06.05.1989 bis 03.10.1991

Wendejahre

DDR Museum

Ein exemplarisches Tagebuch der deutschen Wiedervereinigung 
DDR Museum, Berlin

Sonntag, den 7. Mai 1989

Liebes Tagebuch,

vormittags Wahl. Es war wieder so peinlich. Ich habe der SED-Ziege von der Wahlkommission gesagt: Seit acht Wochen warte ich auf den Klempner. Der Wasserhahn im Garten tröpfelt vor sich hin und nichts passiert. Sie hat sich das notiert. Abends haben sie im Westfernsehen erzählt, dass irgendwelche Gruppen durch eigene Zählung die Wahlfälschung nachgewiesen haben. Viele Wähler hätten diesmal die Kandidaten der Nationalen Front gestrichen. Da hätte man sich glatt beteiligen sollen. Doch sicher wird das gemeldet. Die Chancen für meinen Wasserhahn wären damit auf Null gesunken.

 

 

Diese Wahlurne wurde bei den letzten "Volkswahlen" in Leipzig benutzt.

Hintergrund:

Die letzten “Volkswahlen“ nach einer von der SED festgelegten Einheitsliste. Bei einer Wahlbeteiligung von 98,77 Prozent stimmen laut Wahlkommission 98,84 Prozent für die Kandidaten der Nationalen Front. Unabhängigen Gruppen gelingt es, durch die Kontrolle der Auszählung in den Wahllokalen nachzuweisen, dass die Wahlergebnisse gefälscht sind.   

Mittwoch, den 7. Juni 1989

Liebes Tagebuch,

unser Kollege Stefan Wille, genannt Steve, ist zum Bürgerrechtler geworden. Er ging um 17 Uhr zum Alex um gegen die Wahlfälschung zu protestieren. Von der Sache hatte er in den Umweltblättern gelesen, die in der Kirche auslagen. Viel war auf dem Alex nicht los. Viel Vopo und Unmassen Stasi.  Steve hat sich schnell verdrückt. Ist ja auch klüger. Das soll jetzt an jedem 7. des Monats stattfinden. 

Druckmaschine der Umweltbibliothek

Hintergrund:

Seit April 1987 erscheinen in der Umwelt-Bibliothek Berlin in unregelmäßiger Folge die Umweltblätter in einer Auflage von ca. 1 000 Exemplaren. Der Vermerk „Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch“ bietet einen gewissen Schutz vor den Staatsorganen. Trotzdem dringen am 25. September 1987 MfS-Mitarbeiter in die Räume der Zionsgemeinde, beschlagnahmen die Vervielfältigungsmaschine und nehmen alle Anwesenden fest. Eine Mahnwache vor der Zionskirche und das internationale Medienecho veranlassen die Staatsmacht zum Nachgeben. Die Umweltblätter sind von nun an die bekannteste Publikation der Opposition. Bis September 1989 erscheinen 32 Ausgaben. 

Postkarten aus dem Ungarn-Urlaub

Hintergrund:

Am 2. Mai 1989 beginnt Ungarn mit dem Abbau der Grenzanlagen zu Österreich. Der Eiserne Vorhang hat ein Loch. Viele DDR-Bürger reisen nach Ungarn, um die Möglichkeiten eines Grenzübertritts zu erkunden. Sie sammeln sich in Zelten rund um die bundesdeutsche Botschaft in Budapest. Noch ist die Lage ruhig, doch es liegt großer Ärger in der Luft.

Donnerstag, den 3. August 1989

Liebes Tagebuch, 

scheußliches Wetter. Mit einer Tagesmitteltemperatur von 11,5 Grad Celsius war gestern der kälteste Augusttag seit 1893. In den Ostseebädern ist der rote Sturmball hochgezogen. Das bedeutet generelles Badeverbot. Tante Hiltrud schrieb eine Postkarte aus Zypern. Auf dem Bild war ein antiker Tempel unter azurblauem Himmel. Diese Länder werde ich nun wohl nie sehen. Vielleicht mal Bulgarien oder Ungarn. Aus Budapest schrieb Töchterlein Annabell: Der Sommer verspricht spannend zu werden. Keine Ahnung, was sie meint. 

Sonnabend, den 2. September 1989

Liebes Tagebuch,

der neueste Sport der DDR-Bürger: Überklettern von Botschaftszäunen. Vielleicht kriegen wir noch eine olympische Medaille nachgereicht. In Budapest und Prag ist die Hölle los. Tausende sitzen dort im Botschaftsgarten und fordern ihre Ausreise. Hoffentlich kommt Annabell nicht auf die Idee, sich an dieser neuen Art von Volksmasseninitiative zu beteiligen.

"Winkelemente"

Hintergrund:

Die BRD-Botschaft in Prag wird am 22. August für den Besucherverkehr geschlossen. Doch immer mehr DDR-Bürger überklettern den Zaun des Palais Lobkowitz. Bis Ende September 1989 schließlich die Ausreise genehmigt wird, sind es rund 6 000 Menschen, die sich im Botschaftsgarten aufhalten. Nur drei Tage später sitzen neuerlich 7 600 DDR-Bürger in der Botschaft. 

Sonnabend, den 7. Oktober 1989

Liebes Tagebuch,

das war ja eine gelungene Geburtstagsparty zum 40. Jahrestag. Jubel, Trubel, Heiterkeit als ob gar nichts passiert wäre. Wir waren beim Volksfest auf dem Alex. Heidelore hat eine halbe Stunde nach Zwiebelmustergeschirr angestanden. Ich habe mir zwei oder drei Bierchen genehmigt. Abends im Fernsehen Demo am Alex gesehen. Tausende junge Leute sind zum Palazzo di Prozzi gezogen. Wir haben in der Zeit unsere Einkäufe nach Hause geschleppt. So hat jeder sein Päckchen zu tragen. 

