1000 v. Chr.

Glauben und Leben während der Bronzezeit

Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Von den Anfängen bis zum Berliner Goldhut

Hort von Bennewitz, Unbekannt, Frühbronzezeit, 1. Viertel 2. Jahrtausend v.Chr, Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin
Metallurgie – Rohstoffe, Technologie und Netzwerke
Die Nutzung von Metall veränderte Europa. Einige Rohstoffe mussten von weither bezogen werden, sodass sich ein System des Austauschs entwickelte. Der zunehmende Wirtschaftsverkehr führte zu überregionalen Kontakten, einer Weiterentwicklung der Transportmittel und einer Angleichung der Lebensverhältnisse. Neben technischen Fertigkeiten wurden auch kulturelle Praktiken übernommen. Die Gesellschaft spaltete sich zunehmend in führende Eliten und von ihnen abhängige Schichten. Es entstanden befestigte Machtzentren, von denen aus die einzelnen Regionen beherrscht wurden. Der neue Reichtum schuf Begehrlichkeiten. Er führte zu verstärkten Auseinandersetzungen und dem Entstehen einer Kriegerkaste. Entscheidenden Einfluss auf das Leben der Menschen hatten ihre religiösen Überzeugungen. Der Glaube an eine transzendente, von Göttern gelenkte Welt spiegelt sich in den Opferpraktiken und dem Umgang mit den Verstorbenen.
Kupfer- und Zinnlagerstätten in der Bronzezeit, Unbekannt, 2014, Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Kupfer- und Zinnlagerstätten

Aus dem östlichen Mittelmeerraum kommend verbreitete sich Spezialwissen über Abbau und Verarbeitung von Erz in ganz Europa. Erst die Zugabe des nur an wenigen Lagerstätten vorhandenen Zinns ermöglichte es, aus dem Kupfer die härtere Bronze zu erzeugen. Nun konnten im Gussverfahren stabile Schwerter und andere Großgeräte angefertigt werden.

Kupfer- und Zinnlagerstätten in der Bronzezeit, Unbekannt, 2014, Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Der Bedarf an Metallprodukten wuchs und die Arbeitsteilung entwickelte sich weiter. Viehhaltung und Ackerbau dienten nicht mehr nur dem Eigenbedarf, sondern auch der Ernährung jener Menschen, die in der Metallgewinnung und dem Warentransfer tätig waren oder diese Bereiche militärisch schützten. Der großräumig organisierte Metallhandel wurde innerhalb der Stammesgesellschaften durch die sich neu formierenden Eliten gesichert und koordiniert.

Kreuzschneidige Axt, Unbekannt, um 4000 v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Kreuzschneidige Axt
Slowakei oder Tschechien, um 4.000 v.Chr.

Die Kupferäxte aus Südosteuropa sind der Beginn der Metallnutzung auf unserem Kontinent. Sie stammen zumeist aus dem Karpatenbecken, Serbien, Bulgarien und Moldawien. Einige Exemplare sind auch von der übrigen Balkanhalbinsel, aus der Ukraine, Österreich, Deutschland, Tschechien und Polen bekannt. Sie sind schon im ersten Drittel des 5. Jahrtausends vor Christus in Benutzung und haben ihre größte Verbreitung um 4000 v.Chr. – also lange vor Beginn der Bronzezeit. Da Kupfer damals ein sehr wertvoller Rohstoff war, handelt es sich bei den Äxten wahrscheinlich auch um Prestigeobjekte.

Hort von Bennewitz, Unbekannt, Frühbronzezeit, 1. Viertel 2. Jahrtausend v.Chr, Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Hort von Bennewitz
Deutschland, 1. Viertel 2. Jahrtausend v.Chr

Ein Hort- bzw. ein Depotfund bezeichnet meist mehrere ähnliche oder identische Gegenstände wie Waffen, Werkzeug, Gefäße oder Schmuck, die immer zusammen niedergelegt wurden. Sie werden gemeinhin nicht als Notverstecke, sondern als Gaben und Opfer an die Götter gedeutet.

