08.02.2018

Paula Modersohn-Becker: Wegbereiterin der Moderne

Museen Böttcherstraße

Als Wegbereiterin der Moderne in Deutschland kommt Paula Modersohn-Becker eine zentrale Rolle in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zu. Diese Online-Ausstellung gibt tiefere Einblicke in das Leben und Werk dieser bedeutenden Künstlerin.

Als Wegbereiterin der Moderne in Deutschland kommt Paula Modersohn-Becker eine zentrale Rolle in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zu. Ausgebildet vor allem in Berlin und Worpswede, kommt sie durch vier Aufenthalte in Paris mit der modernen Kunst von Paul Cézanne, Vincent van Gogh, Paul Gauguin, Henri Rousseau und der Künstlergruppe der Nabis in Berührung. Aus diesen Anregungen entwickelt sie eine ganz eigene Bildsprache und ein singuläres Menschenbild: Im Verzicht auf genrehafte Darstellungen, bringt sie das Wesenhafte und Ursprüngliche der dargestellten Personen zum Ausdruck. Ohne Pathos und Stilisierung sind die Werke einfach und zugleich groß gedacht. Erst nach ihrem frühen Tod in Folge der Geburt ihrer Tochter Mathilde 1907 wird ihr umfangreiches Werk gesichtet, ausgestellt und von Sammlern erworben. Das 1927 vom Bremer Kaffeekaufmann Ludwig Roselius errichtete und ihr gewidmete Haus ist das erste Museum weltweit für eine Malerin.

Mutter-und-Kind-Darstellungen

Mutter-und-Kind-Darstellungen nehmen einen großen Stellenwert im Werk der Künstlerin ein. Mit der „Liegenden Mutter mit Kind“ hat sie eine zugleich einfache wie überzeugende kompositorische und formale Lösung gefunden: Beinahe bildfüllend bilden die beiden Körper eine Einheit, die jene ursprüngliche und zeitlose Urverbundenheit einer Mutter zu ihrem Kind zum Ausdruck bringt.

Die monumentale Archaik der Darstellung findet in der deutschen Kunst jener Zeit keine Parallele. Vielmehr schlagen sich französische Einflüsse nieder sowie Modersohn-Beckers Beschäftigung mit antiker Kunst. Zwei weitere, kompositionell ähnliche Fassungen im Besitz von Ludwig Roselius sind bei Bombenangriffen in der Böttcherstraße verbrannt.

Erster weiblicher Selbstakt der Kunstgeschichte

Als erster weiblicher Selbstakt der Kunstgeschichte ist dieses in Paris entstandene Selbstbildnis herausragend und gibt zugleich Rätsel auf: So handelte es sich zum einen erst um ihren 5. Hochzeitstag – Otto Modersohn und Paula Becker heirateten am 25. Mai 1901. Zur Entstehung des Bildes war die Künstlerin zudem nicht schwanger, wie es der gewölbte Bauch und die schützend um diesen gelegten Hände vermuten lassen. Die Inschrift unten rechts sowie der ruhige, selbstbewusste Blick auf den Betrachter verraten den eigentlichen Charakter des Bildes als ein künstlerisches wie persönliches Manifest: Die Malerin ist sich ihrer künstlerischen Berufung, Fähigkeiten und schöpferischen Kraft bewusst. Diese Überzeugung, gepaart mit der Größe, Unmittelbarkeit und zugleich Einfachheit der Darstellung, machen dieses Bild zu einem der eindrucksvollsten Figurenbilder des 20. Jahrhunderts.

Landschaft

In zahlreichen Bildern hat sich Paula Modersohn-Becker mit der Landschaft Worpswedes auseinandergesetzt, insbesondere mit den dort reichlich anzutreffenden Birken. Die einfache, beinahe abstrakte Struktur dieser Bäume inspirierte sie zu oft außergewöhnlichen und modernen Kompositionen. Besonders reizvoll und spannungsreich verschränkte sie Bildvorder- und Hintergrund in "Birkenstamm vor Landschaft": der Stamm ist oben wie unten vom Bildrand angeschnitten, während der Blick links über Wiese und Baumgruppen in die Tiefe führt. Daraus resultiert ein starker Gegensatz von Nähe und Ferne, während der Schatten vor allem die Flächigkeit des Bildes betont. Ganz offenkundig lag Paula Modersohn-Becker nicht daran, eine reale Landschaft wiederzugeben, sondern viel mehr daran, ein Bild zu schaffen.

Einfaches Leben im ländlichen Worpswede

Paula Modersohn-Becker war fasziniert von dem einfachen Leben im ländlichen Worpswede. So auch von den meist älteren Frauen in dem dortigen Armenhaus.

Dieses Gemälde zählt zu den spätesten Arbeiten der Künstlerin und offenbart die stilistische Nähe zu van Gogh oder Gauguin. Die monumentale Gestalt der Armenhäuslerin „Mutter Schröder“ thront vor leuchtend bunten Mohnblumen und einer dickbauchigen Glaskugel – einem typischen Schmuck Worpsweder Bauerngärten. Helles Abendlicht im Hintergrund bestimmt die Atmosphäre und lässt ihr Gesicht verschattet erscheinen.

