Jüdische Keramikerinnen aus Deutschland nach 1933

Jüdisches Museum Berlin

Auf Spurensuche nach vergessenen Biografien und Werken

Über Jahrhunderte dominierten Männer die Welt der Kunst. Frauen begannen erst im frühen 20. Jahrhundert im deutschen Kunstbetrieb sichtbar zu werden. Anerkennung fanden sie allerdings meist in weniger renommierten Bereichen der angewandten Künste, wie der Keramik. Unter diesen Frauen waren auch etliche jüdische Keramikerinnen.

Mit dem Aufstieg des nationalsozialistischen Regimes in den 1930er-Jahren sahen sich jüdische Kunsthandwerkerinnen in ihrer Existenz bedroht, da ihre Arbeitsmöglichkeiten massiv eingeschränkt wurden. Manche von ihnen verließen Deutschland rechtzeitig und retteten damit ihr Leben.

Im Folgenden begeben wir uns auf Spurensuche nach einigen  Keramikerinnen, die nach 1933 Deutschland verließen: Margarete Heymann-Loebenstein, Eva Samuel, Paula Ahronson und Hanna Charag-Zuntz begannen ein neues Leben in einer ungewohnten Umgebung. Dies bedeutete für sie auch die Suche nach einer neuen künstlerischen Identität.
Margarete Heymann-Loebenstein
Margarete Heymann betrieb seit 1923 gemeinsam mit ihrem Ehemann Gustav Loebenstein und dessen Bruder in einer alten Ofenfabrik in Marwitz bei Berlin die erfolgreichen Haël-Keramikwerkstätten. Ihre Entwürfe zeichneten sich durch avantgardistische Formen, abstrakte Dekors und leuchtende Glasuren aus.

Die Erzeugnisse der Haël-Werkstätten verkauften sich so gut, dass die Firma auch die Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre überstand. Nach dem tragischen Tod ihres Ehemanns und ihres Schwagers bei einem Autounfall führte Heymann-Loebenstein die Geschäfte allein weiter.
Nachdem sie von der örtlichen NSDAP wegen »subversiver Aktivitäten« angezeigt wurde, verkaufte sie die Firma 1933 weit unter Wert an ein Parteimitglied. Der neue Besitzer übergab die künstlerische Leitung der Werkstatt an die junge Hedwig Bollhagen.

In einem 1935 erschienen Artikel des nationalsozialistischen Propagandablattes »Der Angriff« wurden Entwürfe von Heymann-Loebenstein als »entartet« diffamiert und den als vorbildlich erklärten Keramikarbeiten Hedwig Bollhagens auf der rechten Seite der Illustration gegenübergestellt.

Eine der originalen Teekannen, die in dem Artikel des »Angriff« verunglimpft wurde, ist heute Teil der Sammlung des Jüdischen Museums Berlin.

Margarete Heymann-Loebenstein emigrierte 1936 nach Großbritannien, wo sie schon über Geschäftskontakte verfügte. So arbeitete sie anfangs für bekannte Töpfereien in Stoke-on-Trent. Allerdings konnte sie mit ihren avantgardistischen Entwürfen in Großbritannien nicht Fuß fassen. Der britische Keramikmarkt war dominiert von traditionellen Formen und Blumendekors und sie versuchte, ihren Stil daran anzupassen. Nach erneuter Heirat änderte sie ihren Namen und nannte sich fortan Margaret Marks.

Der große Erfolg, den Marks mit ihrer Keramik in Deutschland erlebt hatte, stellte sich im britischen Exil nicht ein. Sie blieb von ihrem Mann finanziell abhängig und verbitterte zusehends.

Sie konzentrierte sich zunehmend auf die Malerei und reiste viel, um neue Landschaften zu entdecken. Insgesamt lebte Margaret Marks 54 Jahre lang in Großbritannien. Sie starb 1990 im Alter von 91 Jahren.

