1914 bis 2000

Jan Karski. Humanity's Hero®

Museum der Geschichte Polens

"Ich war ein unbedeutender kleiner Mann. Meine Mission war wichtig."
Jan Karski in einem Interview mit Claude Lanzmann, 1978

Im Juli 1942 begannen die Nationalsozialisten mit den Massendeportationen von Juden aus dem besetzten Warschau in das Vernichtungslager Treblinka. Jan Karski, ein junger Diplomat, der als Kurier für den polnischen Untergrund tätig war, hatte eine Mission von unglaublicher Wichtigkeit. Er meldete sich freiwillig, um Augenzeugenberichte von der Vernichtung des jüdischen Volkes in Polen in die freie Welt zu schmuggeln. Zweimal drang er ins Warschauer Ghetto und später in das Durchgangslager Izbica in Lubelska vor. 

Trotz unglaublicher Widrigkeiten erreichte Karski unter Verwendung falscher Identitäten Ende November London. Dort verfasste er ausführliche schriftliche Berichte für die polnische Exilregierung in London und informierte den britischen Außenminister Anthony Eden. Anschließend wurde er nach Washington gesandt, wo er sich für eine Stunde mit Präsident Franklin D. Roosevelt im Oval Office traf.

Zum Zeitpunkt als Karski Alarm schlug, hatte man die meisten jüdischen Bürger Polens bereits getötet. Aber noch blieb Zeit, die wenigen Überlebenden zu retten. 

Karski, der 86 Jahre alt wurde, betrachtete die Untätigkeit der freien Welt als "zweite Erbsünde" der Menschheit. Seine aufgezeichneten Augenzeugenberichte zählen zu den eloquentesten Erklärungen gegen Krieg und fordern zum Handeln gegen Diskriminierung und Erniedrigung, Ungerechtigkeit und Brutalität auf – Voraussetzungen für politischen Mord und Völkermord.

Die multikulturelle Industriestadt Łódź ist der Geburtsort von Jan Karski (eigentlich Jan Kozielewski).

Aufgewachsen in der Metropole der Textilindustrie, die um die Jahrhundertwende zum "gelobten Land" für Menschen unterschiedlichster Herkunft wurde, lernte Karski schon in jungen Jahren die Bedeutung von Toleranz und Kooperation.

Die Familie Kozielewski, aufgenommen in einem Atelier in Łódź im Jahr 1918, also in dem Jahr, in dem Polen seine Unabhängigkeit nach 130 Jahren der Teilung und Fremdherrschaft wiedererlangte
Jan Karski mit seinem älteren Bruder Edmund 1922

Karskis katholische Familie bewohnte gemeinsam mit jüdischen Familien ein Mietshaus und seine fromme Mutter ermahnte ihn oft, auf die jüngeren Kinder dieser Familien aufzupassen. 

Karskis ältester Bruder, Marian Kozielewski, schloss sich den Legionen von Marschall Piłsudski an und war am erfolgreichen Kampf Piłsudskis für die nationale Unabhängigkeit im Jahr 1918 beteiligt. Auf dem Foto sind Karskis Geschwister zu sehen: Cyprian, Laura und Marian (von links nach rechts).

Karski stammte aus bescheidenen Verhältnissen. Sein Vater, Stefan Kozielewski, war Lederer und Handwerker. Er starb, als Karski 6 Jahre alt war. Karskis ältester Bruder Marian übernahm daraufhin die Vaterrolle. Sowohl Karskis Mutter Walentyna als auch Marian erzogen ihm einen Idealismus an, der für diese Generation typisch war, die Gott, Ehre und Vaterland als die drei Säulen der Zweiten Republik betrachtete. 

Das Erbe seiner Familie, sein Talent und die gute Position seines Bruders Marian in der Zeit zwischen den Kriegen bestimmten Karskis Jugend. Nachdem er die Universität mit Bravour abgeschlossen hatte, kam er seinem Traum näher, Diplomat zu werden. 
Karski schloss 1935 an der Universität Lemberg sein Studium in Rechtswissenschaften und Diplomatie ab.

Jahre später gestand Karski, dass sein Ehrgeiz einer der Gründe war, die ihn davon abhielten, sich für die verfolgten jüdischen Studenten an der Universität einzusetzen. Karski hatte Angst, sich seine Zukunft zu verbauen.

Überall in Europa schürten Nationalisten die antijüdische Stimmung, auch in Polen, und es kam zur Judenverfolgung in unterschiedlichster Form.

