2016

Sigmund Freud: ein Leben für die Psychoanalyse

Freud Museum London

Kuratiert vom Freud Museum in London anlässlich des 160. Geburtstags von Sigmund Freud.

Sigmund Freud (1856–1939) ist der Begründer der Psychoanalyse, einer Theorie zur Funktionsweise der menschlichen Psyche und einer Methode zur Behandlung psychischer Störungen.

Freud gilt als einer der einflussreichsten und umstrittensten Denker des zwanzigsten Jahrhunderts.

Er entwickelte eine neue Vision der menschlichen Existenz.

Aber damit untergrub er tief verwurzelte kulturelle Werte und zog starken Unmut auf sich.

Am 7. Dezember 1938 nahm Freud für die BBC einen kurzen Vortrag über sein Leben auf.

[BBC-Aufnahme von Freuds Stimme]

BBC recording of Freud’s voice
KINDHEIT UND JUGEND
Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 in Freiberg in Mähren, dem heutigen Příbor in der Tschechischen Republik, geboren. Er war das erste von insgesamt acht Kindern von Jacob und Amalia Freud.

Freiberg gehörte zur damaligen Zeit dem Kaisertum Österreich an.

Kurz nach Freuds Geburt ging das Wollhandelgeschäft seines Vaters in Konkurs und die Familie sah sich gezwungen, Freiberg zu verlassen.

1860 zog die Familie in die pulsierende Metropole Wien.

Wien war zu Zeiten Freuds ein kultureller Schmelztiegel und Schauplatz neuer Ideen in den Bereichen der Bildenden Kunst, Musik, Literatur und Naturwissenschaften.

Trotz unterschwelligem Antisemitismus war es eine Zeit voller Zuversicht und Optimismus.

Zur damaligen Wiener Prominenz gehörten Gustav Mahler, Ludwig Wittgenstein, Arthur Schnitzler, Gustav Klimt und Egon Schiele.

Das Thema Sexualität war in der Wiener Gesellschaft allgegenwärtig: Die "gesellschaftliche Unterdrückung" der Sexualität aufgrund von übertriebenen Moralvorstellungen führte am Ende dazu, dass sie in allen Lebensbereichen eine Rolle spielte.

"Diese unehrliche und unpsychologische Moral des Verschweigens und Verdeckens war es, die wie ein Alp auf unserer Jugend gelastet hat."
--Stefan Zweig

DER JUNGE WISSENSCHAFTLER
Lange vor der Entwicklung der Psychoanalyse hatte sich Freud bereits als Arzt und Naturwissenschaftler einen Namen gemacht.

Freud schrieb sich 1873 an der Universität Wien ein und belegte Kurse in Anatomie, Chemie, Botanik, Physiologie und Physik.

Ursprünglich wollte er Naturwissenschaftler werden. In den Naturwissenschaften wurden seinerzeit enorme Fortschritte erzielt und Freud war ein großer Bewunderer von Charles Darwin, dessen Evolutionstheorie die Biologie revolutioniert hatte.

Schon bald wurde er ein Fachmann auf dem Gebiet der Neuroanatomie. Seine Arbeiten waren für die neurologische Forschung richtungsweisend und er veröffentlichte mehrere Studien über die Nervensysteme von Fischen.

Dies ist eine von Freuds Skizzen der Spinalnervenzellen eines Meerneunauges.

Darüber hinaus schrieb er bedeutende Bücher über zerebrale Kinderlähmung und Aphasien (Sprachstörungen) sowie eine Monografie über die narkotisierenden Eigenschaften von Kokain.

DIE ENTWICKLUNG DER PSYCHOANALYSE
1882 lernte Freud Martha Bernays kennen und verliebte sich sofort in sie. Zwei Monate später folgte die heimliche Verlobung, zur Heirat kam es jedoch erst 1886. Um eine Familie ernähren zu können, kehrte Freud der Forschung den Rücken und begann eine Ausbildung zum Facharzt.

1886 eröffnete er eine eigene Praxis und spezialisierte sich auf Erkrankungen des Nervensystems.