Hort von Bennewitz, Unbekannt, Frühbronzezeit, 1. Viertel 2. Jahrtausend v.Chr, Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Dieser Hort bestand bei seiner Auffindung 1879 aus 297 nahezu identischen Randleistenbeilen aus Fahlerz. Die Stücke weisen keine Bearbeitungsspuren auf und dürfen als Barrenform angesprochen werden. Horte dieser Art und Größe kommen in der Frühbronzezeit durchaus vor und deuten an, dass bereits zu Anfang des 2. Jahrtausends v.Chr. riesige Mengen an Rohstoff in ganz Europa verhandelt wurden.

Hort von Crévic, Unbekannt, Spätbronzezeit, 10. Jh. v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Hort von Crévic
Frankreich, 10. Jh. v.Chr.

Das Depot enthält neben zerbrochenen und unbrauchbaren Gegenständen auch Geräte eines Bronzeschmieds, wie beispielsweise Gusskerne für Lanzenspitzen.

Hort von Crévic, Unbekannt, Spätbronzezeit, 10. Jh. v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Die Zusammenstellung des Hortes weist teilweise „altmodische“ Gegenstände auf, die lange schon vor der Niederlegung im 10. Jahrhundert vor Christus aus der Mode gekommen waren (z.B. Armberge). All das deutet darauf hin, dass hier ein Metallhandwerker Rohstoff und Werkzeug niedergelegt hat.

Schwerter und Lanzenspitze, Unbekannt, 9.–8. Jahrhundert v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin
Herrschaft der Krieger
Im dritten Jahrtausend vor Christus fanden wesentliche ökonomische und soziale Veränderungen statt. Es entstanden führende Eliten und von ihnen abhängige Gemeinschaften. Die Herrscher sicherten ihre Machtansprüche durch militärische Gewalt. Waffen fungierten auch als Statussymbole. In den Gräbern bezeugt ihre Anzahl und Qualität die jeweilige soziale Stellung des Verstorbenen. Neue Kampftechniken vergrößerten die Siegeschancen und wurden schnell von den Gegnern übernommen.
Schwerter und Lanzenspitze, Unbekannt, 9.–8. Jahrhundert v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Schwerter und Lanzenspitze
Deutschland, 9.–8. Jh. v.Chr

Die Schwerter entwickelten sich von kurzen Stoß- zu langen Hiebwaffen und die Verbindung von Griff und Klinge wurde perfektioniert. Auch aus diesem Grund bekamen zu Ende der Bronzezeit so genannte Defensivwaffen wie Schilde, Beinschienen, Brustpanzer und Helme eine größere Bedeutung.

Schwert vom Typ Tréboul-Saint-Brandan, Unbekannt, Mittlere Bronzezeit, um 1600–1300 v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Schwert vom Typ Tréboul-Saint-Brandan
Frankreich, um 1600–1300 v.Chr

Das wahrscheinlich bei Lyon in der Rhône gefunden Vollgriffschwert weist typologisch und technisch auf eine Herstellung in der Bretagne hin. Nahezu identische Vergleichsfunde legen sogar nahe, dass es dort eine Werkstatt für solch hochwertige Waffen gegeben haben kann.

Schwert vom Typ Tréboul-Saint-Brandan, Unbekannt, Mittlere Bronzezeit, um 1600–1300 v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Andere Schwertfunde desselben Typs zeigen zudem, dass sie hauptsächlich Griffe aus Holz und nicht aus Bronze besessen haben. So ist dieses Exemplar mit einem Metallgriff mehr als nur eine Waffe gewesen, sondern vielmehr ein wertvolles Zeichen der Macht.

Rundschild, Typ Nipperwiese, Unbekannt, Spätbronzezeit, 13.–12. Jahrhundert v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Rundschild aus Schiphorst
Deutschland, 13.–12. Jh. v.Chr.

