2014 bis 2019

Los Carpinteros – Helm/Helmet/Yelmo

Museum Folkwang

Herzkammer der Dinge

Seit 2014 ist das Werk Helm/Helmet/Yelmo der kubanischen Künstler Los Carpinteros im Museum Folkwang zu sehen. Die 4,5 m hohe, begehbare Skulptur ist zugleich Ausstellungsarchitektur für die Präsentation von Objekten der Sammlung Archäologie, Weltkunst, Kunstgewerbe.

Der Helm lädt dazu ein, über das Sammeln, Ordnen und Ausstellen von Dingen nachzudenken: Was sammelt ein Museum? Welche Ordnung erhalten die Dinge, die es ausstellt?

Den Namen Los Carpinteros (Die Schreiner) haben die Künstler Dagoberto Rodríguez Sánchez (*1969) und Marco Antonio Castillo Valdés (*1971) erhalten und schließlich für sich übernommen, weil ihre ersten gemeinschaftlich geschaffenen Werke Möbel-Objekte aus Holz waren.

Los Carpinteros verbinden in ihren Werken Architektur, Design und Skulptur.

Für das Museum Folkwang haben sie einen Ort geschaffen, an dem viele verschiedene Objekte zusammen präsentiert werden können: Helm/Helmet/Yelmo ist ein aus Vitrinen errichteter Ausstellungsraum und ein spektakuläres Gefäß für Kunst, das sich wie ein Gebäude betreten lässt.

Eine Schale aus dem Iran, ca. 1350…..

neben einer Maske mbuya der West-Pende, Zentralafrika, undatiert.

Ein rituelles Gießgefäß aus dem Iran, 9.- 8. Jahrhundert v. Chr.

neben einem ägyptischen Relief aus dem Sokar-Osiris-Tempel aus Abusir el-Meleqeiner, ca. 350 v. Chr.

Die Sammlung, zu der die hier ausgestellten Objekte gehören, geht auf den Museumsgründer Karl Ernst Osthaus (1874 - 1921) zurück.

Sein Museum sollte ein Sammelpunkt sein für alle schöpferischen Tätigkeiten des Menschen: für Malerei, Skulptur und Kunstgewerbe (heute: Produktdesign) ebenso wie für Plakatkunst, Architektur und Städtebau. Osthaus verfügte über ein weit reichendes Netzwerk und konnte z. B. den bekannten Architekten und Gründer des Bauhauses, Walter Gropius (1883 – 1969), dafür gewinnen, ihn beim Erwerb von kostbaren Fliesen aus Spanien und Nordafrika zu beraten.

Auch nach Osthaus‘ Tod wurde dieser Sammlungsansatz weitergeführt; dieser imposante Kopf der ägyptischen Herrscherin Nofretete kam 1961 in die Sammlung.

Heute umfasst die Sammlung Archäologie, Weltkunst, Kunstgewerbe des Museum Folkwang in Essen rund 1.800 Exponate, darunter antike Bildwerke aus Griechenland, Ägypten, dem Irak und Iran, eine Fliesensammlung, eine Textilsammlung und eine Auswahl an Gläsern von der Antike bis in die Neuzeit.

Manche Objekte haben eine beträchtliche Größe; dieser Fries aus Ozeanien ist z. B. 48 cm hoch und 2,47 m lang.

Doch besitzt das Museum auch zahlreiche Vasen, Fliesen, Masken, Figuren usw., die so filigran und empfindlich sind, dass sie hinter Glas präsentiert werden müssen.

Hier ein Beispiel für Jugendstil-Vitrinen im damaligen Gebäude des Museum Folkwang (Fotografie um 1911).

In den 1930er und 1960er Jahren verwendete das Museum Folkwang wiederum zeittypisch gestaltete Vitrinen (Fotografien um 1930 und 1960).

Die Künstler Los Carpinteros wollten es im 21. Jahrhundert anders machen.
Sie entschieden sich für einen Pavillon in der Form eines überdimensionierten Helms, der aus einer Vielzahl von nicht baugleichen Sechsecken zusammengesetzt ist.

Jedes dieser Sechsecke bildet eine Vitrine, die einzeln geöffnet werden kann. Auf diese Weise ist es möglich, einzelnen Objekten oder Objektgruppen einen eigenen (Stell-)Platz zu geben. Trotzdem können die verschiedenen Exponate auch gleichzeitig betrachtet werden.

Die Helm-Form des Pavillons spielt auf die Schutzfunktion des Museums an: Hier werden Dinge und Erinnerungen für alle zugänglich aufbewahrt, die aus unterschiedlichen Gründen unsere Aufmerksamkeit verdienen.
Zugleich erinnert die Helm-Form daran, dass Museen historisch auch dazu dienten, nationale Größe und wirtschaftliche oder militärische Stärke zum Ausdruck zu bringen.

