Eine Metallschüssel erzählt von der frühen Globalisierung

Leibniz-Gemeinschaft

Im Rahmen der simultanen Ausstellung „8 Objekte, 8 Museen“ der Leibniz-Forschungsmuseen stellt das Römisch-Germanische Zentralmuseum (RGZM), Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie, in Mainz die Kopie einer orientalischen Metallschüssel aus dem 14. Jahrhundert vor.

Von Nigeria nach Mainz – und zurück
Die Kopie einer in Nordnigeria gefundenen Metallschüssel aus dem 14. Jahrhundert ist ein besonderes Objekt in der Sammlung des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz. Die Schüssel trägt den bislang ältesten archäologischen Nachweis arabischer Schrift in Nordnigeria. 2007 kam das Original zur Restaurierung und wissenschaftlichen Analyse an das Museum, 2014 kehrte es nach Nigeria zurück.

Das Original der Metallschüssel stammt aus einem Grabhügel innerhalb eines Gräberfeldes im heutigen Nordnigeria. 1992 wurden dort drei Grabhügel im Rahmen eines Forschungsprojektes der Universität Bayreuth ausgegraben.

Das Gräberfeld in Nordnigeria besteht aus acht Grabhügeln. Die untersuchten Gräber sind vermutlich alle während des 14. Jahrhunderts angelegt worden, als sich in der Region die ersten Stadtstaaten entwickelten, der Islam aber noch nicht übernommen worden war.

Die Funde aller drei Grabhügel waren so unerwartet reich, dass die Bestattungen zur späteren Analyse im Museum in Zentralnigeria eingelagert wurden.

Um die Funde mit der nötigen Sorgfalt und ohne Zeitdruck auseinandernehmen zu können, wurden sie mit dem sie umgebenden Erdreich als Block geborgen, mit Gipsbinden gefestigt und so ins Labor transportiert.

Ausgrabung in Mainz
2007 griff das Römisch-Germanische Zentralmuseum das Forschungsprojekt auf. In dem mit Gips ummantelten Erdblock kam die Schüssel zur Restaurierung und wissenschaftlichen Analyse nach Mainz. Der Erdblock wurde zunächst geröntgt, um zu klären, ob sich in der Schüssel noch weitere Objekte befänden. Erst danach wurde die Schüssel im Labor aus dem Erdblock ausgegraben.

Die Röntgenaufnahme zeigte, dass die Schüssel mehrere Objekte enthielt: zwei Ohrringe, einen massiven Fingerring und einen Anhänger – alles aus Gold. Außerdem befand sich noch ein Perlenarmband aus Perlmutt in der Schüssel.

Die Oberfläche der Metallschüssel wurde auf mechanische Weise mit einem scharfen Skalpell Zentimeter für Zentimeter sorgfältig freigelegt. Diese Arbeit nahm mehrere Monate in Anspruch und offenbarte, dass die Schüssel einst hochpoliert, aber jetzt auch an einer Seite stark beschädigt war. Außerdem konnten genaue Erkenntnisse zur Herstellung durch Drücken (plastische Verformung mit Drückstab) gewonnen werden.

Nach der Freilegung wurde die Schüssel weiter erforscht: Metallanalysen zeigten, dass das Original aus Messing gefertigt wurde. Die Bleiisotopenanalysen deuten auf eine Rohmaterialquelle im heutigen Iran hin. In der Folge wurde die Schüssel fotografisch, zeichnerisch und digital dokumentiert.

Für die Kopie wurde das Original mit Silikon abgeformt und aus der Form ein Abguss aus Epoxidharz erstellt. Da das Original aber an einer Stelle extrem korrodiert war, konnte die Schüssel nur zu 2/3 abgeformt werden. Um dennoch eine vollständige Kopie zu erhalten, wurde aus der Silikonform ein zweiter Abguss erstellt, ein passendes Stück herausgschnitten und in das andere eingesetzt.

Höhe 157 mm, Durchmesser 411 mm
Das Original hat ein Gewicht von 1941,1g

Die orientalische Metallschüssel ist mit ihrer Inschrift einer der frühesten Nachweise arabischer Schrift in Nordnigeria. Die arabische Inschrift ist jeweils in den Stellen zwischen den Ornamentmedaillons und -feldern zu sehen.