Der relativ kleine Rundschild vom so genannten Typ Nipperwiese ist aus einem Stück gegossen und im Gegensatz zu zeitgleichen Schildtypen (z.B. Typ Herzsprung) nicht nachbearbeitet bzw. weiter ausgetrieben worden. Daher hat es bei relativ kleinem Durchmesser ein recht hohes Gewicht von 1500 Gramm. Schilde dieses Typs sind bislang aus Südengland, vom Mittelrhein und aus Norddeutschland bekannt und haben damit eine weite Verbreitung.

Schlachtfeld im Tollensetal, Unbekannt, Spätbronzezeit, 13. –12. Jahrhundert v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Schlachtfeld im Tollensetal
Deutschland, 13. Jh. v.Chr.

Das Flüsschen Tollense schlängelt sich in Mecklenburg-Vorpommern durch ein idyllisches Tal. Nichts verrät, dass hier zwischen 1200 und 1300 v.Chr. ein Kampf stattfand, in dessen Verlauf mindestens 125 Menschen getötet wurden. Erst ein menschlicher Oberarmknochen, in dem eine Pfeilspitze aus Feuerstein steckte, führte 1996 zur Entdeckung des ältesten bekannten Schlachtfeldes in Europa. Seitdem erforschen Archäologen und Anthropologen die Fundstelle.

Schlachtfeld im Tollensetal, Unbekannt, Spätbronzezeit, 13. –12. Jahrhundert v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Dort wurden außer Knochen, die größtenteils nicht mehr im anatomischen Verband lagen, auch zwei Holzkeulen, zahlreiche Pfeilspitzen aus Bronze und Feuerstein sowie weitere Geräte entdeckt. Viele der Knochen, die fast ausschließlich von jungen Männern stammen, weisen Verletzungen durch Pfeile oder stumpfe Gewalt auf.

Fürstengrab von Seddin (Repliken), Unbekannt, Spätbronzezeit, 9.–8. Jahrhundert v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin
Tod und Jenseits
Den Glaubensvorstellungen der Bronzezeit zufolge ging der Verstorbene in eine jenseitige Welt ein. Die Grabbeigaben sollten seinen Status auch über den Tod hinaus anzeigen. Durch den Aufwand von Grabbau und Bestattung wurde zudem sein Rang für die Nachwelt sichtbar inszeniert. Grabrituale konnten je nach Region oder Zeit unterschiedlich sein. Die Körper wurden mal in gestreckter, mal in hockender Lage beigesetzt oder vollständig eingeäschert. Ebenso änderten sich Anzahl und Zusammensetzung der Beigaben sowie die Form der Grabmonumente. Neben kleineren Hügelgruppen gab es Friedhöfe mit Hunderten von oberirdisch kaum gekennzeichneten Grablegen. Weiterhin ist mit Grabsitten zu rechnen, die keine archäologischen Spuren hinterließen.

Grabbeigaben aus Hügelgräbern
Deutschland, 14. Jh. v.Chr.

Diese Artefakte wurden in einem mittelbronzezeitlichen Hügelgräberfeld bei Passau in Niederbayern gefunden. Obwohl sie nicht aus einem Grabhügel stammen, verdeutlichen sie sehr gut, welche Gegenstände einem gesellschaftlich höher gestellten Mann zu dieser Zeit gerne mit ins Grab gegeben wurden: Keramikgefäße, Schwert, Dolch und eine Lanzenspitze. Eine vergleichbare Zusammensetzung „männlicher“ Attribute in Gräbern findet sich zu dieser Zeit in weiten Teilen des bronzezeitlichen Europas und angrenzenden Regionen.

Fürstengrab von Seddin (Repliken), Unbekannt, Spätbronzezeit, 9.–8. Jahrhundert v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Fürstengrab von Seddin
Deutschland, 9.–8. Jh. v.Chr.

