18.11.2013

Unsere Stadt! Jüdisches Wien bis heute - Teil 2

Jüdisches Museum Wien

Die Dauerausstellung des Jüdischen Museums Wien (vor 1945)

Unsere Stadt! Jüdisches Wien bis heute - Teil 2 (vor 1945)
Um 1190 ist mit Schlom, dem Münzmeister des Babenberger Herzogs Leopold V., erstmals ein Jude in Wien dokumentiert. Seit damals sind mehr als 820 Jahre vergangen. In der Hälfte dieser Zeit durften sich Juden gar nicht oder in nur sehr beschränkter Zahl in Wien aufhalten. Es gab drei große Vertreibungen, an deren Ende die Schoa steht. Vor 1945 konnten sich die Wiener Juden drei Mal die Erlaubnis für die Gründung einer Gemeinde erkämpfen: im Mittelalter mit dem Zentrum am heutigen Judenplatz, im 17. Jahrhundert im Ghetto im Unteren Werd und schließlich in den Jahren nach der Revolution von 1848. Diese dritte Gemeinde wurde noch vor 1900 zur drittgrößten jüdischen Gemeinde in Europa. Aus ihrem Umfeld entstammten jene Persönlichkeiten, die Wien um 1900 entscheidend prägten. Jüdinnen und Juden wohnten in dieser Zeit vor allem in der Inneren Stadt, der Leopoldstadt und im Alsergrund, doch auch in vielen anderen Bezirken waren bereits Synagogen zu finden. Die lange Vorgeschichte dieser dritten Gemeinde, ihr optimistischer Aufbruch in den Jahren ab 1848 und ihr brutales Ende nach 1938 bestimmen die permanente Ausstellung in diesem zweiten Teil. 
Das Fahrrad, die Vision und der Anti-semitismus - Einblick in die dritte Gemeinde um 1900
Die dritte Gemeinde, die 1938 brutal zerstört wurde, gilt heute als Inbegriff des jüdischen Wien. Herzl, Freud, Mahler, Schnitzler und viele mehr prägten die Wiener Jahrhundertwende. Ein idealisierender Blick auf diese Zeit verdeckt allerdings das aufgeheizte antisemitische Klima, das keineswegs erst 1938 „importiert“ wurde. Die Widersprüche der Zeit lassen sich an Theodor Herzl gut verdeutlichen. 1896 formuliert er zwei Visionen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. In einem Feuilleton begeistert er sich für das Radfahren in Wien, das für ihn Fortschritt und Freiheit schlechthin verkörpert. Sein Optimismus lässt nicht vermuten, wie sehr für ihn zur gleichen Zeit Wien als Heimatstadt in Frage steht. Wenige Monate zuvor ist seine weit berühmtere visionäre Schrift "Der Judenstaat" erschienen. Der Zionismus ist seine Antwort auf den bedrückenden Antisemitismus in Wien und Europa. Ausgestellt ist Herzls damals hochmodernes Fahrrad, das er in der Sommerfrische in Altaussee benutzte. Das Radfahren hatte ihm übrigens Arthur Schnitzler beigebracht, dessen Roman "Der Weg ins Freie" nicht nur den Wiener Radfahrboom, sondern auch den unerträglichen Antisemitismus der Jahrhundertwende schildert.
Mittelalter - Spuren der ersten Gemeinde
Wann sich die ersten Juden im heutigen Österreich niederließen, ist nicht bekannt. Eine eigenständige jüdische Gemeinde mit einer Synagoge und einem Friedhof entstand in Wien wohl erst im frühen 13. Jahrhundert. Der berühmte Rabbiner Izchak bar Mosche machte sie zu einem Zentrum der Gelehrsamkeit. Die kulturell und wirtschaftlich blühende Gemeinde entwickelte sich zu einer der wichtigsten im deutschsprachigen Raum. An ihrem traumatischen Ende, der ersten Wiener Gesera (= Verhängnis), standen Zerstörung, Plünderung, Zwangstaufe, Folterung und Vertreibung. Im März 1421 wurden mehr als 200 Jüdinnen und Juden auf der Erdberger Lände verbrannt. Die neun Bodenziegel stammen aus der mittelalterlichen Synagoge. Ihre Grundmauern wurden in den 1990er Jahren ausgegraben. Sie können heute an unserem zweiten Standort, im Museum am Judenplatz, besichtigt werden. Das mittelalterliche jüdische Wien steht dort im Mittelpunkt.
