"13 Versuche ein Hahn zu werden"  1977/78

Lettl - Sammlung surreale Kunst

Ein surrealer Lebenslauf  von Wolfgang Lettl

Die Serie kann als surrealer Lebenslauf betrachtet werden.

Im 1. Bild sieht man in der unteren Hälfte Wolfgang Lettls Zeigefinger aus einen Ei herausbrechen nach oben zeigend.


Am linken oberen Rand des Bildes steht eine Figur die mit dem ganzen Arm in eine Richtung weist.

Wenn man genau hinsieht, erkennt man in dieser Figur Wladimir Iljitsch Lenin in einer oftmals gezeigten, nach links weisenden Pose.

1919 im Geburtsjahr von Wolfgang Lettls war Lenin am Höhepunkt seiner Autorität, als auf seine Initiative hin die Kommunistische Internationale gegründet wurde.

Durch das Auftauchen Lenins in diesem Bild wird deutlich, dass das Leben Wolfgang Lettls durch politische Umstände stark beeinflusst wurde.


Im 2. Bild geben die Augurinnen, die in die Zukunft sehen können, die Geburt eines bedeutenden Künstlers bekannt.

Im 3. Bild bildet ein hölzernes Lattengerüst den Hahn, ein rotes Windrad steht für den Kamm und grüne und lila Bänder bilden den Schweif.

Diese beiden Elemente und der leichte Schneefall erzeugen Kindheitserinnerungen.

Die in Gruppen herumstehenden Mülltonnen bilden den Gegensatz zum fast zierlichen ins Bild ragenden Hahn.

Wolfgang Lettl schreibt über seine Kindheit:

Für die Frage, warum ich so verrückte Bilder male, hielt ich meinen Psychiater zuständig. Er sagte mir, es sei ein relativ oft beobachtetes Phänomen, dass bei Personen mit zunächst durchaus als normal zu bezeichnender Phantasie diese Phantasie krebsartig zu wuchern beginne und sozusagen überkoche, wenn eine monotone, in jeder Beziehung uninteressante Umwelt keinen Anreiz zu maßvoller und harmonischer Entfaltung böte.

Diese überschwappende Phantasie bringe dann ihre Inhaber leicht auf die schiefe Bahn und produziere so vorzugsweise Lustmörder und Ideologen, unter Umständen wohl auch schon mal einen Surrealisten.

Ob ich etwa meine Jugend in einem langweiligen Spießernest zugebracht hätte?

"Keineswegs", sagte ich, "einmal haben wir sogar mit der Schulklasse den Goldenen Saal besichtigt."

Das 4. Bild lässt die Phantasiewelt eines Kindes mit seinem Spielzeug in einer heiteren Hügellandschaft entstehen.

Der Rumpf des Hahns erinnert noch an die Windel aus Stoff, während die anderen bunt bemalten Körperteile hölzern sind. Selbst Sonne und Mond werden zu Spielzeug aus Holz. Lediglich das Loch und die Risse im vorderen linken Hügelchen deuten auf die Zerbrechlichkeit dieser Welt hin.

Wolfgang Lettl erinnert sich:

„Ich weiß nicht mehr wie alt ich war, vielleicht zehn Jahre, da nahm mich mein Vater mit in die Alte Pinakothek. Ich war fasziniert von der Farbenpracht der mittelalterlichen Altarbilder. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ob sich damals in mir schon heimlich der Wunsch geregt hatte, Maler werden zu wollen, weiß ich nicht. Es überstieg mein Vorstellungsvermögen, dass ich so etwas jemals zustande bringen könnte.

Später habe ich gelernt, dass man in der Kunst immer das tun muss, was man eigentlich gar nicht können konnte, sonst wird es langweilig.“

Im 5. Bild verwendet Wolfgang Lettl das Portrait Napoleon I vor dem Chateau de Malmaison gemalt von François Gérard (1770-1837) und bestückt Napoleons Körper mit dem Hahnenkopf, ein häufig verwendetes Symbol für Frankreich.

Den Hintergrund malt er herrschaftlicher, als auf dem Bild von Gérard.

Wolfgang Lettls Beziehung zu Napoleon hat folgenden Hintergrund:

"Schon in frühester Jugend fühlte ich mich Napoleon verbunden. Er war mein Idol. Ich kannte ihn von einem bunten Bildchen her, aus dem mir der Kaiser mit kindlichem Gesicht, blauäugig-majestätisch entgegenblickte, und ich bildete mir ein, zwischen seinem und meinem Aussehen Anzeichen von Ähnlichkeit feststellen zu können.
Immer, wenn ich mir beim Frisör die Haare schneiden lassen musste, betrachtete ich im großen Spiegel mein Antlitz und prüfte, wie weit es mir schon gelungen war, meine Züge denen des großen Napoleon anzugleichen.

