1879 bis 2016

Bemerkenswerte Dinge. Teil I

Museum für Völkerkunde Hamburg

In seiner über 130-jährigen Geschichte wurde im Museum für Völkerkunde Hamburg eine bemerkenswerte Sammlung an Objekten zusammengetragen, die Gegenstände aus allen Regionen der Welt umfasst, diverse Lebensbereiche berücksichtigt und deren zeitliche Tiefe von der prähistorischen Vergangenheit bis zur Gegenwart reicht. In dieses breite Spektrum geben in „Bemerkenswerte Dinge. Teil I“ 14 Objekte, die für die Sammlung des Museums und seine Ausstellungen von besonderer Bedeutung sind, einen Einblick.

Ólhet (Respekt)
Der vor dem Museum stehende Totem-Hauspfosten ist ein Geschenk der Skwahla Stó:lo Halkomelem aus dem westkanadischen British Columbia an die Menschen der Stadt Hamburg. Er ist ein Symbol der Freundschaft und Verbundenheit und trägt den Titel „Ólhet“: Respekt.

Auf der einen Seite sind der den Jäger verkörpernde Otter und der das Leben symbolisierende Lachs dargestellt. Sie vereinen sich in einem Mischwesen, das für die Ausgewogenheit beider Seiten steht.

Die Familie auf der anderen Seite repräsentiert den Ursprung und die Bewahrung der Kultur der Halkomelem wie auch die Heilung der Wunden der Vergangenheit. Seit über 150 Jahren wurde ein solcher Hauspfosten nicht mehr hergestellt. Er ist Teil einer größeren Bewegung zur Wiederbelebung der traditionellen Kultur der Halkomelem, deren Erzählungen dem Künstler David Seven Deers als Inspiration dienten. Drei Jahre lang hat er im Innenhof des Museums an dem Pfosten gearbeitet und ihn 1997 fertiggestellt.

Fukusuke
Die Begrüßung unserer Besucher übernimmt die große Figur im Foyer des Museums, die den japanischen Glücksgott Fukusuke zeigt. Fukusuke steht für Wohlstand und Glückseligkeit, die er nach japanischer Art mit dem Handrücken nach oben heranwinkt.

Verschiedene Geschichten erzählen von seiner Herkunft. Er soll sich auf eine reale Person zurückführen lassen. Einer der Erzählungen zufolge war er einst ein reicher Kaufmann aus Kyoto. Die Figur stammt aus dem 19. Jh. Sie ist in japanischer Lacktechnik vielfarbig gefasst. Der verwendete Urushi-Lack verleiht eine besonders glatte, tief glänzende Oberfläche. Er wird aus dem Harz des ostasiatischen Lackbaums gewonnen und ist für seine Beständigkeit bekannt.

Fukusuke erkennt man an seinem übergroßen Kopf und den ballonförmigen Ohren, die zusammen mit den drallen Ohrläppchen auch als Glückssymbol gelten.

Die Lackschäden im Kopfbereich dieser Figur entstanden wahrscheinlich durch einen – zunächst nur kleinen – Riss in der Lackschicht. Durch ihn konnte Feuchtigkeit in die Figur eindringen. Sie quoll auf, was zum Abplatzen des Lacks führte.

Katsina Sio Salako
In den Kulturen der Hopi, Zuni und anderer Pueblo-Indianer im Südwesten der USA spielen Katsina eine zentrale Rolle. Katsina sind Geistwesen, die die lebenserneuernden Kräfte der Erde und der Ahnen verkörpern. Die Bezeichnung meint zugleich auch die maskierten Tänzer, die die Wesen in religiösen Zeremonien repräsentieren. In der Vergangenheit wurden die Katsina für Kinder auch in Form von „Puppen“ dargestellt. Sie dienten der Weitergabe von Wissen zu den einzelnen Katsina. Heute werden solche Figuren vor allem für den Verkauf hergestellt.

Bei dieser Figur aus dem 19. Jh. handelt es sich um Sio Salako, der an seiner grünen Kastenmaske mit Hörnern und schwarzen Horizontalstreifen zu erkennen ist. Er gilt als zuverlässiger Regenbringer und erscheint nur in Zeiten äußerster Trockenheit.

Der bekannte Kulturwissenschaftler Aby Warburg übergab die Figur 1902 dem Museum. Während seiner von 1895 bis 1896 dauernden Reise in die USA hatte er eine umfangreiche Sammlung zu den Kulturen der Pueblo-Indianer zusammengetragen. Sein besonderes Interesse galt dabei der Beziehung zwischen religiösen Vorstellungen und symbolischer Kunst.