Hintergrund: 

Die DDR feiert mit viel Pomp ihren 40. Jahrestag. Während die Prominenz im Palast der Republik feiert, sammeln sich um 17 Uhr an der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz Demonstranten, die demokratische Reformen fordern. Sie ziehen zum Palast der Republik. Nach Einbruch der Dunkelheit schlagen die Sicherheitskräfte der DDR brutal zurück. 

Montag, den 9. Oktober 1989

Liebes Tagebuch,

endlich kracht‘s mal tüchtig im Karton. Abends waren in Leipzig einige zehntausend Menschen auf der Straße. Die Leute sind ja so sauer auf die alten Herren vom SED-Politbüro. Es gab im Vorfeld die wildesten Gerüchte. Auf Arbeit hat mein Kollege Steve erzählt, rund um Leipzig stehen Panzer. Aber Gorbatschow hat offenbar nicht erlaubt, dass die eingesetzt werden. Trotzdem gut, dass ich zu Hause geblieben bin. In Berlin gab’s ja auch einigen Krakeel.

Montagsdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989
Lothar König über die Montagsdemonstrationen

Hintergrund: 

Schon seit Jahren findet jeden Montag in der Leipziger Nikolaikirche ein Friedensgebet statt. Danach sammeln sich seit März 1989 Ausreiseantragsteller und ziehen zum Hauptbahnhof. Seit September 1989 wird die Montagsdemo zum Indikator der steigenden Fieberkurve der politischen Krise. Am 9. Oktober 1989 ziehen rund 70 000 Bürger um den Leipziger Ring. 

Mittwoch, den 25. Oktober 1989

Liebes Tagebuch,

Annabell ist seit ihrer Sommerreise nach Budapest vollkommen aufgedreht. Sie hatte überlegt, ob sie mit ihrem Freund von Ungarn aus über die Grenze nach Österreich macht. Aber sie will nicht abhauen, sondern hier was ändern. Gestern war sie in der Gethsemanekirche zur Informationsandacht. Danach sind sie durch Berlin zum Staatsratsgebäude gezogen, um gegen die Wahl von Egon Krenz zum Staatsratsvorsitzenden zu protestieren. Dort haben sie brennende Kerzen auf das Straßenpflaster gestellt. Sie haben gerufen: "Egon Krenz – wir sind nicht deine Fans! Egon deine Wahl nicht zählt – weil dich nicht das Volks gewählt!" Und auch:  „Glotze aus und schließt euch an!“ Warum eigentlich? Das Fernsehen ist spannend wie noch nie. 

Erich Honecker, SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender (1976-1989)
Demonstration gegen Egon Krenz am 24. Oktober in Berlin
Nachgestelle Szene

Hintergrund:

Nachdem am 24. Oktober 1989 Egon Krenz von Erich Honecker den Posten des Generalsekretärs der SED übernommen hat, wird er zum Staatsratsvorsitzenden gewählt. In der Gethsemanekirche wird ein Protestbrief verabschiedet und beschlossen, ihn gemeinsam zum Staatsrat zu bringen. Rund 12 000 Demonstranten ziehen friedlich durch Berlin.

Montag, den 6. November 1989

Liebes Tagebuch,

Steve hat in der Mittagspause erzählt, gestern wurde in der Sophienkirche in der Hamburger Straße der Berliner Bezirksverband der Sozialdemokratischen Partei gegründet. Er ist bei der Gelegenheit gleich beigetreten. Unser Abteilungsleiter Dr. Schmidt knurrte nur: „Häng dich nicht zu weit aus dem Fenster. Wenn es noch mal anders kommt, ham‘se Dich als ersten am Arsch.“ Doch Steve meint, sein Opa war auch in der SPD. Die war links aber gegen die Kommunisten. Das ist heute genau das Richtige. In Sachen Organisation sind sie ganz groß. Sie haben beim Eintritt gleich den ersten Mitgliedsbeitrag kassiert: 20 Mark. Dafür fallen DSF und FDGB ja jetzt weg. 

Quittung für den ersten Mitgliedsbeitrag der SDP

Hintergrund:

Die Sozialdemokratische Partei  (SDP), die am 7. Oktober 1989 im Pfarrhaus von Schwante gegründet wurde, formiert sich am 5. November 1989 als Berliner Bezirksorganisation. Es werden Bezirksverbände gebildet und Vorstände gewählt. 

Freitag, den 10. November 1989

Liebes Tagebuch,

Annabell hat sich mit ihrem Freund auf den Weg zu einer Techno-Party in irgendeinem Keller gemacht. Fantastisch haben die beiden ausgesehen. Als sie Mitternacht nicht zu Hause waren, habe ich angefangen, mir Sorgen zu machen. Dann klingelte es. Nachbar Krause stand mit einer Sektflasche vor der Gartentür. „Die Mauer ist offen!“ hat er gejubelt. Bambule an allen Grenzübergangen, aber alles friedlich. Krause meint, darauf hat er 28 Jahre gewartet. Hoffentlich passiert den Kindern nichts in dem Durcheinander. In der Morgendämmerung erschienen sie. Sie haben die ganze Nacht auf dem Kudamm getanzt. Das war die größte Party aller Zeiten, meinte Annabell. 