Heimaterde
Andere jüdische Keramikerinnen aus Deutschland emigrierten in den 1930er-Jahren nach Palästina und begründeten dort die moderne Kunsttöpferei. Palästina war ein Land unter Britischem Mandat. Zwar hatten die Briten seit ihrer Ankunft 1918 viele Innovationen eingeführt, doch eine moderne Keramikindustrie zählte nicht dazu. Eine von Juden geprägte Kunstkeramik existierte überhaupt nicht.
Die Immigranten aus Europa nahmen oft ihr kostbares, nur zu festlichen Anlässen verwendetes Familiengeschirr mit nach Palästina. Importiertes Porzellan war dort ein Luxusgut und besonders hoch im Kurs standen feine deutsche Tischservice. Keramikhersteller wie die Firma A. Barbash in Tel Aviv verkauften Geschirr mit dem bekannten Meißener Zwiebelmuster. Sie importierten zudem unbemaltes Geschirr von deutschen Herstellern wie Rosenthal & Co. und verzierten sie in der eigenen Werkstatt mit floralen Motiven und Ansichten der lokalen Sehenswürdigkeiten.

Demonstrativ hob die hebräische Aufschrift dieser Platte hervor, dass das Geschirr vor Ort bemalt worden war: »Im Land [Israel] hergestellt«.

Mit dem Bemalen von Haushaltskeramik verdienten einige Frauen in den späten 1930er-Jahren ihren Lebensunterhalt in Palästina.

Die Arbeiten der eingewanderten deutschen Keramikerinnen standen in scharfem Kontrast zu der in Palästina bis dahin gefertigten Keramik. Die Immigrantinnen waren mit der modernen Bauhaus-Ästhetik und -Philosophie vertraut. Funktionelle Gegenstände konnten schlicht und schön sein. Darauf aufbauend wollten viele Künstlerinnen etwas Neues schaffen – einen in Erez Israel verwurzelten, jüdischen Stil.

Die Keramikproduktion in Palästina war traditionell von arabischen Töpfereien im ländlichen Raum geprägt. Diese hielten sich an einige wenige Formen, die seit der Antike überliefert waren, darunter die allgegenwärtigen tönernen Wasserkrüge.

Für viele Juden hatte der unglasierte Wasserkrug einen nostalgischen Bezug zur biblischen Geschichte von Rebekka, die mit ihrem Krug Wasser für Isaaks Kamele schöpft. Die Figur der Frau mit Wasserkrug wurde zu einem beliebten Motiv der israelischen Volkskunst.

Der tönerne Krug war aber auch im praktischen Alltag präsent.

Die beiden deutschen Zionistinnen Eva Samuel und Paula Ahronson wählten 1934 bei der Gründung ihrer eigenen Töpferei in Rischon Le-Zion das vor Ort so präsente Motiv des Kruges als Symbol: Sie nannten die Töpferei »Kad we Sefel« – Kanne und Krug.

Eva Samuel und Paula Ahronson
Eva Samuel war aus dem Ruhrgebiet nach Palästina ausgewandert, wo sie zunächst eine Anstellung in einer kleinen Jerusalemer Keramikmanufaktur fand. Dort wurde unter einfachsten Bedingungen gearbeitet. Das Wasser kam vom Hofbrunnen, der Ton war von minderer Qualität, Chemikalien gab es kaum.

Bald eröffnete sie zusammen mit Paula Ahronson, die ursprünglich aus Hamburg stammte, eine eigene Töpferei in Rischon Le-Zion. Trotz hoher Kosten importierten sie Glasuren aus Deutschland, die in Palästina nicht zu erwerben waren. Außerdem nahmen sie lange Wege mit dem Pferdekarren in Kauf, um besseren Ton zu beschaffen.

Eva Samuel und Paula Ahronson hielten bei ihrer Keramikproduktion an traditionellen europäischen Formen fest. Sie bemalten sie jedoch häufig mit Motiven, die sie der neuen Umgebung entlehnten.

In einer Zeichnung schildert Eva Samuel den bewegten Arbeitstag ihrer Kollegin Paula Ahronson.

Samuel erzählt vom Töpfern an der Töpferscheibe, ...

... von der auch körperlich schweren Tätigkeit in der Werkstatt ...

...und von den kleineren und größeren Missgeschicken während der Arbeit.