Bemaltes Lederhemd
Das aus Hirschleder genähte Hemd zählt zu den ältesten Objekten seiner Art, die sich heute in Museen befinden. Seine Verzierung und Bemalung geben Auskunft über den Träger und dessen kriegerische Leistungen. Der Schnitt und die Verzierung des Hemds legen nahe, dass es vor 1830 von einer Gruppe der Sioux-Sprachfamilie hergestellt wurde.

Besonders auffällig ist seine Bemalung: Im Gegensatz zu den sonst üblichen Zweikampf-Szenen wenden sich hier alle Personen in dieselbe Richtung. Der Großteil von ihnen ist zudem unbewaffnet und insgesamt lassen sich keine Kampfhandlungen erkennen. Ungewöhnlich ist auch, dass auf dem rechten Ärmel weitere Personen zu sehen sind.

Die im Schulterbereich zu sehenden, stilisierten Elemente gelten als Zeichen für angeführte Kriegszüge und erbeutete Pferde. Im Lauf der Zeit wurde das Hemd wahrscheinlich mehrfach überarbeitet: So wurden die mit Stachelschweinborsten und Haarbüscheln besetzten Zierstreifen nachträglich angebracht. Auch die Ärmel waren ursprünglich vom Handgelenk bis zum Ellenbogen mit einer Sehnennaht geschlossen.

Köng Sahure
Einen Grundstein für die sich heute im Museum befindende Sammlung zum Alten Ägypten legten die 1902 beginnenden Ausgrabungen der Deutschen Orient Gesellschaft im Pyramidenbezirk von Abusir. Aus dem dort gelegenen Totentempel des von 2496 bis 2483 v. Chr. regierenden König Sahure stammt das hier zu sehende Fragment eines in Kalkstein gearbeiteten Reliefs.

Es zeigt den König mit den für altägyptische Herrscher charakteristischen Machtsymbolen. Hierzu gehören das mit einer Uräusschlange verzierte Stirnband und der Zeremonialbart.

Die Krone des Königs symbolisiert die Herrschaft über Ober- und Unterägypten. Sie besteht aus einem Mittelstück aus zusammengebundenen Pflanzenstängeln mit zwei Straußenfedern und einem Unterteil aus Stier- und Widderhörnern.

Die Grabanlage Sahures war die erste Pyramide, die in Abusir errichtet wurde. Die Wände der Anlage waren mit Reliefbildern von einzigartiger Qualität geschmückt, deren Fragmente bis heute einen Einblick in das Leben des Königs und seine Herrschaft ermöglichen. Der hier verwendete Architekturstil diente bis ca. 1900 v. Chr. als Vorbild für die Gestaltung königlicher Begräbnisstätten.

Mumienhülle des Chonsu-maa-cheru
Die Mumie des Chonsu-maa-cheru wurde dem Museum 1903 von dem Hamburger Diplomaten Martin Rücker Jenisch geschenkt. Er hatte die vollständig von einer Kartonage umschlossene Mumie im ägyptischen Kunsthandel erworben. Der um 900 v. Chr. lebende Chonsu-maa-cheru war zum Zeitpunkt seines Todes etwa 40 Jahre alt. Gemäß dem altägyptischen Glauben an ein Weiterleben im Jenseits wurde sein Körper mumifiziert. Zu Lebzeiten war er – wie sein Vater vor ihm – als Wab-Priester am Amun-Tempel von Karnak tätig, wo er für die Reinigungsriten vor den täglich stattfindenden Kulthandlungen verantwortlich war.

Das Gesicht der reich verzierten Mumienhülle wird von einer Strähnenperücke umrahmt, auf der Brust liegt ein Halskragen mit einem Falkenamulett.

Darunter sind paarweise die vier altägyptischen Kanopengötter dargestellt, denen bei der Totenbalsamierung die Organe zugeordnet wurden. Da nur ein vollständig erhaltener Leib ewig leben konnte, kam ihnen im Totenkult besondere Bedeutung zu. Zur weiteren Ausstattung der Mumie gehören vier beschriftete Mumienbinden, zwei über der Brust gekreuzte Lederbänder, zwei Lederanhänger sowie zwei Papyri.

