Die Göttliche Komödie als Graphic Novel der Renaissance

Übermenschliche Retter, fliegende Fabelwesen, diabolische Gegenspieler – die Göttliche Komödie des italienischen Dichters Dante Alighieri bot bereits im 14. Jahrhundert den Stoff, aus dem heute Comics gemacht werden. Und in dem Bildepos, das der Renaissance-Künstler Sandro Botticelli aus Dantes Textvorlage entwickelt hat, erinnert ebenfalls vieles an heutige Graphic Novels.

Wie ein Comic-Zeichner entfaltet Botticelli auf 100 Blättern eine sequenzielle Kunst, die aber nicht mit den für uns gewohnten Panels und Sprechblasen operiert, sondern zeitlich versetzte Ereignisse in je einem Bild zusammenfasst.

Dantes Part
Die Divina Commedia (Göttliche Komödie) ist das Hauptwerk des florentinischen Dichters Dante Alighieri (1265-1321) und gilt als bedeutendste Dichtung der italienischen und als eines der wichtigsten Werke der Weltliteratur. Das Versepos wurde wahrscheinlich um 1307 begonnen und erst kurz vor Dantes Tod vollendet.
Aus der Ich-Perspektive Dantes schildert die Commedia in 100 Gesängen eine fiktive Reise durch die drei Reiche der jenseitigen Welt: die Hölle (Inferno), den Läuterungsbereich (Purgatorio, dt. Fegefeuer), das himmlische Paradies (Paradiso). Auf seinem Weg der Erlösung von Sünde und Verdammnis über Buße und Vergebung zum Heil wird Dante zunächst vom antiken Dichter Vergil geleitet, der die menschliche Vernunft personifiziert.
Botticellis Part
Sandro Botticelli, der mit berühmten Gemälden wie dem „Frühling“ oder der „Geburt der Venus“ Ikonen der Renaissancekunst schuf, erhielt Ende des 15. Jahrhunderts den Auftrag für einen Bilderzyklus zu Dantes hochgeschätztem Versepos und illustrierte jeden der 100 Gesänge auf einem eigenen Blatt.
Auch wenn er sich dabei eng am Text der Commedia orientierte, schuf er eine eigenständige, in sich konsistente Bilderzählung, die einer Gegenüberstellung des Textes nicht bedarf – und damit einen Vorläufer der Graphic Novel.
Der Botticelli Coup
85 der 100 Bilder konnten im 19. Jahrhundert von Friedrich Lippmann, dem damaligen Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts, unter spektakulären Umständen aus dem Privatbesitz eines schottischen Herzogs für die Sammlung des Museums erworben und so der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Wo sind die übrigen Zeichnungen? Sieben Zeichnungen werden in den Biblioteca Apostolica Vaticana in Rom aufbewahrt, darunter auch die erste aller 100 Illustrationen, in der Botticelli die in neun Kreise unterteilte Hölle als gewaltigen unterirdischen Trichter darstellt, der bis zum Mittelpunkt der Erde reicht – eine Topographie der Hölle, die einem Amphitheater ähnelt. Von den unmittelbar anschließenden Illustrationen werden einige ebenfalls in Rom verwahrt, andere gelten als verschollen.

Die Story
Mit dem Bild zum 8. Gesang, dem ersten Blatt aus dem Bestand des Berliner Kupferstichkabinetts, befinden wir uns bereits mitten im Geschehen. Ich-Erzähler Dante und sein Führer Vergil haben die ersten Bereiche des Infernos durchschritten und betreten nun an der rechten oberen Bildecke den 5. Kreis der Hölle.

Der Fährmann Phlegyas rudert die beiden Reisenden über den Fluss Styx vor die Tore der Stadt Dis. Während der Fahrt versuchen sich einzelne Seelen, die zur Strafe für Trägheit im sumpfigen Fluss gefangen sind, an ihrem Boot festzuklammern.