Unweit Berlins wurde im Jahr 1899 eines der prächtigsten spätbronzezeitlichen Gräber Deutschlands entdeckt. Der Grabhügel von Seddin darf mit seinen ca. 63 m Durchmesser und ca. 10 m Höhe als eines der herausragenden bronzezeitlichen Bodendenkmäler Europas gelten. Die wertvollen und reichhaltigen Beigaben sowie der riesige Grabhügel deuten auf eine Art König oder Fürst hin, der um 800 v.Chr. zusammen mit zwei wahrscheinlich jungen Frauen bestattet wurde. Eine örtliche Legende berichtete seit alters her vom König Hinz, der in drei Särgen – mit seiner Gemahlin und einer treue Dienerin zusammen - unter dem „Hinze Berg“ begraben liegen sollte.

Menhir von Tübingen-Weilheim, Unbekannt, Frühe Bronzezeit, Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin
Symbole der Macht
Die Intensivierung der Handelsbeziehungen erweiterte das Weltbild der Menschen. Überregional entstanden gemeinsame Wertvorstellungen und das Bedürfnis, sich dem Lebensstil höher entwickelter Zivilisationen anzugleichen. Statussymbole gehörten zur Darstellung der Herrscher und wurden auch den Göttern geopfert. Dazu zählten Zepter in Form von Äxten oder Stabdolchen, prächtige Waffen, Schmuck und Pferdegespanne mit aufwändiger Schirrung. Gefäße aus Gold und Bronze wurden bei festlichen Trinkgelagen und Ritualen verwendet.
Stabdolch, Unbekannt, Frühbronzezeit, 1. Viertel 2. Jahrtausend v.Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Stabdolch aus Kanena
Deutschland, 1. Viertel 2. Jahrtausend v.Chr.

Stabdolche gelten als Status- und Machtsymbole der Frühbronzezeit und finden sich über weite Teile Europas. Typisch ist die dolchartige Schneide, die durch Nieten rechtwinklig an einen Schaft angebracht ist. Oft ist die Spitze abgerundet, so dass man gemeinhin nicht von einer primären Nutzung als Waffe ausgeht. Das vorliegende Exemplar wurde 1908 zusammen mit einem Vollgriffdolch gefunden. Es ist jedoch unklar, ob es sich um ein Depot oder ein Grab gehandelt hat.

Menhir von Tübingen-Weilheim, Unbekannt, Frühe Bronzezeit, Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Menhir von Weilheim
Deutschland, 1. Viertel 2. Jahrtausend v.Chr

Bei Weilheim, unweit der Stadt Tübingen, wurde 1985 beim Bau eines Hauses ein ungewöhnlicher Fund gemacht. Der Bagger förderte aus einer Tiefe von 1,5 m mehrere Teile eines ehemals ca. 4,5 m hohen frühbronzezeitlichen Menhirs zutage.

Menhir von Tübingen-Weilheim, Unbekannt, Frühe Bronzezeit, Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Auf der ehemals nach Westen gewandten Seite sind in flachem Relief fünf Stabdolche dargestellt. Dieses in ganz Europa auftretende Statussymbol begegnet auch auf anderen zeitgleichen Felsdarstellungen u.a. in Norditalien.

Hortfund aus Bronzegegenständen, Unbekannt, um 1000 v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Hortfund aus Bronzegegenständen
Deutschland, um 1.000 v.Chr.

Dieser zu Ende des 19. Jahrhunderts bei Gartenarbeiten gefundene Hort ist aufgrund seiner Zusammensetzung einmalig: Zum einen enthält er mit Anhängern, Armstulpen und einem Halsring prächtige Schmuckgegenstände einer Frau, zum anderen deutet das Gefäßset aus zehn bronzenen Tassen auf einen Zusammenhang mit rituellen Trinkgelage hin.

Goldener Halskragen, Unbekannt, Spätbronzezeit, um 900 v.Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Goldener Halskragen
Niederösterreich, um 900 v.Chr.