Die Inschrift lautet übersetzt: „Ich bin eine Schüssel (ein Kessel), ich enthielt alle Eigenschaften und Helfer (?), die den Begehren und Wünschen Folge leisten. Der (Silber-)Schmied hatte mich erwerben lassen ein Kleid von Schönheit und frischer Verzierung, das Wunderbare, daran sind meine Kleider (?) von Hand und Mann.“
(Übersetzung: Claus-Peter Haase, Berlin)

Nach der wissenschaftlichen Analyse, Dokumentation und Restaurierung, wurde die Originalschüssel 2014 wieder zurück nach Nigeria gebracht, um im Museum der nigerianischen Denkmalbehörde in Katsina ausgestellt zu werden. Ihre Kopie und die sorgfältige Dokumentation der Schale stehen in Mainz der weiteren wissenschaftlichen Bearbeitung zur Verfügung.

Unter dem Leitgedanken „A great heritage for a greater future“ setzt sich die nigerianische Denkmalbehörde National Commission for Museums and Monuments für die systematische Sammlung, Erhaltung, Erforschung und Interpretation des nigerianischen Kultur- und Naturerbes ein.

Globalisierung vor 700 Jahren
Die orientalische, genauer gesagt spät-mamlukische Metallschüssel, stammt aus dem 14. Jahrhundert. Das Mamluken-Sultanat (dunkelgrün) wurde 1250 in Ägypten gegründet. Das Reich umfasste das südliche Nubien, die Levante, Syrien sowie den Westen der arabischen Halbinsel und bestand bis zu seiner Eroberung durch die Osmanen 1517. Die Handwerkskünste, vor allem das Metallhandwerk, erlebten im Mamluken-Sultanat eine Blütezeit.

Die Metallschüssel versinnbildlicht die Verbreitung des islamisch-arabischen Welthandels in Nordnigeria im 14. Jahrhundert. In dieser Zeit weiteten sich die Handelsnetzwerke des islamischen Raumes von Norden bis jenseits der Sahara aus und bezogen Westafrika in die frühe Globalisierung mit ein. In der Folge kam es zu intensiven Kontakten zwischen West- und Nordafrika, zur Entfaltung der großen Stadtstaaten, zur Islamisierung und zum Sklavenhandel. Etwa 50 Jahre, nachdem die Metallschüssel mit ins Grab gegeben worden war, werden nordafrikanische Handelskolonien in Westafrika erstmals schriftlich erwähnt.

Die einheimischen Zentren geraten zunehmend in den Strom der frühen Globalisierung. Es entfalten sich die mächtigen Hausa-Stadtstaaten, die später von Reisenden detailliert beschrieben werden.
Hier blühte die Wirtschaft: Güter und Rohmaterialien aus dem Mittelmeer und Europa, aber auch aus Westasien gelangten über Karawanenwege nach Süden und wurden gegen einheimische Produkte wie Elfenbein, Leder und Sklaven getauscht.

Das Gräberfeld wurde angelegt, als die Kernsiedlungen der Hausa-Stadtstaaten entstanden. Aus diesen entwickelten sich die bis heute bestehenden Zentren in Nordnigeria. Die bekannteste Stadt ist Kano mit heute 7 Millionen Einwohnern und einem internationalen Flughafen.

Luxuswaren gegen Elfenbein und Sklaven: Die Metallschüssel aus dem 14. Jahrhundert steht aber nicht nur für die Entstehung einer blühenden Wirtschaft, sondern auch für ein problematisches Kapitel der afrikanischen Geschichte, den islamisch-arabischen Sklavenhandel.

Profiteure des Sklavenhandels waren die einheimischen Mächtigen aus den islamischen Staaten Nordnigerias: Sie gingen regelmäßig in weiter südlich gelegene, nicht-islamisierte Regionen auf Sklavenraubzüge. So wurden Hunderttausende nach Nordafrika verschleppt.

