Die Henlein-Uhr

Leibniz-Gemeinschaft

Im Rahmen der simultanen Ausstellung „8 Objekte, 8 Museen“ der Leibniz-Forschungsmuseen stellt das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg ein großes Rätsel der Technikgeschichte vor: die sogenannte Henlein-Uhr.

Stolz – auf eine Fälschung
Dass die Taschenuhr von dem Nürnberger Peter Henlein erfunden wurde, davon sind nicht nur hierzulande viele überzeugt. Das Germanische Nationalmuseum besitzt eine Uhr, die das zu bestätigen scheint – die Henlein-Uhr. Aber mit ihr stimmt etwas nicht.

1897 wurde das Germanische Nationalmuseum Besitzer der dosenförmigen, handtellergroßen Uhr. Der Erwerb der Uhr wurde aber nicht lauthals gefeiert, obwohl sich gerade ein Henlein-Jubiläum anbahnte. Auch in seinen Veröffentlichungen äußerte sich das Museum nur vorsichtig zu dem Objekt.

Die Zurückhaltung im Umgang mit der Uhr lag darin begründet, dass Fachleute von Anfang an Zweifel an der Echtheit der Uhr hegten. In einem Museumsführer von 1930 hieß es bereits, die Signatur, die sich auf dem inneren Bodendeckel der sogenannten Henlein-Uhr befindet, sei „ohne Zweifel hinzugefälscht“. Signaturen sind ein wichtiges Kriterium der historischen Einordnung und qualitativen Bewertung eines Objekts.

Die Signatur auf der Uhr gibt an, dass Peter Henlein sie 1510 in Nürnberg gebaut habe: Petrus Hele me f(ecit) Norimb(erga) 1510. Tatsächlich handelt es sich hier aber eindeutig um eine nachträgliche Zutat. Die Inschrift ist untypisch und zieht sich über ältere Kratzer auf der Bodenplatte. Sie wurde also erst später eingraviert – in Fälschungsabsicht.

2013 und 2014 untersuchten Experten verschiedener Fachgebiete die Uhr und ihr Uhrwerk. Hochauflösende Aufnahmen im Streiflicht und 3D-Computertomografien offenbarten, dass viele Bauteile ursprünglich nicht zusammengehörten. Vor allem im 19. Jahrhundert waren zahlreiche Veränderungen und Ergänzungen durchgeführt worden. Die Abnutzungsspuren des Uhrwerks sind außerdem sehr unterschiedlich.

Zur Erklärung wurde eingewendet, es könne sich auch um Reparaturen eines alten Werks in guter Absicht handeln. Doch selbst für häufige Reparaturen ist das Bauteil-Gefüge zu unstimmig. Die Henlein-Uhr erwies sich als ein vielfach umgebautes, vermutlich zu erheblichen Teilen modernes Konstrukt des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Selbst der Verdacht einer kompletten Fälschung ließ sich nicht ganz ausräumen.

Beginn eines Mythos
Seit dem späten 15. Jahrhundert gibt es offenbar Taschenuhren. Welche Form die allerersten Exemplare hatten, wissen wir nicht. Erst seit etwa 1530 sind die mobilen Kleinuhren europaweit verbreitet. Die Uhren waren jedoch etwas Besonderes, sie galten als Symbole für Ordnung, Mäßigung und Vergänglichkeit. Ihnen haftete der Ruf eines geheimnisvoll-komplizierten, technischen Wunderwerks an. Darüber hinaus waren sie Statussymbole: Wer eine Taschenuhr besaß, galt als reich und stand auf der Höhe seiner Zeit.

Als im 19. Jahrhundert die Frage nach den großen Erfindungen immer stärker national aufgeladen wurde, setzte auch die Suche nach den ältesten Nürnberger Uhren ein. Dass Peter Henlein die Taschenuhr erfunden habe, behauptete erstmals der Nürnberger Mathematikprofessor Johann Gabriel Doppelmayr 1730. Dies schien die Henlein-Uhr, deren Inschrift alles sagte, was das breite Publikum gerade hören wollte, zu belegen.