Jan Karski und seine Begleitung, Silvester 1938/39 in Warschau

1936 nahm Karski seine Tätigkeit für das Außenministerium auf. Diese Position öffnete ihm die Türen zur High Society Warschaus. Anschließend verbrachte er mehr als ein Jahr im Ausland und absolvierte Praktika bei Auslandsvertretungen in Genf und London.

In der Nacht des 23. August 1939 erfolgte die geheime Indienststellung Karskis, die seinen Jugendträumen ein jähes Ende bereitete.  

Karski erinnerte sich in einem Interview mit E. Thomas Wood an die Atmosphäre nach der Mobilisierung und dem Ausbruch des Kriegs. 
Am 1. September 1939 brach der Krieg aus. Um 5 Uhr morgens bombardierten deutsche Flugzeuge die Kaserne in Auschwitz, wo Karskis Einheit stationiert war. Ein paar Stunden später zogen sich der Leutnant und sein Bataillon in den Osten zurück. 
Deutscher Soldat beim Markieren eines Grenzpostens an der deutsch-sowjetischen Demarkationslinie

Am 23. August 1939 wurde der geheime deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt in Moskau unterzeichnet, der Osteuropa in deutsche und sowjetische Interessensphären unterteilte. In einem geheimen Protokoll wurde die Aufteilung der Gebiete, einschließlich Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland und Rumänien, geregelt. Dieser Pakt ebnete den Weg für die sowjetische Invasion in Polen aus dem Osten, während das Land in einem aussichtslosen Krieg gegen Hitlers Armee kämpfte.

Der Molotow-Ribbentrop-Pakt (Hitler-Stalin-Pakt) stellte die Weichen für die sowjetische Invasion in Polen aus dem Osten, während die Polen gegen Hitlers Armee kämpften.

"[Wir wurden überwältigt vom Gefühl der] Schmach und Schande. Es ging alles so schnell. Die Nation war überhaupt nicht vorbereitet."

Jan Karski spricht im Jahr 1995 mit Journalist Maciej Wierzyński.
Karski erinnerte sich in einem Interview mit E. Thomas Wood daran, wie er den Zusammenbruch Polens wahrgenommen hatte. 
Als Kriegsgefangener der Roten Armee entging Karski knapp dem Massaker im Wald von Katyn.

Am 17. September 1939 marschierte die Sowjetarmee in Polen ein. Karski und sein Bataillon zogen Richtung Tarnopol in der Ukraine, als sie auf die Rote Armee trafen. Die Sowjets versprachen, mit ihnen zu kooperieren, stattdessen nahmen sie sie gefangen und schickten sie in ein Lager in Koselsk in Russland. 

Die Offiziere wurden schlechter behandelt als die Soldaten. Als die Deutschen und Russen einen Kriegsgefangenenaustausch ankündigten, war dieser strikt geregelt: Nur Gefreite durften daran teilnehmen. Ohne zu zögern tauschte Karski seine Offiziersuniform gegen die eines Gefreiten und behauptete, ein Fabrikarbeiter aus Łódź zu sein. Diese List rettete ihm das Leben. Die polnischen Offiziere wurden zurückgelassen und im Wald von Katyn bei Smolensk im heutigen Russland durch eines der abscheulichsten Kriegsverbrechen ermordet. 

Karski entging der Gefangennahme durch die Deutschen durch einen Sprung aus einem fahrenden Zug. Er gelangte zu Fuß nach Warschau. Wie die meisten der klügsten und patriotischsten Polen schloss sich Karski sofort dem polnischen Untergrund an, der größten und bedeutendsten Widerstandsbewegungen im besetzten Europa während des Krieges.

Karski berichtete der polnischen Exilregierung nicht nur über die politische Szene, sondern auch über die Haltung der Bürger gegenüber den Besatzern, über den Kampfgeist der Polen.

Karski begann Ende 1939 für den polnischen Untergrund zu arbeiten. Aufgrund seines scharfen Verstands und seines hervorragenden Gedächtnisses wurde er schnell zu einem der ausgewählten Abgesandten, die zwischen der polnischen Exilregierung und dem Untergrund eingesetzt wurden. Während seiner ersten Mission im Jahr 1940 erstattete er Bericht an die polnische Regierung, die sich zu diesem Zeitpunkt in Angers in Frankreich befand, und informierte sie über die Situation im besetzten Polen. Er kehrte mit den organisatorischen Richtlinien der Regierung für die Anführer der Untergrundbewegung zurück. Karski merkte sich die entscheidenden Informationen und diktierte bei seiner Ankunft Berichte.

