1961 bis 1992

Bilder der Migration

Deutsches Historisches Museum

Fotografien von „Gastarbeitern“ aus der Sammlung des Deutschen Jugendfotopreises

Sonderdruck über Gastarbeiter in der Bundesrepublik, Hermann Boventer (Redakteur), Bundeszentrale für politische Bildung, Bonifacius-Druckerei, um 1966, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

1961 schloss die Bundesrepublik Deutschland ein Anwerbeabkommen mit der Türkei ab. Es war das zweite nach einem ähnlichen Abkommen mit Italien sechs Jahre zuvor. Während des wirtschaftlichen Aufschwungs in den 1950er Jahren wuchs in der Bundesrepublik der Bedarf an Industriearbeitern. Die Anwerbeabkommen sollten dem Arbeitskräftemangel in der boomenden westdeutschen Wirtschaft entgegenwirken.

Informationsblatt mit den Teilnahmebedingungen für den Deutschen Jugendfotopreis 1983, Kinder- und Jugendfilmzentrum in Deutschland (KJF), 1983, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Im selben Jahr – 1961 – wurde der Deutsche Jugendfotopreis ins Leben gerufen. Der vom Bundesjugendministerium gestiftete Wettbewerb sollte junge Talente im Bereich Fotografie fördern und wird bis heute vergeben. Seit 1979 übernimmt das Kinder- und Jugendfilmzentrum (KJF) die Organisation des Preises.

Lachendes Paar (Jürgen Klauke und Hannelore Wiese) auf einem Motorrad, Jürgen Hebestreit, 1968, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Das Deutsche Historische Museum bewahrt seit 2009 die Sammlung von ca. 10.000 Fotografien als Dauerleihgabe. Sie gibt einen breit gefächerten Eindruck in die sozialen und kulturellen Entwicklungen der deutschen Geschichte – stets aus jugendlicher Perspektive.

Gruppenporträt von vier Kindern, Huseyin Beköz, 1979, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Ein wiederkehrendes Thema in den Bildern der Jugendlichen ist Migration. In der Sammlung finden sich zahlreiche Bilder aus den 1970er bis 1990er Jahren, die sich mit den damals „Gastarbeitern“ genannten Menschen beschäftigen.

"Gastarbeiter" am Fenster eines Eisenbahnabteils, Peter Steinhorst, 1974, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum
Arbeit
"Gastarbeiter" am Fenster eines Eisenbahnabteils, Peter Steinhorst, 1974, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Das Thema Arbeit spielt bei diesen Fotos eine wichtige Rolle. Dass Menschen zum Arbeiten nach Deutschland kamen war kein neues Phänomen. Der große Arbeitskräftemangel in den späten 1950er und 1960er Jahren führte jedoch zu gezielten politischen Abkommen. Bis zum so genannten Anwerbestopp im Jahr 1973 kamen insgesamt 14 Millionen ausländische Arbeiter und Arbeiterinnen in die Bundesrepublik. 11 Millionen von ihnen kehrten zu einem späteren Zeitpunkt in ihre Heimatländer zurück.

"Gastarbeiter" in einer Fabrik, Gerhard Drogi, 1973, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Von den „Gastarbeitern“ aus Italien, der Türkei, Griechenland und Spanien arbeiteten viele in industriellen Berufen. Befristete Verträge sollten verhindern, dass sich sie sich dauerhaft in Deutschland niederlassen. Deshalb lebten die Arbeiter teilweise in abgetrennten Wohnheimen der Betriebe.

"Gastarbeiter" in seinem Zimmer, Rainer Meißle, 1973, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Die Fotos des Wettbewerbs aus dieser Zeit schaffen es immer wieder, persönliche Einblicke in das Leben der Menschen zu liefern. Sie illustrieren ihren Alltag und ihre Sorgen, zu denen beispielsweise Rassismus im Betrieb oder Probleme bei der Wohnungssuche gehörten.

Porträt einer jungen Frau mit Kopftuch, Elke Mühlmeyer, 1982, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Nicht nur Männer kamen im Zuge der Anwerbeabkommen. Der Anteil der „Gastarbeiterinnen“ lag 1973 bei 30 Prozent.

Türkische Arbeitnehmer in ihrer Unterkunft, Michael Hennes, 1975, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Neben dem offenen Wettbewerb des Deutschen Jugendfotopreises wurden bald auch Jahresthemen ausgerufen. Das Thema im Jahr 1975 lautete: „Die Situation der ausländischen Arbeitnehmer in der BRD“.

"Gastarbeiter" mit Brief, Axel Berger, 1975, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Jugendliche waren aufgerufen, sich diesem Thema aus ihrer Perspektive zu nähern. Ihre Fotografien zeigen die Lebenssituation von Migrantinnen und Migranten. Das Motiv dieser Bilder ist oft die Isoliertheit der Menschen.

Türkischer Mann mit gepackten Koffern, Yavuz Arslan, 1992, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Seit den 1990er Jahren nahmen vermehrt Jugendliche am Deutschen Jugendfotopreis teil, deren Eltern als „Gastarbeiter“ in die Bundesrepublik gekommen waren.

Spielende Kinder auf der Straße, Heinz Wichmann, 1971, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum
Kinder & Familie
Porträt einer türkischen Familie, Thomas Meyer, 1974, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Gesellschaftlich setzte sich erst in den 1970er und 1980er Jahren die Erkenntnis durch, dass viele der vermeintlichen „Gastarbeiter“ ihre Zukunft in der Bundesrepublik sahen.

