»Wer kann Auskunft geben ...?«

Jüdisches Museum Berlin

Die lange Suche nach Familie Erich Marcuse

Verschollen
Im Sommer 1945, wenige Wochen nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur, wandte sich Georg Marcuse mit einer Suchanfrage an die Jüdische Gemeinde Berlin. Seit Herbst des vergangenen Jahres hatte er kein Lebenszeichen mehr von seinem jüngeren Bruder Erich und dessen Familie erhalten. Die Mutter der beiden Brüder war aus Theresienstadt geschwächt, aber wohlbehalten zurückgekehrt. Doch Erich Marcuse, seine Frau Johanna und ihr 6-jähriger Sohn Peter blieben verschwunden.

Georg Marcuse hatte nur einen Anhaltspunkt: den Abtransport der Familie aus dem Ghetto Theresienstadt im Herbst 1944. Waren sie noch am Leben? Wer hatte sie gesehen? Die Suchanzeige sollte Antworten auf diese Fragen geben. Noch immer kehrten Menschen aus den Konzentrationslager »im Osten« zurück. Georg Marcuse hatte noch Hoffnung.

Die Familie Marcuse
Erich und Johanna Marcuse waren seit acht Jahren verheiratet. Sie lernten sich vermutlich durch ihre Arbeit in der Sozialfürsorge kennen. Bei ihrer Hochzeit im Mai 1937 auf dem Standesamt in Berlin fungierten der Bruder Georg Marcuse und eine Arbeitskollegin von Johanna als Trauzeugen. Johanna selbst hatte keine nahen Familienangehörige: Sie war unehelich geboren worden und ihre Mutter war Zeit ihres Lebens ledig geblieben.

Zuversichtlich gründeten Erich und Johanna Marcuse 1938 mit der Geburt ihres Sohnes Peter eine kleine Familie.

Die Marcuses konnten noch frei entscheiden, welchen Namen sie ihrem Sohn geben wollten. Zwei Wochen nach Peters Geburt wurde das »Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen« erlassen. Fortan durften Neugeborene nur noch Namen aus einer Liste stigmatisierender Vornamen führen.

Deportation
Trotz intensiver Bemühungen gelang es der Familie Marcuse nicht, Deutschland rechtzeitig zu verlassen. Durch die Ehe mit einer nichtjüdischen Frau blieb wenigstens Georg Marcuse vor der Deportation in ein Konzentrationslager bewahrt. Er musste Zwangsarbeit leisten, wurde während der sogenannten Fabrik-Aktion am 27. Februar 1943 verhaftet, kam aber wieder frei. Die Mutter Rebecka dagegen wurde im März 1943 ins Ghetto Theresienstadt verschleppt. Nur drei Monate später trafen dort auch Erich Marcuse und seine Familie ein.
Letzte Verbindung nach Hause
Die auseinandergerissene Familie blieb in der Folgezeit mit Hilfe von Postkarten in Kontakt. Die erste Karte von den Daheimgebliebenen traf im Dezember 1943 ein. Hilfreich war, dass Erich Marcuse Arbeit in der Poststelle des Ghettos zugewiesen bekam. Regelmäßig schickte Georg auch Päckchen mit dringend benötigten Dingen von Berlin nach Theresienstadt.

Erich Marcuse hatte die Hoffnung, dem Lager doch noch zu entkommen. Schließlich war seine Frau Johanna die uneheliche Tochter eines nichtjüdischen Mannes. Ihr Status als »Mischling ersten Grades« müsste sie eigentlich vor der Deportation schützen. Im Glauben daran, zumindest sie und den Sohn zu retten, bat er seinen Bruder, die fehlenden Nachweise zu beschaffen. Tatsächlich schickte Georg Marcuse die Abstammungsunterlagen per Einschreiben nach Theresienstadt.

Es vergingen Wochen bis wieder Nachricht aus Theresienstadt eintraf. Inzwischen versuchten Marcuses sich im Ghetto ein letztes Stück Normalität zu bewahren. Die ersehnten Papiere trafen jedoch nie ein.