Karski nutzte falsche Identitäten, Transportmittel und seinen Einfallsreichtum und riskierte sein Leben, um seine vier Missionen als polnischer Untergrundkurier zu erfüllen: erste und zweite Mission 1940 – gelbe Linie: Warschau-Angers-Warschau; dritte Mission 1940 – blaue Linie: Warschau-Angers, in Demjata (Slowakei) abgebrochen; vierte Mission 1942 – rote Linie: Warschau-London über Brüssel, Paris, Perpignan, Barcelona, Madrid und Gibraltar.
Bei seiner ersten Mission für die polnische Exilregierung in Angers in Frankreich im Jahr 1940 hatte Karski den Auftrag, über die allgemeine Situation der Polen unter der Besatzung zu berichten. Zu diesem Zeitpunkt machte er die polnischen Behörden auf die ernste Lage der polnischen Juden aufmerksam.
Offizielle Bekanntmachungen der Nazis, die die polnischen Bürger einschüchtern sollten, schränkten das tägliche Leben der Menschen stark ein.

Karski informierte die polnische Exilregierung über die Einzelheiten der Situation. Unter der deutschen Besatzung liefen polnische Bürger nicht nur wegen ihrer Mitgliedschaft in der Untergrundbewegung Gefahr, gefangen und getötet zu werden, sondern auch im Alltagsleben. Die notwendige Essensrationierung führt dazu, dass die Menschen hungerten. Diejenigen, die noch Geld hatten, konnten sich auf dem Schwarzmarkt mit Waren des täglichen Bedarfs versorgen.

Die Besatzer versuchten nicht nur, die Moral der polnischen Bürger zu untergraben, sondern die polnische Nation auch in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht zu schwächen. Alle Hochschulen wurden geschlossen und die Ausbildung in polnischer Sprache wurde verboten und mit dem Tode bestraft. Die Beschlagnahmung von Eigentum wurde alltägliche Praxis. Entsprechend war das Leben unter der Besatzung von ständiger Angst vor willkürlich durchgeführten Razzien und Hinrichtungen geprägt, da die Menschen immer wieder Gefahr liefen, gegen die neuen Regeln des NS-Regimes zu verstoßen und dafür Repressalien erleiden oder sterben zu müssen.

Die polnische Exilregierung in Angers in Frankreich beauftragte Jan Karski damit, sich die grundlegenden Strukturen des polnischen Untergrunds, die Aufteilung der Zuständigkeiten und die Kommunikation einzuprägen. Der Abgesandte Karski übermittelte das gesamte Konzept an die politischen Führer im besetzten Polen. Auf Grundlage dieser Weisungen nahm die erste und bedeutendste europäische Widerstandsbewegung in Kriegszeiten Gestalt an.

Struktur des polnischen Untergrundstaats und dessen Beziehung zur Exilregierung im Jahr 1942

Karski brach im Juni 1940 zu Fuß über die Tatra zu einer dritten Mission zurück nach Angers mit Informationen auf, die er von den wichtigsten Anführern des Untergrunds erhalten hatte. Das Wetter war so schlecht, dass er über Nacht Rast in dem slowakischen Dorf Demjata einlegte, wo ein bestochener Wirt ihn an die Gestapo verriet. Karski wurde verhaftet und gefoltert und versuchte Selbstmord zu begehen, um keine Geheimnisse preiszugeben. Aber er wurde gerettet und in ein Krankenhaus in Nowy Sącz in Polen gebracht. Jan Słowikowski, ein junger Arzt, der die Widerstandsbewegung unterstützte, sowie eine Gruppe von Mitverschwörern organisierten Karskis waghalsige Flucht.

Gedenktafel für die Menschen, die getötet wurden, weil sie Karski bei der Flucht aus einem Krankenhaus in Nowy Sącz unterstützten

Die Bürger des Landes, zu 70 % verarmte Landbevölkerung, waren zumeist demoralisiert. Das Leben unter der Besatzung war von ständiger Angst, Argwohn und Misstrauen geprägt. Das Verhältnis zwischen Polen und Juden, das bereits vor dem Krieg angespannt war, verschlechterte sich stetig, als Hitlers Schergen mit der Umsetzung der "Endlösung" im besetzten Polen begannen.  

Die Anführer der Untergrundbewegung kannten die Haltung vieler polnischer Christen gegenüber ihren jüdischen Landsleuten. Sie betrachteten den Antisemitismus als Schande für die Nation. In offiziellen Broschüren und illegale Publikationen warnten sie diejenigen, die bei der Umsetzung des antijüdischen Terrors halfen, vor möglichen Konsequenzen.