Zusammen mit der Feststellung, dass meine Gesichtszüge ohnehin allmählich, aber immer eindeutiger eine andere Richtung einschlugen als die napoleonischen, verblasste meine Faszination durch den Kaiser. Er kam schließlich als Vorbild nicht mehr in Frage, ja er wurde mir mit fortschreitender Geschichtskenntnis immer unsympathischer.

Meine stille Bewunderung hatte sich inzwischen einer Dame zugewandt, die mir mit blendend weißem Gebiss aus einem Plakat für Chlorodont freundlich entgegen lächelte. Ach, war die schön.

Aber Napoleon habe ich dennoch nicht ganz vergessen, und eines rechne ich ihm hoch an: Er soll einmal gesagt haben: "Wer jemandem die Zeit stiehlt, der gehört genau so eingesperrt wie jeder gemeine Dieb."

Im 6. Bild stolziert der Hahn am Strand entlang.

Der junge Hahn wird mit dem Thema Sexualität konfrontiert. Den drei Figuren Mann, Frau und Hahn werden drei Elemente scheinbar wahllos zugeordnet: eine Radachse, ein nach oben offener Würfel, bemalt in den Grundfarben gelb, blau und rot und, ins Meer eintauchend, die untergehende Sonne. Freizeit, Freiheit, ungebunden sein - ein heiteres Bild, das vom Abenteuer erzählt, erwachsen zu werden.

Der Gegensatz zu den folgenden vier Bildern dieser Serie könnte nicht größer sein.

Wolfgang Lettl schreibt:"Ich erinnere mich der ersten Nachkriegsjahre (1. Weltkrieg) als einer glücklichen Zeit. Irgendwie lag es in der Luft: Freiheit, Friede, Hoffnung. Und die Kunst der Expressionisten sprach vom Aufbruch zu neuer Menschlichkeit. Dann kam die Nacht der Barbaren und Unmenschen.

"Im 7. Bild verliert der Hahn seine Farbigkeit. Eingesperrt in einen dunklen Raum seiner Bewegungsfreiheit beraubt wirft er einen dunklen Schatten. Ihm fehlt der Kopf, wodurch sichtbar wird, dass er nur noch eine hohle, leere Hülle ist. Leben und Geist haben den Hahn verlassen.

Wolfgang Lettl macht 1938 an der Oberrealschule, nach einer um ein Jahr verkürzten Schulzeit, sein Abitur. Hitler braucht Soldaten. Nach einem halben Jahr Arbeitsdienst muss er zum Wehrdienst und ist bis Kriegsende 1945 Soldat in der Deutschen Wehrmacht. Anschließend folgt ein halbes Jahr englischer Gefangenschaft in der Lüneburger Heide.

Normalerweise werden im Alter zwischen 20 und 30 die entscheidenden Weichen im Leben eines Menschen gestellt.

Die Generation im Alter von Wolfgang Lettl wird deshalb oftmals die "verschollene Generation" genannt.

Im 8. Bild steht eine kubistische Figur, die sich nur vage als Hahn zu erkennen gibt, vor einer grauen Wand. Das wenige Rot und die gelbe Halbschale bringen aber etwas Farbigkeit in diese Tristesse.

In den Erinnerungen Wolfgang Lettls an die Zeit des Krieges findet sich folgender Text:

Damals, als die ersten bedeutenden Werke des Surrealismus entstanden, war Deutschland von modernen Strömungen in der Kunst bald völlig isoliert; meine Geburtsstadt Augsburg war, soviel ich mitbekam, nur ganz schüchtern vom Impressionismus beleckt. Wohlwollend betrachtet kann ich die künstlerischen Einflüsse meiner frühen Jugendzeit als "romantisch-biedermeierlich" bezeichnen.

Meine Hinwendung zum Surrealismus kam auf verschiedenen Wegen.

Der Krieg verschlug mich einige Jahre nach Paris und dort schnupperte ich Großstadtluft, lernte die Franzosen schätzen und sah auch ab und zu surrealistische Bilder, die ich zunächst ablehnte, mit der Gewöhnung aber immer mehr bewunderte.

In der zweiten Kriegshälfte war ich Flieger und ein gütiges Geschick verhinderte, dass ich jemals einen Feind zu sehen bekam oder schießen musste.

Wir hatten Langeweile, zumal in den dunklen norwegischen Wintern, und verlegten uns aufs Blödeln. Wir blödelten mit Wortverdrehungen, da kam manches nicht salonfähiges heraus. Aber auch Überraschendes: Wo in Schillers Glocke "rohe Kräfte sinnlos walten" wurde "wo rohe Wälder kraftlos sinnen", was zwar für den Verstand völlig sinnlos erscheint, aber ein wunderbares Bild ergibt, wogegen Schillers Halbsatz müde und farblos wirkt.

