»Bis auf ein gesundes Wiedersehen«

Jüdisches Museum Berlin

Bianka Hassel und ihre Befreiung aus dem Ghetto Theresienstadt

Im Mai 1945 befreite die Rote Armee das Ghetto Theresienstadt nördlich von Prag. Von 140.000 Männern, Frauen und Kindern, die dort interniert waren, hatten nur 17.000 im Ghetto überlebt. Unter ihnen war auch Bianka Hassel aus Berlin.

Befreiung
15 Monate hatte die 64-jährige Bianka Hassel die schweren Lebensbedingungen im Ghetto Theresienstadt durchgehalten. Erleichtert erfuhren ihre beiden Kinder Hella und Hans in Berlin vom Überleben der Mutter. Das Schlimmste schien überstanden und beide hofften auf eine baldige Rückkehr der Mutter und ein »gesundes Wiedersehen«.
Herkunft
Bianka Hassel stammte aus Graetz in Posen, wo sie 1881 als Tochter von Louis Streisand und dessen Ehefrau Clara, geb. Cohn geboren wurde. Ihr Vater betrieb hier eine Buchdruckerei. Beide Eltern waren jüdisch – »mosaischer Religion«, wie es in Biankas Geburtsurkunde hieß. Sie heiratete den Protestanten Paul Hassel (1876-1933) aus Köln und bekam zwei Kinder, die christlich erzogen wurden. Mitte der 1920er Jahre trennte sie sich von ihm und zog mit den Kindern nach Berlin. Hier ließ sie sich noch 1936 taufen.
Strafbefehl
Ihr evangelischer Glaube schützte Bianka Hassel jedoch nicht vor den antijüdischen Verfolgungen in der NS-Zeit. Seit Januar 1939 war sie verpflichtet, den Zwangsnamen »Sara« zu tragen. Sie weigerte sich und erhielt deshalb 1941 einen Strafbefehl. Sie musste eine Geldstrafe zahlen, und es drohte ihr eine Haftstrafe, sollte sie dem nicht nachkommen.
Deportation
1941 lebten in Berlin noch etwa 66.000 Juden. Dann begann ihre Deportation in die Konzentrationslager im Osten. Bianka Hassel erhielt im Februar 1944 den gefürchteten Bescheid. Sie sollte in das »Altersghetto« Theresienstadt verbracht werden. Sie hatte nur wenig Zeit, ihre spärliche Habe zu packen. Auf einem Zettel listete sie ihr Handgepäck auf: Kleidung, Näh- und Waschzeug, ihre Papiere.

Theresienstadt, nördlich von Prag, diente seite Ende 1941 als Ghetto. Die ehemalige Festung konnte wegen ihrer Schutzwälle problemlos abgesperrt werden und nur ein Minimum an SS-Leuten wurde benötigt, um die Häftlinge zu bewachen.

Bianka Hassel quartierte man in der Badhausgasse 19 der Garnisonsstadt ein, südöstlich vom Markt, zwischen den Blöcken DV und CV gelegen.

Kontakt mit der Außenwelt
Ein Postverkehr zwischen den Häftlingen und ihren Angehörigen zu Hause war möglich, unterlag jedoch einer strengen Zensur. Jede Karte, die Theresienstadt verließ, musste zuerst die jüdische Zensur passieren und wurde dann noch einmal von der deutschen Kommandantur kontrolliert.
Nachrichten aus Berlin
Bianka Hassels Tochter Hella, die als sogenannter Mischling I. Grades genauso wie ihr Bruder Hans nicht deportiert wurde, schickte regelmäßig Post. Auf eng beschriebenen Karten drückte sie ihre Sehnsucht nach der Mutter aus: »es vergeht keine Minute, in der ich nicht denke, was Du nun tun magst und wie es Dir wohl geht.« Zwölf Postkarten haben sich erhalten. Sie zeigen, wie die Tochter versuchte, in Verbindung zu bleiben.
Liebesgaben
Es war erlaubt, den Ghettoinsassen Päckchen bis zu einem Gewicht von 2 kg zu schicken. Die zusätzlichen Nahrungsmittel und Bedarfsartikel waren eine wichtige Unterstützung für die Häftlinge, die unter permanentem Mangel litten. So oft es ging, schickte Hella Hassel Päckchen an ihre Mutter. Weil sie keine Antworten erhielt, sorgte sie sich darum, ob die Post auch wirklich ankam.
Arbeit in Theresienstadt
Arbeitsfähige Personen ab 14 Jahre mussten täglich zehn bis zwölf Stunden arbeiten. Die »jüdische Selbstverwaltung« organisierte die Arbeitseinteilung unter dem Oberbefehl der SS. Die Häftlinge arbeiteten in der Verwaltung, den Küchen, der Jugend- und Altenfürsorge, in den Gärten, der Landwirtschaft oder der Kriegsproduktion. Einige wurden auch außerhalb des Ghettos eingesetzt, streng bewacht von der SS. Aufgrund ihres Alters wurde Bianka Hassel im Hausdienst beschäftigt, einer leichteren Arbeit innerhalb des Quartiers. Ihren Arbeitsausweis musste sie stets mit sich führen und auf Verlangen vorzeigen.
Repatriierung
Nach der Befreiung Anfang Mai 1945 stellte sich die Frage, ob und wie die Häftlinge in ihre Heimat zurückkehren konnten. Sie stammten vor allem aus Mittel- und Westeuropa, mehrheitlich aus Tschechien, Deutschland, Österreich und den Niederlanden. Bereits am 10. Mai nahm die tschechoslowakische Repatriierungskommission ihre Arbeit auf, aber die Rückführung der Menschen zog sich über Monate hin. Bianka Hassel erhielt am 18. Juni die Nachricht, dass sie für einen Transport nach Berlin vorgesehen war. Das genaue Datum stand jedoch noch nicht fest.