Die Leitung für den Zivilen Kampf warnte davor, Juden zu denunzieren.
Karski erinnerte sich an seine Begegnung mit den Wertheims, einer jüdischen Familie, und daran, wie er vorgab, ein "Szmalcownik" (Erpresser) zu sein, um sie zu retten. 
Eine offizielle Proklamation der Untergrundorganisation Front Odrodzenia Polski (Front für die Wiedergeburt Polens), die Karskis Mentorin und Vertraute, Zofia Kossak, verfasste. Sie war Mitbegründerin der katholischen Front Odrodzenia Polski und des Rats für die Unterstützung der Juden (Żegota), außerdem Autorin von historischen Bestseller-Romanen. 

"Die Welt schaut auf diese Gräueltat, die noch schrecklicher ist als alles, was jemals zuvor geschehen ist – und schweigt. ... Dieses Schweigen kann nicht länger geduldet werden. Was auch immer die Motive dafür sein mögen, sie sind verabscheuungswürdig. Angesicht des Verbrechens darf man nicht untätig bleiben ... Wer angesichts des Abschlachtens schweigt, wird zum Handlanger der Mörder. Wer es nicht verurteilt, erklärt seine Zustimmung."

Zofia Kossak schrieb einen "Protest". 

Die Vorschriften der Nationalsozialisten verlangten, dass Personen, die Informationen über versteckte Juden vorenthielten oder ihnen gar halfen oder sie versteckten, schwer bestraft oder sogar hingerichtet wurden. Außerdem brachten die Helfer dadurch ihre gesamte Familie in Gefahr. 

Aus der Verordnung des Generalgouverneurs Hans Frank vom 15. Oktober 1941: "Juden, die den ihnen zugewiesenen Wohnbezirk unbefugt verlassen, werden mit dem Tode bestraft. Die gleiche Strafe trifft Personen, die solchen Juden wissentlich Unterschlupf gewähren." 

Die Nationalsozialisten begannen am 22. Juli 1942 mit der Massendeportation von Juden aus dem Warschauer Ghetto in die Todeslager Treblinka. 

Juden aus dem Warschauer Ghetto auf dem Weg zum Umschlagplatz, wo sie sich für die Deportation in das Vernichtungslager Treblinka sammeln mussten
Als Karski im Ghetto eintraf, waren bereits fast 300.000 Juden deportiert worden.

Im Herbst 1942 unternahm Karski seine letzte und wichtigste Mission – eine, die die letzten überlebenden Juden in Polen hätte retten können. Er konnte als Augenzeuge der Vernichtung der Juden in Polen über die "Endlösung" berichten. Er wurde zweimal ins Warschauer Ghetto eingeschleust, um sich ein Bild von der schrecklichen Lage der Juden zu machen.

"Das war nicht die Welt. Es war nicht die Menschheit. Es war eine Hölle.", erklärte Karski 36 Jahre später in einem Interview mit Claude Lanzmann.

"Nackte Körper auf der Straße. Ich fragte meinen Begleiter 'Warum liegen sie hier?' Er sagte: 'Nun, sie haben ein Problem. Wenn ein Jude stirbt und die Familie will eine Beerdigung, müssen sie Steuern dafür bezahlen. Also werfen sie sie einfach auf die Straße. Sie können es sich nicht leisten. Also sagen sie, dass jeder Lumpen zählt, und nehmen ihnen die Kleider ab."

Karski beschrieb Claude Lanzmann im Jahr 1978 seinen Besuch im Ghetto.

Die jüdischen Anführer, die Karski ins Ghetto geschleust hatten, arrangierten seinen Besuch in einem Durchgangslager der NS für Juden. Dabei sah er mit an, wie Juden in Züge gepfercht und in den Tod geschickt wurden. Karski war bei seinem Aufenthalt im Durchgangslager in Izbica getarnt. Jahrelang glaubte er, im Konzentrationslager in Bełżec gewesen zu sein, wie er in seinem Buch "Story of a Secret State" von 1944 beschrieb. Später erinnerte er sich an diese schreckliche Erfahrung in einem Interview für Lanzmanns "Shoah".

Karski erinnerte sich bei einem Interview mit dem französischen Filmemacher Claude Lanzmann im Jahr 1978 an seinen Besuch in Izbica. 
Juden zusammengepfercht in einem Zug nach Treblinka am Umschlagplatz in der Stawki-Straße in Warschau im Jahr 1942
Karski beschrieb Claude Lanzmann die Methoden der Nationalsozialisten zur Umsetzung der "Endlösung". 

"Sie stießen sie mit Gewehrkolben, schossen auf sie und schoben sie in die Güterwaggons. Sie hoben ihre Körper über die Köpfe der anderen in die Waggons. Nachdem zwei Waggons mit Menschen gefüllt worden waren, setzte der Zug sich in Bewegung. Mir war schlecht."