Dies nur als kleines Beispiel dafür, wie surreales Denken und Empfinden in mir und nicht nur in mir veranlagt waren und im Erleben der Sinnlosigkeit des Krieges ihre Berechtigung erfuhren.

Im 9. Bild bricht der Hahn aus einem Berg hervor.

Der große Diktator hat seinen Auftritt. Er versucht in jedermanns Gehirn seine nationalistischen Ideologien einzumeißeln.

Die Menschen am Fuße des Vulkans irren durch die Gegend. Wolken verdunkeln den Himmel, am Horizont ist ein Streifen Licht.

Bricht da Hoffnung an, oder verdunkelt sich der Himmel immer mehr?

Das 10. Bild zeigt wieder einen Innenraum wie bei Bild Nummer 7.

Im Derr Hahn ist wieder bunt, wenn auch flach an der Wand lehnend.

Die Existenz bedrohenden Mächte ist jetzt deutlich sichtbar und damit einschätzbar und besiegbar.

Wolfgang Lettl erzählte zum Umgang mit seinen militärischen Vorgesetzten folgendes:

Mir träumte, dass ich immer noch in Gefreitenuniform herumlief, obwohl ich schon längst Feldwebel war.

Dazu ist anzumerken, dass ich es im Krieg nach sechs Dienstjahren tatsächlich bis zum Feldwebel gebracht hatte, allerdings erst kurz vor dem Ende, im März 45, als in Norwegen der Schnee schmolz. Vorher konnte ich nämlich nicht befördert werden, obwohl ich mich strikt an einen Befehl gehalten habe, aber die anderen nicht.

Das war so: Auf dem Weg von meiner Unterkunft zur Kantine pflegte ich, so wie wir es alle taten, mein Wasser in den Schnee abzuschlagen, aber ich tat das in Form meines Namens, der sich wegen seiner Kürze und der ununterbrochenen Linienführung besonders dazu eignet.

Man stellte mich deswegen zur Rede, aber ich bestand auf mein Recht, solches tun zu dürfen, weil eine diesbezügliche Vorschrift nicht bestand.

Da verfassten meine Oberen einen Befehl, worin mir Obiges ausdrücklich verboten wurde, weil es das Ansehen der Deutschen Wehrmacht zu schädigen geeignet sei.

Ich habe mich Befehlen immer gebeugt, wenigstens diesmal, und ich konnte das ruhigen Gewissens tun, denn die Kameraden sorgten nun dafür, dass mein Namen weiterhin im Schnee stand. Er war halt wirklich der geeignetste. Aber befördert werden konnte ich erst nach der Schneeschmelze, und da war es zur Rettung des Vaterlandes zu spät.

Die Szenen des hier gezeigten 11. Bildes spielt am Strand, die Hügelkette im linken Hintergrund könnte auf den Golf von Manfredonia (Apulien) hinweisen, seit den 1970ger Jahren die zweite Heimat Wolfgang Lettls.

Der Körper des Hahns wird aus Autoreifen gebildet. Auf einer Holzkiste sitzt eine Figur als Aktmodell, über den Boden verstreut liegen abgetrennte Haifischköpfe. Eine neue Zeit ist angebrochen, die Gefahren des Krieges sind vorbei, so könnte man die abgetrennten Haifischköpfe deuten. Der Hahnenkopf stößt einen gequälten Schrei aus, dabei verwandelt sich der madenhafte Körper in Autoreifen. Das auf einer Holzkiste sitzende Aktmodell betrachtet die Metamorphose des Hahns.

Wolfgang Lettl wird zum Surrealisten.

1949 heiratet Wolfgang Lettl seine Franziska, die ihm zu seinem Modell, zu seiner Muse und zu seiner Mäzenin wird. Er schwärmte anlässlich des Bildes „Vernere Sipontina “ (1987) über sie: „Die eigene Frau als Modell ist der Idealfall, sie steht immer zur Verfügung, und wenn auf einem Bild noch irgendetwas fehlt, kann man seine Frau hinlegen, sie macht sich immer gut. Mit der Zeit kennt man sie auswendig, dann braucht man kein Modell mehr oder nur ganz selten für ein Detail. Auch Wäscheklammern stehen mir immer zur Verfügung, obwohl sie schön farbig sind und so schön still liegen, können sie mit meiner Venus nicht konkurrieren.“

