St. Galler Stickereien

Textilmuseum St. Gallen

Ostschweizer Stickerei vom 16. Jahrhundert bis heute

St. Gallen – Die weisse Stadt
Der Legende nach begründet der Hl.Gallus, ein Wandermönch, der im 6./7. Jh. im Bodenseeraum missioniert, die Stadt. Ihm zu Ehren veranlasst der Priester und später heilige Othmar im Jahr 719 n. Chr. die Gründung einer Abtei namens St.Gallen, die zum spirituellen Zentrum der Region avanciert. Die Stiftsbibliothek, die unter anderen über Tausende wertvoller Handschriften verfügt, erfreut sich noch heute grosser Berühmtheit.

Heute ist St. Gallen das florierende Zentrum der Ostschweiz. Bekannt ist die Hochschule St.Gallen, an der international renommierte Wissenschaftler lehren.

Aber auch Reisende wissen die Schönheit der idyllisch zwischen Alpen und Bodensee gelegenen Stadt zu schätzen. Ein kulturelles Highlight bilden die Stiftskirche, der Stiftsbezirk und die Stiftsbibliothek, die 1983 als Weltkulturerbe anerkannt worden sind.

Die Leinen-Zeit (1200-1700)
Die Stadt St. Gallen kann auf eine lange Tradition in der Textilherstellung und -verarbeitung zurückblicken. Sie nimmt ihren Anfang bereits im Mittelalter und dauert bis heute an. Im Mittelalter tat sich die Gegend durch die Leinenproduktion hervor: Flachs, der den Rohstoff für Leinen liefert, gedeiht in der Bodenseeregion hervorragend und so floriert das Geschäft. Leinengewebe aus St. Gallen sind für ihre hohe Qualität bekannt und werden bereits in dieser Zeit weltweit exportiert.

Der Leinenstoff wird in der Region hergestellt und weiterverarbeitet. Diese Sargdecke aus dem 17. Jahrhundert ist gefärbt und bedruckt.

Neben dem Färben und Drucken bieten sich weitere Möglichkeiten, das Gewebe zu veredeln: Das Kissenblatt ist aus Leinen gefertigt und mit Metall und Seide bestickt. Die Inschrift verrät, dass die Darstellung die badenden Bathseba zeigt. Sie wird von zwei Dienerinnen begleitet und von David von einem Zürcher Wehrturm aus beobachtet.

Die Baumwoll-Zeit (1750-1850)
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts zeichnet sich ein Strukturwandel ab: Das Leinwandgewerbe wird ab 1730 zunehmend durch die Baumwollindustrie verdrängt. In der Region entstehen Baumwollwebereien und -spinnereien. Auch die Veredlung durch Stickereien gewinnt an Bedeutung. Vor Einführung der Stickmaschine werden diese von Hand ausgeführt so wie diese kunstvoll gefertigte Decke, die für die erste Weltausstellung, die 1851 in London stattfindet, angefertigt wird.

Work in Progress: Die Stickerei ist vorgezeichnet und teilweise ausgeführt: Den Kragen zieren ovale Medaillons mit Band- und Blattmotiven, dazwischen kleine Vierblattformen in geometrischer Anordnung und aus kleinen Blättern bestehende Medaillons.

Innovation – Technologischer Fortschritt und gesellschaftliche Umbruch
Die Industrielle Revolution erfasst auch die Schweizer Textilindustrie:So gelingt dem Elsässer Josua Heilmann (1796-1848) Jahr 1828/29 u.a. die Entwicklung einer ersten Handstickmaschine. Diese kann mit über 300 Nadeln gleichzeitig sticken und so das gewünschte Muster vielfach auf den Stoff übertragen. Wo früher Frauen von Hand stickten, führt nun ein Mann die Maschine, die die feinen Stickereien en masse produziert. Die Frauen übernehmen Zuarbeiten wie das mühevolle und zeitaufwendige Fädeln.

Die St. Galler F.E. Rittmeyer und F.A. Vogler verbessern die von Josua Heilmann entwickelte Handstickmaschine und führen sie zur Serienreife. Hergestellt werden die Maschinen unter anderem von der Firma Saurer in Arbon.