Im Museum befinden sich drei solche goldenen Halskragen, die aus drei verschiedenen aber nahe beieinander gefundenen Hortfunden stammen sollen. Sie wurden zusammen mit Golddraht und Colliers aus Knochen- und Bernsteinperlen sowie Muschelschalen gefunden. Handwerklich und kulturgeschichtlich sind sie als besonders wertvoll einzuschätzen, und gehörten wahrscheinlich einer gesellschaftlich hoch stehenden Frauen.

Goldener Halskragen, Unbekannt, Spätbronzezeit, um 900 v.Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Sie sind mit Kreisornamenten verziert und damit ähnlich, wie der in etwa zeitgleiche Berliner Goldhut und die Eberswalder Goldschalen.

Kultwagen (Replik), Unbekannt, Spätbronzezeit, 1. Viertel 1. Jahrtausend v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin
Glaube und Symbole
Alltag und Religion waren in der Bronzezeit eng miteinander verwoben. Transzendente Mächte beeinflussten vermeintlich die menschlichen Geschicke und schienen überall gegenwärtig. Wie in der christlichen Heiligenverehrung gab es Amulette und kleine Idolfiguren, die die Gläubigen beschützen sollten. Eine allgemein verehrte Sonnengottheit wurde durch einen Kreis oder ein Rad symbolisiert. Die vielfältig überlieferten Wasservögel, Bezwinger der Elemente Wasser, Luft und Erde, galten als Mittler zwischen den Welten. Als Zugvögel, die im Herbst verschwinden und im Frühjahr zurückkehren, waren sie zudem Sinnbild für Tod und Wiedergeburt. Götterdarstellungen in menschlicher Gestalt gab es nur in im Süden und Norden Europas. Im bronzezeitlichen Mitteleuropa verwendete man im Kult weitgehend Symbole.
Schale aus dem Goldfund aus Eberswalde (Replik), Unbekannt, 9.–8. Jahrhundert v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Opferzeremonien waren im Leben des bronzezeitlichen Menschen ein zentrales Element. Ohne die Kenntnis rationaler Erklärungen hielt man überirdische Mächte für den Lauf der Welt und die Geschicke der Menschen verantwortlich. Um sich deren Gunst immer wieder zu versichern, wurden ihnen Opfer dargebracht. Tempelbauten als Wohnsitze der Götter auf Erden gab es in der Bronzezeit nur im Mittelmeerraum. Im kontinentalen Europa galten Flüsse, Moore, Brunnen, Höhlen, Felsspalten, Bergsporne, andere markante Punkte in der Landschaft oder nach astronomischen Erfordernissen ausgewählte Orte als heilige Plätze. Hier fanden regelmäßig Zeremonien mit Brandopfern von Feldfrüchten und Tieren statt. Weihegaben, nicht selten wertvolle Metallgegenstände, wurden aber auch an topographisch unauffälligen Orten deponiert, zu denen nur der Spender einen ganz persönlichen Bezug hatte.

Goldfund aus Eberswalde (Repliken), Unbekannt, 9.–8. Jahrhundert v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Goldfund aus Eberswalde
Deutschland, 9.-8. Jh. v. Chr.

Der Eberswalder Goldschatz wurde 1913 gefunden und ist bis heute der größte Goldfund Deutschlands. Der Besitzer, der ihn für 10.000 Reichsmark den Findern abgekauft hatte, stellte ihn Kaiser Wilhelm II. mehr oder weniger freiwillig „zur Verfügung“. Nach 1918 kam der Schatz in das Berliner Museum und wurde 1945 von der Roten Armee als Beutekunst nach Moskau abtransportiert, wo er heute noch immer lagert.

Goldfund aus Eberswalde (Repliken), Unbekannt, 9.–8. Jahrhundert v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Auf den Gefäßen des Eberswalder Goldschatzes sind Sonnen- und Kreissymbole angebracht, wie sie ebenfalls auf dem Goldhut zu finden sind.

