Stillleben der Schweriner Niederländersammlung

Die Kunstsammlungen des Staatlichen Museums Schwerin/ Ludwigslust/ Güstrow, ausgestellt in der Galerie Alte & Neue Meister Schwerin und den ehemaligen Residenzschlössern Schwerin, Ludwigslust und Güstrow, ermöglichen dank einer hervorragenden Sammlung einen vielschichtigen Einblick in das „Goldene Zeitalter der holländischen Malerei“. Kostbarkeiten von Carel Fabritius, Frans van Mieris und Brueghel stehen sowohl für ein beeindruckendes Themenspektrum als auch für ein ausgeprägtes Spezialistentum. Besonders exklusiv hinsichtlich der hohen Qualität und handwerklichen Perfektion sind die Stillleben, die innerhalb der Sammlung am reichsten vertreten sind. Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs, Blumen und Früchte, fremdländische Kostbarkeiten, lukullische Spezialitäten, gemalt von Gerret Willemsz. Heda, Willem Aelst, Willem Kalf, Cornelis de Heem, Jan van Huysum, Rachel Ruysch und Pieter Claesz bieten einen Einblick in die umfangreiche Sammlung von Stillleben des Goldenen Zeitalters.
Willem van Aelst, Stillleben mit Nautiluspokal, 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts
Willem van Aelst (1627 - nach 1683) gilt als ausgesprochener Stilllebenmaler, wobei sein Spektrum von Blumen-, Früchte-, Waldboden-, Prunk- und Frühstücksstillleben bis hin zu Jagdbeute- und Geflügelstillleben reicht. Oftmals kombiniert er Gegenstände der unterschiedlichen Bereiche. In der Schweriner Sammlung befinden sich acht signierte und zwei ihm zugeschriebene Werke, die die Vielseitigkeit seiner Stillleben demonstrieren.

Ein besonders kraftvoll und statuarisch wirkender Nautiluspokal dominiert das Arrangement. Er wird von seiner größten und aussagefähigsten Ansicht präsentiert.

Zahlreiches Kleingetier und Schmetterlinge verdeutlichen zweierlei: Einerseits zeigt sich Aelst, der mit Otto Marseus van Schrieck (um 1619–1678) arbeitete, als genauer Beobachter vieler Details.

Zum anderen verweisen Einzelheiten wie die angefressenen Weinblätter auf die Vergänglichkeit dieser irdischen Dinge.

Cornelis de Heem, Früchte, 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts
Die Requisiten seines Stilllebens konzentriert Cornelis de Heem (1631 - 1695), Sohn und Schüler von Jan Davidsz. de Heem, auf eng begrenztem Raum in einer Wandnische. Sie sind in einer Dreieckskomposition in das Hochformat eingepasst. Den architektonischen Rahmen nutzt er für seine Lichtregie. Die vorn auf dem Gesims liegenden Gegenstände werden durch das von links oben hereinfallende Licht am stärksten beleuchtet und betont: eine teilweise abgeschälte Zitrone, eine Schnecke, Aprikosen, die zum Teil noch an einem Ast hängen, Austern, rote und weiße Weintrauben sowie eine Haselnuss und ein Kirschzweig.

Die Wassertropfen verweisen auf die Herkunft und auf die Frische der lebend zu verspeisenden Austern. Wie auch beim Glas zeigt de Heem seine Fähigkeit durchsichtige Medien darzustellen.

Schnecken, angefressene Blätter und Aprikosen offenbaren auf den zweiten Blick, dass das, was hier zunächst prangt, nicht ausschließlich glanzvoll ist, sondern leise Züge des Vergehens aufweist.

Jan van Huysum, Stillleben mit Früchten und Blumen, 1727
Gradezu in sinnlichem Genuss schwelgend sind die Früchte und Blumen in Jan van Huysums (1682 - 1749) Stillleben üppig arrangiert. Kleine Falter und Insekten umschwirren das Ganze, um den beliebten Trompe l’oeil-Effekt – der Darstellung von Dreidimensionalität -  hervorzuheben. Als Blumen- und Früchtemaler übte van Huysum starken Einfluss auf seine Zeitgenossen aus.

Die Darstellung einzelner Gegenstände und Früchte zeugt von Variantenreichtum und in der Vielfalt von Meisterschaft: Das Fell der Maus stellt einen Gegenpol zur glatten Oberfläche der Johannisbeeren,

... die Glätte der Weintrauben zur Innenseite der Melone.