Während Dante und Vergil von teuflischen Wächtern der Einlass nach Dis verwehrt wird, kann der Betrachter schon einen Blick hinein werfen. Mit der Vorausschau auf brennende Gräber stimmt Botticellis Zeichnung uns auf die weitere Handlung ein.

Der Künstler denkt die Geschehnisse und narrativen Details jedes Gesangs zusammen und schildert den Inhalt in vielen seiner Zeichnungen als sich S-förmig durchs Bild ziehende Abfolge simultaner, aber nacheinander zu lesender Szenen. So auch auf diesem Blatt. Wie ein Comic-Zeichner bezieht Botticelli die Betrachter mit ein, die aus statischen Bildern einen dynamischen Handlungsverlauf konstruieren müssen.

Animation

Durch die Wiederholung der Figuren Dantes und Vergils können wir den Weg der Jenseitswanderer verfolgen: Von rechts oben kommend, wo der Höllenfluss Phlegethon in den Abgrund zum nächsten Höllenbezirk stürzt, durchschreiten die Reisenden den Bereich, in dem die Seelen der Wucherer mit Feuer gepeinigt werden. Am Rand des runden Abgrunds treffen sie auf Geryon...

...ein Mischwesen mit Menschenkopf...

...das sie auf seinem Rücken abwärts in den 8. Kreis der Hölle trägt.

Animation

Auf diesem kolorierten Blatt heben sich die beiden in leuchtende Gewänder gekleideten Wanderer gut sichtbar von dem sumpfigen Grau-Braun der Elendsgräben ab. Nicht nur durch dumpfe Farbigkeit verdeutlicht Botticelli, dass im unteren Graben Schmeichler und Huren ihre ewige Strafe in Kot verbüßen müssen.

Der Künstler vermittelt uns außerdem visuell, welch unerträglicher Gestank aus dieser Grube aufsteigen muss, indem er Dante zeichnet, wie der sich die Hand vor die Nase hält.

Zur Orientierung der Betrachter in der fortschreitenden Erzählung wiederholt Botticelli am oberen Bildrand die Kotgrube der Schmeichler und Huren, die wir schon aus der vorherigen Illustration kennen. Von dort kommend stehen die beiden Jenseitsreisenden nun auf der Steinbrücke über dem nächsten Elendsgraben, wo korrupte kirchliche Würdenträger büßen. Höchst anschaulich lässt Botticelli die kopfüber in Erdlöchern steckenden Sünder mit den Beinen strampeln, während an ihren zuckenden Füßen Flammen lodern.

Hier legt Botticelli seine ganze Zeichenkunst in die vielfältige, variationsreiche Ausgestaltung einer schreckenerregenden Horde höllischer Spießgesellen, die Dante und Vergil auf diesem Abschnitt ihrer Reise begleitet.

Die mit Spießen bewaffneten Teufel zeichnet der Künstler ganz individuell mit Liebe zum Detail. Einige könnten Comics aus unserer Zeit entsprungen sein.

Auch dieses Blatt ist ein eindrückliches Beispiel für Botticellis kinematografische Erzählweise. Die Steinbrücke vom 6. zum 7. Elendsgraben liegt in Trümmern. In dicht aufeinanderfolgenden Sequenzen schildert der Künstler, wie Vergil Dante dabei hilft, die Felsbrocken zu überwinden:

Er schiebt ihn Schritt für Schritt mühsam bergauf. Vor dem Abstieg in den 7. Graben muss Dante kurz rasten, wird aber von Vergil weiter gedrängt. Die raumfüllenden Gesteinsmassen lassen die Strapazen der Wanderung für den Betrachter spürbar werden.

Am Ausgang des 8. Höllenkreises ragen Riesen wie Türme aus einem runden Schacht hervor. Einer empfängt die Wanderer mit einem Hornsignal.

