vor, zu wenig für die Sicherheit der Zeche und später für die Rettung der Verunglückten getan zu haben.

Dräger verschaffte sich selbst einen Eindruck von der Lage in Courrières. Natürlich hatte das auch wirtschaftliche Gründe. Auf dem Markt hatte sich ein scharfer Wettbewerb entwickelt. An den Rettungsarbeiten in Frankreich beteiligten sich deutsche Grubenwehren mit Rettungsgeräten der Westfalia AG. Langfristig setzten sich aber die Drägerwerke auf dem Markt durch und übernahmen mit der Westfalia AG schließlich sogar den wichtigsten Konkurrenten.

Der Rettungsapparat war nicht nur in Deutschland ein großer Erfolg. 1924 waren in fünfzehn Ländern insgesamt 5000 Geräte im Einsatz. Mit der konstanten Revision von Rettungsapparaten und technischen Innovationen konnte sich die Firma Dräger langfristig an zahlreichen Märkten etablieren. Im amerikanischen Bergbau heißen Rettungsmannschaften bis heute „Draegermen“.

Solidarprinzip – gemeinsam durch dick und dünn
Der Zusammenhalt unter Bergleuten ist seit jeher groß und leicht erklärlich: Da ist das Bewusstsein der allgegenwärtigen Gefahren in diesem Beruf, dazu die Schwere der alltäglichen Arbeit. Das Arbeiten ohne Tageslicht, die Abgeschiedenheit des Arbeitsplatzes, aber auch die relative Selbständigkeit dort, die enormen Anstrengungen und die belastende Umwelt mit Schmutz, Enge, Hitze, Feuchtigkeit führen zu einer langlebigen Identitätsbildung durch den Beruf: Jeder steht für jeden ein, niemand wird zurückgelassen.

Die Solidarität unter Bergleuten galt auch grenzüberschreitend: Bei dem schrecklichen Grubenunglück im nordfranzösischen Courrières, kamen deutsche Rettungstrupps zur Hilfe, obwohl das deutsch-französische Verhältnis politisch angespannt war. Die Öffentlichkeit lobte die Hilfe sehr. Geehrt wurden die deutschen Rettungskräfte schließlich auch von offizieller französischer Seite. Zusätzlich zu einer Medaille erhielten die Ausgezeichneten eine Bestätigungsurkunde, wie sie hier am Beispiel von Friedrich Wulfmeier zu sehen ist.

Das tiefe Solidaritätsgefühl unter Tage führte zur Gründung von Knappschaften. Knappschaften hatten Vorbildfunktion für die Entstehung der modernen Sozialversicherungen. Sie entwickelten sich aus mittelalterlichen Bruderschaften und gewährten Mitgliedern erstaunliche soziale Leistungen bei Krankheit und Invalidität. Im Todesfall wurden Witwen und Waisen mit beachtlichen Renten unterstützt.

Zur Solidarität gehörte auch ein ausgeprägtes Standesbewusstsein – Bergleute blieben in ihrer Freizeit gern beisammen. Um die Jahrhundertwende entstanden viele Sport- und Freizeitvereine. Jedes Jahr veranstaltet das Museum in Zusammenarbeit mit dem Landesverband der Berg- und Knappenvereine den Bochumer Knappentag, an dem ca. 450 Bergknappen, Fahnenträger in Tracht und Spielmannszüge teilnehmen.

Deutsches Bergbau-Museum Bochum
Im Deutschen Bergbau-Museum Bochum wird die Geschichte der weltweiten Gewinnung von mineralischen Rohstoffen von vorgeschichtlicher Zeit bis heute dokumentiert, erforscht und präsentiert. Ein Anschauungsbergwerk macht die Welt des Bergbaus erlebbar, das Fördergerüst, als Bochumer Landmarke, bietet einen weiten Blick über die Stadt und das Ruhrgebiet. Kurz vor dem Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus im Jahr 2018 werden die historisch gewachsenen Ausstellungen neu konzipiert und u.a. die Abhängigkeit des menschlichen Fortschritts von der Rohstoffgewinnung und Rohstoffverarbeitung neu beleuchtet sowie die Bedeutung des Bergbaus für das Ruhrgebiet thematisiert.