Mira Liebes
Die Kommunikation auf Hebräisch oder Arabisch fiel Eva Samuel und ihrer Partnerin Paula Ahronson schwer. Deswegen stellten sie vor allem deutschsprachige Assistentinnen an. Unter ihnen war die in Russland geborene deutsche Immigrantin Mira Liebes, die später eine eigene Werkstatt in Jerusalem eröffnete und selbst als Keramikerin Karriere machte.
Hanna Charag-Zuntz
Die Hamburgerin Hanna Charag-Zuntz war Zionistin und hatte schon früh auf ein Leben in Palästina gehofft. Als Vorbereitung darauf machte sie sich im Sudetenland mit der industriellen Keramikfertigung vertraut, weil sie wusste, dass diese Kenntnisse in Palästina von großem Wert sein würden.1940 kam sie in Erez Israel an, doch ihr Werkzeug war mit einem Containerschiff gesunken. Sie trat zuerst ins Atelier der Keramikerin Hedwig Grossman ein, die ebenfalls aus Deutschland emigriert war.

Hanna Charag-Zuntz begeisterte sich für ein vergessenes römisches Töpferverfahren namens Terra Sigillata. Als Keramikerin von herausragendem technischem Geschick gelang es ihr, Terra Sigillata herzustellen. Sie verarbeitete dünne Tonschichten und brannte die Objekte bei großer Hitze, wodurch sie auch ohne Glanzbrand oder Glasur eine schimmernde Oberfläche bekamen. Das genaue Geheimnis dieser Technik nahm sie mit ins Grab.

Charag-Zuntz hatte großes Interesse an der industriellen Produktion und entwarf unter anderem Haushaltskeramik für die Firma Palceramic in Haifa.

Einflüsse
Zuweilen zeigt sich deutlich der stilistische Transfer der deutschen Keramikproduktion, insbesondere des Art déco, auf Erzeugnisse, die Ende der 1930er Jahre in Palästina produziert wurden. Dieses moderne Teeservice wurde beispielsweise in den 1930er-Jahren in Palästina hergestellt.

Auf der Werkstatt-Fotografie ist das Teeservice im Hintergrund zu erkennen.

Vergleicht man die Kanne des vorangegangenen Services mit diesem, in den 1930er Jahren in Deutschland hergestellten Modell, so wird deutlich, wie nahe sich die Objekte in ihrer speziellen Farbgebung, Form und Materialbeschaffenheit sind.

Immigrantinnen aus Deutschland prägten auch die spätere Keramikindustrie Israels. Beispielsweise richtete 1952 Dr. Bertha Rosenthal in der Manufaktur Lapid in Tel Aviv-Jaffa eine Abteilung für handverzierte Haushaltskeramik ein. Chefdesignerin war die deutsche Immigrantin Elisabeth Cohen-Silberschmidt. Die Keramiken der Manufaktur Lapid zeugen von einer großen Offenheit für internationales modernes Design, etwa aus Japan oder Skandinavien.

Die Lapid-Erzeugnisse wurden in den 1950er und 1960er Jahren häufig noch von Hand bemalt. Für ihre Entlohnung mussten die Frauen nachweisen, wie viele Stücke sie dekoriert hatten, und hinterließen dafür auf der Unterseite ihr Namenszeichen.

Auch im Bereich jüdischer Ritualobjekte experimentierte die Keramikmanufaktur Lapid mit einer modernen, reduzierten Formensprache.

Spurensuche
Auf unserer Spurensuche konnten häufig nur bruchstückhafte Informationen ermittelt werden. Viele Fragen zu den Biografien und dem Schaffen jüdischer Keramikerinnen aus Deutschland bleiben offen.

Durch den Vergleich mit anderen Fotografien können wir beispielsweise hier die Keramikerin Nora Herz in ihrem Atelier identifizieren. 1937 emigrierte sie in die USA. Über ihr Leben und Schaffen in Deutschland vor der Exilzeit ist fast nichts bekannt.

Neben Keramiken schuf Nora Herz auch Plastiken, wie diesen Kopf einer jungen Frau, der heute Teil der Sammlung des Jüdischen Museums Berlin ist.