Liturgie des Chonsu-maa-cheru
Die beiden mit religiösen Texten beschriebenen Papyri, die der Mumie des Chonsu-maa-cheru beigelegt waren, sind besonders bemerkenswert. Sie gehören zur damals üblichen Grabausstattung, weichen aber durch die ungewöhnliche Zusammenstellung ihres Inhalts von den bekannten Schriftstücken dieser Art ab. So ist die aus fünf Sprüchen bestehende Hymne an den Sonnengott, die Chonsu-maa-cheru als liturgischen Text für sich wählte, in dieser Form nur noch einmal im Greenfield-Papyrus überliefert, der sich im British Museum befindet. Er gehörte der Nesi-tanebet-ascheru, die zu ihren Lebzeiten höchste Priesterämter bekleidete. Diese Überlieferungssituation einerseits bei einem Mitglied der gesellschaftlichen Elite und anderseits bei einem einfachen Priester ist äußerst ungewöhnlich. Es wird vermutet, dass Chonsu-maa-cheru durch seine Priestertätigkeit Zugang zum Archiv des Amun-Tempels hatte und so auch zu diesem bedeutenden Text.

Pwo Maske
Bei dieser fein gestalteten Gesichtsmaske handelt es sich um einen Maskentyp der Chokwe. Die pwo genannten Masken verkörpern weibliche Ideale und repräsentieren bedeutsame, weibliche Vorfahren, denen in der Gesellschaft der Chokwe eine zentrale Bedeutung beigemessen wird. Sie treten bei den Feierlichkeiten zur rituellen Aufnahme männlicher Jugendlicher ins Erwachsenenalter auf.

Die auf den Wangen der Maske angedeuteten Tränen symbolisieren den Stolz und Abschiedsschmerz ihrer Mütter.

Besonders beeindruckend an dieser Maske ist die Ausarbeitung der harmonisch gestalteten Gesichtszüge, der Ziernarben – wie z. B. des Kreuzmotivs auf der Stirn – und der kunstvoll verzierten Frisur. Wie andere Masken dieses Typs scheint sie von einer im Umfeld des Künstlers lebenden Frau inspiriert zu sein. So lassen sich trotz der idealisierten Darstellungsform individuelle Züge erkennen.

Weibliche Figur
Im 19. Jh. begann die neue Führungsschicht der vor allem in der Region des Tanganjikasees lebenden Tabwa die lokalen Schnitzwerkstätten mit der Herstellung von Ahnenfiguren zu beauftragen. Durch ihren Aufstieg im Elfenbeinhandel hatten sich die Machtverhältnisse in der Region geändert. Die aufgestiegenen Familien begründeten ihren Herrschaftsanspruch mit einer besonderen gesellschaftlichen Herkunft. Die von ihnen in Auftrag gegebenen Figurenpaare dienten nicht zuletzt der Verankerung dieser Ansprüche. Auch die hier zu sehende weibliche Figur gehörte vermutlich zu einem solchen Ahnenpaar.

Der gestreckte Körper der fein gearbeiteten Figur ist mit dem für die Tabwa typischen, linienförmigen Ziernarbenmuster geschmückt. Es ist mit religiösen und philosophischen Vorstellungen verbunden und symbolisiert den Neumond, der für die Kontinuität des Lebens steht. Die Narben unterstreichen zusammen mit der Frisur, die in einem fast bis zur Hüfte reichenden breiten Zopf ausläuft, die herausragende Stellung der dargestellten Persönlichkeit und ihrer Familie.

Tumi (Zeremonialmesser)
Tumi sind Zeremonialmesser, die von verschiedenen Kulturen in der Anden-Region bis ins 15. Jh. hergestellt wurden. Hierfür verwendete man Kupfer, Bronze, Silber oder Gold. Charakteristisch sind die halbmondförmige Klinge und der mittig angebrachte Griff. Sie wurden für Opferungen sowie medizinische Operationen verwendet und dienten häufig als Grabbeigabe.

Auffällig an diesem tumi, das aus der an der Nordküste Perus ansässigen Chimú-Kultur (1000–1470 n. Chr.) stammt, ist seine einzigartige Verzierung: Die in der Mitte sitzende Person hält sich an den beiden sie umgebenden Personen fest, während die stehende Figur einen tumi an ihrem Schädel ansetzt. Bei der Szene handelt es sich wahrscheinlich um eine Schädelöffnung. Solche Operationen wurden bereits vor über 2000 Jahren im alten Peru erfolgreich ausgeführt. Sie lassen sich an zahlreichen Mumienfunden nachweisen.

Unku (Männerhemd)
Textilien besaßen im Inka-Reich einen besonderen Stellenwert. Bei diesem Männerhemd – unku genannt – ist die untere Rückenpartie nicht vollständig erhalten. Die eigentlich geschlossenen Seitennähte sind daher durchtrennt. Es ist aus der sehr feinen Wolle des Vicuña – einem wild lebenden Verwandten des Alpakas – gewebt.

