07.05.2018 bis 28.07.2018

Ausgezeichnet: UNESCO Memory of the World

Staatsbibliothek Bamberg

Handschriften des frühen Mittelalters für das Bistum Bamberg. Eine Ausstellung in der Staatsbibliothek Bamberg

Ausgezeichnet: UNESCO Memory of the World
In den Jahren 2003 und 2013 nahm die UNESCO drei der bedeutendsten mittelalterlichen Handschriften der Staatsbibliothek Bamberg in das "Memory of the World Programme" auf: die Bamberger Apokalypse und den Kommentar zum Hohelied, beide auf der Klosterinsel Reichenau im Bodensee entstanden, und das Lorscher Arzneibuch aus der Zeit Karls des Großen. Es dokumentiert, wie die antike Medizin im christlichen Mittelalter fortlebte. Als Heinrich II. im Jahr 1007 das Bistum Bamberg gründete, bat er Klöster in ganz Europa, ihm Bücher für die Kirchen und die Domschule zu überlassen. So gelangten Codices aus allen berühmten Skriptorien in Deutschland, Italien, Frankreich und Belgien nach Bamberg. Heute bewahrt die Staatsbibliothek noch 165 Handschriften, die vor dem Tod Kaiser Heinrichs im Jahr 1024 entstanden sind - ein unvergleichlicher Schatz von einzigartigen Codices.

Sterngewölbe

Bücher für die Bildung: Die Bamberger Domschule
Dank der Bücherstiftungen Kaiser Heinrichs II. genossen die Bamberger Schulen schon im 11. Jahrhundert einen hervorragenden Ruf. Abt Gerhard von Seeon rühmte Bamberg als Bücherstadt, die selbst Athen übertreffe. Intensiv gepflegt wurden die Sieben Freien Künste. Das Trivium vermittelte die Beherrschung der lateinischen Sprache, von Stil und Argumentation. Anhand der Werke antiker und christlicher Autoren lernten die Schüler Grammatik, Rhetorik und Dialektik. Im Quadrivium kamen dann die mathematischen Disziplinen an die Reihe: Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie bzw. Astrologie. Die älteste bildliche Darstellung von vier der sieben Künste mit ihren Attributen enthält die rechts zu sehende Bamberger Boethius-Handschrift. Der Unterricht in Bamberg ging aber weit über diesen klassischen Kanon hinaus. Ein breites Spektrum an antiken Werken war verfügbar, die im 11. Jahrhundert kaum eine andere Schule besaß. So konnten die Bamberger Schüler das Geschichtswerk des römischen Historikers Titus Livius studieren und anhand des Lorscher Arzneibuchs die antike Medizin kennenlernen.

Das sog. Lorscher Arzneibuch (um 800) ist ein Meilenstein der Medizingeschichte, denn es verbindet erstmals antik-heidnische Medizin mit christlichen Glaubensinhalten.

Bei den letzten vier Zeilen der hier aufgeschlagenen Seite handelt es sich um einen Nachtrag, der 200 Jahre nach der Entstehung der Handschrift in der Benediktinerabtei Lorsch ergänzt wurde:

Dieser Eintrag enthält ein Verzeichnis einer kaiserlichen Bibliothek des Frühmittelalters. Die Liste umfasst zwölf Bücher, die für Kaiser Otto III. in Piacenza bereitlagen, darunter auch das Lorscher Arzneibuch (Medicinale unum).

Den Hauptteil des Lorscher Arzneibuches bildet eine Sammlung von 482 Arzneirezepten. Zu sehen ist hier die letzte Seite des zweiten Kapitels dieser Rezeptesammlung...

...und hier die erste Seite des dritten Kapitels. Der lateinische Text empfiehlt Heilmittel für Krankheiten des Herzens und des Magens sowie eine Paste zum Reinigen schwarzer Zähne und ein Mittel gegen Kopfschmerzen.

P wie Pronomen – diese Flechtwerk-Initiale ziert eine Handschrift der lateinischen Grammatik des Priscian. Grammatik war das erste Unterrichtsfach, das in mittelalterlichen Schulen gelehrt wurde, und ist die grundlegende der sieben freien Künste.

Die Handschrift stammt aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts und wurde in der Toskana oder in Rom hergestellt. Die breiten Seitenränder und die große Schrift zeigen, dass die Handschrift kein einfaches Schulbuch war, sondern ein kostbarer Schatz.

Noch prachtvollere Initialen zieren diese Handschrift...

die um 845 in Tours entstand und ein arithmetisches Werk enthält, eine Einführung in die antike Zahlentheorie der Pythagoreer.

Eine ganzseitige Miniatur illustriert den Text. Die gemalten Frauengestalten verkörpern die Künste Musik und Arithmetik...

...Geometrie und Astronomie mit ihren Attributen.

Die Frauengruppe stellt also die vier höheren freien Künste dar, das sogenannte Quadrivium.