Willem Kalf, Gefäße und Früchte, 1663
Das 1663 datierte Stillleben ist eines der letzten Gemälde von Willem Kalf (1619 - 1693), bevor er sich gänzlich dem Kunsthandel zuwandte. Typisch für seine Prunkstillleben der Amsterdamer Zeit arrangiert er vor schwarzem Grund kostbare Gegenstände und Früchte auf einer marmornen Tischplatte, die von einem türkischen Teppich bedeckt ist. Auf einer Silberplatte steht rechts in leicht geneigter Position eine blau-weiß gemusterte Porzellanschüssel. Sie ist gefüllt mit zwei Pfirsichen, einer Orange und Zitrone.

Die Zitronenschale, die sich kunstvoll über den Schüsselrand windet, verdeckt eine Messerklinge. Der Griff ragt weit über die Silberplatte hinaus – ein Motiv, das sich häufig in Kalfs Werken findet.

Ein „Façon de Venise“, ein Flügelglas im venezianischen Stil, das in der Mittelachse des Bildes steht, wirkt stabilisierend auf die Komposition.

Ein Römer auf der linken und ein Kelchglas auf der rechten Seite, gehen farblich fast in den Hintergrund über und sind nur durch ihre gekonnt gesetzten Glanzlichter zu bemerken.

Als Meister des Hell-Dunkels nutzt Kalf Glanzlichter sowie Schattenwürfe, um die haptischen Qualitäten der unterschiedlichen Oberflächen hervorzuheben und die Dinge räumlich darzustellen.

Rachel Ruysch, Girlande mit Blumen, 1683
Rachel Ruysch (1664 - 1750) war die Tochter des Professors für Anatomie und Botanik Frederik Ruysch und wuchs mit einer großen Sammlung von Naturalitäten und anatomischen Präparaten des Vaters auf. 15-jähirg trat sie in die Werkstatt des berühmten Malers Willem van Aelst ein und blieb dort bis zu dessen Tod 1683. Ihren Ruhm begründete Rachel Ruysch mit der Eleganz der Malerei und der Freiheit ihrer Kompositionen. Girlande mit Blüten, ein Frühwerk der Künstlerin, entstand vermutlich noch in Amsterdam. Im Querformat schildert sie eine hängende Girlande, die aus prachtvollen Blumen wie Rosen, Schneeball, Winde, Mohn und Löwenmaul gesteckt ist und auf der sich Schmetterlinge und Falter niedergelassen haben. 

Obwohl der Schneeball teilweise im Schatten liegt, erstrahlt die Mohnblüte ganz von Licht beschienen und rückt optisch noch vor die hellste Stelle des Schneeballs.

An den Enden der Girlande wird eine Kordel aus Hanf sichtbar, die das Gebinde zusammenhält. Der Hintergrund ist völlig schwarz gehalten, nur die Nägel zur Befestigung der Kordel sind erkennbar.

Gerrit Willemsz. Heda, Stillleben mit Silbergeschirr, 1647
Wie sein Vater Willem Claesz. Heda, der ihn ausgebildet hatte, malte Gerrit Willemsz. Heda (1625 - 1649)  „banketjes“, Tafeln mit fiktiven, noblen Mahlzeiten – in diesem Fall einer Austernmahlzeit. Heda brilliert durch die delikate Schilderung verschiedener Stofflichkeiten sowie durch die Variabilität innerhalb eines Materials, etwa bei Glas oder Metall. Am vordersten Rand balancieren Silberplatten und ein vermeintlich achtlos zusammengeschobenes Tuch. Dahinter setzen diverse Gegenstände die „geordnete Unordnung“ fort und suggerieren durch zahlreiche Indizien ein soeben beendetes, genussvolles Austernessen.

Neben einem wie beiläufig am Tischrand abgelegten Messer liegt ein Brötchenrest mit weiteren Krumen; ein silbernes, achteckiges Gefäß enthält Salz, das aus einer Zeitung geformte Tütchen Pfeffer.

Im Eifer des Schlemmens ist der mit Weißwein gefüllte Römer anscheinend umgefallen. Seine bauchige Kuppa hat das Spiegelbild der Raumfenster „hinter“ dem Maler – und nunmehr dem Betrachter – verewigt.

Dass manche der Objekte wie Silberkanne oder Flötenglas auch auf anderen Gemälden des Künstlers zu finden sind, spricht dafür, dass sie als Realien dem Maler in der Werkstatt vor Augen standen.