Solche hochwertigen Hemden wurden als Auszeichnung an ranghohe Männer verliehen. Als Geschenke dienten sie auch dem Auf- und Ausbau politischer Allianzen.

Das treppenförmig um den Halsausschnitt laufende Muster zeigt stilisierte Schmetterlingspaare.

Die rechteckigen Verzierungen auf Bauchhöhe des Hemds sind vermutlich Teil des tocapu genannten Symbolsystems der Inka. Es wird angenommen, dass die zu ihm gehörenden Muster Auskunft über den gesellschaftlichen Status und die Herkunft des Trägers gaben. Ihre Verwendung unterlag strengen Vorschriften.

Panflöte
Die südperuanische Nasca-Kultur (200 v. Chr.–600 n. Chr.) ist bekannt für ihre farbenprächtigen, dünnwandigen Zeremonialkeramiken. Besonders bemerkenswert sind die äußerst schwer herzustellenden Panflöten aus Ton. Es handelt sich um Instrumente von perfekter Klangqualität. Für ihren Klang ist die Länge der einzelnen Pfeifen entscheidend. Die Bemalung der hier zusehenden Flöte zeigt ein für die Nasca-Kultur charakteristisches mythisches Wesen mit einem katzenähnlichen Kopf. Sein Körper ist mit einer weißen Tunika bekleidet. Die Darstellungen auf den Keramiken geben häufig mythische Erzählungen wieder oder zeigen Szenen des religiösen Lebens.

Die Wandungen der Flöten sind meist nur wenig mehr als einen Millimeter dick. Um das gewünschte Klangbild zu erzielen, mussten die Eigenschaften des verwendeten Tons genau bekannt sein, da sich dieser beim Brennen zusammenzieht.

Bibliothek
Beschützt von Ganesha, dem im Hinduismus für Schrift und Wissenschaft zuständigen Gott, liegt hinter der unscheinbar wirkenden Glastür ein ganz besonderes „Objekt“: die Bibliothek des Museums. Sie zählt zu den größten ethnologischen Spezialbibliotheken in Deutschland und ist für die wissenschaftliche Arbeit im Museum unerlässlich.

Aufbauend auf einem kleinen Bestand an Reiseberichten, die bis ins 16. Jh. zurückreichen, wuchs der Umfang der Bibliothek auf heute ca. 90.000 Bände und ca. 100 laufende Zeitschriften an. Besonders beeindruckend sind die Bandbreite der hier zusammengetragenen Literatur und ihre Vielsprachigkeit. Vielfach handelt es sich um Bestände, die teilweise in ganz Deutschland einmalig sind.

Für Besucherinnen und Besucher ist die Bibliothek von Donnerstag bis Sonntag in der Zeit von 13.00 bis 18.00 Uhr geöffnet.

Tsugtor Dukar
Dieses große, gemalte Rollbild hing vermutlich einst in einem Tempel. Es zeigt Tsugtor Dukar – die „Schützerin mit dem weißen Schirm".

Sie wird hier in ihrer Erscheinungsform mit tausend Köpfen und tausend Armen dargestellt, die ihr unendliches Mitleid und ihre unbegrenzten Hilfsmöglichkeiten betont. Ihr Hauptsymbol, der weiße Schirm, liegt in einer ihrer linken Hände...

...während eine rechte Hand das Rad der Lehre hält. In den übrigen Händen finden sich Attribute des Mitleids, des Schutzes und der Hilfe auf dem Heilsweg.

Die Hindernisse auf diesem Weg, im Bild durch die Gestalten im Fußbereich der Schützerin verbildlicht, zertritt sie mit ihren Füßen. Im tibetischen Buddhismus sind solche thangka genannten Rollbilder wichtiger Bestandteil des religiösen Lebens. An die auf ihnen dargestellten Gestalten können Gebete und Bitten gerichtet werden. Gleichzeitig dienen sie auch als Lehrmittel und Meditationshilfe.

Museum für Völkerkunde Hamburg
Mitwirkende: Geschichte

Redaktion & Textarbeit: Gesa Grimme, Meike Röttjer
Wissenschaftliche Unterstützung: Christine Chávez, Irene Hübner, Susanne Knödel, Jeanette Kokott, Jana Caroline Reimer, Bernd Schmelz, Carl Triesch, Rahel Wille
Fotos: Kim Löffka, Paul Schimweg, Brigitte Saal
Bildbearbeitung: Meike Röttjer
Übersetzung: Michael Dills

Mit freundlicher Unterstützung der Hamburger Sparkasse

Quelle: Alle Medien
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