Trotz unglaublicher Widrigkeiten erreichte Karski unter Verwendung falscher Identitäten Ende November London. Dort verfasste er ausführliche schriftliche Berichte für die polnische Exilregierung in London und informierte den britischen Außenminister Anthony Eden. Anschließend sandten ihn seine Vorgesetzten nach Washington, wo er sich für eine Stunde mit Präsident Franklin D. Roosevelt traf. Er appellierte an beide Politiker, den Holocaust zu stoppen, doch seine Botschaft stieß weitgehend auf taube Ohren. 

Eine Mitteilung vom 10. Dezember 1942 an die Regierungen der Alliierten und an neutrale Regierungen über die Massenvernichtung von Juden im von Deutschland besetzten Polen

Am 10. Dezember 1942 übersandte das polnische Außenministerium eine Mitteilung an die Regierungen der Vereinten Nationen, die die fortlaufenden Massaker an der jüdischen Bevölkerung im besetzten Polen beschrieb. Die Beschreibung basierte unter anderem auf dem Augenzeugenbericht von Jan Karski. 

Nach einer Woche verurteilten die Alliierten offiziell die deutsche Politik der Judenvernichtung in Europa. Der britische Außenminister Anthony Eden verlas die Bedingungen der Erklärung im Unterhaus und die Mitglieder verharrten in Stille, um geschlossen ihre Unterstützung dafür zu demonstrieren. Die BBC übertrug die Verlesung der Erklärung in den Abendnachrichten.

"Die zwölf alliierten Regierungen sind auf zahlreiche Berichte aus Europa aufmerksam gemacht worden, denen zufolge die deutschen Behörden sich nicht damit begnügen, Personen jüdischer Rasse in allen ihrer barbarischen Herrschaft unterworfenen Gebieten die elementarsten Menschenrechte zu verweigern, sondern jetzt die oft wiederholte Absicht Hitlers verwirklichen, die jüdische Bevölkerung in Europa auszurotten. … Die oben genannten Regierungen und das Französische Nationalkomitee verurteilen diese bestialische Politik einer kaltblütigen Ausrottung aufs Schärfste. … Sie bekräftigen noch einmal ihren feierlichen Beschluss, dafür Sorge zu tragen, dass die für diese Verbrechen Verantwortlichen ihrer Strafe nicht entgehen, und die zur Erreichung dieses Zieles erforderlichen praktischen Maßnahmen durchzusetzen."

Erklärung der 12 alliierten Regierungen bezüglich der Verantwortung für die Vernichtung der Juden, 17. Dezember 1942

Dutzende von Politikern, Journalisten und Schriftstellern – die Führer der freien Welt – hörten Karskis schockierenden Augenzeugenbericht. Er informierte den britischen Außenminister Anthony Eden, den amerikanischen Außenminister Cordell Hull, den Richter am Obersten Gerichtshof Felix Frankfurter und sogar US-Präsident Franklin D. Roosevelt. Der Abgesandte flehte die Machthaber an zu handeln. Bei der Überbringung der Forderung der jüdischen Führer erstattete er detailliert Bericht über das, was er gesehen hatte. "Ich war eine Kamera", "Ich war eine Maschine", "Ich war wie eine Schallplatte", sagte Karski später immer wieder. 

Jan Karski 1943

"Ich war wie eine Schallplatte."

Karskis Aussage in späteren Zeiten 
Karski erinnerte sich an eine der denkwürdigsten Begegnungen seines Lebens: das Treffen mit Szmul Zygielbojm, einem Mitglied des Nationalrats der polnischen Exilregierung.
Einige Monate nach Karski Treffen mit Szmul Zygielbojm begannen die Juden des Warschauer Ghettos im April 1943 eine Revolte – den Aufstand im Warschauer Ghetto. Nur unzureichend bewaffnet hielten sie den Widerstand für drei Wochen aufrecht. Mitte Mai 1943 brannten die Deutschen das Ghetto nieder. Die Menschen, die sich noch darin befanden, kamen dabei um. Vom Ghetto blieben nur schwelende Ruinen übrig.

Szmul Zygielbojm nahm sich in London das Leben. Er hinterließ einen Brief, in dem er erklärte, das sein Selbstmord ein Zeichen des Protests gegen die Passivität der Alliierten gegenüber dem Schicksal der Juden sein sollte, und dass er hoffte, durch seinen Tod das Leben einiger noch verbliebener Juden retten zu können. 

