1800 bis 1993

Textilmaschinen: Die Entstehung von Stoffen

Deutsches Museum

Die Prinzipien der textilen Flächenbildung – Spinnen, Weben und Stricken – früher und heute

Über die Textilmaschinen im Deutschen Museum
Diese Ausstellung visualisiert die Prinzipien der textilen Flächenbildung – Spinnen, Weben und Stricken – früher und heute. Besaß das Handspinnrad nur eine Spindel, so konnte man mit der berühmten "Spinning Jenny" auf 60 Spindeln gleichzeitig spinnen. Ähnlich war es beim Webstuhl: Hatte 1733 der "Schnellschütze" von John Kay die Stoffmenge verdoppelt, konnten um 1840 die ersten Maschinenwebstühle mit Schiffchen schon 600 m Faden in der Minute durch die Kette schießen. Dagegen fliegen heute bei der computergesteuerten Luftdüsenwebmaschine 1600 m Faden in der Minute auf einem Luftstrahl durch das Fach der Kettfäden hin und her. Mit einer modernen Strickmaschine wird ein Pullover in nur sechs Minuten und ein Strickkleid in zwölf Minuten gefertigt.

Webstuhl mit Schnellschützen

Der Schnellschützen, 1733 von John Kay erfunden, revolutionierte den Arbeitsrhythmus des Webens: Bisher hatte der Weber das Webschiffchen mit der einen Hand durch das offene Webfach geworfen, mit der anderen fing er es auf und warf es, nach Fachwechsel und Anschlagen des eingetragenen Schußfadens, wieder zurück — immer hin und her. Bei breiten Tüchern musste ein zweiter Weber mitarbeiten. »1733 erfand John Kay die Schnellschütze. Durch diese wichtige Verbesserung wurde der Weber in den Stand gesetzt, allein auch die breitesten Tücher zu weben, und die Arbeit so erleichtert, dass er täglich zweimal so viel Zeug als vorhin fertigen konnte. Auch machte sie solches Aufsehen, und zog dem Erfinder so viel Verfolgungen von Seite der Weber zu, die dadurch brotlos zu werden fürchteten, dass er sich veranlasst sah, England zu verlassen und nach Paris zu gehen.« So beschrieb Edward Baines 1835 die Erfindung John Kays und ihre Auswirkungen. (Übersetzung von 1836) Der Verbrauch an Garn stieg entsprechend an und gab den Anstoß für eine weitere Erfindung: 1770 erhielt James Hargreaves ein Patent auf die erste Spinnmaschine, die »spinning Jenny«. Stifter: Höhere Webschule, Münchberg

Musterwebstuhl von Joseph-Marie Jacquard

Der Franzose Joseph Marie Jacquard entwickelte nach Ideen von Vorgängern eine Maschine, die das »Musterziehen« beim Weben mechanisierte und ein wesentlicher Beitrag zur Entwicklung der Textilindustrie war. Er stellte seinen Webstuhl 1805 vor. Bis dahin hatten Weber in Asien und Europa 1200 Jahre lang den Zugwebstuhl oder »Zarnpelstuhl« benutzt, wenn sie großflächige Muster erhalten wollten: Jeder Kettfaden wird von einer »Zampelschnur« erfaßt, die wiederum mit je einer Zugschnur verbunden ist. Vor jedem Schußeintrag zieht ein »Ziehjunge« an den Zugschnüren und hebt die für das Muster notwendigen Kettfäden. Der Weber selbst tritt zum Muster die Grundbindung, trägt den Schußfaden ein und schlägt ihn an. An der Jacquard-Maschine steuern Lochkarten die mustergemäße Auswahl der Kettfäden, die dann mechanisch gehoben werden. Der »Ziehjunge« wurde überflüssig, Unruhen brachen aus, Jacquard erhielt Todesdrohungen. Er ließ sich aber nicht beirren und bewies den Nutzen seiner Erfindung.

Mechanischer Baumwollwebstuhl, André Koechlin

Der Webstuhl war von 1840 bis etwa 1900 in der SWA (Mechanische Baumwoll-Spinnerei und Weberei Augsburg) in Betrieb. Auf ihm entstanden vor allem leichte Baumwollstoffe für Bekleidung, Vorhänge und ähnliches. Alle zum Weben erforderlichen Arbeitsgänge — Zuführen der Kettfäden, Fachbildung, Schußeintrag, Fachwechsel, Schußanschlag, Aufwickeln des Gewebten — laufen mechanisch ab. Die Antriebskraft für die Maschine lieferte eine Wasserturbine. Eine »Königswelle« — senkrecht durch alle Stockwerke — übertrug die Kraft von der Turbine auf die Transmissionswelle und die Transmissionsriemen zu den einzelnen Maschinen. Stifter: Mechanische Baumwoll-Spinnerei und Weberei Augsburg