Freuds Visitenkarte aus dem Jahr 1891

Während seines Medizinstudiums hatte Freud ein Stipendium für ein Gastsemester bei dem französischen Neurologen Jean-Martin Charcot in Paris erhalten.

Charcot war bekannt für seine theatralischen Vorführungen, bei denen er hysterische Patienten vor einem Publikum hypnotisierte und deren Symptome mittels Suggestion beeinflusste.

Freud stellte sich daraufhin die Frage, ob körperliche Symptome eine psychologische Ursache haben könnten.

Einer von Freuds Freunden und Mentoren war der Arzt Josef Breuer. Breuer hatte Freud von einer Patientin namens Bertha Pappenheim berichtet, die krank wurde, als sie ihren sterbenden Vater pflegte.

Jedes Symptom Pappenheims, so hatte Breuer herausgefunden, war mit einer verdrängten traumatischen Erinnerung verbunden. Unter Hypnose konnte sie diese Erinnerungen wachrufen, wodurch die Symptome schließlich verschwanden.

Breuer bezeichnete dieses Verfahren als kathartische Methode. Pappenheim selbst nannte es Redekur.

Beeinflusst von Charcot und Breuer begann Freud, die Hypnose in seinen Therapien einzusetzen, entwickelte jedoch bald darauf ein anderes Verfahren.

Er bat seine Patienten, sich auf seine Couch zu legen und das zu sagen, was ihnen gerade in den Sinn kam – ohne Gedanken oder Erinnerungen zurückzuhalten, die ihnen unpassend, trivial oder lächerlich erschienen.

Diese Methode nannte er freie Assoziation.

Durch die freie Assoziation entstanden unerwartete Gedankenketten, die seine Patienten häufig von scheinbar wertlosen Fragmenten des täglichen Lebens zu ihren innersten Gedanken und Sehnsüchten führten.

Die freie Assoziation bildet das Kernstück der Psychoanalyse. In diesem Video wird die freie Assoziation von der Psychoanalytikerin Astrid Gessert an einem Beispiel vorgeführt.

Freud wandte die Methode der freien Assoziation auf Träume, Versprecher und Symptome an und kam zu der Annahme, dass es ein dynamisches Unbewusstes gibt, in dem sich Gedanken befinden, die der Verstand zwar aktiv zu verdrängen versucht, die im Bewusstsein jedoch immer wieder in versteckter Form auftauchen.

Einer der berühmtesten Patienten Freuds war Sergej Pankejeff. Das traumatische Kindheitserlebnis, von dem er Freud erzählte und das er später in diesem Bild verarbeitete, ließ ihn als "Wolfsmann" in die Geschichte der Psychoanalyse eingehen.

Die Interpretation mittels freier Assoziation brachte eine verborgene Welt voller kindlicher Sehnsüchte und Ängste zum Vorschein.

DIE ARCHÄOLOGIE DER SEELE
Freud verglich die Psychoanalyse immer wieder mit der Archäologie. Er war selbst ein leidenschaftlicher Sammler und besaß am Ende über 2.500 Sammlerstücke aus antiken Zivilisationen.

"Nehmen Sie an, ein reisender Forscher käme in eine wenig bekannte Gegend, in welcher ein Trümmerfeld sein Interesse erweckte. Er kann Hacken, Spaten und Schaufeln mitgebracht haben, die Anwohner für die Arbeit mit diesen Werkzeugen bestimmen, mit ihnen das Trümmerfeld in Angriff nehmen, den Schutt wegschaffen und von den sichtbaren Resten aus das Vergrabene aufdecken."

--Sigmund Freud

AUSGRABUNGEN IM UNBEWUSSTEN
Freuds "Ausgrabungen" im Unbewussten förderten verblüffende Erkenntnisse zutage.

Freud deckte bei seinen Patienten komplexe emotionale Verhaltensweisen gegenüber den Eltern und Geschwistern auf, wodurch er zu der Ansicht gelangte, dass Gefühle wie Liebe, Hass, Neid und Angst in der Kindheit besonders intensiv erlebt werden.

Diese frühkindlichen Erfahrungen bezeichnete er als Ödipuskomplex – in Anlehnung an den griechischen Sagenhelden Ödipus, der unwissentlich seinen eigenen Vater tötet und seine Mutter heiratet.