Selbstgebaute Lichtanlage von 1986

Hintergrund:

Die Geburtsstunde der Berliner Technokultur fällt mit dem Fall der Berliner Mauer zusammen. Unmittelbar nach dem 9. November 1989 findet die Wiedervereinigung in leer stehenden Kellern statt. „Als die Mauer fiel, hat es gekracht, und genauso hat es in der Musik gekracht.“ So beschreibt der Berliner DJ-Pionier Tanith die begleitende Rolle von Techno als Soundtrack zum Mauerfall.

Sonntag, den 12. November 1989

Liebes Tagebuch,

eine richtige Völkerwanderung. Der Bahnhof Friedrichstraße platzt aus allen Nähten. Keiner hat mehr die Ausweise kontrolliert. In der S-Bahn standen wir wie die Ölsardinen. Rund um den Bahnhof Zoo überall Gedränge. Der Straßenverkehr war zusammen gebrochen. Die Westberliner staunen nicht schlecht, wie viele Ostler es gibt. Ich habe mich gleich erkundigt wo es die 100 DM Begrüßungsgeld gibt. Auf allen Bank- und Postämtern hörte ich. In den Außenbezirken sind die Schlangen kürzer. Was soll’s. Anstehen sind wir ja gewöhnt. Die Stimmung war großartig. Ein Postbeamter zahlte uns pro Nase einen Hunderter West und machte winzige Datumsstempel in die Personalausweise. 

Hintergrund:

Da DDR-Rentner bei ihren Westbesuchen über keinerlei Geld in westlicher Währung verfügen, zahlt der Senat schon längere Zeit jedem Ostbesucher ein Begrüßungsgeld von 100 DM. Am Tag nach dem Mauerfall wird diese großzügige Sozialmaßnahme automatisch auf die nun einströmenden Massen übertragen. 

Anstehen für das Begrüßungsgeld in der Westberliner Badstraße, 11.11.1989 (Fotograf: Matthias Schubert)
Winfried Witzel über das Begrüßungsgeld
"Mauerspecht"

Donnerstag, den 30. November 1989

Liebes Tagebuch,

der letzte Schrei ist es, die Mauer in kleine Stückchen zu zerhacken. Selbst aus Schwaben sind junge Leute angereist, um noch einen bunten Betonsplitter oder ein Stück Stacheldraht  zu erhaschen. Ich habe aus dem Werkzeugkasten einen Hammer und einen Meißel gekramt und bin mit Heidelore losgezogen. Das war ein Hacken und Hämmern als ob tausend Spechte über die Grenzanalagen hergefallen wären. Manchmal schleppen sie angeblich säckeweise davon. Das Beste, was man mit der Mauer machen kann. 

Stücke der Berliner Mauer
Stücke der Berliner Mauer

Freitag, den 15. Dezember 1989

Liebes Tagebuch,

heute hat Abteilungsleiter Dr. Schmidt allen Kollegen mitgeteilt, sie sollen in die Kaderabteilung gehen und ihre Personalunterlagen in Empfang nehmen. Steve hat sich viehisch aufgeregt und gemeint, die Herren Genossen wollen nun alle Spuren ihrer segensreichen Tätigkeit verwischen. Dr. Schmidt hat dazu verbissen geschwiegen. Die SED-Leute sind sehr kleinlaut geworden. 

DDR-Aktenordner

Hintergrund:

Die Kaderakte in der DDR war eine Art wandelnder Steckbrief, der von der Schule bis zur Rente von einer Institution zur nächsten weiter gereicht wurde. Sie konnte vom Betroffenen nicht eingesehen werden. Dafür konnte das MfS unkontrollierten Gebrauch von den Unterlagen machen. 1989 wurden die Akten oft in bereinigter Form den Mitarbeitern ausgehändigt.

Freitag, den 22. Dezember 1989

Liebes Tagebuch, 

nun ist auch das Brandenburger Tor offen. Die Grenzsperren sind beiseite geräumt. Zum letzten Mal bin ich hier als kleiner Steppke im Sommer 1961 durchmarschiert. Ich glaube ich habe heute ein paar Tränen verdrückt. Nun fängt ein neues Jahr an. Was es wohl bringen wird? Die Einheit Deutschlands? Annabell, die immer so kritisch gegen die DDR war, ist auf einmal gar nicht mehr begeistert. Kaum haben die Menschen sich von Honecker und Konsorten befreit, laufen sie dem dicken Kohl hinterher. Was will sie nur?

Abriss der Grenzsperren am Brandenburger Tor, 21.12.1989
Silvesterfeier am Brandenburger Tor, 31.12.1989
Weihnachtsbaum hinter der Berliner Mauer, 26.12.1989

Hintergrund:

In Anwesenheit von Bundeskanzler Helmut Kohl und DDR-Ministerpräsident Hans Modrow wird das Brandenburger Tor wiedereröffnet. Die beiden Regierungschefs durchschreiten gemeinsam das Tor. Trotz strömenden Regens versammeln sich rund 100 00 Menschen auf beiden Seiten der frühere Grenze.

Sonntag, den 24. Dezember 1989

Liebes Tagebuch,

Weihnachten wollten wir feiern wie immer. Doch es hat eine neue Zeit begonnen. Wenn ich daran denke, wie schwierig es noch letztes Jahr war, ein paar Schokoladenweihnachtsmänner und Apfelsinen zu bekommen. Zum vierten Advent haben wir unser Westgeld zusammen gekratzt und sind nach Neukölln gefahren. Eine Hektik - Stress ohne Ende. Annabell hat gemeint, sie wird sich dem Konsumterror der kapitalistischen Gesellschaftsordnung nicht unterwerfen. Woher das Kind solche Ausdrücke hat. Wir haben ihr einen Walkman für 34,20 DM gekauft. 

