1914

Luftschiffe im Ersten Weltkrieg

German Federal Archives

“Engeland wird abgebrannt!”

Luftschiffe erfreuten sich in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg großer Beliebtheit. Zu Anfangs noch belächelt, wurden die Visionen des Begründers des Starrluftschiffbaus Graf von Zeppelin zwischen 1895 und 1912 Wirklichkeit: Die ersten Luftschiffe starteten mit Zivilpersonen in die Höhen. Durch Spenden und Forschungsgelder wurde die Entwicklung der Luftschiffe weiter vorangetrieben, Fehler behoben und Material verbessert.

Auch die militärischen Behörden wurden auf die operative und kriegerische Nutzung der Luftschiffe aufmerksam.

Obwohl im Reichsmarineamt anfangs noch Bedenken gegen die Wirkung bestanden, wurde 1912 ein Luftschiff (L 1) für die Kaiserliche Marine bestellt.

Eine offizielle Marine-Luftschiff-Abteilung wurde durch Allerhöchste Kabinettsordre am 3. Mai 1913 aus dem “Luftfahrpersonal der Kaiserlichen Marine” neben der Marine-Flieger-Abteilung als selbstständige Abteilung mit dem vorläufigen Standort Johannisthal aufgestellt.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges änderte sich die Befehlsstruktur der Marine-Luftschiff-Abteilung. Durch die Allerhöchste Kabinettsordre vom 29. August 1914 wurde die Dienststelle “Befehlshaber der Luftfahr-Abteilungen” als oberste zentrale Kommandostelle des gesamten Marine-Luftfahrwesens geschaffen. In Nordholz bei Cuxhaven wurde eine große Basis für 12 Offiziere, 340 Mannschaften und für das Stabs- und Bodenpersonal geschaffen.

Zu Kriegsbeginn am 28. Juli 1914 verfügte die Kaiserliche Marine über ein operationsfähiges Luftschiff (L 3) und das deutsche Heer über zwölf Luftschiffe verschiedener Art.

Ende 1914 besaß die Marine-Luftschiff-Abteilung bereits ca. 3700 Mann an neun verschiedenen Standorten.

Die Luftschiffe L 41 und L 44 am Himmel | BArch, Bild 134-B3174 / o.Ang.

Die deutsche Kriegsführung setzte große Hoffnungen in den Einsatz der technisch fortgeschrittenen Schiffe und ließ ihnen wichtige Aufgaben zukommen: Aufklärung in der Nord- und Ostsee, Sicherung und Unterstützung der Minensuchverbände, Sichten und Melden feindlicher Seestreitkräfte und Minensperren sowie Meldungen über Handelsschiffverkehr.

Die Aufklärung erhielt dabei eine besondere Bedeutung, um geplante Unternehmungen des Gegners zu erkunden und an die Marine-Stützpunkte zu melden.

Das L 3 in einer Luftschiffhalle: Als erstes einsatzfähiges Marine-Luftschiff wurde es am 11. Mai 1914 in Betrieb genommen. Während einer Aufklärungsfahrt am 17. Februar 1915 wurde es durch starke Schneefälle nach Osten abgetrieben, wo es schließlich in Dänemark notlanden musste und durch die Besatzung zerstört wurde. |  BArch, Bild 134-B3232 / o.Ang.

Die Bedeutung der „Luftschiff-Flotte“ wuchs mit der Zeit, und die Idee von Angriffsfahrten auf feindliche Städte in Belgien, Frankreich und vor allem in England nahm Form an.

Als erste deutsche Streitkräfte bombardierten am 19. Januar 1915 die Zeppeline L 3, L 4 und L 5 mehrere Küstenstädte in England.

Flugplan des L 53 über England | BArch RM 116/4
Die Ballastverteilung des L 53. Das Leergewicht eines Luftschiffes betrug etwa 40 Tonnen. Je nach äußeren Bedingungen konnten sie dabei eine Nutzlast von 25-30 Tonnen tragen, bestehend unter anderem aus Besatzung, Bewaffnung, Benzin, Tanks und Wasserballast. Am L 53 kam bei 196,5 m Länge und einem Rumpfdurchmesser von 23,9 m nach einem Motorentausch eine Gesamtzahl von 1300 PS zustande. | BArch RM 116/4
Die Zeppeline nutzten erstmals das Funknavigationsverfahren: Das Luftschiff meldete sich bei der Landstation, welche die Richtung der Funksignale einpeilte und an das Luftschiff weiterleitete, wo sie auf einer Karte eingetragen wurden. Hier der Flugplan des L 52 auf einer Marinequadratkarte. | BArch RM 116/7

Die Angriffe waren jedoch mit Schwierigkeiten verbunden: Angriffsfahrten konnten nur noch bei Nacht stattfinden, nachdem die Luftschiffe tagsüber ein zu leichtes Ziel abgaben. Es gab zudem große Ungenauigkeiten beim Bombenabwurf, und auch beim eigentlichen Orten der Städte standen die Besatzungen vor Problemen.