Die kräftige, gedrungene Figur, das grobe Gesicht und der abwesende Blick der Frau verleihen der Darstellung eine gewisse Schwere. Das Wesen der Porträtierten mit den auffallenden Physiognomien erfasst die Künstlerin mit nur wenigen Pinselstrichen.

Porträts

Der größte Teil von Paula Modersohn-Beckers Gemälden zeigt Menschen. Zu ihren modernsten Porträts zählt dieses Bildnis von Lee Hoetger, Freundin der Künstlerin und Ehefrau des Künstlers Bernhard Hoetger. In einem engen Bildausschnitt und vor dem dunklen Hintergrund tritt ihre Figur dem Betrachter unmittelbar entgegen. Kantig, nahezu maskenhaft sticht das Gesicht mit den schmalen, mandelförmigen Augen hervor. Die Figur wird von der Künstlerin aus nur wenigen Flächen aufgebaut und geometrisch aufgefasst.

Mit kräftigen, schwarzen Konturlinien und wenigen, jedoch kontrastreichen Farben, verleiht Modersohn-Becker dem Bildnis erstaunliche Ausdrucksstärke. Die Vereinfachung und Geometrisierung der Bildelemente erinnern an Figurenbilder von Picasso oder Cézanne.

Kinder-Darstellungen

Kinder waren für Paula Modersohn-Becker ein zentrales Thema, das sich durch alle Schaffensperioden zieht. In diesem Gemälde konzentriert sich die Künstlerin auf die nahsichtige, monumentale Figur eines Bauernmädchens. In Profilsicht gezeigt und auf einer Flöte spielend, schreitet das Kind durch den Wald. Gesicht, Hände und Haare des Modells sind auf das Wesentliche reduziert. Harmonisch fügt sich die nahezu formatfüllende Figur in den vertikal strukturierten Landschaftraum. Schlanke Birkenstämme im Hintergrund bilden ein kompositorisches Gerüst, ein dichtes Gitter aus herbstlich gefärbten Bäumen. Die Einbindung von Figuren in Landschaften ist ein wiederkehrendes Sujet im Oeuvre der Künstlerin, die damit die Verbundenheit von Mensch und Natur zum Ausdruck bringt.

Stillleben

Paula Modersohn-Becker schuf rund 70 Stillleben. Der Aufbau und das Motivrepertoire dieses Beispiels erinnern an zahlreiche Stillleben von Paul Cézanne mit Früchten.

Im Fokus der Darstellung steht eine graue Steingutschale mit Äpfeln auf einem rostroten, gemusterten Tischtuch, der ein Messer und ein türkisgrünes Glas nebengestellt sind. Die diagonal verlaufende Tischplatte erzeugt räumliche Tiefe, die mithilfe des schräg liegenden Messers verstärkt wird. Das Stillleben besticht neben dem Bestreben der Künstlerin zur Formvereinfachung durch das Spiel mit der perspektivisch wechselnden Blickführung: Die leichte Aufsicht der Schale konkurriert mit der seitlichen Ansicht des Glases.

Nach ihrem frühen Tod 1907 wurde das umfangreiche, doch bis dato unbekannte Werk von Paula Modersohn-Becker von ihrem Ehemann Otto Modersohn und Freunden wie Bernhard Hoetger oder Heinrich Vogeler gesichtet. Überwältigt von der Qualität und Modernität, konnten sie nach kurzer Zeit auch wichtige Sammler und Museen für die Kunst der Malerin begeistern. Schließlich kaufte auch der Bremer Kaffeekaufmann Ludwig Roselius wichtige Hauptwerke von Paula Modersohn-Becker und widmete ihr im Jahr 1927 das erste Museum weltweit für eine Malerin: das Paula Modersohn-Becker Museum in der Böttcherstraße.

Entworfen hat das Museum der Bildhauer und enge Freund der früh verstorbenen Malerin Bernhard Hoetger. Er schuf damit eine einzigartige expressionistische Architektur, die das Museum auch von außen als einen außergewöhnlichen und originären Ort der Kunst kennzeichnet.

Seitdem werden dort bis heute in der ständigen Ausstellung die hochrangigen Kunstwerke und Zeichnungen der Malerin ausgestellt, die heute als eine Pionierin der Moderne mit namhaften Künstlern wie Picasso verglichen wird. Ergänzt wird die hauseigene Sammlung des Paula Modersohn-Becker Museums von Kunstwerken der Paula-Modersohn-Becker-Stiftung, mit der das Haus in Zusammenarbeit auch regelmäßig Sonderausstellungen zum Leben und zu einzelnen Aspekten im Werk der Künstlerin realisiert. Neben diesen beiden hochkarätigen Bremer Sammlungen zeigt auch die Kunsthalle Bremen ausgewählte Bilder von Paula Modersohn-Becker.

Museen Böttcherstraße
Mitwirkende: Geschichte

Museen Böttcherstraße
Paula Modersohn-Becker Museum
Ludwig Roselius Museum
Böttcherstraße 6-10
28195 Bremen, Germany

Texte: Dr. Frank Schmidt, Anna Schrader
V.S.d.P.: Claudia Klocke

Quelle: Alle Medien
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