Von der Stadt ins Ghetto - Die zweite Gemeinde nach 1600
Erst 180 Jahre nach der Vertreibung von 1421 durften Juden wieder eine Gemeinde in Wien gründen. Der Kaiser brauchte sie als Financiers, insbesondere während des Dreißigjährigen Krieges (1618-48). 1624 mussten die Juden allerdings die Innere Stadt verlassen und in das Ghetto im Unteren Werd, in den heutigen 2. Bezirk, ziehen. Von dort stammt der ausgestellte Grenzstein. Der Untere Werd war ein hochwassergefährdetes Gebiet inmitten der Donauarme. Dennoch: In einer Gesellschaft, die keine Gleichheit vor dem Gesetz kannte, bot das Ghetto für die jüdische Minderheit nicht nur Nachteile. Innerhalb der Mauern war ein jüdisches Leben weitgehend ungestört von christlichen Übergriffen möglich. Die Bedingungen verschlechterten sich allerdings über die Jahre und 1670 beschloss Kaiser Leopold I., die Juden erneut aus Wien zu vertreiben. Er folgte damit nicht nur seiner eigenen Judenfeindlichkeit, sondern auch den Interessen der Wiener Bürger, die ihre jüdischen Konkurrenten loswerden wollten.
Die Hofjuden - Unfreiwillige Einzelgänger, mutige Netzwerker
Kriege und barocke Prachtentfaltung waren teuer. Um beides zu finanzieren, holte der Kaiser bereits kurz nach der Vertreibung von 1670 einige wirtschaftlich erfolgreiche Juden nach Wien. Sie erhielten Privilegien und Schutzbriefe, die ihren ärmeren Glaubensgenossen verwehrt blieben. Die Hoffaktoren waren geniale Netzwerker, nahmen viel Risiko auf sich und waren täglich gezwungen, die oft maßlosen Anforderungen ihrer herrschaftlichen Auftraggeber zu erfüllen. Ihre einflussreiche Position erlaubte es ihnen, sich auch für nichtprivilegierte Juden einzusetzen. Ihre eigene Stellung blieb allerdings immer von der Willkür des Herrschers abhängig. Konnte dieser seine Schulden nicht zurückzahlen, reichte eine fadenscheinige Denunziation, um den bisherigen Financier loszuwerden.
Vienna: now or never - Toleranz-gebühren gegen Aufenthalt
Nach vielfachen Beratungen seien mit den Juden folgende Zahlungen vereinbart worden: Die Gebrüder Hirschl hätten zu erlegen 177.000 fl., Nathan Oppenheimer 75.000 fl., der Ulm 75.000 fl., Herz Lehmann 75.000 fl., Wolf Schlesinger 30.000 fl., Spitzer 75.000 fl., Simon Michel 75.000 fl. Gegen alle übrigen Juden, von denen bisher noch keine Zahlungsangebote eingelaufen seien, wäre mit Zwangsmitteln vorzugehen.“ Dies übermittelt die Finanzkonferenz Kaiser Karl VI. am 23. August 1717. Die Methode war eine in Wien lang erprobte: Gegen die Zahlung von beträchtlichen Summen wurden einigen wenigen vermögenden Juden und deren Familien und Haushaltsmitgliedern für eine begrenzte Zeit Aufenthaltsprivilegien verliehen. Noch heute zeugen einige Wiener Bauwerke, unter ihnen wichtige Sehenswürdigkeiten, von den enormen finanziellen Beiträgen, die von den Wiener Juden für ihre Aufenthalts- und Geschäftsprivilegien erlegt wurden, z. B. die Karlskirche und das Gebäude der Nationalbibliothek. Arme Juden, die keine Toleranzgelder zahlen konnten, durften sich nicht in Wien niederlassen. Wenn sie sich für wenige Tage in der Hauptstadt aufhielten, mussten sie die so genannte „Leibmaut“ entrichten, die als besonders erniedrigend und entehrend empfunden wurde, da Maut ansonsten nur auf Waren eingehoben wurde. Nach Erlass des Toleranzpatentes für die Wiener Juden am 2. Jänner 1782 wurde die „Leibmaut“ zwar offiziell abgeschafft, doch unter dem Titel „Bollettentaxe“ wieder eingeführt.