"Die Judenfrage während des Zweiten Weltkrieges wird auch durch den Tod Zygielbojms versinnbildlicht. Er veranschaulicht diese völlige Hilflosigkeit, diese Gleichgültigkeit der Welt."
Szmul Zygielbojms Abschiedsbrief vom 11. Mai 1943
Am 28. Juli 1943 berichtete Karski Präsident Franklin D. Roosevelt über die Situation im besetzten Polen und über die schreckliche Situation der jüdischen Bevölkerung.
Präsident Franklin D. Roosevelt

Genau wie Jan Karski selbst hätte jeder erwartet, dass Präsident Franklin D. Roosevelt, einer der bedeutendsten Machthaber der Welt, den Holocaust hätte stoppen und die verbliebenen Juden mithilfe der amerikanischen Streitkräfte als deren Oberbefehlshaber retten können. Doch erst viel später griff die US-Regierung ein und gründete das War Refugee Board, um schließlich 200.000 europäische Juden zu retten.

1943 traf Karski Felix Frankfurter, der Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten war. Karski war erschüttert, weil der Richter nicht glauben wollte, dass es menschliche Grausamkeiten von so ungeheurem Ausmaß geben konnte.

"Mein Geist, mein Herz sind so geschaffen, dass ich das nicht akzeptieren kann. Ich bin Richter. Ich kenne die Menschheit. Ich kenne die Menschen. Unmöglich! Nein! Nein!"

Felix Frankfurters Aussage, nachdem er Karskis Bericht gehört hatte 

Nachdem Karskis Tarnung von den Nazis aufgedeckt worden war, konnte er nicht mehr nach Polen zurückkehren. Die Exilregierung betraute ihn mit einer neuen Aufgabe: Er sollte Hollywood davon überzeugen, einen Film über die polnischen Kriegsanstrengungen zu drehen, um die öffentliche Meinung zur drohenden Herrschaft der Sowjets über Polens zu beeinflussen. Nachdem der Film nicht zustande kam, begann Karski, Tag und Nacht an einem Buch über den polnischen Untergrund und seine Kriegserlebnisse zu arbeiten. "Story of a Secret State" wurde in den USA von Houghton Mifflin veröffentlicht und mit 400.000 verkauften Exemplaren über Nacht zum Sensationserfolg. Es wurde bald darauf ins Französische, Schwedische, Norwegische und Isländische übersetzt.

Erstausgabe von "Story of a Secret State"

Als "Story of a Secret State" zum Bestseller wurde, lud man Karski ein, überall in den USA und Kanada Vorträge über den polnischen Untergrund und die Situation des von den Nationalsozialisten besetzten Polens zu halten. Dann änderte sich die Situation plötzlich.

Karski hielt überall in den USA und in Kanada Vorträge über den polnischen Untergrund.

1945 erkannte die US-Regierung die neue von Sowjets eingeführte polnische Marionettenregierung in Lublin an. Karski und das Polen, das er vertreten hatte, waren auf Geheiß von "Uncle Joe" Stalin unter den Teppich gekehrt worden. In dem nun unter sowjetischer Herrschaft stehenden Polen gab es keinen Platz für Opposition. Folglich wurden alle überlebenden Kämpfer des Untergrundstaates als "geifernde Zwerge der Reaktion" bezeichnet und skrupellos von der neuen herrschenden Elite beseitigt.   

Jan Karski 1943

Da er nicht nach Polen zurückkehren konnte, begann Karski ein neues Leben in Amerika. Er kämpfte sich durch und renovierte Häuser, um sein Einkommen aufzubessern. Dann wurde er von Edmund A. Walsh, dem Präsidenten der Georgetown University, eingeladen, eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Georgetown wurde Karskis neue Heimat, dort blieb er über 40 Jahre lang, lehrte an der School of Foreign Service und prägte so Generationen künftiger Führungskräfte.  

1952 promovierte Jan Karski an der Georgetown University. 

1965 heiratete Jan Karski die polnisch-jüdische Tänzerin und Choreographin Pola Nireńska – die Liebe seines Lebens. Die meisten Mitglieder ihrer jüdischen Familie wurden während des Kriegs in Vernichtungslagern ermordet. Nur Nireńska und ihre Eltern konnten fliehen. Sie verließ Polen früh in der Zwischenkriegszeit und verwirklichte ihren Traum, Tänzerin zu werden, während ihre Eltern in den 30er-Jahren nach Palästina emigrierten, da sie bereits ahnten, welches Schicksal den Juden in Europa drohte. 

Nireńska wurde kurz vor der Hochzeit katholisch getauft. Karski erinnerte sich später, dass seiner Frau die Vorstellung gefiel, dass dem Katholizismus zufolge Gott eine Jüdin als Mutter seines geliebten Sohnes ausgewählt hatte. 