In einer Privatsammlung entdeckten wir zwei Vasen der hochtalentierten jüdischen Töpferin Valery Jorud. Sie arbeitete in der Berliner Keramikwerkstatt von Jan Bontjes van Beek. 1945 kam sie bei einem Bombenangriff ums Leben. Die Kunsthandwerkerin ist heute nur wenigen Kennern ein Begriff.

Ein Artikel über Lea Halpern, die einstige »van Gogh unter den Töpferinnen«, der 1936 in der Zeitschrift »The Jewish Chronicle« erschien, machte uns auf deren heute vergessenen jüdischen Zeremonialobjekte aus Keramik aufmerksam.

Durch weitere Recherchen stießen wir auf eine Chanukka-Lampe Lea Halperns, die ebenfalls für die Sammlung des Museums erworben werden konnte.

Über ihre Suche nach den Spuren deutsch-jüdischer Keramikerinnen nach 1933 berichtet abschließend Michal S. Friedlander, Kuratorin für Judaica und Angewandte Kunst am Jüdischen Museum Berlin. Der Film entstand 2013 anlässlich der Ausstellung »Ton in Ton«.

Jüdisches Museum Berlin
Mitwirkende: Geschichte

Objekte und Fotografien:
Jüdisches Museum Berlin
sowie
Government Press Office Jerusalem / National Photo Collection
Keramik-Museum Berlin
Matson Photograph Collection, Library of Congress, Washington D.C.
Ger J.M. de Ree, Amersfoort
Sammlung Rossow, Berlin
Sammlung Angelika und Heinz Spielmann, Hamburg
Privatsammlungen

Text und Objektauswahl: Michal S. Friedlander, Anna-Carolin Augustin
Redaktion: Henriette Kolb
Übersetzung: Jill Denton, Michal S. Friedlander
Fotografien: Roman März, Jens Ziehe

Wir danken den Leihgebern, den Stiftern Yochanan Ahronson, Miriam Berson und Frances Marks sowie für ihre Unterstützung Michal Alon, Erhard Gerwien, William Gross, Dr. Ursula Hudson-Wiedenmann, Hagit Kochba, Devorah Morag, Ulrik Plesner, Yoram Samuel, Heinz-Joachim Theis, Dr. Irit Ziffer und vor allem Dr. Tamar Liebes (sel. A.).

Die Online-Präsentation basiert auf der Kabinettausstellung »Ton in Ton. Jüdische Keramikerinnen aus Deutschland nach 1933« im Jüdischen Museum Berlin (10. Oktober 2013 – 1. Juni 2014), kuratiert von Michal S. Friedlander.

Literatur:

Bröhan-Museum (Hg.): Avantgarde für den Alltag. Jüdische Keramikerinnen in Deutschland 1919-1933, Berlin 2012.

Bruhns, Maike: Kunst in der Krise. Künstlerlexikon Hamburg 1933-1945, Bd. 2, Hamburg 2001, S.32-33.

Friedlander, Michal S.: Vasen statt Milchflaschen - Eva Samuel, Hedwig Grossmann und Hanna Charag-Zuntz: die Töpferpionierinnen in Palästina, in: Bröhan-Museum (Hg.): Avantgarde für den Alltag. Jüdische Keramikerinnen in Deutschland 1919-1933, Berlin 2012, S. 104-111.

Haël-Werkstätten für künstlerische Keramik G.m.b.H. (Hg.): Verkaufskatalog, Marwitz bei Velten 1924.

Museum of Rishon Le-Zion (Hg.): Chava Samuel. A Pioneer of Ceramic Art in Israel, Rishon Le-Zion 2011.

Ofen- und Keramikmuseum Velten (Hg.): Haël-Keramik - wenig bekannt, bei Sammlern hoch geschätzt, Velten 2006.

Thomas, Ulrike: Mut zu einem Neubeginn. Leben in Palästina von 1932 bis 1948. Auszüge aus Briefen von Eva Samuel und ihrer Familie (=Beiträge zur Förderung des christlich-jüdischen Dialogs, 2), Berlin 2010.

Weber, Klaus (Hg.): Keramik und Bauhaus, Berlin 1989.

Quelle: Alle Medien
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