Brunneninventar von Berlin-Lichterfelde, Unbekannt, Spätbronzezeit, um 1000 v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Brunneninventar von Berlin-Lichterfelde
Deutschland, um 1000 v. Chr.

Auf dem Stadtgebiet Berlins befinden sich zahlreiche prähistorische Fundstellen. So wurde zwischen 1958 und 1960 eine bronzezeitliche Siedlung am Teltowkanal ausgegraben. Dort fand man einen hohlen Eichenstamm, der ungefähr 100 geopferte Tongefäße enthielt.

Ob es sich um eine alte Brunnenfassung handelt, die nachträglich als Opferschacht genutzt wurde und eine Verbindung zu chthonischen Göttern darstellt, oder ob der hohle Stamm von vornherein rituell genutzt wurde, geht aus dem Grabungsbefund nicht eindeutig hervor.

Lichterfelder Brunnen
Anhänger mit Sonnenwagensymbolik der Pilinyer-Kultur, Unbekannt, Spätbronzezeit, 13. Jahrhundert v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Anhänger der Pilinyer-Kultur
Fundort unbekannt, 13. Jh. v. Chr.

Der Anhänger trägt typische religiöse Symbole der europäischen Spätbronzezeit: Zwischen zwei Speichenrädern hängt ein Sonnensymbol und der umlaufende Bogen mit vier Rippen kann als Sonnenbarke – also als das Vehikel, auf dem die Sonne über den Himmel fährt – gedeutet werden. Anhänger dieser Art sind sehr selten und beschränken sich auf den Bereich der so genannten Pilinyer-Kultur in der südlichen Slowakei.

Kultwagen (Replik), Unbekannt, Spätbronzezeit, 1. Viertel 1. Jahrtausend v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Kultwagen
Deutschland, 1. Viertel 1. Jahrtausend v. Chr.

In Ostdeutschland und Westpolen wurde eine ganze Reihe mit Wasservogelprotomen versehene Wagen und Tüllengeräte gefunden, die sehr wahrscheinlich in religiösem Kontext Verwendung fanden. Aus Burg im Spreewald sind zwei solche Kultwagen bekannt, die beide von Rudolf Virchow Ende des 19. Jahrhunderts erworben werden konnten. Einer nach eigener Aussage, „als er gerade zu einem Kinderspielzeug verarbeitet werden sollte“. Auch diese Kultwagen liegen heute als Beutekunst in Moskau.

Gürtelscheibe, Unbekannt, späte Bronzezeit, um 1000 v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Gürtelscheibe von Heegermühle
Deutschland, um 1000 v. Chr.

Diese verzierte Gürtelplatte wurde 1889 bei Bauarbeiten zusammen mit spätbronzezeitlichen Trachtelementen und Tüllengeräten mit Wasservogelprotomen gefunden. Der zentrale Dorn wird umgeben von konzentrischen Rillen-, Spiral- und Sternmustern. Ein ähnliches Sternmuster findet sich auch auf der Spitze des Berliner Goldhuts. Ungewöhnlich ist ein Eisenobjekt aus diesem Hortfund, das den ältesten Nachweis von Eisennutzung im nördlichen Mitteleuropa darstellt.

Goldener Zeremonialhut ("Berliner Goldhut"), Künstler unbekannt, Späte Bronzezeit, 1000–800 v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin
Goldene Hüte der Bronzezeit
Der „Berliner Goldhut“ zählt zu den bedeutendsten Erzeugnissen bronzezeitlicher Goldschmiedetechnik. Seine Herkunft ist unklar. Er wurde 1996 aus dem Antikenhandel erworben, um dieses bedeutende Kunstwerk für die Nachwelt zu sichern und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Bislang sind drei weitere Goldhüte bekannt, zwei davon aus Süddeutschland und einer aus Frankreich. Eine Herkunft aus der Zone nördlich der Alpen ist auch für den „Berliner Goldhut“ anzunehmen. Nur wenige Fundstücke aus der Bronzezeit vermitteln so viele Erkenntnisse über Herrschaftssymbolik, Glaubensvorstellungen und technische Meisterleistungen.
Goldener Zeremonialhut ("Berliner Goldhut"), Künstler unbekannt, Späte Bronzezeit, 1000–800 v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Goldener Zeremonialhut
Deutschland, 1000-800 v. Chr.