Über die Herkunft, also die Provenienz, dieser Handschrift können keine gesicherten Angaben gemacht werden. Vermutlich ist sie über Gerbert von Reims, den späteren Papst Silvester II., an seinen Schüler Kaiser Otto III. weitergegeben worden. Über diesen gelangte sie wohl an Heinrich II.

Die Handschrift enthält ein literarisches Werk des Martianus Capella über die sieben freien Künste. In dieser Passage wird eine Einführung in die Geometrie geboten. Erläuternde Diagramme begleiten den Text.

Diese Handschrift mit der Geschichte Roms des Livius entstand in Mittelitalien. Das Werk ist eine der zentralen Quellen zur römischen Frühgeschichte und zum Krieg der Römer gegen die Karthager unter Hannibal.

Auf dieser Seite ist ein Bericht über die mythische Gründung Roms und die Ermordung des Remus durch seinen Bruder Romulus zu lesen: ...ibi in turba ictus Remus cecidit (Dort in der Menge fiel der geschlagene Remus).

Von der Geometrie zur Geographie: Eine solche zweidimensionale Darstellung der Erdkugel mit den Klimazonen wird auch Planiglob genannt. Sie ist in einer Abschrift des staatsphilosophischen Werkes De re publica des römischen Politikers, Redners und Philosophen Cicero enthalten.

Die Erde wird hier als zweigeteilt gezeigt. In der gemäßigten Zone der Nordhalbkugel ist Italien eingezeichnet. Links daneben sind die Orkney Islands markiert (orcades).

Literarische Texte der Antike sind nicht leicht zu verstehen. In winziger Schrift sind am Seitenrand Glossen eingetragen, also Erklärungen zum Haupttext in der Mitte...

... einem Text des augusteischen Dichters Horaz, der in Lothringen oder Belgien um das Jahr 1000 in dieser Handschrift niedergeschrieben wurde. Es handelt sich um ein Schulexemplar der Bamberger Domschule, wo viele Anmerkungen eingetragen wurden.

Diese Handschrift ist, wie das Lorscher Arzneibuch, eine Sammelhandschrift. Sie enthält nicht nur eines, sondern gleich mehrere Werke: einige kürzere Traktate und eine didaktische sowie eine eher praktisch orientierte Lehrschrift zur Musik.

Die hier verwendeten sogenannten Dasia-Notenzeichen waren ein erster Versuch, mehrstimmige Musik aufzuschreiben. Allerdings konnten sie sich nicht durchsetzen.

Scagliola-Saal

Stiftungen für das Seelenheil: Buchkunst von der Reichenau
Auf der Insel Reichenau im Bodensee bestand seit der Zeit der Karolinger eine Benediktinerabtei, die sich schon früh zu einem herausragenden Zentrum der Kultur und Wissenschaft entwickelte. Ein leistungsfähiges Skriptorium war dafür unabdingbar. Die Schreibermönche und Buchmaler stellten aber nicht nur Handschriften für den eigenen Bedarf des Klosters her. Für hochgestellte Persönlichkeiten schufen sie prachtvoll illuminierte Codices, die den Ruhm der Reichenauer Malerschule in ganz Europa verbreiteten. Auch Kaiser Heinrich II. († 1024) gab Handschriften in Auftrag. Glanzvolle Bilder, die den mächtigen Herrscher auf dem Thron zeigen, veranschaulichen seine enge Verbundenheit mit dem Buch. Von unvergleichlichem Rang sind die Reichenauer Codices der Staatsbibliothek Bamberg, wie die Bamberger Apokalypse. 58 illuminierte Codices aus der Reichenauer Malerschule haben sich weltweit erhalten. Im Jahr 2003 wurden zehn davon in das Memory of the World Programme der UNESCO aufgenommen, darunter die zwei bedeutendsten Reichenauer Handschriften der Staatsbibliothek Bamberg. Zum Bamberger Bestand gehören daneben noch weitere vier Handschriften von der Reichenau.

Die Doppelseite mit dem Herrscherbildnis war nicht von vornherein für diesen Codex mit der Geschichte des jüdischen Volkes des Flavius Josephus vorgesehen, sondern wurde erst nachträglich eingefügt.

Von links nähern sich dem Herrscher demütig vier weibliche gekrönte Figuren mit Gaben in Füllhörnern und Schalen.

Über ihren Köpfen sind verblasste Inschriften zu erkennen. Sie kennzeichnen die Frauen als die Provinzen Sclavania, Gallia, Germania und Italia.

Die kaum noch lesbare Inschrift im Goldgrund über dem Thron identifiziert den Herrscher als Heinrich II. Ursprünglich stand hier jedoch der Name Otto. Die Miniatur muss also vor dem Tod Kaiser Ottos III. im Januar 1002 entstanden sein.

Die Apokalypse oder Geheime Offenbarung des Johannes ist das letzte Buch des Neuen Testaments. Der Text enthält Prophezeiungen über das Ende der Welt und die Erschaffung einer neuen Welt. Die Bamberger Apokalypse ist mit fünfzig Miniaturen ausgestattet, die das endzeitliche Geschehen in äußerst expressive und dramatische Bilder umsetzen. Hier nimmt Johannes das Buch von einem Engel in Empfang.