Aus der Sicht von Franziska klingt es so: „1945 lernte ich Wolfgang Lettl kennen. Es war Liebe auf den ersten, zweiten und dritten Blick. 1999 feierten wir goldene Hochzeit. Ich bin immer noch sein bevorzugtes Modell, obwohl er mich längst auswendig kennt. Da er meine Intelligenz nicht malen kann, lässt er den Kopf oft einfach weg. Modellsitzen im Paradies macht viel Spaß, ab und zu besucht mich dort ein Admiral und setzt sich auf meinen Busen.“

Die Serie kann als surrealer Lebenslauf betrachtet werden. Der Arbeitstitel dieser Serie war zunächst:„12 Versuche einen Hahn zu malen.“

So endet dieser Zyklus logischerweise zunächst mit dem Tod des Hahns, bildlich mit dem Absturz des (aus)brennenden Hahns in die Blumenwiese, die in der Ikonographie Lettls in Anlehnung an Henri Rousseau (1844-1910) irgendwie das ursprünglich-paradiesische symbolisiert.

Wolfgang Lettl malte dieses Bild mit 58 Jahren. Er konnte damals nicht ahnen, dass er 30 Jahre später, bis zum Ende seiner Kräfte malend am 10. Februar 2008 umgeben von seinen Bildern und seinen Lieben mit einem „Ja“ auf den Lippen diese Welt verlässt.

Aber so wie seiner Überzeugung nach das Dasein nicht mit dem Tod eines Menschen endet, so endet auch diese Serie nicht mit Bild Nummer 12. Als Surrealist erfährt er, dass hinter dieser Wirklichkeit weitere Wirklichkeiten existieren.

Und so schreibt er bezugnehmend auf das Bild „Was schaut ihr? - Seht euch selber an!“ (2001): Will uns das Bild in seiner Rätselhaftigkeit sagen, dass unsere Wirklichkeit und alles was wir darüber hinaus noch glauben, wissen und ahnen können noch nicht das Letzte ist? Dass der Abgrund und die Rätselhaftigkeit keine Gefahr bedeuten, sondern ... die unvorstellbare Vollkommenheit der Erlösung?

Am Ende dieser Serie steht ein Selbstportrait, nicht weil Wolfgang Lettl sich selber gerne sah oder sogar malte, ihm genügte es, wenn er sich jeden Morgen zum Rasieren im Spiegel erblickte. So entstanden in seinem über 60jährigen Schaffen mit einem 500-600 Bilder umfassenden Opus gerade einmal sechs Selbstportraits.

Das Selbstportrait mit Hahnenschnabel entstand aus einer Deutung, die sich bei dieser Bildserie aufdrängte.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass es nicht darauf ankommt ein Hahn zu werden, sondern darauf, sich in den verschiedensten Situationen im Leben als Mensch zu erweisen, was, wie am Beispiel des Hahns zu sehen ist, aber immer nur mehr oder weniger gut gelingt.

Neue Herausforderungen im Leben fordern von uns, uns immer wieder zu bemühen menschlich miteinander umzugehen.

Als Menschen sind wir nie fertig.

Mitwirkende: Geschichte

Wolfgang Lettl: Lebenslauf

1919 geboren in Augsburg

1940-1943 Nachrichtensoldat in Paris; erste Begegnung mit surrealer Kunst; nutzte die freie Zeit zum Aquarellieren Pariser Ansichten.

1949 Heirat mit Franziska Link

Seit 1954 freischaffender Maler.
Ausführung von Aufträgen: Wandmalerei, Sgraffiti, Mosaiken, Farbfenster, Porträts
Entwicklung des eigenen surrealen Stils.

1963 -1990 Teilnahme an der "Großen Kunstausstellung München". Mitglied der "Neuen Münchener Künstlergenossenschaft".
Zahlreiche Einzelausstellungen.

1975-1995 Zweitwohnsitz in Apulien (Italien). Angeregt vom südlichen Licht entstehen dort ab und zu impressionistische Bilder.

1993 - 2013 "Lettl Atrium - Museum für surreal Kunst Augsburg.

1998-1999 Teilnahme an vier surrealen Kurzfilmen: "Die verrückte Zitrone", "Riegele", "SUB", "Die Operation"

2000 Große Retrospektive in Augsburg:"Lettl - 80 Jahre". In Zusammenhang mit dieser Ausstellung entsteht das Projekt „Lettl in motion“, von fünf Multimedia Studenten der Fachhochschule Augsburg.

2002 Eröffnung des Lettl Museums in Lindau.

2004 Große Sonderausstellung zum 85. Geburtstag. Es entsteht das Multimediaprojekt "Türen".

2008 Wolfgang Lettl stirbt umgeben von seinen Bildern.

Quelle: Alle Medien
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