Die Grundidee für den Aufbau des Helm/Helmet/Yelmo verweist auf Konstruktionsprinzipien, wie sie beispielsweise Richard Buckminster Fuller im 20. Jahrhundert für eine moderne Architektur entwickelt und angewendet hat.

Es gibt im Helm keine Ordnung, die dem Besucher sagt, welchen Stellenwert ein Objekt hat. Los Carpinteros: „The helmet kills the formality of the museum.“ („Der Helm tötet die Formalität des Museums.“)

Es geht nicht darum, ob ein Objekt besonders alt ist.

Oder besonders fein gearbeitet.

Äußerst zerbrechlich.

Oder äußerst stilisiert.

Es geht es um ein Nebeneinander von Vergangenheit und Gegenwart, von traditioneller Kultur und modernem Design, von Funktionalität und Abstraktion.

Eine solche Zusammenschau war schon im frühen Museum Folkwang angestrebt worden.
In dieser Raumansicht um 1930 ist zu sehen, dass Werke europäischer und nicht-europäischer Künstler zusammen ausgestellt waren.

Los Carpinteros haben die Auswahl und Anordnung der Objekte in Helm/Helmet/Yelmo selbst vorgenommen; das Team des Museums hat sie dabei beraten und unterstützt.

Die Objekte wurden nach ganz verschieden Gesichtspunkten ausgewählt und angeordnet, bspw. nach Gewicht, Motiv, Funktion usw.
Wichtig war den Künstlern, dass sich bei der Betrachtung der Objekte überraschende Nachbarschaften ergeben: Ähnlichkeiten, Kontraste, historische Parallelen, Variationen von Techniken und/oder Materialen.

Der Helm/Helmet/Yelmo ist nicht nur ein Ort der Kunst. Er ist auch ein geschützter Raum. Er ermöglicht es, die Sammeltätigkeit und die Ordnung der Dinge zu hinterfragen.

Wie würde jemand anderes diese Dinge anordnen? Welche anderen Sammlungen sind denkbar?

Auf diese Weise lenkt der Helm/Helmet/Yelmo den Blick auch auf die Geschichte dieser Sammlung, die als Mustersammlung und Inspirationsquelle für Künstler, Designer und Architekten begonnen worden ist.

Zugleich gibt er eine überraschende Antwort auf die Frage: Wie ausstellen?
Seine Struktur gibt keine Leserichtung und keine Blickrichtung vor: die Unterschiede zwischen Links und Rechts, Oben und Unten werden unwichtig. In seinem Inneren kann der Betrachter wechselnde Standpunkte einnehmen, sich räumlich und gedanklich immer wieder neu positionieren.

Das Über-, Unter- und Nebeneinander der im Helm ausgestellten Objekte erinnert an eine Kunst- und Wunderkammer. Deren Mobiliar und Dekor überzog Wände und Decke und machte aus den sehr unterschiedlichen Sammlungsbeständen eine alles umfassende ästhetische Einheit.

Die Kunst- und Wunderkammer, ein Vorläufer unserer heutigen Museen, kam noch ohne das „Schubladendenken“ der späteren Einzelwissenschaften (Biologie, Geographie, Geschichte, Kunstgeschichte usw.) aus. Sie verzichtete auf eine eindeutige Klassifizierung der Objekte als naturwissenschaftliches Präparat, historisches Dokument, Kunstwerk oder technische Erfindung.

Die zeitgenössische Form, die Los Carpinteros dem Prinzip Kunst- und Wunderkammer gegeben haben, kann als Modell für eine bestimmte Art von Ausstellungen dienen. Sie ermöglicht es, Sammlungen von Objekten zu präsentieren, die nach persönlichen Vorlieben und subjektiven Vorstellungen zusammengestellt wurden und – wenn überhaupt – nur sehr lose auf allgemein anerkannten Ordnungsprinzipen beruhen.

Deshalb wird das Museum Folkwang in den kommenden Jahren weitere Sammler, Künstler usw. einladen, nach ihren jeweils eigenen Vorstellungen im Helm eine Präsentation mit von ihnen ausgewählten Objekten einzurichten. Im Frühjahr 2016 hat der Sammler Thomas Olbricht diese Einladung angenommen.
Unter dem Titel Gediegenes und Kurioses. Los Carpinteros, Ouyang Chun und Lieblingsstücke aus der Sammlung Olbricht im Museum Folkwang präsentiert Olbricht über 400 Werke aus seinen Sammlungen.

Nicht nur der Helm, sondern auch die Sammlung Olbricht geben dem Prinzip Kunst- und Wunderkammer ein faszinierendes zeitgemäßes Gesicht.

Weitere Projekte folgen…

Text: S. Pizonka, H.-J. Lechtreck, M. v. Lüttichau / Museum Folkwang, 2016
Mitwirkende: Geschichte

Titel: Helm/Helmet/Yelmo Courtesy of the Artists and Ivorypress, Foto: Sebastian Drüen, Museum Folkwang, 2014

Quelle: Alle Medien
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