Renaissance und Reformation

Das Motiv des gemischten Doppels ist so alt wie die Welt. Schon die Schöpfungsgeschichte führt ungleiche Paare an: Dunkel und Licht, Himmel und Erde, Wasser und Land und auch das erste Menschenpaar, Adam und Eva. Diese Paare machen deutlich, dass es immer mehr als einen Blickwinkel gibt, um die Welt zu begreifen.

Auch die Zeit um 1500, die Epoche der „Renaissance und Reformation", verlangt danach, aus verschiedenen Perspektiven betrachtet zu werden. Sie ist von Umbrüchen und Widersprüchen geprägt. Die Kultur des Christentums wird bis in ihre Wurzeln erschüttert und aufgespalten. Der Wiedergeburt der Antike folgt die Erneuerung des Geistes.

Die folgenden Gegenüberstellungen greifen Aspekte auf, die das Schaffen und Nachwirken der Reformatoren und Humanisten in dieser aufwühlenden Zeit bestimmen.

Studierte Stubenhocker
Als Initiator der Reformation gilt der Augustinermönch Martin Luther, der im Oktober 1517 seine 95 Thesen – eine scharfe Kritik an den Missständen in der katholischen Kirche – an der Pforte der Schlosskirche in Wittenberg veröffentlicht. Luther fordert auch, das Wort Gottes allen Gläubigen zugänglich zu machen, und übersetzt die Bibel ins Deutsche. Hier sieht man ihn in der Tradition des Heiligen Hieronymus, der über 1000 Jahre vor ihm die Bibel ins Lateinische übersetzte.
Gottlose Geistliche
Die Kritik Luthers und der Zorn der Reformatoren richten sich vor allem gegen Fehlverhalten, Korruption und Geldgier in der katholischen Kirche. Besonderen Unmut löst der von Rom aus betriebene Handel mit Ablässen aus: Statt Buße zu tun, können die Gläubigen sich mit Ablassbriefen von ihren Sünden freikaufen, um dem Fegefeuer zu entgehen.
Kreuz & Gloria
Die Spaltung zwischen der alten und der neuen Lehre der Kirche zeigt sich auch auf politischer Ebene: Die Landesherren bestimmen ab dem Augsburger Religionsfrieden 1555 die Glaubensrichtung auf ihrem Gebiet selbst. Das Kurfürstentum Sachsen, eines der reichsten deutschen Fürstentümer, tritt als Schutzmacht der Lutherischen Reformation auf. Für seinen Hof entstanden prunkvoll verzierte Harnische, Sättel und Waffen.
Weltlich & Heilig
Die Anwesenheit versierter Handwerker und Künstler in den Städten des Reiches spiegelt sich in deren lokalem Schaffen – Tilman Riemenschneider beispielsweise war führender Bildhauer in Würzburg. Neuerungen in der Drucktechnik ermöglichen zudem die schnelle Verbreitung künstlerischer Vorlagen und auch der reformatorischen Ideen. Moderne Bildmedien wie Holzschnitt und Flugblatt erreichen weite Teile der Bevölkerung und schwören die Menschen visuell auf die Ziele der Reformer ein. Die Helden der neuen Zeit sind irdischer Natur: Reformatoren und Gelehrte stehen den traditionell verehrten Heiligen gegenüber.
Sinnlich & Sündlos
Auch den wichtigsten weiblichen Figuren des christlichen Glaubens werden weltliche Damen zur Seite gestellt. Maria – ummantelte und tugendhafte Jungfrau – verkörpert die neue Eva frei von Sünde. Aber auch Eva hat ihren Auftritt: Mit dem neckisch vor die Scham gehaltenen Feigenblatt wird sie insbesondere in der Darstellung Lucas Cranachs zum Pin-up der Reformationszeit. Ähnlich wie die antike Heldin Lucretia, deren transparenter Schleier die Blicke lenkt und fast mehr betont, als er verhüllt.
Lust & Verderben
Das Verhältnis zwischen Mann und Frau faszinierte Künstler seit jeher. Durch den Sündenfall Adams und Evas hängt dem Thema jedoch eine verdorbene, dunkle Seite an, die auch zur Zeit der Renaissance die Vorstellung bestimmt. Vor allem das Zusammenspiel von Erotik und dem Verfall des Körpers und der Sitten übt einen besonderen Reiz aus. In dem im 16. Jahrhundert beliebten Sujet „Tod und Mädchen“ tritt der Tod als Verführer und Liebhaber einer jungen Frau auf – ein Motiv, das sich auch in der Darstellung entblößter Hexen wiederfindet.
Anhaltende Augenblicke
Das Wissen um die allgegenwärtige Vergänglichkeit veranlasst die Menschen einerseits zur Frömmigkeit. Andererseits richtet sich der Blick nun mehr und mehr auf die diesseitige Welt. Nahezu alles ist unter den Augen der Humanisten einer genauen Betrachtung wert: vom Federkleid eines gejagten Rebhuhns bis zum Ausdruck eines schreienden Kindes. Das Leben soll in all seinen Facetten festgehalten werden – zumindest in der Kunst.
Mitwirkende: Geschichte

Online-Kuration: Nadine Söll, Jutta Dette
Text, Redaktion: Jutta Dette, Astrid Alexander

Auf der Grundlage von: Renaissance and Reformation - German Art in the Age of Dürer and Cranach, Nov 20, 2016–March 26, 2017, A Cooperation of the Los Angeles County Museum of Art, the Staatliche Museen zu Berlin, the Staatliche Kunstsammlungen Dresden, and the Bayerische Staatsgemäldesammlungen München, Catalogue of the Exhibition at the Los Angeles County Museum of Art, Munich: Prestel, 2016.

© Die Ausstellung wurde vom Los Angeles County Museum of Art, den Staatlichen Museen zu Berlin, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München organisiert und mit Unterstützung des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland ermöglicht. Zusätzliche Unterstützung leistete die Gladys Krieble Delmas Foundation.

Quelle: Alle Medien
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