Ein heißbegehrter Kassettenrekorder

Montag, den 1. Januar 1990

Liebes Tagebuch,

Beim Hasselhoff-Konzert vor dem Brandenburger Tor gewesen. Als er auf die Bühne kam haben alle im Chor "David … David!" gerufen. Heidelore bekam feuchte Augen und hauchte: "Der sieht ja besser als Frank Schöbel aus." Dann legte er los: "I’ve been looking for freedom". Den Text habe ich nicht verstanden. Aber Freedom haben alle mitgesungen. Das ist das Wort des Jahres 1989. 

Hintergrund: 

Die Single "Looking for Freedom" verkauft sich 1989 in Deutschland teilweise über 70 000 mal am Tag und belegt für acht Wochen den ersten Platz der Charts. Zu Silvester 1989 singt Hasselhoff an der Berliner Mauer vor über 500 000 Menschen.

Silvester 1989 auf der Berliner Mauer
LP "Looking for Freedom"

Freitag, den 12. Januar 1990

Liebes Tagebuch, 

das Westgeld ist alle. War ja auch nicht gerade viel. Wenigstens die BVG ist für Ostler umsonst. So kann man überall hinfahren. Aber was soll man da, wenn man nicht mal eine Tasse Kaffee trinken kann? Wenigstens Annabell hat noch Spaß an der Freiheit. Sie war in den Amerika-Gedenkbibliothek und hat einen Stapel Bücher ausgeborgt. Sie erzählt, dort waren Leute, die Bücher zurück gegeben hatte, die sie wegen dem Mauerbau am 13. August 1961 nicht abgeben konnten. Gott sei Dank hat die Bibliothek keine Mahngebühren kassiert.

Dienstag, den 16. Januar 1990

Liebes Tagebuch,

gestern Abend war in Lichtenberg Riesenkrawall. Eigentlich sollten die Tore der Stasi-Zentrale symbolisch vermauert werden. Doch die Menge war so aufgeputscht, dass sie die Tore überklettert und von innen geöffnet hat. Die Massen stürmten dann in die Gebäude und haben Möbel aus dem Fenster geworfen. Die Polizei schaute sich das ruhig an. Schließlich kam Modrow direkt von der Sitzung des Runden Tisches, ist auf ein Auto geklettert und hat über eine Flüstertüte verkündet, das sei alles Volkseigentum.

Aufruf des Neuen Forums zur Aktionskundgebung

Hintergrund:

Bereits seit 4. Dezember 1989 besetzen Bürgerkomitees in mehreren Bezirksstädten die Stasi-Zentralen. Für den Abend des 15. Januar 1990 ruft das Neue Forum zu einer Demonstration vor dem Stasi-Hauptquartier auf. Demonstranten stürmen das Gelände.

Berechtigungskarte des Bürgerkomitees für die Auflösung des MfS für den Zugang zu den Gebäuden an der Normannenstraße

Hintergrund:

Noch in der Nacht auf den 16. Januar wird im Büro von Stasi-Chef Mielke ein Bürgerkomitee für die Stasi-Auflösung gegründet. Parallel bildet der Zentrale Runde Tisch eine Arbeitsgruppe Sicherheit. Die Abwickelung des Ministeriums für Staatssicherheit beginnt. 

Donnerstag, den 18. Januar 1990

Liebes Tagebuch, 

Steve ist nun endgültig zum Oberrevoluzzer geworden. Im Stasi-Hauptquartier hat sich ein Bürgerkomitee gebildet. Es residiert im Arbeitszimmer von Stasi-Chef Erich Mielke. Später soll das Haus ein Museum werden. Mielke selbst sitzt in seinem eigenen Knast und beschwert sich über die schlechten Haftbedingungen. Das Stasi-Gelände wird von der Polizei bewacht und die Mitglieder des Bürgerkomitees haben einen Ausweis bekommen. Steve hat ihn uns gezeigt. Wir haben ganz schön gestaunt. 

Arbeitsfreistellung für die Teilnahme am Runden Tisch, 22.01.1990

Freitag, den 9. Februar 1990

Liebes Tagebuch, 

Steve hat uns auf unserer Arbeitsstelle besucht und von seinen Stasi-Abenteuern erzählt. Er hat in der Personalabteilung seine Freistellung vom Bürgerkomitee vorgelegt. Natürlich haben alle gekuscht, auch Dr. Schmidt. Anstandslos hat er unterschrieben. Wer der alten Macht treu gedient hat, dient auch der neuen Macht. Und wer früher aus der Reihe tanzte, wird es auch künftig tun. Ich sehe schwarz für Steves Zukunft. 

Hintergrund:

Die Mitarbeit in den Gremien der Stasi-Auflösung entwickelt sich zur Vollzeitbeschäftigung. Deswegen verfügt die Regierung eine Freistellung aller Beteiligten von ihren regulären Arbeitsverhältnissen bei Weiterzahlung des Gehalts.

Mittwoch, den 28. Februar 1990

Liebes Tagebuch,

Heidelore ist zurück von ihrer Schwester Hiltrud aus Düsseldorf. Es hat tüchtig Krach gegeben. Hiltrud hat gesagt, alle Ostler sind faul und raffgierig. Sie wollen arbeiten wie unter Honecker und leben wie unter Kohl. Die werden sich noch wundern. Heidelore hat ihr an den Kopf geworfen, dass Westler immer nur ans Geld denken und keine Ideale haben. Das sind ja schöne Aussichten für die deutsche Einheit.  