Aus der mangelnden Treffsicherheit resultierte ein hoher Anteil an getroffenen zivilen Objekten, was zu Toten und Verletzten unter der englischen Zivilbevölkerung führte.

In der Reichsregierung wurde diese Ungenauigkeit kritisiert – die deutsche Öffentlichkeit hingegen feierte die Luftangriffe als einen Erfolg.

Der Kaiser willigte letztendlich ein, die englische Hauptstadt zu bombardieren. Er wünschte jedoch ausdrücklich die Verschonung von historischen Bauten und den Königspalästen.

In die Angriffs-Planungen wurden nun kriegswichtige Objekte, u.a. Kasernen, Lagerhallen und Häfen, aber auch wirtschaftsrelevante Objekte wie die Bank of England oder die Börse aufgenommen.

Der Bericht über das Fernunternehmen des Luftschiffes L 23: „[...] Befehl: England Süd, wenn möglich London angreifen“. | BArch RM 116/28

“Die 'Parterreakrobaten' [Anm.: Bodenpersonal] schaffen auf Karren aus dem Munitionslager die Bomben an das Schiff, wo sie eingehängt werden. […] Pünktlich zur festgelegten Zeit verlässt L 111, wie ein erwachtes Ungeheuer, die Halle. Kurz danach liegt das Schiff klar zum Ausstieg auf dem Platz. Die Maschinen fangen an zu gehen, das Schiff wird hochgeworfen, - und auf geht es. 'Gegen England!'”

Oberleutnant zur See Freiherr Treusch von Buttlar-Brandenfels, in: “Im Marineluftschiff gegen England!”.

Die Bewaffnung der Luftschiffe unterteilte sich in Angriffs- und Abwehrwaffen. Meist wurden für Angriffe Spreng- und Brandbomben und zur Abwehr Maschinengewehre genutzt. | BArch Bild 134-B3310 / o.Ang.

Die Einsatzfähigkeit der Luftschiffe war stark von wetterbedingten Einflüssen abhängig. Immer wieder mussten Schiffe notlanden oder Flüge abgebrochen werden und die Schiffe zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren. 

Während die Luftstreitkräfte den Einsatz von Luftschiffen ab 1917 einstellten, behielt die Marine ihre eigenen und die von den Luftstreitkräften erhaltenen Schiffe noch bis Ende des Krieges im Einsatz.

Wenngleich die Luftschiffe ihren hohen Erwartungen oftmals gerecht wurden, konnte dennoch nicht verhindert werden, dass über die Hälfte aller Luftschiffe von Heer und Marine im Laufe des Krieges durch Feindeinwirkung oder Unfälle zerstört wurden.

„Da wird plötzlich der ganze Himmel hell. Alles sieht nach achtern, wo der Lichtschein herkommt. Ein feuriger, brennender Ball steht hoch oben in der Luft. Einen Augenblick nur. Dann fängt er an zu senken, zu fallen - erst langsam, dann schnell und immer schneller. [...] Kein Zweifel, - ein Luftschiff ist in Brand geschossen … ein Luftschiff stürzt ab; stürzt in Flammen.“

Oberleutnant zur See Freiherr Teusch von Buttler-Brandenfels in “Im Marineluftschiff gegen England!” über den Abschuss des L 32 während eines Geschwaderangriffes.

Das schwer zerstörte Luftschiff L 5 an der Westfront | BArch, Bild 183-R00352 / o.Ang.
Der Bericht des L 33 über die Angriffsfahrt auf London. Sie endete mit dem Absturz des Schiffes. | BArch RM 116/4
Das Wrack des L 33 nach dem Absturz in Essex. Die nur leicht verletzte Besatzung versuchte das Schiff noch vor Eintreffen der Engländer am Unfallort vollständig zu zerstören. Dies gelang jedoch nicht planmäßig und so konnten die Engländer noch während des Krieges weitere Luftschiffe unter Vorbild der deutschen Konstruktionsteile des L 33 bauen. |  BArch Bild 183-R40400 / o.Ang.
England hatte zu Beginn des Krieges sechs dem Heer zugeteilte Luftschiffe. Hier ein englisches Marine-Luftschiff.| BArch, Bild 134-B2302 / o.Ang.
Das französische Luftschiff „Alsace“ nach einer Notlandung | BArch, Bild 183-R41759 / o.Ang.
Für das Ein- und Ausbringen der Luftschiffe wurde bei planmäßigen Starts oder Landungen eine Vielzahl an Bodenpersonal - die sogenannte Haltemannschaft - mit einer Stärke von etwa 180 Mann benötigt. | BArch, Bild 183-S53523 / o.Ang.

