Renaissance und Reformation

Um 1500 erweitert sich das Wissen der Menschen in Nordeuropa maßgeblich – nicht nur durch die Entdeckung und Eroberung der Neuen Welt, sondern auch durch die Rückbesinnung auf die alte Welt der Antike. Aus Italien breitet sich eine geistige Strömung aus, die später Humanismus genannt wird. Mit dieser Bewegung verbindet sich ein verstärktes Interesse an der Realität und der Natur, in der der Mensch zunehmend im Mittelpunkt steht.

Gelehrte, wie der hier gezeigte Prediger Hermann Huddaeus, prägen das Weltverständnis der Zeit der Reformation und gestalten die Neuordnung von Kirche und Gesellschaft.

Hier steht ein realer Mensch vor einer realen Landschaft mit der Stadtansicht von Minden in Westfalen – zu erkennen am Kirchturm, der Silhouette der Häuser und dem Flusslauf.

Das Papier neben dem Totenschädel trägt die lateinische Inschrift:

Tres sunt nuntii mortis, casus, infirmitas, senectu / Aetatem queris, collige lustra decem

Es gibt drei Boten des Todes: Unfall, Krankheit, Alter / Wenn Du nach meinem Alter fragst, rechne fünf mal zehn

Auf dem Mauerabsatz ist zu lesen:

Ut laeti exurgunt frutices ramique virescunt / sic Euangelij voce Sarepta viget

Wie die Sträucher üppig sprießen und die Zweige grünen, so blüht Sarepta durch die Stimme des Evangeliums

Noch springt ein munterer Hase über das Feld. Symbolisch aufgeladene Details wie der Totenschädel und die Sanduhr jedoch verweisen auf den unausweichlichen Tod. Fühlt der Porträtierte sein Ende bereits nahen?

Neue Bildthemen wie Landschaften und Porträts der bürgerlichen Gesellschaft zeugen von einer veränderten Wahrnehmung der Welt und der intensiven Beobachtung der Natur und des Menschen. Innerhalb dieser wirklichkeitsnahen Darstellungen finden sich gleichzeitig Symbole, die über das im Bild Sichtbare hinaus weisen.

Tierdarstellungen, Zeichnungen nach der Natur, nach Menschen und Dingen sind für Künstler jener Zeit nicht mehr allein vorbereitendes Hilfsmittel. Hingegen werden sie zunehmend zu eigenständigen Werken: Tiere, Pflanzen, Absonderlichkeiten der Natur oder pittoreske Gestalten werden im Bild festgehalten.

Haar für Haar hat der Künstler das Fell des Rehbocks wiedergegeben. Man möchte es fast berühren und fühlen, wie weich es ist.

Mit breiterem Strich wurde der struppige Bart ausgeführt.

Die gekonnt gesetzte Schraffur, Schatten und weiße Höhungen verleihen dem Geweih besondere Tiefe und den Eindruck von Dreidimensionalität.

Ob eine Krone aus Horn besteht oder aus Gold gefertigt ist – in neuen Kunst- und Wunderkammern werden exotische Naturobjekte gesammelt und wie kunstvolle Artefakte aufbewahrt.
Die Epoche des Humanismus ist die Geburtsstunde dieser Kunst- und Wunderkammern – fürstlicher Sammlungen, die gewissermaßen Vorläufer unserer heutigen Museen sind.

Ein bekannter Sammler der Zeit um 1500 ist Friedrich der Weise, dessen Reichtum an außergewöhnlichen Objekten noch heute im Grünen Gewölbe in Dresden zu bewundern ist. Ein typisches Beispiel für Friedrichs Sammelleidenschaft und Begeisterung für kostbare Materialen und exotische Naturobjekte ist dieser "Turboschneckenpokal".

Der Pokal besticht durch zahlreiche gegossene Elemente wie diese detailliert gestalteten Figuren...

…und die geätzten Pflanzenornamente am Lippenrand.

Der hoch geschätzten Kunstfertigkeit der Goldschmiede tritt in einer formschönen, schimmernden Schnecke die bewundernswerte Vollkommenheit der Natur gegenüber.

Alle Bereiche der Welt werden genau betrachtet. Beeindruckende Details finden sich in filigranen Dekors genauso wie in bombastischen Getümmeln.

Große Schlachten und andere Ereignisse aus der klassischen Antike werden auch nördlich der Alpen ein beliebtes Bildthema. Die Darstellung der Vergangenheit kommentiert das aktuelle politische Zeitgeschehen. Melchior Feselens Gemälde beispielsweise, das Cäsars Sieg über die Gallier durch die Eroberung der Stadt Alesia im Jahr 52 v. Chr. zeigt, ist voller Hinweise, die das historische Geschehen mit Ereignissen der Gegenwart verknüpft.

Viele Soldaten tragen Kostüme des 16. Jahrhunderts und hantieren mit Kriegsgerät, das in der Antike noch unbekannt war.

Feselens „Römer“ kämpfen unter einem Banner mit dem deutschen Kaiseradler.

In den Reihen der „Gallier“ stehen Männer mit orientalischen Turbanen …

… auf ihren Fahnen sind die Lilien des französischen Königswappens erkennbar.

Die Gegner des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation des 16. Jahrhunderts werden so direkt benannt und das römische Kaiserreich als Ahnherr beansprucht.

Mitwirkende: Geschichte

Online-Kuration: Nadine Söll, Jutta Dette
Text, Redaktion: Jutta Dette, Astrid Alexander

Auf der Grundlage von: Renaissance and Reformation - German Art in the Age of Dürer and Cranach, Nov 20, 2016–March 26, 2017, A Cooperation of the Los Angeles County Museum of Art, the Staatliche Museen zu Berlin, the Staatliche Kunstsammlungen Dresden, and the Bayerische Staatsgemäldesammlungen München, Catalogue of the Exhibition at the Los Angeles County Museum of Art, Munich: Prestel, 2016.

© Die Ausstellung wurde vom Los Angeles County Museum of Art, den Staatlichen Museen zu Berlin, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München organisiert und mit Unterstützung des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland ermöglicht. Zusätzliche Unterstützung leistete die Gladys Krieble Delmas Foundation.

Quelle: Alle Medien
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