Zerbrochene Freund- ...
... und Verwandtschaften

Sonnabend, den 3. März 1990

Liebes Tagebuch, 

in der Schule tut sich Einiges. Annabell, die nun auf die Abiturprüfungen zugeht, erzählt viel davon. Sonnabend ist jetzt unterrichtsfrei. Die Schuldirektorin wurde abgesetzt. Jetzt hat ihre frühere Stellvertreterin den Posten, obwohl sie auch in der SED war. Aus der Partei sind fast alle ausgetreten. Die FDJ hat sich in Luft aufgelöst. Staatsbürgerkunde ist abgeschafft. In Geschichte und Deutsch wissen die Lehrer nicht so recht, was sie erzählen sollen. Sie lassen die Schüler einfach diskutieren. Auch eine Schülersprecherin wurde gewählt. Dreimal darf man raten wer das ist.

Stundenplan

Sonntag, den 18. März 1990

Liebes Tagebuch, 

die erste Wahl, zu der man freiwillig geht. Ich habe natürlich für Kohl gestimmt. Dr. Schmidt, unser ehemaliger Abteilungsleiter, hat zwar gesagt Kohl ist der Mann des Kapitals. Deswegen stimmt er für die PDS. Doch Kapital ist doch das, was der Osten jetzt am nötigsten braucht. Wenn jetzt nicht bald die deutsche Einheit kommt, sind wir verraten und verkauft. Annabell hat natürlich für ihre grün-alternativen Bürgerrechtler gestimmt. Die Leute sind zwar sympathisch, aber einen Staat würde ich ihnen nicht anvertrauen. 

Wahlplakat der Deutschen Sozialen Union zur Volkskammerwahl am 18. März 1990
Wahlplakat der SED-Nachfolgepartei PDS zur Volkskammerwahl am 18.März 1990

Hintergrund:

Aus den Wahlen zur Volkskammer, dem Parlament der DDR, geht die CDU mit 40,6 Prozent der Stimmen als eindeutiger Sieger hervor. Die SPD wird mit 21,8 Prozent für die schwankende Haltung zur Wiedervereinigung abgestraft. Die SED-Nachfolgepartei PDS erzielt mit 16,3 Prozent einen Achtungserfolg. Die Bürgerrechtsgruppen, die als Bündnis 90 angetreten sind, werden mit 4,8 Prozent politisch marginalisiert.

Mittwoch, den 4. April 1990

Liebes Tagebuch, 

Steve hat sich nun endgültig aus unserem Arbeitskollektiv verabschiedet. Er wurde ganz formell an ein Komitee für die Auflösung des Stasi-Nachfolge Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) delegiert. Nun arbeitet er die Akten der Stasi auf. Beim Mittagessen haben wir heftig darüber diskutiert. Dr. Schmidt war natürlich der Meinung, man soll doch endlich einen Schlussstrich unter die alten Geschichten ziehen. Wen interessiert es noch, wer bei der Stasi war? Mich interessiert es eigentlich sehr, gerade bei Schmidt, der alten SED-Nudel.

"Klappkarte" (Dienstausweis) für Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit
Die unbenutzten MfS-Dienstausweise wurden nach dem 15.01.1990 vom Zentralen Runden Tisch als Ausweise für ihre Mitarbeiter benutzt.

Hintergrund:

Die Stasi-Archive zeigen, dass führende Leute aller Parteien Inoffizielle Mitarbeiter (IM) des MfS waren. Es beginnt eine breite Debatte über den Umgang mit ehemaligen Zuträgern des Stasi-Systems. Beginnend mit der Volkskammer sollen wichtige Amtsinhaber überprüft werden. 

Sonnabend, 5. Mai 1990

Liebes Tagebuch, 

heute haben wir das Grundstück gekauft, auf dem unser Häuschen steht. Das Grundstück war uns bisher nur zur Nutzung übertragen, war aber nicht unser Eigentum. So eine Rechtskonstruktion gab es nur in der DDR. Bevor die deutsche Einheit einzieht, sollte das bereinigt werden. Überall reagiert die Angst, die Neueigentümer von Grundstücken werden nun vertrieben, obwohl sie teilweise Jahrzehnte dort wohnen. Der Kauf und der Eintrag ins Grundbuch bringen jetzt hoffentlich Rechtssicherheit. 

Hintergrund:

Das Verkaufsgesetz vom 7. März berechtigt die Kommunen, volkseigenen Grund an die Eigentümer der dazu gehörigen Immobilie zu verkaufen. Bis zum 3. Oktober gibt es diese günstige Möglichkeit. Der Bundesgerichtshof bestätigte 2004 die Rechtmäßigkeit.

Urkunde über das Nutzungsrecht an einem volkseigenen Grundstück

Sonnabend, den 2. Juni 1990

Liebes Tagebuch, 

Berlin verändert sich. Nicht nur die große Mauer wird zügig abgeräumt. Auch die Schächte zu den Geisterbahnhöfen öffnen sich. Auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz werden Wände eingerissen und plötzlich sind da Treppen, Bahnsteige, Schienen. Wir waren so eingemauert im Osten, dass wir die Mauern teils gar nicht mehr gesehen haben.  

Fahrscheine des VEB Kombinat Berliner Verkehrsbetriebe (BVB)

Hintergrund:

Seit dem 13. August 1961 war das U- und S-Bahnnetz Berlins geteilt. Mehrere unterirdische Linien fuhren durch Ost-Berlin, ohne an den so genannten Geisterbahnhöfen zu halten. Die Zugänge wurden von den Ost-Behörden zugemauert. Mehrere unterirdische Bahnhöfe, wie Stadtmitte und Alexanderplatz, waren regelrecht geteilt. 