Türkische Juden
Die sephardische Gemeinde war zunächst sehr klein. Als ihr Gründer gilt Diego d’Aguilar, über den heute wenig Gesichertes bekannt ist. Man weiß, dass er aus einer zwangskonvertierten Familie in Portugal stammte und zum Judentum zurückgekehrt war. 1722 wurde er von Kaiser Karl VI. als Hoffaktor nach Wien geholt und damit beauftragt, das Tabakmonopol zu reorganisieren. Später finanzierte er Maria Theresia den Ausbau von Schönbrunn.
Wien – Stadt der Toleranz?
In den 1780er Jahren erließ Kaiser Joseph II. mehrere Toleranzpatente. Deren Auswirkungen auf die Juden in der Monarchie waren ganz unterschiedlich. Die meisten Wiener Juden zu dieser Zeit waren wohlhabend – anders hätten sie die vom Kaiser geforderte „Toleranzsteuer“ gar nicht bezahlen können. Für sie bedeutete das neue Gesetz einen Fortschritt: Die Kopfsteuer wurde abgeschafft; sie mussten keine gelbe Binde mehr tragen; sie durften Schulen und Universitäten besuchen, auch wenn ihnen viele Berufe weiterhin verwehrt blieben; sie konnten sich in ganz Wien niederlassen; Grundbesitz war ihnen allerdings weiterhin verboten. Doch die Wiener machten weniger als ein Prozent der Juden in der Monarchie aus. Im Unterschied zu ihnen erlebten die Juden in Galizien und Ungarn das Toleranzpatent als massiven Eingriff in ihre relativ autonomen Strukturen. Denn der Kaiser verlangte im Gegenzug, dass sie ihre traditionelle Lebensweise aufgeben sollten.
Arnstein & Eskeles - Hofjuden werden Bankiers, Ehefrauen Netz-werkerinnen
Die Geschichte der Familien Arnstein und Eskeles zeigt, dass das Toleranzpatent in Wien nicht nur dem Kaiser, sondern auch einigen wenigen jüdischen Familien selbst geholfen hat. Bernhard Eskeles (1753–1839) und Nathan Adam Arnstein (1748–1838) stammten aus zwei „alten“ Wiener Hof faktoren-Familien. Eskeles’ Vater Isachar Berusch (1692–1753), ein Gelehrter aus Mähren, war der Schwiegersohn und Nachfolger des Hoffaktors Samuel Oppenheimer (1658–1724). Nathan Adams Großvater Isaak Aaron (1682–1744) war 1705 nach Wien gekommen und hier in den Dienst von Samson Wertheimer eingetreten, sein Vater Adam Isaak (1721–1782) hatte zur rettenden Intervention beigetragen, mit der es gelang, die Verbannung der Juden aus Prag durch Maria Theresia rückgängig zu machen. Aus den jungen Hoffaktoren und Großhändlern Bernhard Eskeles und Nathan Adam Arnstein wurden Bankiers und geachtete, geadelte Mitglieder der Wiener Gesellschaft, Eskeles ging als Gründungsmitglied in die Geschichte der österreichischen Nationalbank ein. Ebenfalls zum sozialen Aufstieg der Bankiers trugen ihre Ehen mit den Berliner Hoffaktoren-Töchtern Cäcilie (1760–1836) und Fanny Itzig (1758–1818) bei, wobei die Schwestern in Wien weniger durch ihre Herkunft als durch ihr kreatives soziales Leben bekannt wurden: Aus Berlin brachten sie das Konzept des Salons mit, mit dem sie der Wiener Gesellschaft ein kultiviertes Zuhause außerhalb der alten Adelshäuser gaben. Besondere politische Geltung erlangte Fanny von Arnsteins Salon zur Zeit des Wiener Kongresses, er wurde zu einem Ort der Diplomatie und Meinungsbildung. Die an diesem Ort stets wachsame Geheimpolizei erblickte hier möglicherweise erstmals einen Weihnachtsbaum in Wien – ein Brauch, den Fanny von Arnstein aus Berlin importiert hatte.
Die Tora im Zentrum - „Toleranz“ ohne Gemeinde
Die Kultgegenstände stammen aus den Jahren, als die Juden in Wien noch keine Gemeinde gründen durften. Einige dieser Objekte kommentieren die Herrschaftsgeschichte aus jüdischer Perspektive.