30 Jahre lang äußerte sich Karski kaum über seine Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs. Es ist nur der Beharrlichkeit des französischen Filmemachers Claude Lanzmann zu verdanken, der einen Dokumentarfilm über den Holocaust drehte, dass Karski sich einverstanden erklärte, seine Geschichte einem breiteren Publikum zu erzählen.

Das achtstündige Interview bereitete die Bühne für Karskis "zweite Mission": über den Holocaust und die Untätigkeit der Machthaber der freien Welt zu sprechen. Als Professor betonte er die Bedeutung des Gewissens und die Werte des Einzelnen und verurteilte den herzlosen Pragmatismus der Nationen, Organisationen und Staaten.

In Claude Lanzmanns "Shoah" erzählte Karski nach mehr als 30 Jahren seine Geschichte vor einem breiteren Publikum.

"Ich kehre nicht zu meinen Erinnerungen zurück... Ich spreche nicht darüber." 

In den frühen 80er-Jahren begann Karski seine "zweite Mission": Er erinnerte die Welt an die Gleichgültigkeit der Alliierten.

"Der Herr hat es mir bestimmt, während des Krieges zu reden und zu schreiben, wenn dies – wie es schien – denn helfen sollte. Es half nicht. Bei Kriegsende sagte man mir, weder die Regierungen noch hochrangige Politiker, weder Wissenschaftler noch Schriftsteller hätten vom Schicksal der Juden gewusst. Sie waren überrascht. Die Ermordung von 6 Millionen unschuldigen Menschen war ein Geheimnis geblieben. 'Ein schreckliches Geheimnis.' ... Da bin ich Jude geworden. … Aber ich bin ein christlicher Jude, praktizierender Katholik. Und obwohl ich kein Ketzer bin, bekenne ich, dass die Menschheit einen zweiten Sündenfall begangen hat: auf Befehl oder durch Fahrlässigkeit, durch selbst auferlegte Unwissenheit oder Gefühllosigkeit, aus Egoismus oder Heuchelei oder sogar aus kalter Berechnung. Dieser Sündenfall wird die Menschheit bis ans Ende der Welt verfolgen. Dieser Sündenfall verfolgt mich. Und ich will, dass es so ist."

Karskis Rede im Jahr 1981 auf der International Liberators’ Conference

Im Juni 1982 pflanzte Jan Karski einen Baum auf der Allee der Gerechten unter den Völkern auf dem Berg der Erinnerung in Jerusalem. In den folgenden Jahren erhielt er viele bedeutende Auszeichnungen: den Anti-Defamation League Courage to Care Award (1988, dieser wurde 2012 umbenannt in "Jan Karski Courage to Care Award"), die päpstliche Verdienstmedaille Benemerenti (1990), die Eisenhower Liberation Medal (1991), die Wallenberg Medal (1991) und die Presidential Medal of Freedom (2012), die von Präsident Barack Obama verliehen wurde.

Am 7. Juni 1982 wurde Jan Karski in Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern anerkannt.
Am 12. Mai 1994 wurde Professor Jan Karski Ehrenbürger des Staates Israel.

"Ich kam als Pole zur Welt, als Katholik, dann wurde ich Amerikaner und dann Israeli. Gloria in excelsis Deo. Ich bin stolz und glücklich. Durch die Ehrenbürgerschaft des Staates Israel bin ich an der spirituellen Quelle meines christlichen Glaubens angelangt."

Karskis Rede bei der Annahme der israelischen Ehrenbürgerschaft im Jahr 1994 

Professor Karski war ein gerechter Mann, ein echter Volksheld frei von Chauvinismus – er repräsentierte den "Stolz und die Noblesse der Polen von einst", wie ihn Adam Michnik beschrieb, als er den Jan Karski Eagles Award erhielt. 

In 80er- und 90er-Jahren trug der Professor zur Überwindung der schmerzvollen Kluft zwischen Polen und Juden in Amerika und auf der ganzen Welt bei und engagierte sich für den polnisch-jüdischen Dialog nach dem Krieg. Karski hatte den Mut, gegen den Strom zu schwimmen, er scheute sich nicht, das Verhalten seiner polnischen Landsleute und Polens Politik zu kritisieren.

1989 lösten sich die kommunistischen Systeme auf, zuerst in Polen, dann im Rest Mitteleuropas. Der Niedergang begann im Jahre 1980 mit der Gründung von Solidarność (Solidarität), freien Gewerkschaften. Diese Entwicklung war inspiriert von Papst Johannes Paul II. und Ergebnis der fortlaufenden Anstrengungen der demokratischen Opposition in Polen. Karski – Per­so­na non gra­ta in der in der Volksrepublik Polen – wurde schließlich die Anerkennung zuteil, die er verdiente. 