Die Personalstärke der einzelnen Luftschiffe belief sich meist auf 20-25 Personen. Die Besatzung war auf jedem Flug schwierigen Bedingungen ausgesetzt, darunter Kälte, Wind, Regen, Schneefall und nicht zuletzt der Höhenluft und dem damit verbundenen Sauerstoffmangel. 

Besonders wenn die Luftschiffe durch Fliegerangriffe schnell an Höhe gewinnen mussten, machte sich der Sauerstoffmangel bemerkbar. Das Ergebnis war Erbrechen, Bewusstlosigkeit und der damit einhergehende zeitweilige Ausfall der betroffenen Besatzungsmitglieder.

Nicht selten führte der Einsatz auf den Luftschiffen auch zu lebenslangen gesundheitlichen Schäden.

Die Besatzung des L 35 (im Vordergrund ein Hund als Maskottchen) | BArch, Bild 134-B2952 / o.Ang.,
Kriegstagebuch des L 54. Zusammen mit privaten Aufzeichnungen geben sie einen besonderen Einblick in den Alltag der Besatzung und die Geschehnisse an Bord der Schiffe. | BArch RM 116/7

Unter anderem der Fall des L 33 zeigt, dass Abstürze - gleich ob durch feindliche Angriffe, wetterbedingte oder auch technische Umstände - nicht zwangsläufig zum Tod der Besatzung führten.

In vielen Fällen jedoch, vor allem wenn das Schiff brennend abgeschossen wurde, verloren die Besatzungsmitglieder oder Teile der Besatzung bei einem unkontrollierten Fall auf die Erde ihr Leben.

40 Offiziere und über 300 Marinesoldaten fanden während der Kampfhandlungen mit Luftschiffen im Ersten Weltkrieg den Tod - unter ihnen auch der Führer der Luftschiffe (FdL) Peter Strasser.

Führer der Luftschiffe (FdL) Peter Strasser | BArch, Bild 134-B2894 / o.Ang.

Fregattenkapitän Peter Strasser, als Führer der Luftschiffe (FdL) vornehmlich für die Planung und den Einsatz der Marineluftschiffe zuständig, nahm regelmäßig selbst an Angriffsfahrten teil.

So auch am 5. August 1918, wo er mit dem neuesten Luftschiff L 70 (LZ 112) und fünf weiteren Schiffen für einen Geschwaderangriff gegen England startete.

Strasser und der Rest der Besatzung von L 70 starben noch am selben Tag, als das Schiff bei seiner Fahrt über Norfolk in über 5000 m Höhe durch ein britisches D.H.4-Kampfflugzeug brennend abgeschossen wurde.

Später bargen die Briten das Wrack und bestatteten Strasser über See.

Knapp ein Jahr zuvor, am 20. August 1917, war der geachtete Kapitän noch für seine Verdienste mit dem Orden Pour le Mérite ausgezeichnet worden.

Das L 30 auf einem Flugfeld mit Bodenpersonal. Das Schiff war mit zehn Aufklärungen und 31 Angriffen mit insgesamt 23.305 kg abgeworfenen Bomben das erfolgreichste Schiff des Ersten Weltkrieges. Am 17. November 1917 wurde es außer Dienst gestellt und nach Kriegsende als Reparationszahlung an Belgien übergeben | BArch, Bild 134-B3221 / o.Ang.

Im Versailler Vertrag, der den Ersten Weltkrieg formal beendete, wurde Deutschland im Dritten Abschnitt für Luftstreitkräfte in den Artikeln 198 – 202 jegliche militärische Luftfahrt und der Besitz von militärischen Schiffen verboten.

Sämtliche nach Kriegsende verbliebenen Luftschiffe wurden den Siegermächten übergeben oder fielen vorher der Selbstzerstörung zum Opfer.

Credits: Story

Quellen — Bild 134 Institut für Meereskunde | Bild 183 Allgememeiner deutscher Nachrichtendienst - Zentralbild | RM 115 "Führer der Luftschiffe" | RM 116 "Marine-Luftschiffabteilungen und -trupps der Kaiserlichen Marine" |  RM 117 "Marine-Luftschiffe"
Literaturhinweis — Robinson, Douglas H. : Deutsche Marine-Luftschife 1912-1918 | Buttlar Brandenfels, Horst Freiherr Treusch von: Zeppeline gegen England, Leipzig 1932 | Schmalenbach: Die Deutschen Marine-Luftschiffe         

Credits: All media
The story featured may in some cases have been created by an independent third party and may not always represent the views of the institutions, listed below, who have supplied the content.
Translate with Google
Home
Explore
Nearby
Profile