Pieter Clasz, Stillleben mit Römer, um 1630
Ab 1617 ist Pieter Claesz (1597 - 1661), Vater des Landschaftsmalers Nicolas Berchem, in Haarlem nachweisbar. Gemeinsam mit Willem Claesz. Heda prägte er die Gattung des Tafelstilllebens. Das Stillleben mit Römer zeigt eine einsame Mahlzeit. Auf einem Tisch vor dem Wandvorsprung befinden sich ein Zinnteller mit Oliven und ein Römer. Vor beiden liegt ein Messer, dessen Klinge auf einem Stück Brot ruht.

Die klarsten Spiegelungen auf dem Gemälde sind die Fenster im Glas. Die Intensität des Lichts ist in großzügig angelegten Pinselstrichen dargestellt.

Pieter Claesz kombiniert in seinen Werken Gegenstände des Alltags mit Motiven der Vanitas. Das Messer steht symbolisch für die Verletzlichkeit und damit für die Sterblichkeit des Menschen.

Galerie Alte & Neue Meister Schwerin
Die Niederländersammlung des Goldenen Zeitalters bildet den Grundstock für die Galerie Alte & Neue Meister Schwerin. Die mecklenburgischen Herzöge trugen eine der hochrangigsten europäischen Sammlungen holländischer und flämischer Malerei des 17. Und 18. Jahrhunderts zusammen. Sie erwarben Kunstwerke von heute weltberühmten Meistern wie Rubens, Rembrandt, Jan Brueghel d. Ä. und Frans Hals. Eine besondere Kostbarkeit ist die Torwache von Carel Fabritius, der die Delfter Lichtmalerei begründete und ein OEuvre von weltweit nur 13 Gemälden hinterließ. Zu den schönsten Genrebildern gehö­ren Dame am Cembalo von Frans van Mieris, Die Liebeskranke von Jan Steen und die Gemälde des Feinmalers Gerard Dou.   Neben der großen Niederländersammlung besitzt Schwerin eine bedeutende Kollektion mit Werken des 18. Jahrhunderts, darun­ter die weltweit größte Sammlung des französischen Tiermalers Jean-Baptiste Oudry sowie Arbeiten aus künstlerischen Zentren wie Berlin oder Dresden, u.a. von Antoine Pesne und Christian Wilhelm Ernst Dietrich. Für die Kunst des 19. Jahrhunderts steht der Romantiker Caspar David Friedrich. Der französische Porträtmaler François Gérard, ein Freund des Romanciers Honoré de Balzac, sowie namhafte mecklenburgische Künstler, u.a. Carl Malchin, der wesentlich zur malerischen Entdeckung des Landes beitrug, führen den Spazier­gang durch die Epochen fort.   Während in der Galerie Alte & Neue Meister Schwerin ein Kabinett mit barocken Kunstwerken aus Elfenbein gezeigt wird, findet sich eine Vielzahl kunsthandwerklicher Stücke in den Schlössern Schwe­rin, Ludwigslust und Güstrow, darunter Porzellane, vorrangig aus der Manufaktur Meissen, Keramiken, Glas, Gold- und Silberschmie­dearbeiten, Möbel, Waffen sowie Münzen und Medaillen.   Die Sammlungen des 20. Jahrhunderts sind mit der Eröffnung des Neubaus in den unteren Sälen der Galerie Alte & Neue Meister Schwerin zu sehen. Beginnend mit der in ihrer Geschlossenheit ein­maligen Schweriner Sammlung Marcel Duchamp führen Werke von Ernst Barlach, Lovis Corinth, Max Liebermann, Gotthard Graubner, Sigmar Polke, François Morellet, Gemälde der Leipziger Schule und mecklenburgischer Künstler zur Präsentation der zeitgenössischen Kunst im Neubau mit Installationen, Videos und Objekten. Seit 2013 beherbergt die Galerie Alte & Neue Meister Schwerin die einzige Uecker-Sammlung in Norddeutschland. Ueckers internatio­nal geachtete Kunst hat ihren Ursprung in der mecklenburgischen Landschaft. Die reliefartigen Nagelbilder, ein „Markenzeichen“ für Uecker, erinnern an wogende Kornfelder.  
Staatliches Museum Schwerin / Ludwigslust / Güstrow
Credits: Story

Staatliches Museum Schwerin / Ludwigslust/ Güstrow

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