Dieser Ausweis bescheinigte Bianka Hassel, dass sie in ihre Heimat zurückkehren durfte. Seit Kriegsende war bereits über ein Monat vergangen und ihre Kinder warteten noch immer auf das Wiedersehen mit der Mutter.

Nicht nur die tschechoslowakischen Behörden, sondern auch eine französische Kommission, das American Joint Distribution Committee und die Rote Armee kümmerten sich um die Rückkehr der verschleppten Gefangenen.

Das Kommando über das befreite Ghetto hatte die Rote Armee. Um nach Berlin zurückkehren zu können, benötigte Bianka Hassel deshalb einen Passierschein, der ihr von einem sowjetischen Kommandanten ausgestellt wurde. Er bescheinigte lapidar: »Der Bürgerin Gosel Bilanka [Hassel Bianka] ist die Ausreise mit Gepäck aus dem Lager Terezin [Theresienstadt] erlaubt.«

Typhusepidemie
Bereits seit Ende April 1945 waren Tausende von ausgehungerten und kranken Häftlingen aus aufgelösten Konzentrationslagern im Osten in Theresienstadt eingetroffen. Die katastrophalen hygienischen Bedingungen begünstigten einen schnellen Ausbruch ansteckender Krankheiten und am 24. April wurde erstmals Flecktyphus diagnostiziert. Weit über 2.000 Menschen erkrankten. Am 14. Mai verhängten die Russen eine Quarantäne über Theresienstadt. Die »Neue Zürcher Zeitung« berichtete von einer Hilfsaktion mit Lebensmitteln und Medikamenten, denn »die Zahl der Todesfälle betrage jeden Tag 80 bis 100«.

Auch Bianka Hassel zeigte Anzeichen einer Infektionskrankheit, wie ein Theresienstädter Arzt bescheinigte. Wegen des Auftretens von Flecktyphus im Lager empfahl er eine erhöhte Aufmerksamkeit.

Kurz vor der Heimkehr
Am 6. Juli 1945 starb Bianka Hassel in Theresienstadt, kurz vor der ersehnten Rückkehr zu ihren Kindern nach Berlin. Ob auch bei ihr tatsächlich Typhus ausgebrochen war oder ob es die Herzschwäche war, unter der sie litt, lässt sich nicht mehr feststellen. Die Sterbeurkunde, die in Theresienstadt ausgestellt wurde, gibt keine Todesursache an.

Bianka Hassels Gepäck wurde nach Berlin geschickt, wo es im Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße ankam. Die Jüdische Gemeinde informierte darüber in einer an Bianka Hassel adressierten Postkarte. Die Gemeinde war offenbar nicht über ihren Tod informiert und ging davon aus, dass sie mit einem der Transporte nach Berlin zurückgekehrt war.

Die wenigen Dinge, die Bianka Hassel noch besessen hatte, gelangten schließlich zu ihrer Tochter, darunter auch die Dokumente und Briefe aus Theresienstadt. Hella Hassel bewahrte diese letzten Zeugnisse ihrer Mutter auf und übergab sie kurz vor ihrem Tod dem Jüdischen Museum Berlin.

Mitwirkende: Geschichte

Alle Dokumente und Fotos:
Jüdisches Museum Berlin
- Sammlung Familie Hassel
- Sammlung Familien Getzel / Domke
- Sammlung Gertrud und Margarete Zuelzer
- Sammlung Fritz Rathenau

Text und Objektauswahl: Franziska Bogdanov

Redaktion: Henriette Kolb, Jörg Waßmer, Mitarbeit: Lisa Schank
Übersetzung: Jill Denton
Englisches Korrektorat: Julia Bosson
Reprofotografie: Jens Ziehe

Wir danken den Stiftern Hella Hassel (sel. A.), Ingrid Beck, Max Bloch und Jan J. Rathenau!

Quelle: Alle Medien
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