Die Erfindung der Stickmaschine revolutioniert die Textilindustrie und ermöglicht den Siegeszug der europäischen Stickereiindustrie in Sachsen und insbesondere in der Umgebung von St.Gallen. Für die St.Galler Stickerei wurden allein über 20 000 Maschinen dieses Typs gebaut.

Inspiration – Historische Spitzen
Technologische Innovation und hohe Qualität sind Erfolgsfaktoren der Ostschweizer Textilindustrie. Dies gilt auch für das Design der textilen Kostbarkeiten. Nur wer laufend neue Dessins liefern kann, besteht auf dem launischen Markt der Mode. Als Quell der Inspiration dienen unter anderem historische Spitzen, die in Handarbeit gefertigt sind. Diese werden von den Textilproduzenten gezielt gesammelt und den Entwerfern als Vorlage zur Verfügung gestellt. Auch das im Jahr 1886 eröffnete Textilmuseum St.Gallen verfügt über eine Sammlung, die der Inspiration und Ausbildung von Textilentwerfern dient. Noch heute gehört die Spitzensammlung Textilmuseums zu den Highlights der Sammlung.

Historischen Vorlagen wie diese Point de Venise-Spitze aus dem 17. Jahrhundert werden so gut mit der Maschine imitiert, dass sie kaum von den Handarbeiten zu unterscheiden sind.

Nadelspitze

Work in Progress: Nadelspitze

Point de Venise
Nadelspitze mit Relief
Venedig/Frankreich,1675-90
Diese wunderscönen Borten werden für Krägen, Manschetten und ähnliches verwendet.

Work in Progress: Klöppelspitze

Work in Progress: Klöppelspitze

Klöppelspitze

Litzenspitze mit Nadelspitze 1710-20

Neben historischen Textilien dienen auch die sogenannten Musterbücher als Inspirationsquelle. In den gewichtigen Wälzern werden auswählte Textilien - vorzugsweise aus eigener Produktion, aber auch aus dem Sortiment der Konkurrenz - gesammelt. Sie dienen nachfolgenden Entwerfergenerationen als Vorlage für neue Dessins.

Auch historische Kostüme werden gesammelt wie dieses Ballkleid aus Alençon-Nadelspitze, das sich im Besitz von Eugénie de Montijo (1826 - 1920), der Ehefrau von Napoleon III, befunden haben soll. Sie war von 1853 bis 1870 Kaiserin der Franzosen und letzte Monarchin Frankreichs.

St. Galler Spitze
In der Ostschweiz wird ausschliesslich Halbware produziert, also Stoffe, Motive, Borten u.a., aus denen die Couturiers ihre Aufsehen erregenden Roben und Accessoires gestalten. Die Beziehungen zwischen den St. Galler Textilproduzenten und der Pariser Modeszene sind seit jeher eng. Damals wie heute favorisieren die namhafte Designer die sogenannten St. Galler Spitze, die auch unter der Bezeichnung Aetzstickerei oder Guipure geführt wird.

Maschinengefertige Aetzstickereien,die historische Spitzen perfekt imitieren.

Bischoff Textil AG
Vom Entwurf bis zur Präsentation - Stickereien für Oscar de la Renta

(c) Bischoff Textil, 4:20 min

In den Archiven der ehemaligen Textilproduzenten finden sich Muster der Stoffe und Fotos der dazugehörigen Entwürfe.

Besonders populär sind die edlen Stickereien made in St.Gallen in der Epoche vor dem Ersten Weltkrieg. Die Damen der Gesellschaft lassen es sich nicht nehmen, ihre aufwendigen Kostüme vorzuführen.

Wenn auch die goldenen Jahre der Stickerei Vergangenheit sind, so liebt doch auch die Mode des 20. Jahrhunderts die aufwendigen Stoffe.

Die St. Galler beschränken sich nicht auf die Guipure. In den 1950-Jahren eröffnet der New Style von Chritian Dior mit seinen anliegenden Korsagen und den weitschwingenden Röcken neue Möglichkeiten.

Viele Prominente wissen die Schönheit der St.Galler Stickereien zu schätzen: Anlässlich der Amtseinführung ihres Mannes 2009 trägt Michelle Obama ein Kleid der Designerin Isabel Toledo.

Textilmuseum St. Gallen
Mitwirkende: Geschichte

Textilmuseum St.Gallen

Quelle: Alle Medien
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