Hinter der Fassade - Die ausgegrenzte „In-Group“
Österreich war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein reaktionärer Überwachungsstaat – ein schwieriges Umfeld für eine kleine aufgeklärte jüdische Gemeinde, die keine sein durfte. Doch mit Michael Lazar Biedermann, einem Großhändler und Bankier, fanden die Wiener Juden einen energischen Vertreter. Mit großem Geschick machte er das Unmögliche möglich: eine nicht anerkannte religiöse Gemeinschaft zu institutionalisieren. 1824 holte er Isaak Noah Mannheimer von Kopenhagen nach Wien, einen brillanten Prediger und charismatischen Reformer. Um den Polizeistaat zu beruhigen, wurde Mannheimer nicht als Rabbiner, sondern als Religionslehrer angestellt. Kurz darauf engagierte man mit Kantor Salomon Sulzer einen genialen Musiker. 1826 schließlich eröffnete der Stadttempel in der Seitenstettengasse – das neue Zentrum einer Gemeinde, die nach wie vor keine sein durfte.
Revolution! Ein Drahtseilakt
In keiner großen europäischen Stadt spielten Juden eine so bedeutende Rolle in der Revolution von 1848 wie in Wien. Die Revolution stärkte das Selbstbewusstsein der Wiener Juden, auch wenn die tatsächliche bürgerliche Gleichstellung noch lange auf sich warten ließ. Sie glaubten an eine sich in der Revolution befreiende deutsche Kultur und Nation, innerhalb derer sie sich selbst nun ebenso als Gleiche unter Gleichen fühlen durften. Eine Illusion, wie sich bald herausstellen sollte. Die Deutschnationalen radikalisierten sich und schlossen die Juden als „Fremde“ aus der Welt der Gleichen aus. Noch während der Revolution wurden die Juden mit den Vorboten dieses neuen Antisemitismus konfrontiert. Die Pressefreiheit ermöglichte nicht nur emanzipatorische Schriften, sondern verschaffte auch antisemitischen Tönen eine größere Öffentlichkeit.
Alles möglich? Optimismus in brüchiger Zeit
Das Scheitern der Revolution von 1848 war für die liberalen Wiener Juden eine große Enttäuschung. Der junge Kaiser Franz Joseph I. sprach ihnen die erkämpften Rechte wie die Besitzfähigkeit und die Möglichkeit, im öffentlichen Dienst zu arbeiten, wieder ab. Die Bewegungsfreiheit innerhalb der Monarchie konnten die Behörden allerdings nicht mehr ganz unterbinden. Auf lange Sicht brachte die niedergeschlagene Revolution doch Fortschritte: Erster erfreulicher Höhepunkt für die Jüdinnen und Juden Wiens war die lange ersehnte Anerkennung der Gemeinde 1852. 1867, fünfzehn Jahre später, waren erstmals alle Untertanen der Monarchie vor dem Gesetz gleich. Zudem erhielten sie die volle Bewegungsfreiheit. Wien wurde zur Stadt der ImmigrantInnen. 1880 waren bereits mehr als 60 Prozent der Wiener Bevölkerung nicht hier zur Welt gekommen. Die jüdische Gemeinde zählte etwa 72.000 Mitglieder, das waren 10 Prozent aller Stadtbewohner.
Die drittgrößte jüdische Gemeinde entsteht
Sechs Jahre nach der Gemeindegründung 1852 wurde der Leopoldstädter Tempel feierlich eröffnet. Mit seiner prächtigen Fassade sowie 2.240 Sitz und 1.500 Stehplätzen drückte er das gestiegene Selbstbewusstsein der stark wachsenden Gemeinde aus.
Reform vs. Orthodoxie - Der Streit um den Wiener Ritus reloaded
Der Zuzug von orthodoxen Juden, vor allem aus Galizien und der heutigen Slowakei, wurde von den alteingesessenen „Tolerierten“ mit Misstrauen beobachtet. In den 1860er Jahren gab es bereits elf orthodoxe Bethäuser, die von etwa einem Viertel der Wiener Juden genutzt wurden. Um die Einheit der Gemeinde zu retten, mussten sich der liberale Rabbiner Adolf Jellinek und sein orthodoxer Kollege Salomon Spitzer (von ihm existiert kein Porträt) zu einem Kompromiss durchringen: Die von den Reformern als unzeitgemäß empfundenen Gebete sollten im Stillen gesprochen werden, die Reformer wiederum verzichteten auf den Einsatz der aus den christlichen Kirchen übernommenen Orgel.