Besonders faszinierend ist die Ornamentik des Hutes. In ihr ist ein kompliziertes Zahlensystem verschlüsselt, das kalendarische Berechnungen ermöglicht, vor allem die Bestimmung des 19-jährigen Zyklus von Sonne und Mond. Die Höhe des Hutes aus einem natürlich vorkommenden Gold (Flussgold) beträgt 745 mm, das Gewicht 490 g.

Goldener Zeremonialhut - Krempe ("Berliner Goldhut"), Unbekannt, Späte Bronzezeit, 1000–800 v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Das gut schmiedbare Goldblech wurde im Innern, zwischen Kalotte und Krempe, um ein Bronzeband gefaltet. Der äußere, umgelegte Rand der Krempe enthält einen tordierten Bronzering zur Versteifung.

Goldener Zeremonialhut - Krempe ("Berliner Goldhut"), Unbekannt, Späte Bronzezeit, 1000–800 v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Damit der Hut keinen Schaden nehmen konnte, muss ursprünglich ein Futter aus vergänglichem Material, etwa Holz oder Rinde, im Innern mit einem organischen Klebstoff, etwa. Baumharz oder Erdpech, befestigt gewesen sein. An diesem Innenfutter befand sich wahrscheinlich auch ein lederner Kinnriemen.

Werkzeug eines Metallhandwerkers - Amboss (Paar), Unbekannt, Späte Bronzezeit, 1000–800 v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Werkzeug eines Metallhandwerkers
Deutschland, 1000-800 v. Chr.

Im Verlauf der Bronzezeit entwickelten sich metallhandwerkliche Techniken und Fertigkeiten, wie sie heute kaum mehr erreicht werden. So ist der Kegel des Berliner Huts aus einem Stück Gold hauchdünn ausgetrieben und mit feinem Werkzeug sorgfältig ornamental ausgestaltet worden. Metallhandwerker der Spätbronzezeit verfügten über solch feines und differenziertes Werkzeug. Ein Hort aus der Gegend von Murnau in Oberbayern umfasst u.a. einen kleinen Steckamboss…

Werkzeug eines Metallhandwerkers - Punzen, Unbekannt, Späte Bronzezeit, 1000–800 v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

… und vor allem Kreisrippenpunzen als Patrizen (negativ) und Matrizen (positiv), wie sie auch bei den Kreismustern des Goldhutes zum Einsatz gekommen sind.

Goldener Zeremonialhut - Dekor ("Berliner Goldhut"), Unbekannt, 2010, Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Ornamente des Berliner Goldhuts

Der goldene Hut trägt Himmelssymbole. Der Stern an der Spitze symbolisiert die Sonne, die Sicheln und die Augenmuster stehen für Mond und Venus, während sich die Kreisornamente gleichermaßen als Sonnen- oder Monddarstellungen interpretieren lassen.

Goldener Zeremonialhut - Spitze ("Berliner Goldhut"), Unbekannt, Späte Bronzezeit, 1000–800 v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Der Sonnenzyklus bestimmt Tag, Nacht und Jahreszeiten, der Mond die Unterteilung des Jahres in Monate und Tage. Das Mondjahr ist jedoch um elf Tage kürzer als das Sonnenjahr. Schon im 2. Jahrtausend vor Christus setzte man Schalttage ein, um Sonnen- und Mondzyklus zu synchronisieren.