Im November 1944 erhielt Georg Marcuse in Berlin nach langer Pause wieder eine Karte von seiner Mutter. Vorsichtig umschrieben teilte sie mit, dass Erich und seine Familie an einen unbekannten Ort verschleppt worden waren: »Vom Erich u. Familie habe leider keine Nachricht.«

Befreiung und Rückkehr
Im Mai 1945 wurde das Ghetto Theresienstadt befreit. Zu den Überlebenden zählte auch Rebecka Marcuse. Doch bis die 67-Jährige tatsächlich nach Berlin zu ihrer Familie zurückkehren konnte, vergingen noch mehrere Monate.

In den Karten nach Hause gab Rebecka Marcuse ihrer Hoffnung Ausdruck, auch Erichs Familie wohlbehalten in Berlin vorzufinden. Doch zunehmend mischte sich Sorge in ihre Vorfreude, denn es gab keine Spur und keine Nachrichten von den Vermissten.

Die Suche
Endlich nach Berlin zurückgekehrt konnte Rebecka Marcuse nur ihren Sohn Georg und seine Frau Margarete in die Arme schließen. Die wenigen Überlebenden, die aus den Konzentrationslagern zurückkehrten, wussten nichts von Erich, Johanna und Peter. Georg Marcuse begann, aktiv nach ihnen zu suchen. Den Auftakt machte die Suchanzeige in der Jüdischen Gemeinde, der aber ein Erfolg versagt blieb. Im April 1945 wurde der Suchdienst des Internationalen Roten Kreuzes gegründet und andere Organisationen folgten bald. In den nächsten Jahren richteten sich alle Hoffnungen der Marcuses auf die Arbeit dieser Dienste.

Bis Sommer 1946 erhielt die Jüdische Gemeinde keine Kenntnis vom Schicksal der Familie Erich Marcuse. Inzwischen gab es aber verschiedene Suchdienste, auf die sie verweisen konnte.

Vier Jahre nach Kriegsende gelang es schließlich als erstes, das Schicksal von Erich Marcuse aufzuklären. Er war kurz vor der Befreiung im Konzentrationslager Dachau zu Tode gekommen. Später wurde das Todesdatum noch einmal korrigiert.

Gewissheit
Letzte Gewissheit über Erich Marcuses Schicksal erlangte seine Familie erst 1972 durch den Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes. Demnach wurde Erich Marcuse, getrennt von Frau und Kind, im September 1944 nach Auschwitz deportiert. Als Johanna und Peter schließlich ebenfalls nach Auschwitz kamen, wurde er weiter nach Dachau verschleppt. Die letzten Lebensmonate verbrachte er im KZ-Außenlager Kaufering. Seine genauen Todesumstände blieben auch weiterhin im Dunkeln.

Im selben Jahr erfuhr die Familie endlich auch, was mit Johanna und Peter Marcuse geschehen war. Beide wurden nach ihrer Deportation von Theresienstadt in Auschwitz ermordet – wahrscheinlich direkt nach der Ankunft.

Erinnerung
Georg Marcuse starb 1994 hochbetagt im Alter von 93 Jahren und wurde auf einem Friedhof in Berlin-Weißensee beerdigt. Sein Bruder Erich und dessen Familie haben kein Grab. Aber drei Stolpersteine, die an ihrer letzten Wohnadresse in der Gipsstraße 3 in Berlin verlegt sind, erinnern heute an sie.
Mitwirkende: Geschichte

Alle Dokumente und Fotos:
Jüdisches Museum Berlin, Sammlung Georg Marcuse

Text und Objektauswahl: Ulrike Neuwirth

Redaktion: Henriette Kolb, Jörg Waßmer, Mitarbeit: Lisa Schank
Übersetzung: Karen Margolis
Englisches Korrektorat: Julia Bosson
Reprofotografie: Jens Ziehe

Wir danken der Stifterin Heike Kalz!

Quelle: Alle Medien
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