Archäologie und Gegenwart
Welche Bedeutung hat archäologische Forschung zur Situation in Nordnigeria im 14. Jahrhundert für die Gegenwart? Archäologie kann helfen, die tiefen Wurzeln der aktuellen Probleme in dieser Region in ihrer Entwicklung besser nachzuvollziehen. So ist die problematische Lage in Nordnigeria heute nicht ohne die Rolle des Sklavenhandels der islamischen Stadtstaaten in Mittelalter zu verstehen. Damals entwickelte sich eine Spaltung des Landes, die zu einem Unterschied in der wirtschaftlichen, politischen und militärischen Entwicklung von Norden und Süden führte. Auf der Basis der wirtschaftlichen Rückständigkeit einiger Regionen Nordnigerias, aber auch der Korruption, konnte sich dann die radikal-islamistische Gruppierung Boko Haram entwickeln.

Archäologie trägt aber aber auch zum Kulturgüterschutz bei – gerade in Regionen mit latenter Gefährdungslage. Die aktuelle Situation in Nigeria, aber auch in anderen Regionen Westafrikas oder dem Nahen Osten zeigt, wie dringend notwendig Kulturgüterschutz ist. Archäologische Stätten und Funde werden durch Raubgrabungen bedroht, oftmals Begleiterscheinung eines Terrors, der sich über den internationalen Kunsthandel mitfinanziert. Durch Dokumentation und Kopie bedeutender Funde können Archäologen wertvolle Informationen über diese Kulturgüter – auch im Falle ihres Verlustes – für die Nachwelt erhalten.

Römisch-Germanisches Zentralmuseum
Archäologische Zeugnisse ermöglichen es, menschliches Denken und Verhalten in Langzeitperspektive zu verstehen. Sie sind die Hauptquellen für die längste Zeit der menschlichen Geschichte, in der es kaum schriftliche und bildliche Dokumente gab. In den Sammlungen des Römisch-Germanischen Zentralmuseums (RGZM) werden Funde aus Europa, Afrika und dem Orient von der Steinzeit bis zum frühen Mittelalter gezeigt. Die Sammlung verteilt sich auf mehrere Standorte: Haupthaus im Kurfürstlichen Schloss und im Museum für Antike Schiffahrt in Mainz, Vulkanpark Osteifel und das Archäologische Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution Monrepos bei Neuwied.

Die Aufgabe des Museums ist es, archäologische Funde zu erforschen, anhand dieser das Muster menschlichen Handelns zurück bis in die Anfänge der Menschheit zu verfolgen sowie die Ergebnisse in die gegenwärtigen Diskussionen einzuspeisen. Dabei versucht es, wiederkehrende, offenbar universalmenschliche Verhaltensweisen zu erkennen: Regelwerke, die den Zusammenhalt von Gesellschaften stärken, schwächen oder zu Veränderungen herausfordern.

Das Labor für Experimentelle Archäologie (LEA) rekonstruiert, erprobt und dokumentiert alte Produktionsverfahren und Objektnutzungen. So hat es z.B. die Arbeitsprozesse in den Töpfereien in Mayen untersucht, die in römischer und mittelalterlicher Zeit überregionale Bedeutung hatten. Die Forschungen des LEA tragen entscheidend zur Beantwortung vor allem technik- und wirtschaftsgeschichtlicher Fragen bei.

Der Vulkanpark Osteifel breitet die Natur-, Technik-, Wirtschafts- und Siedlungsgeschichte der Region aus. In Partnerschaft mit dem Landkreis Mayen-Koblenz stellt der Kompetenzbereich „Vulkanologie, Archäologie und Technikgeschichte“ (VAT) des Museums hier seine Forschungsergebnisse vor. 18 Geländedenkmäler und 5 Museen und Informationszentren veranschaulichen vulkanische Prozesse, menschliches Handeln in der Landschaft – z.B. in Steinbrüchen und Bergwerken – und die Entstehung einer Industrielandschaft.

In Monrepos bei Neuwied stellt die neue Dauerausstellung „Menschliches Verstehen“ die fundamentale Frage „Warum wir sind, wie wir sind“ – zum Beispiel neugierig oder gesellig. Sie spiegelt die Arbeit des Forschungsfeldes „Menschwerdung“ wider. Es untersucht hier, wie sich im Verlauf unserer Geschichte ein universeller Verhaltenskanon herausbildete. Archäologische Forschungsinhalte münden in das Nachdenken darüber, was Menschsein ausmacht.