Goldener Zeremonialhut ("Berliner Goldhut"), Künstler unbekannt, Späte Bronzezeit, 1000–800 v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

In der Ornamentik des Goldhuts spiegelt sich dieses Wissen. Die Stempelmuster sind wie ein Kalendarium zu lesen. So ergibt beispielsweise die Anzahl der Kreise in bestimmten Zierzonen die zwölf Mondperioden von 354 Tagen.

Goldener Zeremonialhut ("Berliner Goldhut"), Künstler unbekannt, Späte Bronzezeit, 1000–800 v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Addiert man dazu die Muster anderer Zierzonen, erhält man die 365 Tage des Sonnenjahres. Bis Sonnen- und Mondjahr wieder übereinstimmen, dauert es 19 Jahre. In der Ornamentik des Huts ist verschlüsselt, dass im 19-jährigen Zyklus sieben Mondmonate eingeschaltet werden müssen. Auch weitere Berechnungen wie die Termine von Mondfinsternissen sind möglich.

Schale aus dem Goldfund aus Eberswalde (Replik), Unbekannt, 9.–8. Jahrhundert v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Schale aus dem Goldfund aus Eberswalde
Deutschland, 9.-8. Jh. v. Chr.

Auf den Gefäßen des Eberswalder Goldschatzes wurden Sonnen- und Kreissymbole angebracht, wie sie ebenfalls auf dem Goldhut zu finden sind.

Schale aus dem Goldfund aus Eberswalde (Replik), Unbekannt, 9.–8. Jahrhundert v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Sie enthalten teilweise auch kalendarische Informationen: Der Boden einer Schale wird durch zehn oder mit dem Mittelkreis elf konzentrische Ringe gebildet, auf die ein Band von 22 Kreisscheiben folgt. Das entspricht der Zahl der Sonnenjahre (10+22=32) und zusammen mit dem Mittelkreis auch der Mondjahre (11+22=33) bis zur Synchronisation des Sonnen- und Mondkalenders.

Goldener Zeremonialhut ("Berliner Goldhut"), Künstler unbekannt, Späte Bronzezeit, 1000–800 v. Chr., Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Die goldenen Hüte zeigen, dass man auch in Europa astronomisches Wissen mit Kulthandlungen verband. Viele weitere Rituale wurden großräumig in ähnlicher Weise vollzogen. Dazu zählt der Herrscherkult, der, vermutlich aus Griechenland kommend, bis nach Nordeuropa belegt ist. Die Führungsschicht wurde in steinernen Grabkammern unter mächtigen Hügeln bestattet, wie die Funde aus einer dieser Bestattungen, dem Königsgrab von Seddin, belegen.

Keiner der goldenen Hüte stammt jedoch aus einem Grab. Offenbar wurden sie über mehrere Generationen getragen und irgendwann mit einem sakralen Akt im Boden verborgen. So wollte man sie vor Entweihung schützen und in eine göttliche Sphäre überführen. Es ist anzunehmen, dass die bronzezeitlichen Herrscher weltliche und geistliche Macht vereinten.

„Sternensaal“, Neues Museum, Museumsinsel Berlin, Friedrich August Stüler / David Chipperfield u.a., 1843/2009, Aus der Sammlung von: Neues Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Das Ende der Bronzezeit

Um 800 v. Chr. beginnt ein neuer Werkstoff die Bronze zu verdrängen: das härtere und nahezu überall verfügbare Eisen wird zum wichtigsten Metall in Europa. Damit verlieren auch althergebrachte Ordnungen ihre Bedeutung. Rohstoffquellen versiegen, Handelswege geraten in Vergessenheit, Macht geht verloren und neue religiöse Ideen gewinnen an Bedeutung. Die Bronzezeit wird von der Eisenzeit abgelöst, die völlig neue Geschichten erzählt.

Mitwirkende: Geschichte

Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Text: Dr. Bernhard Heeb

Konzept: Merle Walter / Dr. Bernhard Heeb

Redaktion: Merle Walter

© Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

www.smb.museum
Neues Museum

Quelle: Alle Medien
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