Sonntag, den 10. Juni 1990

Liebes Tagebuch, 

man hört ja jetzt die tollsten Sachen. Kurz vor der Währungsumstellung hat die Stasi ihre Dienstobjekte an Mitarbeiter verkauft. Das Geld haben sie vorher in Koffern von der Firma bekommen. Der Fall des Kanzlerspions Guillaume wirbelt viel Staub auf. Der Mann, über den Willy Brandt gestolpert ist, wohnt jetzt in einem Häuschen am Bötzsee in Eggersdorf. So dankt das Vaterland seinen Helden. 

Zeitungsausschnitt zum Guillaume-Kauf 

Hintergrund:

Der persönliche Referent von Bundeskanzler Willy Brandt, Günter Guillaume, wird 1974 als DDR-Spion verhaftet und ausgetauscht. Er erält als Wohnsitz ein Haus in Eggersdorf bei Strausberg. Das Dienstobjekt des MfS erwirbt er unter dubiosen Umständen 1990. Alle Versuche, diesen Kauf rückgängig zu machen, scheitern. Er behält das Haus bis zu seinem Tod. 

Banknoten der Staatsbank der DDR

Hintergrund:

Kinder unter 14 Jahren können bis zu 2 000 DDR-Mark im Verhältnis 1:1 umtauschen, 15- bis 59-Jährige bis zu 4 000 DDR-Mark, wer älter war bis 6 000 DDR-Mark. Darüber hinausgehende Beträge also auch größere Geldvermögen werden im Verhältnis 2:1 umgestellt. Der Umtausch wird über Giro-Konten der Sparkasse abgewickelt. 

Montag, den 25. Juni 1990

Liebes Tagebuch, 

die Währungsumstellung wirft ihre Schatten voraus. Rund um den Bahnhof Zoo aber auch am Alex und anderen Plätzen drücken sich dunkle Gestalten herum. Sie tauschen Ost gegen West zum Kurs 1:5. Der normale Weg ist die Einrichtung eines Sparbuchs. Pro Person werden an 1. Juli  je nach Alter zwischen 2 000 und 6 000 Mark zum Kurs 1:1, der Rest 1:2 umgetauscht. Das ist extrem günstig. Trotzdem wollen manche Leute das Geld nicht über das Konto laufen lassen. Sie fürchten wohl die Frage, woher das Geld stammt.  

Sonntag, den 1. Juli 1990

Liebes Tagebuch, 

ein großer Tag: Westgeld für alle! Gestern waren die Geschäfte leer gefegt. Jeder wollte seine letzten Alu-Chips ausgeben. Seit heute früh türmen sich in den Regalen die Herrlichkeiten des Westens. Schmidt, der jetzt in der PDS aktiv ist, nörgelt herum und meint, die schönen Sachen werden sich viele Leute gar nicht kaufen können.  

Hintergrund:

Nach der Einführung der D-Mark verlieren DDR-Waren alle Absatzmöglichkeiten. Selbst landeseigene Produkte wie Butter und Milch wollen die Kunden in Westverpackung haben. Damit beginnen die wirtschaftlichen Umstellungsschwierigkeiten. DDR-Produkte sind nicht mehr konkurrenzfähig, die Betriebe gehen pleite, die Mitarbeiter werden arbeitslos. 

Mark der DDR

Mittwoch, den 3. Oktober 1990

Liebes Tagebuch, 

die Kuh ist vom Eis! Deutschland ist vereinigt. Der Jubel vor dem Reichstag war gewaltig. Es gab ein schönes Feuerwerk. Dr. Schmidt meint, der Osten wird zum Mezzogiorno Deutschlands werden. Was das nun wieder sein soll, hab ich ihn gefragt. Das Armutsgebiet in Süditalien, hat er erklärt. Na dann brauchen wir ja gar nicht mehr zu verreisen, hab ich mir gedacht.   

DDR-Fahne mit herausgeschnittenem Emblem

Hintergrund:

Nur noch eine Formfrage: Durch die Währungs- und Sozialunion sind die wichtigsten Weichen schon gestellt. Trotzdem wird der Tag mit einem Festakt vor dem Reichstag feierlich begangen. Der 3. Oktober ist fortan als Tag der deutschen Einheit ein arbeitsfreier Feiertag. 

Sonntag, den 14. Oktober 1990

Liebes Tagebuch, 

der Sohn vom Nachbarn hat Urlaub vom Militär. Er ist nun Offizier der Bundeswehr. Ich habe ihn gefragt, wie er sich so fühlt in der Uniform des Feindes. Was ist eigentlich aus dem Fahneneid geworden? Er war ein bisschen beleidigt und hat gesagt, er hat sich immer als deutscher Soldat gefühlt. Befehl ist Befehl, der Rest interessiert ihn nicht. 

Hintergrund:

Die Nationale Volksarmee (NVA) wird von der Bundeswehr übernommen. Das betrifft Gebäude, Einrichtungen, Waffen und Personalbestand. Doch werden die meisten höheren Offiziere nun ins Zivilleben entlassen. Nur wenige dürfen in der Bundeswehr Dienst tun. 

Wehrdienstausweis und "Hundemarke" der NVA

Mittwoch, den 14. November 1990

Liebes Tagebuch, 

manche junge Leute scheinen Freiheit mit Chaos zu verwechseln. In die Abrisshäuser in der Mainzer Straße sind alle möglichen Radaubrüder eingezogen. Seit heute räumt die Polizei die Häuser mit Gewalt und Annabell ist natürlich wieder mitten im Getümmel. Ich hab‘ mich gar nicht getraut hinzugucken, als das im Fernsehen gezeigt wurde. Von den Dächern schmissen die Leute Steine und Molotowcocktails auf die gepanzerten Wasserwerfer. So was gab es in der DDR nicht. 