Im Anschauungsbergwerk werden technische Entwicklungen des Steinkohlen- und Erzbergbaus bis hin zum modernen Abbau gezeigt. Auf insgesamt 2,5 km Strecke kann der Arbeitsalltag unter Tage erlebt werden. Ein Seilfahrtsimulator mit Klimaschleuse lässt die Besucher das Erlebnis Teufe (bergmännisch für Tiefe) körperlich nachvollziehen.

Sammlungsobjekte aus verschiedenen Zeiten dokumentieren die Auffahrung von Grubenräumen (Bau von Stollen). Die alltagsgeschichtliche Sammlung repräsentiert die lebensweltlichen Aspekte des Bergbaus. Die Wurzeln der mineralogischen Sammlungen gehen mehr als 150 Jahre zurück.

Seit den 1940er Jahren ist die bergbauliche Kunst und Kultur Sammlungsschwerpunkt des Museums. Die große Rolle, die der christliche Glaube bei der Bewältigung der gefährlichen Arbeit spielt, zeigen Objekte der sakral-transzendentalen Sammlung.

Im Jahr 2004 erlaubte die Datierung eines Stücks Holzkohle die Aussage, das bis dahin älteste, bekannte Goldbergwerk der Welt in Sakdrissi/Georgien gefunden zu haben. Aufgrund seiner kulturhistorischen Bedeutung wurde der Grubenbau 2006 unter Schutz gestellt, die Forschungen koordinierte bis 2013 das Deutsche Bergbau-Museum Bochum. Inzwischen wurde der Schutz dieses einmaligen Objektes aufgehoben, um die Goldvorkommen der Lagerstätte wieder kommerziell auszubeuten, ein Beispiel der widerstreitenden Interessen von Wirtschaft und Kultur.

Mitwirkende: Geschichte

„8 Objekte, 8 Museen“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Leibniz-Forschungsmuseen und des Leibniz-Instituts für Wissensmedien in Tübingen zum Leibniz-Jahr 2016.

Reproduzierte Dokumente, Fotos und Filme:
Deutsches Bergbau-Museum Bochum: 1, 2, 3, 11, 12, 14, 15, 16, 20, 21, 22
Dräger-Werk AG & Co. KGaA, Lübeck: 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 13
Deutsches Bergbau-Museum Bochum (produziert von G+K-Film, Frankfurt): 19
Kurt Wardenga, Gladbeck: 17
H. Blossey: 18
AVttention/Klaus Stange, Marienheide: 23

Text und Objektauswahl:
Diana Modarressi-Tehrani, Stefan Brüggerhoff mit Unterstützung durch Michael Farrenkopf

Übersetzung: Hendrik Herlyn

Literatur:
Dräger, Bernhard (1912): Der Werdegang des Rettungsapparates, Essen
Drägerwerk AG & Co. KGaA: Geschichten, die unser Unternehmen prägten, Internetpublikation http://www.draeger.com/sites/de_corp/Pages/ueber-draeger/historie.aspx (eingesehen am 26.11.2016)

Erweiterte Literatur:
Farrenkopf, Michael (2006): Courrières 1906 – Eine Katastrophe in Europa. Explosionsrisiko und Solidarität im Bergbau. Führer und Katalog zur Ausstellung des Deutschen Bergbau –Museums Bochum, des Institutes für Stadtgeschichte Gelsenkirchen und des Stadtarchivs Herne

Tafelski, Maxi (2009): Restaurierung eines Dräger Rettungsapparates – Modell 1904/09 aus der Sammlung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum, Metalla 16.1, Bochum

Quelle: Alle Medien
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