1540 - 1620

Etlich Liedlein

Bavarian State Library

Tabulaturhandschriften in der Bayerischen Staatsbibliothek

Tabulaturhandschriften in der Bayerischen Staatsbibliothek
Die schriftliche Aufzeichnung von Musik war im Laufe der europäischen Geschichte von einem ständigen Wandel geprägt. Faktoren wie kompositorische Weiterentwicklungen, die Etablierung neuer musikalischer Formen und Gattungen oder Innovationen im Instrumentenbau wirkten stets auch auf die Notationspraxis zurück. So wurde die Notenschrift über die Jahrhunderte immer wieder den aktuellen Gegebenheiten angepasst und für die entsprechenden Bedürfnisse perfektioniert. Im Übergang vom ausgehenden Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit ist dieser Wandel besonders deutlich. In dieser Zeit etablierten sich neben der Mensuralnotation für die Vokalmusik verschiedene spezialisierte Notationsformen für die Instrumentalmusik - die Tabulaturen. Diese wurden vor allem im Laufe des 16. Jahrhunderts zu einem festen Bestandteil im Kanon der schriftlichen Musiküberlieferung. Der Sammelleidenschaft der Bayerischen Herzöge ist es zu danken, dass heute außer den monumentalen Renaissance-Chorbüchern rund 70 weitere Musikhandschriften der Epoche in Form von Tabulaturen und Stimmbüchern in der Bayerischen Staatsbibliothek erhalten sind. Die Manuskripte sind in den digitalen Angeboten der Bayerischen Staatsbibliothek vollständig und kostenfrei einsehbar.
Die Sammlung Herwart - Der Weg von Augsburg nach München
Der Grundbestand der handschriftlichen Tabulaturen aus der Bayerischen Staatsbibliothek stammt aus dem Besitz des Augsburger Ratsherren Johann Heinrich Herwart. Nach dessen Tod 1583 kaufte Herzog Wilhelm V. die bedeutende Musikaliensammlung, über die in den Jahren 1585-1587 in erster Linie wertvolle Notendrucke, aber auch ein kleiner Bestand an Musikhandschriften in die Münchner Hofbibliothek gelangte. Unter den mehr als 2000 gedruckten Bänden der Herwartschen Bibliothek wurde den wenigen handschriftlichen Tabulaturen in den Augen der Zeit zunächst kein großer Wert beigemessen. Der Katalog zur Übernahme der Musikalien gibt darüber auf seiner letzten Seite Auskunft: „Ein Pintl oder Fasciculus darinnen Lautter geschribne und zum Tayl getruckte Tabulaturen auf die Lutten, Lautter Kinderwerckh und nichts werth. “„Item mehr ein fasciculus, darinnen von allerlay geschribne und zusamen gesamleten Gesang stuckh, welche auch nicht sonnders werth seindt.“ Heute stellen die Manuskripte einen Bestand von herausragender musikhistorischer Bedeutung dar.

Katalog zur Übernahme der Herwartschen Sammlung in die Hofbibliothek

Geschlechterbuch der Stadt Augsburg mit den Wappen der Patrizier Imhoff und Herwart

Ulrich Herwart war Augsburger Patrizier, Ratsmitglied und Vetter von Johann Heinrich Herwart. Das Manuskript Mus.ms. 1511 a mit Tänzen und Napolitanen des italienischen Komponisten Giacomo Gorzanis ist Ulrich Herwart gewidmet.

Die Sammelhandschrift mit der Signatur Mus.ms. 266 überliefert ein Ricercar des Lautenisten Marco Dall'Aquila. Der Vermerk in der Überschrift CARO. A. H. HE lässt sich als Caro amico Henrico Herwart deuten.

Auch in dem Manuskript mit der Signatur Mus.ms. 267 ist der Name des Augsburger Musiksammlers vermerkt: Recercata a Joan Henrico Herwart.

Lautentabulaturen
Tabulaturen sind spezifische Notationssysteme, die sich in ihren Grundsätzen an den bautechnischen und spielpraktischen Gegebenheiten der Instrumente orientieren. Erste Zeugnisse in der europäischen Musikgeschichte finden sich bereits im frühen 14. Jahrhundert. Im ausgehenden Mittelalter konnte neben der Aufzeichnung von solistischer Instrumentalmusik mithilfe der Tabulatur auch mehrstimmige Vokalmusik für ein Instrument notiert, „intavoliert“ werden. Hierbei standen jene Instrumente im Vordergrund, die auch zur Wiedergabe mehrstimmiger Musik geeignet waren. Die meist verbreiteten Formen waren die sogenannten Orgel- und Lautentabulaturen. Seltener finden sich aber auch Tabulaturen für Blasinstrumente. Tabulaturen entwickelten sich speziell nach den Anforderungen des jeweiligen Instruments. Besonders deutlich tritt dies in den Lautentabulaturen zu Tage. Diese stellen eine schematische Abbildung des Griffbretts dar. Im Folgenden werden Quellen mit deutscher, französischer und italienischer Lautentabulatur gezeigt.