Wien wird Wissensort
„Wenn sie lernen wollten, wären sie nicht nach Wien gekommen“, soll der orthodoxe Rabbiner Salomon Spitzer (1826–1893) im Jahr 1863 auf das Ansinnen, eine Lehranstalt zur Rabbinerausbildung zu gründen, erwidert haben. Wien zählte in der traditionellen Welt der Jeschiwot offensichtlich wenig. Dies wusste auch der Prediger Adolf Jellinek (1820–1893). Er verband daher sein Ziel, mithilfe der „Wissenschaft des Judentums“, einer reformorientierten Strömung der deutschsprachigen jüdischen Welt, der fortschreitenden Assimilation entgegenzuwirken, mit den Bedürfnissen nach einer jüdischen Ausbildungsstätte. Das Vorhaben konnte 1863 mit der Gründung des Wiener Bet haMidrasch verwirklicht werden. Während die Wahl des Namens ein orthodoxes Lehrhaus vermuten ließ, verschrieb sich dieses Institut tatsächlich der freien Forschung und Wissenschaftlichkeit. Das höchste Ziel der Anstalt müsse, so Jellinek, das Streben nach Wahrheit sein, das mit dem Frieden einhergehe, weil auf dem Gebiete der Forschung Eintracht und Frieden herrschen würden. Einer der ersten hauptamtlich angestellten Lektoren war Meir Friedmann (1831–1908). Auch er versuchte, mittels der Wissenschaft des Judentums die herrschenden Gegensätze innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zu überwinden. Selbst orthodox lebend, widmete er sich ganz der Wissenschaft und avancierte bald zu einem führenden Forscher auf dem Gebiet der alten rabbinischen Literatur (Sifre debe Rab 1864). Da er stets den Nationalcharakter des Judentums anerkannte, befürwortete er auch den damals aufkommenden Zionismus. Mit der Eröffnung der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt 1893 erhielt Wien ein eigenes Rabbinerseminar. Während seines gesamten Bestehens blieb es, seiner Reputation zum Trotz, ohne Öffentlichkeitsrecht.
Industrielle Revolution - zwischen Eisenbahn und Ring
Die optimistischen Jahre nach der Revolution mündeten in wirtschaftliches Wachstum und die Erweiterung der Stadt. Insbesondere gebildete Zuwanderer, unter ihnen viele Juden, konnten nun solide, in manchen Fällen sogar traumhafte wirtschaftliche Karrieren machen. Jüdische Bankiers und Fabrikanten ermöglichten mit Krediten und Investitionen zukunftsweisende Technologien: Salomon Rothschild finanzierte die Nordbahn und damit den Zugang zu Salz, Kohle und Eisen. Gemeinsam mit den Brüdern Gutmann entwickelte er die mährischen Industrieanlagen Witkowitz. Hermann Todesco wiederum beteiligte sich am Bau der Südbahn und errichtete die Textilfabrik Marienthal südlich von Wien. Wie andere aufsteigende Familien bauten die Todescos ein großes Palais an der neuen Ringstraße. Hier führte Sophie von Todesco einen viel besuchten Salon.
Maya Zack, The Shabbat Room
1895 wurde in Wien das erste jüdische Museum der Welt gegründet. 1899 beauftragte es den für seine jüdischen Genreszenen berühmten Maler Isidor Kaufmann mit der Rauminstallation einer Schabbat-Stube. Kaufmann hatte viele Recherche-Reisen in die östlichen Kronländer unternommen. Mit seiner "Guten Stube" schenkte er den zumeist assimilierten jüdischen Besuchern in mitten der Großstadt Wien einen Ruheraum in Erinnerung an die „gute alte Zeit“. Für diese Ausstellung entstand die Idee einer Neukonstruktion. Der "Shabbat Room" der 1976 geborenen israelischen Künstlerin Maya Zack ist das Ergebnis einer intensiven künstlerischen Recherche. Mithilfe einiger Dokumentations-Fotos der Guten Stube und der Kenntnis von Kaufmanns künstlerischem Werk interpretierte sie den 1938 durch die Nationalsozialisten zerstörten Museumsraum neu. Die Arbeit ist eine Reise durch die Zeit: Zack lässt den Raum in seinen verschiedenen Erscheinungsformen mittels computergenerierter Visualisierungen mit sich selbst in Kontakt treten: Von der Konzeptphase im Atelier des Künstlers über die diversen Standorte des Alten Jüdischen Museums bis hin zu den wenigen noch existierenden Objekten der "Guten Stube" im Schaudepot des heutigen Jüdischen Museums Wien.
