1888

Vincent van Gogh ganz nah

Museum Folkwang

Zoomen Sie sich in das Gemälde ›Rhonebarken‹ hinein, um van Gogh über die Schulter zu schauen: Entdecken Sie im Bildmotiv die furiose Energie von Pinsel und Farbe.

Das Museum Folkwang gehört zu den wenigen Museen in Deutschland, deren Sammlung gleich mehrere Gemälde und Zeichnungen des niederländischen Malers vereint. Eines davon ist das Gemälde Rhonebarken. Es zählt zu van Goghs ungewöhnlichsten Motiven. Der Maler zeigt uns das Entladen von Lastkähnen in einer Aufsicht, sozusagen aus der Vogelperspektive.

Der fehlende Horizont verstärkt die kompakte Szenerie, die hauptsächlich vom Kontrast des grünen Wassers zu dem gelb dominierten Steg und den Kähnen lebt.

Die eher ruhig erscheinende Wasserfläche kontrastiert die kleinteilige, in Pinselführung und Farbauftrag sehr bewegte Skizze des Löschvorgangs der Schiffsladung.

Van Gogh malte diese Szene im Sommer 1888 in Arles und schrieb darüber in einem Brief an seinen Bruder Theo: „Ich arbeite jetzt an einer Studie, Schiffe, vom Quai herunter gesehen. Die beiden Schiffe sind violett-rosa, das Wasser ist kräftig grün,…

…kein Himmel, eine Trikolore am Mast. …

... Ein Arbeiter mit einem Schubkarren lädt Sand ab.“

Van Gogh hatte seinen Blick für Details und Farbkontraste im Laufe der Jahre geschärft. Die Farbigkeit und die Komposition der japanischen Holzschnitte von Hokusai und Hiroshige inspirierten ihn. Er sammelte selbst Blätter wie dieses aus Utogawa Hiroshiges Serie Hundert berühmte Ansichten von Edo.

Die starke Betonung der Umrisslinien, der Blick von oben oder die Ausschnitthaftigkeit verweisen auf van Goghs intensive Auseinandersetzung mit der japanischen Kunst.

Mit einfachsten Mitteln wie dem Kontrast von schwarzen Linien und farbigen Flächen erfasst van Gogh sein Sujet – wie hier eine schwere Kette, mit der die Boote am Kai befestigt sind.

Die filigrane Schilderung der Bootskörper mit ihrer Fracht, den schmalen Stegen, den Rudern und Masten vermittelt den Eindruck einer schwankenden Ebene über dem Wasser. Dem gegenüber findet der Blick auf der gleichförmigen Mole einen eindeutigen Haltepunkt.

An der Darstellung des Landeplatzes lässt sich van Goghs ausdrucksbetonter Malstil gut studieren: Sie besteht aus dick aufgetragener Farbe in meist parallel geführten Pinselstrichen. Die Oberfläche des Bildes wirkt hier fast reliefartig.

Seit 1912 ist das Gemälde Teil der Sammlung Folkwang. Im Jahr seiner Fertigstellung, 1888, hatte van Gogh es zunächst dem Maler Émile Bernard geschenkt.

Dieser stellte es 1892 in Erinnerung an seinen Freund in der Pariser Galerie Le Barc de Boutteville aus. Über den Kunsthändler Eugène Druet gelangte es schließlich 20 Jahre später ins Museum Folkwang nach Deutschland.

Karl Ernst Osthaus, der Gründer des Museums, ist der erste Museumsdirektor in Deutschland, der Werke des niederländischen Malers für seine Sammlung ankaufte.

Zwischen 1902 und 1905 erwirbt er für das Museum Folkwang mehrere Gemälde des Künstlers: Neben dem Porträt Armand Roulin (1888), das auf dem Foto von 1907 rechts neben dem Durchgang hängt, kauft er auch Die Ernte, Kornfeld mit Schnitter (1889) und Der Garten des Hospitals von Saint-Rémy (1889).

Der Niederländer Vincent van Gogh (1853 – 1890) wurde in Groot-Zundert geboren. Seine künstlerische Entwicklung war wesentlich durch seine Arbeit in Frankreich geprägt. In der südfranzösischen Stadt Arles hielt er sich von 1888 bis 1889 auf und schuf zahlreiche Werke. Alle Gemälde und Zeichnungen im Besitz des Museum Folkwang entstanden in Arles und Umgebung.

Der hier porträtierte 17-jährige Armand Roulin war der älteste Sohn des Postmeisters Joseph Roulin, einem Nachbarn und Freund van Goghs in Arles. Das Bildnis besticht durch die reduzierte Komposition, die ihre Kraft aus dem Wechselspiel von Farbe, Fläche und Kontur schöpft.

Der Garten des Hospitals von Saint-Rémy zeigt den Garten der Krankenanstalt, die van Gogh 1889 wegen Depressionen aufsuchte.

Durch das Fenster seines Zimmers in Saint-Remy sah er auf einen Acker, den er wiederholt gemalt und gezeichnet hat. In einem Brief an Émile Bernard schreibt van Gogh, er habe in der Studie die „Teufelsfrage des Gelbs“ in Angriff genommen.

Die Metapher erläuterte van Gogh gegenüber seinem Bruder Theo: „Ich sehe in diesem Schnitter – eine unbestimmte Gestalt, die wie der Teufel in der starken Hitze kämpft, um mit der Arbeit zu Ende zu kommen – ich sehe in ihm das Bild des Todes, in dem Sinne, dass die Menschen das Korn sind, das niedergesichelt wird.“

Neben den vier hier gezeigten Gemälden, befinden sich auch vier Zeichnungen von Vincent van Gogh in der Sammlung. Im direkten Vergleich lassen sich van Goghs Motivwahl und Linienführung genauer untersuchen.

Das Interesse am Alltagsleben seiner Zeit prägt van Goghs Kunst seit seinen künstlerischen Anfängen in den Niederlanden und setzt sich bis in sein Spätwerk fort.

Ähnlich wie bei dem drei Jahre später entstandenen Gemälde Rhonebarken konzentriert sich van Gogh auch in der Zeichnung von 1885 auf eine damals alltägliche Handlung – hier ist es die Arbeit einer Ährenleserin.

Der Sämann im Regen von 1890 zeigt einen isolierten Menschen inmitten der weitläufigen Natur. Die Gruppierung und der Richtungswechsel meist kurzer Linien und Schraffuren erzeugen eine atmosphärisch dichte Bildwirkung.

Anhand lebensnaher Motive wie dieser Landschaft mit Zypressen und vier Landarbeitern von 1889 perfektioniert van Gogh seine unverwechselbare Linienführung, die gleichermaßen in der Zeichnung wie auch in der Malerei Anwendung findet. In Verbindung mit intensiven Farben gelingt es van Gogh, reine Stimmungen und Gefühle zu transportieren und einen intensiven Ausdruck zu erzielen. Damit wurde Vincent van Gogh zu einem der wichtigsten Wegbereiter der Moderne.

Museum Folkwang, 2016
Mitwirkende: Geschichte

Text: S. Pizonka, H.-J. Lechtreck, M. v. Lüttichau, P. Daners / Museum Folkwang, 2016

Quelle: Alle Medien
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