Von Peter Henlein war bekannt, dass er ein fähiger, wohletablierter Uhrmacher in der Stadt Nürnberg war. Um 1480 wurde er geboren, 1509 ins städtische Meisterbuch eingetragen, 1542 starb er. Man wusste, dass er kleine Uhren gefertigt hatte. Die deutsche Uhrenindustrie hatte ihren Pionier gefunden und baute ihn zum deutschen Uhren-Erfinder auf – einem deutschen Helden. Die Stadt Nürnberg errichtete ihm zu Ehren 1905 einen Brunnen.

Nach 1933 traten im Zuge des Nationalsozialismus alle bereits publizierten wissenschaftlichen Zweifel an Henlein und seiner Uhr in den Hintergrund. 1938 drehte Veit Harlan, einer der prominentesten Regisseure des NS-Kinos, sogar einen Film über ihn: „Das unsterbliche Herz“. Schulbücher rühmten ihn als Erfinder der Taschenuhr und selbst die „Encyclopaedia Britannica“ von 1990 hielt das noch für zutreffend.

Erfindung ohne Erfinder
Henlein als Erfinder der Taschenuhr – diese Zuschreibung kann heute als widerlegt gelten. Er ist aber auch nicht von einer anderen ingeniösen Persönlichkeit abgelöst worden. Statt seiner sieht man heute eine unpersönliche, aber hochwirksame „technische Intelligenz“, die gerade in der Renaissance stark gewirkt habe – in einer Epoche, die man einer geläufigen Vorstellung nach als die der großen Einzelpersönlichkeiten sieht. Vermutlich wurde das Problem am Körper tragbarer Uhren also in verschiedenen europäischen Uhrmacherwerkstätten des 15./16. Jahrhunderts (siehe rechte Abbildung) gleichzeitig, aber unabhängig voneinander gelöst.
Das Germanische Nationalmuseum
Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg wurde 1852 gegründet und ist mit seiner Sammlung zur Kultur des deutschen Sprachraums das größte Museum dieser Art in Zentraleuropa. Die Dauerausstellung reicht von der Vor- und Frühgeschichte bis in die Gegenwart, von Gemälden und Skulpturen über Mode, Werkzeug und Spielsachen. Zu sehen sind außerdem wissenschaftliche Geräte und Musikinstrumente, Porzellan und Möbel. Die Spanne reicht von Faustkeilen über Meisterwerke von Albrecht Dürer und Veit Stoß bis zu Bauhaus-Klassikern und Fotoarbeiten einer Beuys-Aktion. Aus dieser Auswahl der insgesamt rund 1,3 Millionen Objekte entsteht bei einem Gang durchs Museum ein einzigartig vielschichtiges Bild der Epochen.

Die Forschungen des Germanischen Nationalmuseums beziehen ihre besondere Stärke aus der engen Zusammenarbeit zwischen Kulturwissenschaftlern und Kunsttechnologen. Als Ausgangspunkt dienen immer Objekte aus dem eigenen Bestand.

Derzeit untersucht das Museum z.B. die Sammlung spätmittelalterlicher Tafelmalerei und die symbolischen Darstellungen von Friedensschlüssen.

Mitwirkende: Geschichte

„8 Objekte, 8 Museen“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Leibniz-Forschungsmuseen und des Leibniz-Instituts für Wissensmedien in Tübingen zum Leibniz-Jahr 2016.

Forschungsprojekt des Germanischen Nationalmuseums zur sogenannten „Henlein-Uhr“

Alle Dokumente und Fotos:
Germanisches Nationalmuseum, Fotografien: Georg Janßen, Dirk Messberger, Monika Runge, Roland Schewe

Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen in Fürth, Fraunhofer „Entwicklungszentrum Röntgentechnik“ ERZT in Fürth

Kunsthistorisches Museum, Wien

Privatbesitz

Text und Objektauswahl: Dr. Thomas Eser,
Dr. Frank Matthias Kammel, Dr. Sonja Mißfeldt

Übersetzung: Hendrik Herlyn

Literatur: Die älteste Taschenuhr der Welt? Der Henlein-Uhrenstreit. Band 16 der Reihe „Kulturgeschichtliche Spaziergänge“ im Germanischen Nationalmuseum. Nürnberg 2014

Quelle: Alle Medien
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