Nur das Lamm Gottes kann das Buch mit sieben Siegeln öffnen.

Nachdem das Buch mit sieben Siegeln geöffnet wurde, blasen Engel sieben Posaunen, um den Weltuntergang anzukündigen. Eine Reihe von Katastrophen beginnt.

Schreckliche Ungeheuer steigen aus der Tiefe empor

und furchterregende Drachen bedrohen die Menschheit.

Dann gießen Engel sieben Schalen mit Gottes Zorn...

...über die Schöpfung aus. Die Menschen sind entsetzt darüber, dass sich die Sonne verdunkelt, und Monster tauchen aus dem Meer auf.

Unbewegt hält Johannes seine Visionen im Buch fest.

In einem unerbittlichen Kampf...

...werden die Kräfte des Bösen schließlich besiegt.

Nach dem Weltuntergang und dem Sieg über den Antichrist beginnt das Jüngste Gericht.

Die Toten erstehen aus ihren Gräbern auf...

...und Christus trennt die Erwählten von den Verdammten.

Im Anschluss an die Apokalypse ist der Herrscher dargestellt, der die Handschrift in Auftrag gab. Der jugendliche König könnte Kaiser Otto III. sein, der im Alter von 21 Jahren 1002 starb, aber wie eine Inschrift auf dem (verlorenen) Bucheinband mitteilte, stiftete Heinrich II.den Codex nach Bamberg.

Geschmückt war der Einband der Bamberger Apokalypse ursprünglich mit dieser großformatigen Achatplatte, die zusammen mit 46 Edelsteinen den Vorderdeckel aus vergoldetem Silber zierte. Der Achat wird heute in München, Schatzkammer der Residenz - Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen aufbewahrt.

Dieser Codex enthält gregorianische Gesänge für die Liturgie. Es sind auch Fürbitten enthalten, in denen Kaiser Otto III. genannt wird. Daher ist davon auszugehen, dass sie vor seinem Tod 1002 entstanden ist.

Eine ganzseitige Miniatur zum Weihnachtsfest zeigt Maria und Joseph und das neugeborene Christuskind im Stall mit Ochse und Esel...

...über dem Engel schweben und die Geburt des Heilands verkündigen.

Diese in Gold gefassten Edelsteine und Perlen befinden sich auf dem Prachteinband zu einem Evangeliar, das Heinrich II. für den Bamberger Dom bestimmte. (heute in München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 4454)

Den Mittelpunkt bildet ein ovaler Achat, auf dem in einer Goldfassung ein Amulettstein mit arabischer Beschriftung sitzt.
Video produziert durch die Bayerische Staatsbibliothek München, Institut für Bestandserhaltung und Restaurierung.

Diese Prachthandschrift mit den Prophezeiungen des Jesaias aus dem Alten Testament enthält mehrere Miniaturen, die ebenfalls im Skriptorium auf der Reichenau entstanden sind.

In der Mitte des linken Bildes thront Christus...

...umgeben von insgesamt sechs Seraphim, also Engel mit sechs Flügeln.

Die linke Hand Christi lenkt den Blick auf die gegenüberliegende Seite, auf der mit einer prächtig geschmückten Initiale V der Text mit dem Wort Visio beginnt.

Diese Handschrift enthält das Hohelied Salomos, eine Sammlung von Liebesliedern aus dem Alten Testament, die man im Mittelalter allegorisch interpretierte. Der Bräutigam steht für Christus, die Braut für die Kirche.

Auf der linken Seite zieht eine Prozession von Gläubigen zum gekreuzigten Christus, geführt von einer Frau, die mit der linken Hand auf Christus weist und in der rechten Hand einen Kelch hält.

Die Frau stellt die Kirche dar, die in der Eucharistie an das Leiden Christi erinnert.

Mittelalterliche Handschriften boten den Text des Hohelieds in unterschiedlichem Layout. In diesem Exemplar steht der Bibeltext in größerer Schrift in der Mitte der Seite, während der Kommentar zum Hohelied am Seitenrand in Form von Randglossen eingetragen wurde. Man konnte ihn also beim Lesen übergehen und sich nur auf den Bibeltext konzentrieren...

... während in diesem Exemplar der Kommentar mit dem Haupttext abwechselt. Die Erklärungen wurden in kleinerer Schrift zwischen die Verse des Hohelieds geschrieben; der Leser musste also beides lesen.

Staatsbibliothek Bamberg
Mitwirkende: Geschichte

Ausgezeichnet: UNESCO Memory of the World
Ausstellung der Staatsbibliothek Bamberg
7. Mai - 28. Juli 2018

Staatsbibliothek Bamberg

Texte: Bettina Wagner und Stefan Knoch
Fotos: Gerald Raab
Layout: Yvonne Spindler und Carolin Benz

Quelle: Alle Medien
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