Nachgesteller Wurf eines Molotow-Cocktails

Hintergrund:

Ostberlin bildet in den Monaten des Übergangs viele rechtsfreie Räume. Hausbesetzer aus Westbezirken ziehen in Abrisshäuser in Ostberlin und versuchen dort Alternativkulturen zu installieren. Der rot-grüne Senat unter Momper reagiert mit brachialer Polizeigewalt. 

Montag, den 26. November 1990

Liebes Tagebuch, 

die Wiedervereinigung hat sich gelohnt. Heute wurde von der Post eine Telefonleitung verlegt und der Anschluss frei geschaltet. Darauf haben manche Leute zwanzig Jahre und länger gewartet. Ein tolles Gefühl, so ein eigenes Telefon. Jetzt warte ich auf den ersten Anruf.

Hintergrund:

Nur 16 Prozent der Wohnungen in der DDR verfügen über einen Fernsprechanschluss. In einigen Bezirken sind es nur 11 bis 12 Prozent. Der Rest der Bevölkerung ist auf die ständig defekten Telefonzellen angewiesen. 1989 liegen 1,2 Millionen Anträge auf einen Anschluss vor. Selbst bei Wartezeiten von zwanzig Jahren und mehr gibt es bis 1990 kaum Aussicht auf ein Telefon. 

Mitteilung über die Installation eines Fernsprechanschlusses vom 26.11.1990
Telefon "alpha" aus dem VEB Fernmeldewerk Nordhausen

Sonntag, den 2. Dezember 1990

Liebes Tagebuch, 

heute klingelte ein höflicher junger Mann an der Gartentür. Sehr ordentlich angezogen und gut frisiert. Dass es so etwas noch gibt. Im Wohnzimmer zeigte er mir tolle Kataloge von Zeitschriften. Wenn ich die dreißigteilige Sammelmappe „Katze im Heim“ kaufen würde, gäbe es noch eine Reise zu einem Traumstrand meiner Wahl. Ägypten, Kreta, Algarve. Annabell meint, das sei nur Dummenfang, außerdem haben wir gar keine Katze. 

Nachgestelle Unterschrift unter einen Kaufvertrag

Dienstag, den 11. Dezember 1990

Liebes Tagebuch, 

Kollege Steve, unsere Archivratte, war heute als Gast bei der Brigadeweihnachtsfeier. Er erzählte, dass er vom Rektor seiner alten Universität ein Entschuldigungsschreiben bekommen hat. Vor achtzehn Jahren ist er von der Uni geflogen. Grund waren ironischer Bemerkungen über die alleinseligmachende Partei. Ich hatte das gar nicht gewusst. Aber Steve konnte das Maul ja nie halten.

Entschuldigungsschreiben der Humboldt-Universität für die Relegierung eines Studenten aus politischen Gründen, 13.12.1990

Hintergrund:

Neben der juristischen Rehabilitierung von politisch Verfolgten beginnen nun auch Diskussionen über berufliche Benachteiligungen und Verweise von Bildungseinrichtungen in der DDR. An vielen Universitäten finden öffentliche Diskussionen statt, so auch an der Humboldt-Universität in Berlin.

PKW-Bestellung, 20.12.1979
Buch "Ich fahre einen Trabant" für den Trabant P 601 S de luxe

Sonntag, den 20. Januar 1991

Liebes Tagebuch, 

es gab so viele Witze in der DDR. Wir haben uns immer gefragt, wer die sich ausdenkt. Fakt ist, die besten Witze produziert die Wirklichkeit. Heute bekamen wir eine Mitteilung, wir können uns den Trabant, den wir 1979 bestellt haben, nun abholen. Was haben wir gelacht. Wahrscheinlich kann man sich jetzt sogar die Farbe aussuchen. 

Sonnabend, den 2. Februar 1991

Liebes Tagebuch, 

heute hat sich die neue Geschäftsleitung aus Düsseldorf im Betrieb vorgestellt. Sie haben den Laden für eine Mark bei der Treuhand gekauft. Flexibilisierung zur Optimierung der Marktchancen ist jetzt das strategische Ziel. Na, das kann ja lustig werden. Schmidt leitet jetzt den Personalrat. Erfahrungen in Sachen Organisation hat er ja.

Symbolische Geldübergabe

Hintergrund: 

Die Treuhand soll die volkseigenen Betriebe verwalten und in die Marktwirtschaft überführen. Gegen Vorlage eines Finanzierungskonzeptes können Unternehmer oft für nur eine symbolische Mark Ost-Bertriebe übernehmen. Sie taten es aber oft nur mit Blick auf die Immobilien. Viele Betriebe gingen bald nach der Übernahme in Insolvenz. 

Montag, den 25. Februar 1991

Liebes Tagebuch, 

zu allem Ärger will sich meine Kollege Lehmann scheiden lassen. Er war beim Rechtsanwalt und kam recht geknickt am nächsten Tag zur Arbeit. Ich soll für den Rest meines Lebens für die Alte zahlen. Das soll nun Demokratie sein, hat er geflucht, dafür bin ich nicht auf die Straße gegangen. Dabei kann ich mich gar nicht  erinnern, dass er im Herbst 89 auf die Straße gegangen ist. 

Hintergrund:

Das Familiengesetzbuch der DDR ging von der wirtschaftlichen Gleichberechtigung aber auch von der Selbständigkeit der Partner aus. Versorgungsansprüche gegenüber dem geschiedenen Ehepartner waren nur im Falle der Erwerbsunfähigkeit möglich. Zudem war die Scheidung im Falle des Einvernehmens unkomplizierter und wurde schneller abgewickelt. 