Ein anderer lässt Dante und Vergil, die sich fest aneinander klammern, in den 9. Höllenkreis hinunter. Mit der Szene am rechten Rand des Gigantenschachts setzt Botticelli unser Kopfkino in Gang. Während wir schon den Blick auf die folgende Illustration richten, vollzieht sich vor unserem inneren Auge die Bewegung, mit der der Riese die beiden Reisenden eine Etage tiefer auf dem untersten Höllengrund – einem Eissee – absetzt.

Auf dem nächsten Blatt ist die Bewegung gerade erst abgeschlossen. Das zeigt uns Botticelli an der Dantefigur, die noch ganz fasziniert nach oben blickt, wo der hilfreiche Riese sich offenbar schon wieder aufgerichtet hat, seine Beine und die der anderen Giganten aber im Trichter zur nächsthöheren Ebene des Inferno noch sichtbar sind.

Dann aber wird der Blick der Reisenden und so, von Botticelli gelenkt, auch unser Blick von der Gestalt Satans angezogen, die halb aus dem Eissee am Höllengrund ragt.

Der dreiköpfige Herrscher der Hölle hat sechs Flügel, deren ständiges Schlagen den kalten Wind erzeugt, der den See gefrieren lässt. Zwei dieser Flügel hat Botticelli in anatomischer Genauigkeit bis hin zu den Knochen und Gelenken ausgearbeitet.

Dem Wendepunkt der Jenseitsreise widmet Botticelli eine Doppelseite aus zwei zusammengeklebten Pergamentbögen. Dort zeigt er den Teufel in ganzer Gestalt.

An seinem Fell klettern Dante und Vergil zum tiefsten Punkt der Hölle hinunter. Dort überwinden sie den Mittelpunkt der Erde – zur Verdeutlichung dreht der Künstler die beiden Figuren um 180 Grad – ...

...und gelangen an die Oberfläche der südlichen Erdhalbkugel, wo die Commedia das Purgatorio, den Läuterungsbereich, ansiedelt.

In der Mitte des Bildes treten Dante und Vergil am Fuß des Läuterungsbergs aus einer Felsspalte heraus. Sie werden vom Hüter des Purgatoriums empfangen, der Dante hilft, sich mit Tau vom Schmutz der Hölle zu reinigen. Ähnlich wie schon zu Beginn des Inferno-Kapitels, bietet Botticelli zunächst eine Gesamtschau des Handlungsraums.

Als Gegensatz zum Höllentrichter erhebt sich hier ein Bergkegel mit sieben ringförmigen Terrassen auf einer Insel im Ozean. Seelen, die Aussicht auf Rettung haben, werden hier geläutert, indem Sie büßend Stufe um Stufe aufsteigen, bis sie sich würdig erweisen, am Berggipfel ins Paradies aufgenommen zu werden.

Auf diesem Blatt versetzt Botticelli die Jenseitsreisenden und uns an den Fuß des Läuterungsbergs. Ein Engel hat zu läuternde Seelen auf die Insel gebracht und fährt mit seinem Boot davon. Von hier aus steigen die beiden Wanderer durch die steile Felsspalte, die Botticelli in der rechten Bildhälfte andeutet, hinauf zum ersten Kreis des Purgatoriums.

Hier büßen die Seelen derer, die im Leben hochmütig waren. Dazu werden ihnen schwere Steine aufgeladen, die sie zwingen, am Boden zu kriechen.

Außerdem werden den Büßern beispielhafte Bilder von Bescheidenheit und Demut vor Augen gestellt – auf Marmorreliefs, die in die Felswand der ersten Terrasse des Läuterungsbergs gemeißelt sind. Dantes Commedia beschreibt die übernatürliche Wirklichkeit der Reliefs – eine Herausforderung, die der Künstler Botticelli gern annimmt.

Im mittleren Relief führt er die Zentralperspektive, eine der wichtigsten künstlerischen Errungenschaften der Renaissancekunst, vor und zeichnet ein Ochsengespann so, dass es aus dem Relief hinaus auf die Betrachter Dante und Vergil zuzustürzen scheint.