Eine der überraschendsten Erkenntnisse Freuds war die Bedeutung der Sexualität als treibende Kraft im Leben seiner Patienten.

Er erkannte jedoch, dass die Sexualität nicht nur mit Lust und Freude, sondern auch mit Angst verbunden war.

Die Bedeutung der Sexualität bei Freud unterschied sich maßgeblich von den traditionellen Definitionen.

Er fand überall im Körper Komponenten der Sexualität und war überzeugt, dass sexuelles Empfinden bereits in einer viel früheren Kindheitsphase einsetzt, als man gemeinhin dachte.

Seinen Beobachtungen zufolge erlebt ein Baby erstmals an der Brust seiner Mutter ein Gefühl der Befriedigung.

Freud verwies häufig auf den griechischen Liebesgott Eros, um seinen Begriff der Libido zu veranschaulichen, der Sexualität wesentlich breiter fasste als die traditionellen Definitionen, die die Sexualität mit dem Fortpflanzungstrieb gleichsetzten.

"Die Sprache hat mit dem Wort "Liebe" in seinen vielfältigen Anwendungen eine durchaus berechtigte Zusammenfassung geschaffen."
--Sigmund Freud

Freud bezeichnete die verschiedenen Triebe, die nach Befriedigung streben, als das Es. Die Beziehung zwischen dem bewussten Ich und dem unbewussten Es verglich er mit einem Reiter und einem Pferd:

"Zwischen Ich und Es ereignet sich allzu häufig der nicht ideale Fall, dass der Reiter das Ross dahin führen muss, wohin es selbst gehen will."
--Sigmund Freud

Freud verstand Sexualität als etwas Fließendes, und so vertrat er auch sehr aufgeklärte Ansichten zum Thema Homosexualität.

Seine Ansichten über Homosexualität werden in diesem Brief an die besorgte Mutter eines homosexuellen Mannes deutlich:

"Homosexualität ist gewiss kein Vorzug, aber es ist nicht etwas, dessen man sich schämen muss, kein Laster, keine Erniedrigung, und kann nicht als Krankheit bezeichnet werden; wir betrachten sie als eine Abweichung der sexuellen Funktionen, hervorgerufen durch eine gewisse Stockung der sexuellen Entwicklung. Viele hochachtbare Personen in alten und neueren Zeiten sind Homosexuelle gewesen, unter ihnen viele der größten Männer. [...] Es ist eine große Ungerechtigkeit, Homosexualität als ein Verbrechen zu verfolgen – und auch eine Grausamkeit."

Dieser Brief ist Eigentum des Kinsey Institute.

DIE ERKENNTNISSE DER PSYCHOANALYSE
Die Psychoanalyse zeichnet ein eher düsteres Bild des Menschen. Die menschliche Psyche ist demnach gespalten, von mangelnder Selbsterkenntnis und von unbeherrschbaren Instinkten geprägt.

Seine verstörenden Erkenntnisse verglich Freud mit denen des Astronomen Nikolaus Kopernikus, der als Erster entdeckte, dass sich die Sonne nicht um die Erde dreht.

Ebenso wie Kopernikus nachwies, dass der Mensch nicht Mittelpunkt des Universums ist, zeigte Freud, dass wir nicht Herr unserer eigenen Psyche sind.

"Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus."
--Sigmund Freud

EXIL
Im Jahr 1933 kamen in Deutschland die Nazis an die Macht. Die Nazis verabscheuten die Psychoanalyse, nicht zuletzt deshalb, weil Freud Jude war.

"Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften des Sigmund Freud."

Ausruf bei der Verbrennung von Freuds Werken

"Was wir für Fortschritte machen! Im Mittelalter hätten sie mich verbrannt, heute begnügen sie sich damit, meine Bücher zu verbrennen."

--Sigmund Freud

Als die Nazis 1938 in Österreich einmarschierten, musste Freud mit seiner Familie fliehen.