Eine Anleitung für die deutsche Lautentabulatur gibt das Manuskript 1512: Die oberste Linie in der Abbildung entspricht der höchsten Saite der Laute. Die weiteren „Chöre“ genannten Doppelsaiten folgen von oben nach unten. Die Abtrennung der Bünde der Laute werden durch die vertikale Unterteilungen des Schemas dargestellt. Da jeder Buchstabe genau einer Position auf dem Lautengriffbrett entspricht, benötigt die deutsche Lautentabulatur keine Linien. Die Stimmung erfolgte in Abhängigkeit von der Anzahl der Seiten sowie der Tonlage des Instruments. Eine gängige Stimmpraxis für eine sechschörige Laute war: Quart – Quart – große Terz – Quart – Quart, am Beispiel einer Stimmung auf G also: G-c-f-a-d‘-g‘.

Die Handschrift gibt auch Auskunft über weitere musikalische Parameter: Die Notenwerte werden den Instrumentalisten durch die Symbole angezeigt, die sich über den entsprechenden Buchstaben befinden. Die Semifusa (oben) ist dabei der schnellste gebräuchliche Notenwert. Die „16“ gibt dabei ihr Verhältnis zur Brevis an. Unterhalb werden die Mensurzeichen abgebildet: Ein Kreis als Symbol für das „Tempus perfectum“ zeigt ein dreizeitiges Maß an. Ein Halbkreis für das „Tempus imperfectum“ dagegen bedeutet ein zweizeitiges Metrum. Abschließend finden sich die Pausensymbole.

Deutsche Lautentabulatur

Durch die Punkte auf den Fingern der Hand wird veranschaulicht, wie man einen "yeden bůchstaben recht vnd ordentlich greiffen solt".

Auch die französische Lautentabulatur zeigt eine abstrahierte Form des Lautengriffbretts. In der französischen Tabulatur werden die Bünde durch Buchstaben eingeteilt. Ein „a“ steht für die Leersaite, ein „b“ für den ersten Bund, ein „c“ für den zweiten Bund u.s.w.
Die Querlinien im Tabulatursystem spiegeln die Saiten der Laute wider. Die oberste Linie entspricht der höchsten Saite.

Die italienische Lautentabulatur ist der französischen Form sehr ähnlich. Die italienische Tabulatur verwendet anstelle der Buchstaben Zahlen: „0“ steht für die Leerseite, der erste Bund wird mit „1“, der zweite Bund mit „2“ usw. bezeichnet. Ebenso werden die Saiten der Laute mit Linien dargestellt. Im Gegensatz zur französischen Tabulatur entspricht aber nun die unterste Linie der höchsten Saite.

Tabulaturen für Tasteninstrumente
Unter einer Vielzahl von Notationsformen für Tasteninstrumente kann man im Handschriftenbestand der Bayerischen Staatsbibliothek bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts grundsätzlich zwei Notationstypen unterscheiden. Auf der einen Seite existieren Tabulaturen auf Basis einer Buchstabennotation. Diese gibt es in den Manuskripten mit sogenannter „Älterer deutscher Orgeltabulatur“ und „Neuerer deutscher Orgeltabulatur“. Auf der anderen Seite wurden Manuskripte für Tasteninstrumente in Orgelpartitur oder französischer Orgeltabulatur verfasst. Diese Aufzeichnungsformen basieren auf der Verwendung von regulären Notenzeichen.

In der sogenannten „Älteren deutschen Orgeltabulatur“ ist die Oberstimme in Mensuralnotation aufgezeichnet, die übrigen Stimmen finden sich darunter in Buchstabenschrift notiert.

Die sogenannte „Neuere deutsche Orgeltabulatur“ ist eine reine Buchstabennotation. Über dem Tonbuchstaben wird - wie auch in den Lautentabulaturen - der Notenwert angegeben. Der Wechsel in eine höhere Oktavlage wird durch das Einfügen eines Querstrichs zwischen Buchstaben und Notenwertzeichen angegeben.

Die französische Orgeltabulatur ist eine Notationsform für Tasteninstrumente mit zweiteiligem System.

Musik für Tasteninstrumente wurde auch in Partiturform aufgezeichnet.

Repertoire
Das Repertoire in den handschriftlichen Tabulaturen des 16. und 17. Jahrhunderts bildet einen breiten Querschnitt aus dem Musikleben jener Zeit ab. Zum Teil überliefern die Quellen der Bayerischen Staatsbibliothek reine Instrumentalmusik. Neben Formen wie dem Ricercar, der Fantasia oder dem Praeambulum sind es vor allem auch Tänze, die den Inhalt der Handschriften prägen. Andererseits findet sich in den Quellen aber auch das breite Spektrum mehrstimmiger Vokalmusik: Weltliche Formen wie das Lied, das Madrigal oder die Chanson wurden ebenso in Tabulaturen übertragen wie geistliche Gesänge, Motteten und Messteile. 