Die antike Schifffahrt wird in einer umgebauten Lokhalle in der Mainzer Südstadt nahe dem alten römischen Theater vorgestellt. Ein Schwerpunkt ist die römische Flotte auf dem Rhein. Darüber hinaus lässt sich vieles über Schiffbau erfahren oder über die Organisation militärischer und ziviler Schifffahrt im Binnen- wie Seeverkehr.

Mitwirkende: Geschichte

„8 Objekte, 8 Museen“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Leibniz-Forschungsmuseen und des Leibniz-Instituts für Wissensmedien in Tübingen zum Leibniz-Jahr 2016.

Forschungsprojekt des Römisch-Germanischen Zentralmuseums zur »Kopie einer orientalischen Metallschüssel«

Fotos Kopie:
Römisch-Germanisches Zentralmuseum
Fotografien RGZM: Rene Müller

Fotos Originalobjekt:
Römisch-Germanisches Zentralmuseum/ National Commission for Museums and Monuments, Nigeria
Fotografien RGZM: Rene Müller, Sabine Steidl, Volker Iserhardt

Zeichnungen, Grafiken RGZM: Vera Kassühlke, Michael Ober
3D Animation RGZM: Guido Heinz

Andere Fotos:
Gerhard Liesegang, Universidade Eduardo Mondlane Maputo, Moçambique
Marie Sjövold
Carabinieri T. P. C., Italia

Text und Objektauswahl: Detlef Gronenborn
Text: Antje Kluge-Pinsker
Restaurierung und wissenschaftliche Kopie, Kolorierung RGZM: Stephan Patscher, Leslie Pluntke, Ulrike Lehnert

Metallanalyse: Thomas Fenn, Cal Poly Pomona, USA

Übersetzung: Hendrik Herlyn

Literatur:

Haase, C.-P.: Die Metallschale aus Tumulus 7/The metal bowl from Tumulus 7. In: Gronenborn, Detlef (Hrsg./Ed.): Gold, Sklaven und Elfenbein / Gold, Slaves, and Ivory. Mittelalterliche Reiche im Norden Nigerias / Medieval Empires in Northern Nigeria. Mosaiksteine 8. Römisch-Germanisches Zentralmuseum (Mainz 2011) 16-25, 102-103.

Gronenborn, Detlef; Adderley, Paul; Ameje, James, Banerjee, Arun; Fenn, Thomas, Liesegang, Herhard; Haase, Claus-Peter, Usman, Yusuf Abdallah; Patscher, Stephan (2012): Durbi Takusheyi: a high-status burials site in the western Central bilad al-sudan. In: Azania: Archaeological Research in Africa. Special Issue: Papers in honour of Graham Connah. Guest Editors: Detlef Gronenborn and Scott MacEachern 47/3, 2012, 256-271.

Gronenborn, Detlef: States and Trade in the Central Sahel. In: Mitchell, P., Lane, P. (Eds.), Oxford Handbook of African Archaeology. Oxford Handbooks in Archaeology. Oxford University Press, S. l. (2013).

Liesegang, Gerhard: Selma (8th Century BC), Takusheyi (13th / 14th Century AD) and Surame (16th / 17th Century AD). Research on the Rise of the Iron Age, the States of Katsina, Gobir and Kebbi, “Fossilized” Urbanism in Northern Nigeria 1990-1994 and the Impact of Paradigms. In: Alke Dohrmann / Dirk Bustorf / Nicole Poissonnier (Hg.), Schweifgebiete. Festschrift für Ulrich Braukämper. Lit Verlag 317-340 (2013).

Quelle: Alle Medien
Der vorgestellte Beitrag wurde möglicherweise von einem unabhängigen Dritten erstellt und spiegelt nicht zwangsläufig die Ansichten der unten angegebenen Institutionen wider, die die Inhalte bereitgestellt haben.
Mit Google übersetzen
Startseite
Erkunden
In der Nähe
Profil