Dieses Foto zeigt ein Hakenkreuz über der Eingangstür zu Freuds Wohnung, in der er über 40 Jahre gewohnt und gearbeitet hatte (heute das Sigmund Freud Museum, Wien).

Die Nazis machten es den Juden extrem schwer, das Land zu verlassen.

Freud musste eine "Reichsfluchtsteuer" in Höhe von 31.329 Reichsmark (heute etwa 100.000 €) entrichten.

Die Steuer wurde von Prinzessin Marie Bonaparte bezahlt, einer wohlhabenden Freundin und Kollegin Freuds.

Nach beinahe dreimonatigen Bemühungen um die Ausreisepapiere brach Freud mit seiner Familie schließlich am 4. Juni 1938 mit dem Orient-Express nach London auf.

Vier seiner Schwestern hatten weniger Glück. Pauline, Adolfine, Marie und Rosa Freud konnten nicht fliehen und starben später in Konzentrationslagern der Nazis.

Freud verbrachte sein letztes Lebensjahr in 20 Maresfield Gardens in London, dem heutigen Freud Museum.

TOD
Freud war ein starker Raucher und war bereits 1923 an Gaumenkrebs erkrankt. Er litt die letzten 16 Jahre seines Lebens an dieser Erkrankung. Ein Teil seines Kiefers wurde operativ entfernt und durch eine schmerzhafte Prothese ersetzt.

Am 23. September 1939, drei Wochen nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, starb Sigmund Freud in seiner Wohnung in 20 Maresfield Gardens in London.

"Im Grunde glaubt niemand an seinen eigenen Tod oder, was dasselbe ist: im Unbewussten ist jeder von uns von seiner Unsterblichkeit überzeugt. Dem Verstorbenen selbst bringen wir ein besonderes Verhalten entgegen, fast wie eine Bewunderung für einen, der etwas sehr Schwieriges zustande gebracht hat."

--Sigmund Freud, 'Zeitgemäßes über Krieg und Tod'

VERMÄCHTNIS
Sigmund Freuds Bibliothek, Sammlung und weltberühmte Therapie-Couch befinden sich noch heute in seiner letzten Wohnung in 20 Maresfield Gardens in London. Die Psychoanalyse ist jedoch bei Weitem kein Museumsstück.

Freud wird zwar immer wieder für "tot" erklärt, aber sein Vermächtnis ist und bleibt unser ständiger Begleiter.

Die Psychoanalyse gehört zu den einflussreichsten Theorien des 20. Jahrhunderts. Sie wird heute von Tausenden von Ärzten auf der ganzen Welt praktiziert.

Das Vermächtnis Freuds geht weit über die sprichwörtliche Couch hinaus. Es umfasst die verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen – von der Psychologie bis hin zur Literatur und Kunst. Seine Thesen beeinflussen unser Selbstverständnis bis zum heutigen Tag und sind wichtige Orientierungshilfen in einer schnelllebigen und unruhigen Welt.

"Sigmund Freud formte die Vorstellung dessen, was eine Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts ausmacht; ohne ihn würden wir uns selbst nicht erkennen.

Sein Einfluss ist deutlich spürbar in den Werken von Henry James und Virginia Woolf, Alfred Hitchcock und David Lynch, in der Kunst der Surrealisten und in den Verlockungen der Werbung.

Freuds Geschichten sind zu unseren Geschichten geworden, seine Landkarte zu unserer Landkarte, seine Fragen zu unseren Fragen."

--Marina Warner

Für uns ist er keine Person mehr
sondern ein allumfassendes Meinungsklima,
in dem wir unser Leben verbringen."

W. H. Auden, aus dem Gedicht Zum Gedenken an Sigmund Freud

Freud Museum London
Mitwirkende: Geschichte

Kuratiert vom Freud Museum in London www.freud.org.uk

Das Freud Museum in London war der letzte Wohnort von Sigmund Freud.

Freud verbrachte den Großteil seines Berufslebens in der Berggasse 19 in Wien, dem heutigen Sigmund Freud Museum.

Freuds "Brief an die Mutter eines Homosexuellen" wurde mit freundlicher Genehmigung vom Kinsey Institute zur Verfügung gestellt.

Quelle: Alle Medien
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