Väter, Mütter und der Kaiser - Stiften in Wien um 1900
Auf einer Stiftertafel der Jahrhundertwende finden sich unter dem Namen Kaiser Franz Josephs I. als weitere Stifter vor allem jüdisch-großbürgerliche Frauen und Männer. Sie stammen aus Familien, die zum wirtschaftlichen Fortschritt in der Gründerzeit beigetragen hatten. Die Tafel erinnert nicht nur an die zahlreichen Stiftungen jüdischer Oligarchen für die allgemeine Öffentlichkeit, sondern auch an das Naheverhältnis der Juden zum Kaiser in dessen späten Jahren. Als junger Kaiser, nach der Revolution von 1848, hatte er ihre gerade erst erworbenen Bürgerrechte wieder beschnitten. Jetzt allerdings, als der Vielvölkerstaat auseinanderzubrechen drohte, erkannte er in den Juden der Monarchie seine loyalsten Untertanen. Diesen war bewusst, dass sie ohne den Schutz des Kaisers ungleich stärker unter Druck geraten würden. In den potentiellen nationalen Nachfolgestaaten waren keine Minderheitenrechte zu erwarten.
Söhne, Töchter? Wiener Familien-aufstellung um 1900
Die Porträts stehen für die jüngere jüdische Generation, der um 1900 der Schritt in die künstlerische, wissenschaftliche oder politische Öffentlichkeit gelang. Diesen Stars der Wiener Jahrhundertwende gegenübergestellt ist eine Stiftertafel, auf der die jüdische „Gründergeneration“ verewigt ist. Diese Gegenüberstellung der Eltern und Söhnegeneration verdeutlicht, dass die „jungen“ Berühmtheiten mehrheitlich wohlbehütet auf die Welt kamen. Ihre Porträts wiederum sind beredte Zeugnisse ihrer Ikonenwerdung im Laufe des 20. Jahrhunderts. Auffällig ist das Fehlen der „Töchter“, denen der Durchbruch in die intellektuelle Öffentlichkeit erst später – in der Zwischenkriegszeit – gelingen sollte. Um 1900 mussten sie sich nach wie vor auf die Netzwerkerinnen-Rolle beschränken, die etwa Berta Zuckerkandl erfolgreich neuinterpretierte.
Nach dem Krieg, vor dem Krieg
Etwa 300.000 Juden kämpften im Ersten Weltkrieg in der k. u. k. Armee, 25.000 davon im Offiziersrang. Die Uniform nährte die falsche Hoffnung auf Gleichbehandlung. Doch der Zusammenbruch des habsburgischen Vielvölkerreichs 1918 führte zur Entstehung von Nationalstaaten, die eine sprachliche, kulturelle und ethnische Vereinheitlichung anstrebten. Eine Republik ohne ausgeprägte Minderheitenrechte sollte sich für Juden rasch als nachteilig erweisen. Sie waren den antisemitischen Ressentiments der Mehrheitsgesellschaft nun noch stärker ausgeliefert als zur Zeit der habsburgischen Schutzmacht. Dennoch ist die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg auch eine Zeit der Aufbrüche: Jüdische Frauen eroberten sich erstmals eine größere künstlerische, wissenschaftliche und politische Öffentlichkeit. Viele Jüdinnen und Juden engagierten sich im sozialdemokratischen Roten Wien. Die Israelitische Kultusgemeinde beginnt sich am Zionismus zu orientieren.
Schoa
Das Unvorstellbare traf die Wiener Jüdinnen und Juden unvorbereitet: Systematische Erniedrigung, Entrechtung, Beraubung, Massenvertreibung von mehr als 120.000 Personen, schließlich die Deportation und Ermordung von mehr als 65.000 Menschen, die sich nicht früh oder weit genug ins Ausland retten konnten. Das Jüdische Museum ist das einzige größere Museum in Wien, das den Massenmord an den Juden, der mehr als eine „jüdische Geschichte“ ist, in einer permanenten Ausstellung thematisiert. Ein jüdisches Museum in Mitteleuropa hat keine Wahl, es kann nicht anders, als an die Schoa zu erinnern. Damit ist die österreichische Politik und Gesellschaft jedoch nicht aus der Verantwortung entlassen, sich mit dieser Geschichte auch in anderen Räumlichkeiten und unter einem gesamtösterreichischen Gesichtspunkt auseinanderzusetzen.
Quelle: Alle Medien
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