Fachbücher zum DDR-Recht

Sonnabend, den 2. März 1991

Liebes Tagebuch, 

unser neuer Opel soll nicht im Regen stehen. Wir haben den Bau einer Garage beim Bauamt beantragt. Der Mitarbeiter holte das Baugesetz und erklärte das Antragsverfahren. Planzeichnungen in mehreren Durchschlägen usw. Und wir haben früher auf die Bürokratie im Sozialismus geschimpft. 

Standardwerk "Baukonstruktionen des Wohnungsbaus"

Freitag, den 15. März 1991

Liebes Tagebuch, 

bei den Nachbarn haben sich die Alteigentümer aus dem Westen gemeldet. Ihr Opa war 1951 in den Westen rüber und ist 1959 gestorben. Aber von dem Häuschen in der DDR hat er oft erzählt. So haben sie es seit frühester Kindheit ins Herz geschlossen. Keiner wird mich hier vertreiben, hat Nachbar Krause getönt. Westler sind Banditen und Räuber. Er kauft sich jetzt ein Jagdgewehr und wird alle erschießen, die sich seinem Häuschen nähern. So mutig habe ich ihn nie erlebt. 

Schreiben des Leipziger Oberbürgermeisters zur Rückübertragung eines Grundstücks, 07.12.1993

Hintergrund:

Der Einigungsvertrag folgt dem Grundsatz „Rückgabe vor Entschädigung“. Dies löst eine Welle von Rückgabeforderungen aus. Die Neueigentümer hatten enteignete Immobilien in der Regel vom Staat im guten Glauben erworben. Sie fühlten sich nun ungerecht behandelt, zumal sie oft viel in Haus und Grundstück investiert hatten. Es folgen oft jahrelange Rechtsstreitigkeiten. 

Montag, den 1. April 1991

Liebes Tagebuch,

der Platz vor dem Postamt soll nun wieder Postplatz heißen. Vorher hieß er Dorfplatz, Kaiser-Wilhelm-Platz, Friedrich-Ebert-Platz, Adolf-Hitler-Platz, Ernst-Thälmann-Platz. Mal sehen was noch alles kommt.  

Hintergrund: 

Die Umbenennung von Straßen und öffentlichen Einrichtungen wurden unterschiedlich gehandhabt. In Berlin gibt es eine Straßenumbenennungskommission aus Historikern und anderen Fachleuten, die aber nur Empfehlungen aussprechen. Formal sind die Umbenennungen Sache der Stadtbezirke. 

Stadtinformation und Straßenverzeichnis 4. Auflage, 1989
Marx-Engels-Platz (heute Schloßplatz)
Berlin-Mitte

Mittwoch, den 8. Mai 1991

Liebes Tagebuch, 

den Sowjetsoldaten aus rotem Granit vor der Schule hat jahrelang niemand beachtet. Er war ja auch mit Unkraut zugewachsen. Nun fordert die CDU den Abriss dieses Symbols kommunistischer Zwangsherrschaft. Die PDS läuft Sturm gegen diese Entscheidung. Sie hat eine Feierstunde zum Tag der Befreiung veranstaltet und ist sogar bereit, den Soldaten in ihre Obhut zu nehmen und auf einem Privatgrundstück aufzustellen. Das neidet ihr nun wieder die CDU. Sie will das Denkmal nicht für umsonst hergeben und fordert einen Kaufpreis.  

Sowjetisches Ehrenmal in Berlin-Treptow

Hintergrund:

Die Pflege der Gedenkstätten und Soldatenfriedhöfe der Roten Armee obliegt aufgrund des Abzugsabkommens mit Russland der deutschen Seite. Die Erinnerungsstätten werden trotz ihrer stalinistischen Ästhetik aufwendig restauriert. Sie erinnern an die russischen Soldaten, die bei der Befreiung Deutschlands fielen. 

Donnerstag, den 3. Oktober 1991

Liebes Tagebuch, 

heute habe ich mich zum Tag der deutschen Einheit mit Steve und Dr. Schmidt in unserer alten Kneipe getroffen. Der Betrieb hat es nach dem Aufkauf nur noch wenige Monate gemacht. Alle Mitarbeiter sind entlassen. Ich bin im Vorruhestand. Annabell ist für ein Jahr in den USA. Steve und Schmidt haben sich wie früher in die Haare gekriegt. Es war ja nicht alles schlecht in der DDR, hat Schmidt geknurrt. Steve dagegen rühmt die Demokratie. Allein die tollen Reisen, die man jetzt machen kann. So hat alles seine guten und seine schlechten Seiten.

Die Frage ist nur, ist das Glas nun halb voll oder halb leer? 

Ist das Glas nun halb voll oder halb leer?

Über dieses Tagebuch

Uwe Neumann gibt es nicht wirklich. Er und sein Tagebuch sind reine Erfindung des DDR Museum, allerdings keine willkürliche Fiktion sondern ein exemplarischer Fall. Er ist kein Held und kein „hundertfünfzigprozentiger“ SED-Anhänger, kein großer Geist, doch von gesundem Menschenverstand. Er schwimmt mit dem Strom mit und versucht irgendwie das Beste daraus zu machen. Eine Sorte von Zeitgenossen, die wohl immer und überall reichlich vertreten ist – insofern gibt es Uwe Neumann doch und er ist als Typus ganz gewiss unsterblich.   

www.ddr-museum.de

Mitwirkende: Geschichte

Publisher — Rückel, Robert, Director, DDR Museum, Berlin 
Text — Wolle, Dr. Stefan, Head of Research, DDR Museum, Berlin
Curator — Strohl, Katrin, Head of Collections, DDR Museum, Berlin 
Design — Bänfer, Constantin, Creative Director, DDR Museum, Berlin
Shoot — Wia, Oliver, Photographer, Berlin

Quelle: Alle Medien
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