Halbmechanische Spinnmaschine

Auf dieser Maschine wurde in der SWA Baumwollgarn gesponnen. Der eigentliche Spinnvorgang läuft bereits mechanisch ab: Die Walzenpaare des Streckwerks ziehen das Vorgarn um fast das Vierfache in die Länge, der Wagen mit den Spindeln fährt aus und verstreckt das Garn weiter. Dabei drehen sich die Spindeln und geben dem Garn Drehung und damit Festigkeit — das Feingarn ist gesponnen. Beim Einfahren des Wagens werden die Fäden auf die Spindeln aufgewickelt. Eine Wasserturbine trieb über die Transmission Walzen und Wagen mechanisch an. Für das Zurückschieben des Wagens musste der Arbeiter seine Muskelkraft einsetzen. Da nur ein Teil des Arbeitsablaufs mechanisiert war, hieß die Maschine auch »Halb-Selfaktor«. Stifter: Louis Feßmann, Augsburg

Jenny-Spinnmaschine

Auf dieser Spinnmaschine können 60 Fäden gleichzeitig gesponnen werden. Dies machte die Maschine wesentlich produktiver als die damals gebräulichen Handspinnräder und Flügelspinnräder. So arbeitet man an der Maschine: Die Spinnerin klemmt die Vorgarnfäden mit der "Presse" über die ganze Breite ein und fährt den Wagen aus: das Vorgarn ist nun verstreckt. Die Spinnerin kurbelt nun am Handrad, über die Spindeln erhalten die Fäden ihre Drehung. Beim Einfahren des Wagens wickelt sie die gesponnen Fäden auf. Der Vorgang beginnt aufs Neue. Der Engländer James Hargreaves erfand diese Spinnmaschine. Seine erste "Jenny" von 1767 hatte 8 Spindeln. Wenige Jahre später waren Jenny-Spinnmaschinen mit bis zu 100 Spindeln in Gebrauch. Als die Erfindung bekannt wurde, trieb die Angst vor dem Verlust ihres kargen Lohnes viele Handspinner auf die Straße. Sie bestürmten das Haus von Hargreaves, zerstörten seine Spinnmaschine und drohten ihm Gewalt an. Schließlich verließ der seine Heimatstadt Blackburn. In den folgenden Jahrzehnten benutzen jedoch viele Handspinner die "Jenny" oder die daraus entwickelte vollmechanische Feinspinnmaschine (Selfaktor). Beide arbeiteten aber nicht kontinuierlich und eigneten sich deshalb nicht für das "neue Fabrik- oder Factoreysystem" des 18./19. Jahrhunderts. Stifter: Preußische Höhere Fachschule für Textilindustrie, Cottbus

Model - Druckmaschine

Knapp 100 Jahre war die Modeldruckmaschine in einer Lindauer Stoffdruckerei im Einsatz, bis sie 1975 einer modernen Druckmaschine weichen musste. Drei Generationen von Druckern bedruckten damit Textilien aller Art, zuletzt bayerische Schnupftücher. Aus dem handwerklichen Modeldruck entwickelt, arbeitet die Maschine diskontinuierlich: Der Stoff liegt still, die mit Farbe benetzten Model drucken ihr Muster wie Stempel darauf. Dann wird der Stoff um einer Musterbreite ("Rapport") weitertransportiert, wieder bedruckt usw. Die Farbmuster der beiden Model ergänzen sich zum fertigen Muster. Moderne Stoffdruckmaschinen arbeiten nach dem Rotationsprinzip: Die Stoffbahnen laufen mit hoher Geschwindigkeit (bis zu 150 m pro Minute) an rotierenden gravierten Metallwalzen (Rouleauxdruck) oder an Hohlzylindern aus durchlöcherten Druckschablonen (Rotationsfilmdruck) vorbei und werden bedruckt. Stifter: Reichart GmbH, Lindau

Revolverwebstuhl

Streichgarnkrempel mit Nitschelflorteiler

Die Krempel mischt, reinigt und ordnet das ungeordnete Fasermaterial für das eigentliche Verspinnnen. Mit Stahlhäkchen besetzte Trommeln und Walzenpaare rotieren, lösen dabei die Faserflocken in Einzelfasern auf, legen sie in Längsrichtung parallel und verdichten sie zu einem dünnen Faserflor. Um einen möglichst gleichmäßigen und gut gereinigten Flor zu erzielen, durchläuft das Fasergut zwei bis drei Krempelmaschinen. Der »Nitschelflorteiler« zerlegt den breiten Faserflor in schmale Längsstreifen, die anschließend durch seitliches Hin- und Herrollen (»Nitscheln«) zu »Vorgarn« verfestigt und aufgewickelt werden. Das Vorgarn wird in der Streichgarnspinnerei direkt zu Feingarn versponnen. Eine moderne Krempelanlage oder eine Hochleistungskarde verarbeitet stündlich etwa 100 kg Fasergut, aus dem etwa 4000 Kilometer mittelfeines Garn gesponnen werden können!

Färbemaschine für Muster "mini-soft"

Die Stückfärbemaschine dient zum Färben von Mustern und Stoffen in kleinen Mengen. Die Textilien nehmen dabei den Farbstoff aus der wässrigen Farbstoff-Lösung ("Farbflotte") auf. Färben mit Naturstoffen war jahrtausendelang die einzige Möglichkeit, Textilien zu verschönern. Farbe war rar, Farbenpracht aufwendig und teuer und nur Privilegierten zugänglich: Kardinalsrot, Königsblau! Erst mit den synthetischen Farben öffnete sich ein riesiger Farbfächer. Stifter: Thies GmbH

Luftdüsen - Webmaschine

Nicht mehr das Webschiffchen, sondern ein Luftstrahl transportiert den Schussfaden durch das Webfach. Der Luftstrahl ist viel leichter und schlanker als Webschiffchen oder Greiferschützen; deshalb kann er den Schussfaden schneller eintragen: Auf einer Luftwebmaschine können pro Minute bis zu 1600 m Schussfaden verwebt werden, eine Webmaschine mit Greiferschützen verarbeitet rund 850 m, eine altehrwürdige Webmaschine mit Webschiffchen nur etwa 600 m in der Minute. Ein Elektroniksystem überwacht und steuert die Maschine. Ein rechnergestütztes Programm erleichtert den Entwurf von Mustern; die Maschine kann an ein Datenerfassungs- und Auswertungsprogramm angeschlossen werden.

Auf Luftwebmaschinen entstehen vor allem Denim (Jeansstoff), Markisen- und Dekostoffe, daunendichte Bettwäsche, leichte Einlagestoffe, Popeline, aber auch technische Gewebe.

Hochleistungs-Bandwebmaschine Jakob Müller "NFJM"

Hochfeste Sicherheitsgurte, aber auch Verzierungsborten, Etikette, gewebte Hosenträger und Gürtel müssen in der gewünschten Breite gewebt werden: in Streifen geschnittene Breitgewebe würden sich schnell auflösen! In modernen Textilfabriken arbeiten computergesteurte "Nadelbandwebmaschinen", auf denen - uni oder gemustert - mehrere Bänder gleichzeitig hersgestellt werden. Auf der "Nadelbandwebmaschine" wird der Schussfaden als Fadenschlaufe durch das Webfach gelegt. An der gegenüberliegenden Bandkante erfasst eine Zungennadel diese Schlaufe und verschlingt sie zu einer Masche. Auf diese Weise entstehen bis zu 300 "Doppelschüsse" pro Minute. Das Band erhält eine Webkante und eine Maschenkante!

Hochleistungs-Kettenwirkmaschine LIBA Copcentra 2 K

Die Maschine produziert bis zu 3000 Maschenreihen pro Minute. Eine Voraussetzung für die hohe Geschwindigkeit liegt darin, dass nicht mehr ein Faden über die gesamte Nadelreige eingetragen werden muss, sondern jede Nadel mit einem eigenen Faden vom Kettbaum versorgt ist. Die entstehenden Stoffe ähneln mehr einem Gewebe als Gestricktem. Sie sind formstabiler und werden zu Unterwäsche, Sport- und Freizeitbekleidung, Möbelstoffen, Gardinen, Bettwäsche und Tischtüchern, aber auch zu Autobezugsstoffen weiterverarbeitet. Das Prinzip der Maschenbildung geht zurück auf Josiah Crane, der 1775 den Handkulierstuhl zum Hand-Ketttenwirkstuhl weiterentwickelte.

Flachstrickmaschine

Die Flachstrickmaschine strickt vollautomatisch eine nahezu unbegrenzte Vielfalt an Mustern. Die Nadeln gleiten im "Nadelbett" auf und ab und bilden dabei Masche für Masche, Maschenreihe für Maschenreihe. Der rechnergesteuerte Automat strickt nicht nur alle Formteile, wie Ärmel, Vorderteil, Rücken eines Pullovers, sondern auch Halseinfassungen, Knopflächer usw. ("fully fashioned"). Der Stricker oder die Strickerin gibt die Daten für die Fertigungsreihe in den Computer ein - in welcher Größe werden die Einzelteile gestrickt, wie viele braucht man. Die Maschine führt den Auftrag aus: etwa alle 6 Minuten ist ein Pullover fertig, etwa alle 12 Minuten ein Strickkleid. Die einzelnen Teile brauchen dann nur noch zusammengenäht zu werden.

Deutsches Museum
Mitwirkende: Geschichte

Deutsches Museum, München

Quelle: Alle Medien
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