"Gastarbeiterfamilie" in ihrer Küche, Heinz Wichmann, 1971, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Viele der 4,7 Millionen Menschen, die 1982 in die Kategorie „Ausländer“ fielen, gründeten Familien in Deutschland. Ihre Kinder bildeten die so genannte zweite Generation.

Mädchen mit Kopftuch schaut durch das Glasfenster einer leeren Anzeigetafel, Sengül Daglioglu, 1997, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Die stärkere Präsenz migrantischer Familien spiegelte sich auch in den Fotos, in denen Jugendliche die von der Einwanderung geprägte westdeutsche Gesellschaft einfingen. Insbesondere für jugendliche gehörten Erfahrungen mit Migration zum Alltag.

Vater und Sohn, Hubertus Mertens, 1981, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Die Fotos des Deutschen Jugendfotopreis zeigen das Familienleben aus nächster Nähe und zum Teil aus der eigenen Perspektive.

Spielende Kinder auf der Straße, Heinz Wichmann, 1971, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

In manchen Fällen stellt sich der Bezug zum Thema Migration über den Titel der Fotografien her. Der Originaltitel dieses Bildes lautet: „Gastarbeiter-Straße“.

Jugendlicher neben einem geschmückten Weihnachtsbaum, Ertan Top, 1979, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Das Leben der in Deutschland geborenen Kinder spielte sich oft in der Auseinandersetzung mit der elterlichen Herkunft und dem Alltag in ihrem Geburtsland ab.

Selbstinszenierung eines Jungen aus eine Einwandererfamilie, Mehmet Alkan, 1986, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Viele Jugendliche setzten sich spielerisch mit dieser Situation auseinander.

Porträt eines Mädchens aus einer Einwandererfamilie in Lederjacke, Nuran Soydan, 1991, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Die Fotografin dieser Bilder, Nuran Soyclan, schreibt dazu: „Ich bin eine Türkin. Ich lebe mit meiner Familie hier in Deutschland so wie meine Freunde“.

Porträt eines Mädchens aus einer Einwandererfamilie mit Kopftuch und Schleier, Nuran Soydan, 1991, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Die Fotografin dieser Bilder, Nuran Soyclan, schreibt dazu: „Ich bin eine Türkin. Ich lebe mit meiner Familie hier in Deutschland so wie meine Freunde“.

"Gastarbeiter" mit Fotografien seiner Arbeitssituation, Holger Eckstein, 1972, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum
Einwanderungsland
Wartende Männer auf Bänken in einem Gang, Zeitung und Zeitschriften lesend, Johannes Sieter, 1977, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Die Tatsache, dass die Bundesrepublik ein Einwanderungsland war, blieb in dieser Zeit jedoch ohne politische Konsequenzen. Bis in die 1990er Jahre zielte die Politik auf eine Reduzierung der auch nach dem Anwerbestopp gebliebenen „Gäste“, die de facto Einwanderinnen und Einwanderer waren.

Feiernde türkische Männer, Fritz Kopelzky, 1975, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Die Fotos des Deutschen Jugendfotopreis verdeutlichen, dass die multikulturelle Gesellschaft bereits in den 1970er Jahren Realität war. Auch dieses Bild einer türkischen Feier entstand 1975 zum Jahresthema „Die Situation der ausländischen Arbeitnehmer in der BRD“.

"Gastarbeiter" mit Fotografien seiner Arbeitssituation, Holger Eckstein, 1972, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Die als „Gastarbeiter“ in die BRD gekommenen Migrantinnen und Migranten trugen durch ihre Arbeit zum „Wirtschaftswunder“ und zum Wohlstand der 1960er Jahre bei. Allerdings verbreitete sich ab den 1980er Jahren vermehrt Ausländerfeindlichkeit.

Bank mit ausländerfeindlicher Beschriftung, Klaus Behrla, 1982, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Bereits in den 1980ern beschäftigte das Thema die jugendlichen Fotografinnen und Fotografen, wie dieses Bild von 1982 zeigt. Nach der deutschen Einheit 1990 kam es zu rassistisch motivierten Anschlägen, die teilweise Todesopfer zur Folge hatten.

Männer auf einer Bank, Hubertus Mertens, 1981, Aus der Sammlung von: Deutsches Historisches Museum

Die Fotos des Deutschen Jugendfotopreis aus den 1970er und 1980er Jahren verdeutlichen einen wichtigen Abschnitt in der langen Geschichte Deutschlands als Einwanderungsland. Sie zeigen, wie Jugendliche verschiedener Altersgruppen Migration wahrnahmen.

Mitwirkende: Geschichte

Quellen:

Bild- und Textredaktion: Björn Schmidt / DHM.

Textquellen:

Rosmarie Beier-de Haan im Auftrag des Deutschen Historischen Museums (Hg.): Zuwanderungsland Deutschland. Migrationen 1500-2005, Berlin/Wolfrathshausen 2005. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung.

Christin Pschichholz und Dieter Vorsteher-Seiler im Auftrag der Stiftung Deutsches Historisches Museum und des Kinder- und Jugendfilmzentrums in Deutschland (Hg.): Für immer jung. 50 Jahre Deutscher Jugendfotopreis, Berlin/Bönen 2011. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung.

Quelle: Alle Medien
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