Das rechte Relief hat Botticelli als Bild im Bild ausgearbeitet. Wie Museumsbesucher stehen Dante und Vergil vor einem überaus lebendigen, vielfigurigen Historienbild. Wie beeindruckt sie von der Darstellung sind, zeigt ihre sprechende Gestik. Botticelli nutzt in dieser Illustration die Textvorlage der Commedia, um seine eigene Profession – die Kunst – mit ihren Möglichkeiten und Grenzen zum Thema zu machen.

Dante hat den Läuterungsberg erklommen und das irdische Paradies erreicht. Hier begegnet er Beatrice, seiner verstorbenen Jugendliebe, die als Verkörperung göttlicher Weisheit seine Führerin im himmlischen Paradies sein wird. Höhepunkt der Szene ist der Moment, in dem Dante Beatrice, die als überirdische Erscheinung auf einem prächtigen Triumphwagen thront, erkennt.

Dante hat in Begleitung Beatrices den irdischen Bereich verlassen und ist ins Paradies gelangt. Beatrice erklärt ihm, dass er nun, der Schwerkraft enthoben, mit ihr durch die Sphären des Paradieses zum Ursprung allen Seins aufsteigen wird. Dementsprechend hat Botticelli sich für eine immer abstrakter werdende Darstellungsweise entschieden. Dante und Beatrice schweben hier in der zweiten Sphäre des Paradieses, die der Zeichner als schlichten Kreis ins Bild gesetzt hat. Das Paar wird von gleichmäßig verteilten Flämmchen umringt – Botticellis Übersetzung des strahlenden Glanzes, mit dem die funkelnden Seelen der Seligen das Paradies erleuchten.
Auch beim weiteren Aufstieg, hier am Übergang zur siebten Planetensphäre, werden Dante und Beatrice weiter von funkelnden Seelenlichtern begleitet. Während die Commedia auch hier von Flämmchen spricht, zeigt Botticelli sie nun als kleine puttenhafte Engelchen. Das Paar steht am Fuß der Leiter, weiter oben sind die beiden Figuren jedoch schemenhaft ein zweites Mal zu erkennen. Wahrscheinlich wollte Botticelli zunächst den Aufstieg in die nächsthöhere Planetensphäre darstellen, hat sich dann jedoch anders entschieden und seine erste Zeichnung vom Pergament gekratzt. In einer kolorierten Fassung wäre diese Korrektur unter der Deckfarbe verschwunden.

In der 9. Sphäre erblickt Dante Gott als grelles Licht, das von Engelschören umkreist wird. Dieses Blatt enthält gut versteckt eine kleine Sensation: die Signatur Botticellis.

Dantes und Beatrices Weg ins Empyreum, den höchsten Teil des Paradieses, stellt Botticelli als Gleiten auf einem Lichtstrom dar. Die zarte Zeichnung der Figuren lässt sie transparent erscheinen, als würden ihre Körper vom Licht durchdrungen. Auch hier setzt der Künstler wieder kleine Engelchen als figürliche Wiedergabe der Seligen ein. Sie tauchen spielerisch mit kindlicher Freude durch den Lichtstrom. Mit ihrer Hilfe macht Botticelli die lebendige Dynamik und die glückliche Stimmung dieses Augenblicks für uns sichtbar. In Kürze wird Dante das Ziel seiner Jenseitsreise erreicht haben.

Die göttliche Lichterscheinung, die der letzte Gesang der Commedia umschreibt, hat Botticelli nicht mehr ins Bild gesetzt. Ein leeres Blatt, das um 1900 verloren gegangen ist, stand am Schluss von Dantes Jenseitsreise.

Mitwirkende: Geschichte

Text: Staatliche Museen zu Berlin - Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Konzept/Redaktion: Dorothee Böhm

© Staatliche Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz

www.smb.museum
Kupferstichkabinett

Quelle: Alle Medien
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