Instrumentalmusik: Zwei Intraden und eine Sinfonia
Neuere deutsche Orgeltabulatur

Deutscher Tanz und Hupfauf

Intavolierung der Chanson Adieu mes amours.
Deutsche Lautentabulatur

Intavolierung der Motette Verbum caro factum est
Neuere deutsche Orgeltabulatur

Susanne ung jour - Eine Chanson im Spektrum der Quellen
Das 16. und 17. Jahrhundert kannte eine große Palette an unterschiedlichen Möglichkeiten zur Aufzeichnung von Musik. Mehrstimmige Vokalmusik wurde entweder nach Stimmen aufgeteilt in einzelnen Stimmbüchern notiert, oder in einem die Stimmen zusammenfassenden Chorbuch, das in neben- und untereinander liegenden Lesefeldern organisiert ist. Hierzu wurde in aller Regel Mensuralnotation verwendet, die in ihren Grundzügen unserer modernen Notation entspricht. Die Tabulaturen hingegen boten aufgrund ihrer grafischen Anlage ein relativ einfach zu erlernendes und zudem enorm platzsparendes Konzept. Die Notation ermöglichte hier, dass mehrere Stimmen von einer Person simultan gelesen und gespielt werden können. Eine Schwierigkeit lag jedoch darin, dass die Tabulaturen nicht ohne weiteres auf andere Instrumente übertragen werden konnten. Unterschiedliche Formen von Musikquellen der Renaissance streift die Geschichte der Chanson Susanne ung jour. Die Komposition von Didier Lupi greift die biblische Erzählung von Susanna im Bade auf und verarbeitet diese in einem französischen Liedsatz zu einer der verbreitetsten Kompositionen seiner Zeit. Die enorme Popularität der Chanson spiegelt sich auch im Werk vieler Zeitgenossen Lupis wider und lässt sich in den Quellen der Bayerischen Staatsbibliothek nachzeichnen.

Tenor-Stimmbuch
Im Tenor ist die stark rezipierte Melodie enthalten, die von einer großen Zahl an Komponisten des 16. und 17. Jahrhunderts in eigenen Werken verarbeitet wurde.

Orgeltabulatur
Die prägnante Susanne ung jour-Melodie aus dem Tenor-Stimmbuch findet sich in Buchstaben notiert in der dritten Zeile des Tabulatursystems (Neuere deutsche Orgeltabulatur).

Lautentabulatur
Die vokale Vorlage der Chanson wurde in dieser italienischen Lautentabulatur durch reiche Verzierungen ausgeschmückt. War es für die Sänger des 16. Jahrhunderts durchaus üblich, musikalische Ornamente frei zu gestalten, finden sich für die Instrumentalisten meist sehr präzise und verbindliche Spielanweisungen in den Tabulaturen.

Chorbuch
Orlando di Lasso nahm seine eigene Chanson über Lupis Tenor als Grundlage für weitere Kompositionen. Die Chanson wird somit als Material für ein Werk anderer Funktion benutzt.
In der Bayerischen Staatsbibliothek ist Lassos Missa über Susanne ung jour in dem seltenen Fall eines gedruckten Chorbuchs überliefert. In der Regel wurden die benötigten Werke für einen Chor in einer ausreichend dimensionierten Schriftgröße von Hand in ein Chorbuch übertragen.

Orgeltabulatur
Die in französische Orgeltabulatur übertragene Motette Susanna se videns rapi verarbeitet die Susannen-Thematik ebenfalls in musikalischer Form. Die Zuschreibung an Orlando di Lasso in der Überschrift „Susanna se. à. 6. Orland.“ ist aber mutmaßlich eine Fehlzuweisung. Eine aus Schlesien stammende Quelle des mehrfach auch anonym überlieferten Satzes (Wrocław, Biblioteka Uniwersytecka, 51335 Muz) nennt Jacob Le Maistre als Komponisten.

Instrumente
Die enge Verbindung der Tabulaturen mit den jeweiligen Instrumenten geht aus ihrer Form und Funktion deutlich hervor. Die originalen Texte überliefern damit nicht nur ausschließlich Musik sondern geben darüber hinaus auch eine ganze Reihe weitere Informationen. Zusammen mit erhaltenen Musikinstrumenten und schriftlichen Nachweisen wie Bauplänen, theoretischen Traktaten oder zeitgenössischen Darstellungen, sind die Tabulaturen eine wichtige Quelle zu Fragen des Instrumentenbaus oder der historischen Spiel- und Aufführungspraxis. 
Credits: Story

Eine Ausstellung der Bayerischen Staatsbibliothek
anlässlich der wissenschaftlichen Tagung „Etlich Liedlein zu singen oder uff der Orgeln und Lauten zu schlagen“ vom 22. bis 23. März 2018.

Verantwortlich für den Inhalt:
Bernhard Lutz und Dr. