"Sehr ernst und an vielen Stellen kritisch" - Die Situation im Gesundheitswesen in den neuen Bundesländern 1989-1994

German Federal Archives

Kaum ein Bereich des öffentlichen Lebens hat für jeden Einzelnen so große Auswirkungen wie die Qualität des Gesundheitswesens. Ärztliches Wissen, technische Ausstattung der Krankenhäuser und die Wirksamkeit von Medikamenten bestimmen unsere Lebensqualität und manchmal auch über Leben und Tod. In welch desolatem Zustand sich das Gesundheitswesen der DDR um 1989/1990 befand, wird in seiner Gesamtheit erst aus dem Studium der Akten des Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit (bis 1991) bzw. des Bundesgesundheitsministeriums (ab 1991) deutlich. Verfall der baulichen Substanz, rückständige technische Ausstattung, Versorgungsmängel bei Medikamenten und hohe Belastung des ärztlichen und pflegerischen Personals kennzeichneten das Gesundheitswesen in der DDR. In der Umbruchzeit zwischen 1989 und 1994 haben humanitäre Soforthilfeprogramme und finanzielle Sonderfonds der Bundesregierung und auch private Hilfsinitiativen von Firmen und Vereinen das Funktionieren der Gesundheitsversorgung in der DDR bzw. in den neuen Bundesländern sichergestellt. Diese Galerie möchte Sie anhand ausgewählter Beispiele einladen, sich selbst ein Bild von den enormen Schwierigkeiten und den Lösungsansätzen für ein modernes Gesundheitswesen in den neuen Bundesländern zu machen. 
Die Situation im DDR-Gesundheitswesen 1989

Großzügige Auslegung des Gesundheitsabkommens von 1974 bei akuten Krankheiten von DDR-Bürgern im Westen vom 24. November 1989

Medizinische Soforthilfen für die DDR, 7. Dezember 1989

Mangel, Sorgen und Sofortmaßnahmen: Der Umbruch in den neuen Bundesländern 1990-1992
Hilferuf aus Berlin (West) an Helmut Kohl wegen Befürchtung einer Überlastung des Westberliner Gesundheitswesens durch DDR-Patienten .

Das ehemalige Regierungskrankenhaus in Berlin-Buch öffnete im Februar 1990 für alle DDR-Bürger

Humanitäre Hilfsmaßnahmen: "Ein solches Investitionsprogramm hat für die Verbesserung der Situation in der DDR mindestens die gleiche Bedeutung wie der Aufbau von Telekommunikation und Verkehrsnetz."

Ein von der Bundesgesundheitsministerin im Rahmen des Soforthilfeprogramms für die DDR übergebenes elektrochirurgisches Gerät wird in der Charité in Betrieb genommen, 30.11.1990

"Als 'sehr ernst und an vielen Stellen kritisch' bezeichnet DDR-Gesundheitsminister Professor Klaus Thielmann (SED-PDS) die Situation im Gesundheits- und Sozialwesen der DDR."

Ursula Lehr, Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit, empfängt DDR-Sozialminister Thielmann am 20. Februar 1990 in Bonn.

Die Firma DWA installiert die erste moderne Dialysestation der DDR in Dresden.

Dialyseabteilung der Klinik für Innere Medizin in Rostock, 12. Juli 1988

"Die Versorgungssituation für Dialysepatienten in der DDR ist kritisch. Es fehlen von den neuentwickelten DDR-Dialysemaschinen für gesteuerte Ultrafiltration und Bicarbonat 300 Maschinen. Der DDR-Lieferant will die Produktion einstellen."

Dialyseabteilung in der Medizinischen Klinik des Bezirkskrankenhauses Wismar, 9. Januar 1989

Hilferuf der Stadt Leipzig wegen fehlender Blutkonserven: "Der Grund für die zurückgehende Bereitschaft, Blut zu spenden, liegt auch daran, daß die Leipziger einen Aufenthalt in Westberlin oder in der Bundesrepublik teilweise nutzen, um Blut zu spenden. Die gezahlte Aufwandsentschädigung von 20,00 oder 30,00 DM ist der Grund."

Vermerk des Bundesministeriums für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit zu fehlenden Blutkonserven in Leipzig, 5. April 1990

Sorge um Finanzierung des Rettungsdienstes in den neuen Bundesländern

In der ehemaligen Kreisdienststelle der Staatssicherheit von Forst (Lausitz) sind nun das DRK, der Krankentransport und eine Arztpraxis untergebracht. 

Behandlung von Familienangehörigen russischer Streitkräfte, 1. November 1990

Ablehnung der Kostenübernahme für die medizinische Versorgung von Angehörigen russischer Streitkräfte

"Inzwischen sind die Würfel für den Sportmedizinischen Dienst endgültig gefallen. Der Ministerrat der DDR hat auf seiner letzten Sitzung am 26.9.1990 die Auflösung beschlossen und unser Statut aufgehoben."

Abwerbung von Pflegepersonal aus ostdeutschen Krankenhäusern über Prämienanreize

Position des Bundesministeriums für Gesundheit zur Frage der Abwerbung von Pflegekräften, 30. August 1990

Folgen der Auflösung medizinischer Einrichtungen (hier: Sportmedizinischer Dienst): Den Mitarbeitern droht die Arbeitslosigkeit

Übernahme von verschiedenen Instituten der DDR ins Bundesgesundheitsamt

Mangelhaftes Trinkwasser

Babys aus Leipzig-Großzschach bekommen im November 1990 nitratfreies Wasser aus den westlichen Bundesländern, weil das Leitungswasser zu nitrathaltig ist.

Lohn der Mühen: Stabilisierung des Gesundheitswesens in den neuen Bundesländern 1993-1994
Nach vier Jahren großer Umstrukturierungsmaßnahmen und umfangreicher finanzieller Investitionen in das Gesundheitswesen der neuen Bundesländer waren wesentliche Erfolge erreicht. Die Umstellung des staatlichen Versorgungssystems auf eine pluralistische Versorgung mit freiberuflichen Leistungsträgern wie Ärzten und Pflegediensten und mit privaten und kommunalen Trägern trug zur Anpassung des Gesundheitswesens an den westlichen Standard bei. Mit der Einführung des Systems der gegliederten Krankenversicherung zum 1. Januar 1991 traten an die Stelle der beiden Einheitsversicherungsträger rechtlich selbständige Krankenkassen mit regionaler oder berufsständischer Ausrichtung.
Die vollständige Angleichung der Trinkwasserqualität in den neuen Bundesländern an den westlichen Standard war bis 1994 noch nicht erreicht. Nach einer Zusammenstellung der Fachkommission Soforthilfe Trinkwasser waren in den neuen Bundesländern mindestens 2766 Sanierungspläne auszuführen.
Einige Zahlen mögen die enormen Anstrengungen verdeutlichen, die zur Verbesserung der medizinischen Versorgung in den neuen Bundesländern unternommen wurden: Das Soforthilfeprogramm der Bundesregierung umfasste im Jahr 1990 520 Mio DM. Bis 1992 wurden zur Verbesserung der unzureichenden Dialyseversorgung 23 Mio DM in den neuen Bundesländern investiert, davon 15 Mio DM für die Errichtung von fünf Dialysezentren in Fertigbauweise mit je 20 Dialyseplätzen. Für 8 Mio DM stellte das Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation (KfH) den bestehenden Dialyseeinrichtungen in den neuen Ländern 100 Dialysegeräte sowie Verbrauchsmaterial zur Verfügung. Damit wurde innerhalb kurzer Zeit eine Dialysevollversorgung in den neuen Bundesländern aufgebaut. Bis 1992 wurden 85 Rettungswagen für 10,5 Mio DM, medizinisch-technisches Gerät für Krankenhäuser für 140 Mio DM und 837,9 Mio DM für Wirtschaftstechnik in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen aufgewendet. Die Kosten für die Sanierung der bis Ende 1992 erfassten großen Wasserversorgungsanlagen wurden auf 7,7 Milliarden DM geschätzt, die Kosten für die Sanierung und Erweiterung der Rohrnetze auf weitere 12,6 Milliarden DM.
Credits: Story

Erarbeitung der Galerie: Birgit Metzing, Bundesarchiv

Quellen:
B 189 - Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit
B 208 - Bundesgesundheitsamt
B 353 - Bundesgesundheitsministerium

B 145 Bild - Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
Bild 183 - Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst - Zentralbild

Literatur:
Bundesministerium für Gesundheit „Bilanz des Gesundheitswesens in den neuen Bundesländern“, Stand Juli 1992.

Bundesministerium für Gesundheit „Bilanz des Gesundheitswesens in den neuen Bundesländern“, Stand Mai 1994 (B 353/6313)

Credits: All media
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