Lech Wałęsa am 10. November 1980, getragen von seinen Anhängern nach dem Triumph der Gewerkschaft Solidarność, die an diesem Tag offiziell staatlich registriert wurde
Plakat für die polnischen Wahlen am 4. Juni 1989, den ersten Wahlen im neuen demokratischen Polen 
1995 erhielt Karski von Präsident Lech Wałęsa die höchste polnische Auszeichnung für Zivilisten: den Orden des Weißen Adlers.
Die School of Foreign Service der Georgetown University, an der Karski mehr als 40 Jahre über die Geschichte des Kommunismus und die Weltgeschichte dozierte, ist eine der führenden Universitäten für junge amerikanische und internationale Studenten, die an internationaler Politik und am Weltgeschehen interessiert sind. Viele der heute prominenten Politiker, Leiter von Organisationen oder Führungskräfte aus der Wirtschaft waren Karskis Schüler.

Karski starb am 13. Juli 2000, aber sein Vermächtnis bleibt bestehen. Solange junge wie alte Menschen über die Schrecken des Holocaust während des Zweiten Weltkriegs im besetzten Polen erfahren müssen, hat Karskis Mission Bestand. Menschen auf der ganzen Welt bedürfen nach wie vor seiner Weisheit. Karski dient ihnen als Inspirationsquelle, er ist ihr Vorbild, wenn sie nicht wissen, wie sie sich unter schlimmsten Bedingungen verhalten sollen. Sie lernen, die Wahrheit zu verkünden. Jan Karski – Held der Menschheit – ruft jeden von uns im Namen der unterdrückten Völker überall auf der Welt zum Handeln auf.

Unzählige Personen und Institutionen widmen sich mit Herz und Seele dem Gedenken Professor Karskis und seiner Taten und diese Initiativen werden heute immer zahlreicher. Das Museum der polnischen Geschichte initiierte das Projekt "Jan Karski – Unfinished Mission" in Zusammenarbeit mit der Jan Karski US Centennial Campaign (inzwischen "Jan Karski Educational Foundation"). Zweck dieser Zusammenarbeit ist es, die Aufmerksamkeit auf diesen großen Mann zu lenken und Karskis Erbe im Rahmen internationaler Bildungsaktivitäten, öffentlicher Veranstaltungen und künstlerischen Darbietungen zu bewahren – im Vorfeld seines 100. Geburtstags im Jahr 2014 und darüber hinaus. 

Jan Karski im März 2000
Der ehemalige polnische Außenminister Adam Daniel Rotfeld nahm am 29. Mai 2012 die Presidential Medal of Freedom für Jan Karski von US-Präsident Barack Obama entgegen. 

"Wir müssen unsere Kinder darüber informieren, wie es zu diesem größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit kam, bei dem so viele Menschen ihren dunkelsten Instinkten erlagen und so viele andere wegsahen und schwiegen. Aber wir wollen unseren Kindern auch über die Gerechten unter den Völkern erzählen. Unter ihnen war Jan Karski, ein junger polnischer Katholik, der Zeuge wurde, wie Juden auf Viehwaggons verladen wurden, der die Morde gesehen hat und der die Wahrheit gesagt hat, die ihren Weg bis zu Präsident Roosevelt fand. Jan Karski starb vor mehr als einem Jahrzehnt. Aber heute bin ich stolz darauf, dass ich in diesem Frühjahr die Ehre habe, Karski mit Amerikas höchster zivilen Auszeichnung, der Presidential Medal of Freedom, auszuzeichnen" 

US-Präsident Barack Obama, 23. April 2012, United States Holocaust Memorial Museum
Mitwirkende: Geschichte

Curation — Dorota Szkodzińska, Polish History Museum
Edition — Wanda Urbańska, director of the Jan Karski US Centennial Campaign
Under the supervision of — Ewa Wierzyńska, leader of Jan Karski. Unfinished Mission program, Polish History Museum
IT support — Artur Szymański 
We would like to thank all partners in the project: — The Museum of the City of Łódź, The Jewish Historical Institute in Warsaw, E. Thomas Wood, Carol Harrison, Hoover Archives, The United States Holocaust Memorial Museum.
Exhibit's origins — The exhibit is one of the projects of Jan Karski. Unfinished Mission program run by Polish History Museum. More information on www.JanKarski.org and www.JanKarski.net.

Quelle: Alle Medien
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