»May he rot forever!«

Jüdisches Museum Berlin

Die Rückkehr eines deutsch-jüdischen Emigranten als Befreier 1944/45

Etwa 30.000 deutsch-jüdische Emigranten kehrten im Zweiten Weltkrieg als Soldaten der alliierten Armeen nach Deutschland zurück. Einer von ihnen war der 1920 in Berlin geborene Werner T. Angress.

Flucht vor den Nazis
Werner T. Angress war als 17-Jähriger im Oktober 1937 aus Deutschland nach England ausgewandert, wohin seine Eltern und seine beiden Brüder bereits emigriert waren. Zuvor hatte sich Werner in einem nicht-zionistischen Auswandererlehrgut für jüdische Jugendliche im schlesischen Groß Breesen auf seine Emigration aus Deutschland vorbereitet. Fünf Monate später siedelte die Familie gemeinsam nach Amsterdam über. Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges verließ »Töpper«, wie Angress von seinen Freunden genannt wurde, Europa und ging alleine in die USA. 
Fallschirmjäger in der US-Armee
Mit dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 brach der Kontakt zu seiner Familie in den inzwischen von den Deutschen besetzten Niederlanden ab. Zu diesem Zeitpunkt war Angress bereits Soldat in der US-Armee. Er hatte sich freiwillig verpflichtet. Während seiner militärischen Grundausbildung erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Im Januar 1944 wurde er schließlich mit seiner Einheit nach England verlegt: Die Invasion der Alliierten stand bevor.

Ohne jemals zuvor einen Übungssprung absolviert zu haben, sprang Werner T. Angress am D-Day über der Normandie ab.

Nach der Invasion war er an Kampfhandlungen beteiligt. Mehrfach entkam er nur knapp dem Tod.

Zurück in Deutschland
Sieben Jahre nach seiner Emigration betrat Werner T. Angress schließlich als Befreier wieder deutschen Boden.

»Töpper« stand in engem brieflichem Austausch mit dem Sozialpädagogen Curt Bondy, dem ehemaligen Leiter Groß Breesens, der inzwischen in den USA im Exil lebte. Ihm schilderte er in englischer Sprache seine Eindrücke im besetzten Deutschland: »Bo«, schrieb er, »keiner von uns würde eine Träne vergießen, wenn sie die deutschen Grenzen auf den Karten ausradieren würden. Dieser Staat, diese Nation hat kein Recht mehr, zu existieren.«

Zugleich drückte Angress seine große Sorge aus, ob er seine Familie jemals lebend wiedersehen werde.

Ende April 1945 war Angress auf dem Weg in Richtung Nordosten. Auf einer Landstraße in Mecklenburg erfuhren er und seine Kameraden die Nachricht vom Tod Hitlers. Sie begossen dies mit einem Schnaps, den sie konfisziert hatten. Ihr Trinkspruch lautete: »May he rot forever!«, frei übersetzt: »Möge er ewig in der Hölle schmoren!«

Das KZ-Außenlager Wöbbelin
Wenige Stunden, nachdem Soldaten seiner Division bei Ludwigslust das KZ-Außenlager Wöbbelin entdeckt hatten, machte sich Angress zusammen mit zwei Offizieren auf den Weg dorthin. Schon vor dem Betreten schlug ihnen Verwesungsgeruch entgegen. Der Anblick der Leichenberge, aber auch die Begegnung mit überlebenden Häftlingen, die zu Skeletten abgemagert waren und völlig apathisch wirkten, schockierten ihn zutiefst.

Am 7. Mai 1945 wurden etwa 150 bis 200 verstorbene Häftlinge im Schlosspark Ludwigslust beerdigt. Einige Bürger mussten die Gräber schaufeln. Einwohner und kriegsgefangene Wehrmachtsoffiziere wurden gezwungen, an den Toten vorbeizugehen.

Während der Beisetzungsfeier bemerkte Angress, dass sich einer der kriegsgefangenen deutschen Offiziere – betont gleichgültig – eine Zigarette anzündete. Er forderte ihn auf, das Rauchen zu unterlassen. Als Antwort bekam er zu hören, dass er ihm nichts befehlen könne, schließlich sei er nur Oberfeldwebel. Da zog Angress seine Pistole. Der Offizier warf die Zigarette zu Boden und trat sie aus.

An diesem Tag war Angress genau vier Jahre lang US-Soldat.

Die Befreiung Wöbbelins und die Beerdigung der verstorbenen Häftlinge schilderte Angress in einem weiteren Brief an seinen Vertrauten Bondy. Er legte dem Schreiben einen Bericht bei, den er an alle Freunde und Bekannte verschickt wissen wollte.

Bondy machte ihn darüber hinaus der Öffentlichkeit publik, indem er den Artikel am 4. Juni 1945 in der Zeitung »Richmond Times-Dispatch« veröffentlichte.

Wiedersehen nach fast sechs Jahren
Kurz nach Kriegsende begab sich Angress zusammen mit einem Kameraden in die befreiten Niederlande, um in Amsterdam nach seiner Familie zu suchen. Es war am Muttertag 1945, als der 24-Jährige vor der Wohnung in der Cliostraat 39 stand, wo er seine Eltern und seine Brüder im Oktober 1939 zum letzten Mal gesehen hatte. Er erfuhr, dass sie seit kurzem in der benachbarten Rubenstraat wohnten.

Das Wiedersehen mit seiner Mutter Henny und seinen Brüdern Fritz und Hans war überwältigend. Alle drei hatten die NS-Herrschaft – getrennt voneinander – im Versteck überlebt. Vor allem seine Mutter war körperlich geschwächt und nervlich am Ende.

Die Hoffnung, auch seinen Vater wiederzusehen, erfüllte sich für Werner T. Angress nicht.

Ernst Angress war am 26. April 1941 verhaftet worden und nach einer Odyssee durch verschiedene Gefängnisse in den Niederlanden und im Deutschen Reich schließlich am 29. November 1942 nach Auschwitz deportiert worden. Dort wurde er am 19. Januar 1943 im Alter von 59 Jahren ermordet.

Rückkehr in die USA
Werner T. Angress kehrte im August 1945 in die USA zurück, wo er wenige Monate später aus der US-Armee entlassen wurde. Umgehend begab er sich nach Richmond. Dort begrüßte ihn sein ehemaliger Lehrer Bondy herzlich. Noch im selben Jahr begann Angress ein Universitätsstudium, das er schließlich 1953 mit einer Promotion als Historiker abschloss. Er wurde später Professor für europäische und deutsche Geschichte.

Nach seiner Emeritierung 1988 siedelte er in seine Geburtsstadt Berlin über. Er kehrte auch mehrfach nach Wöbbelin zurück und nahm dort an Gedenkfeiern zur Erinnerung an die Befreiung des Lagers 1945 teil.

Werner T. Angress starb 2010 im Alter von 90 Jahren.

Mitwirkende: Geschichte

Alle Dokumente und Fotos:
Leo Baeck Institut (Dependance Jüdisches Museum Berlin), Werner Tom Angress Collection

Text und Objektauswahl: Jörg Waßmer

Redaktion: Henriette Kolb, Mitarbeit: Lisa Schank
Übersetzung: Jill Denton, Michael Ebmeyer
Korrektorat: Julia Bosson
Reprofotografie: Jens Ziehe

Literatur:
Werner T. Angress, ... immer etwas abseits. Jugenderinnerungen eines jüdischen Berliners 1920-1945, Berlin, 2005.

Wir danken dem Stifter Werner T. Angress (sel. A.)!

Quelle: Alle Medien
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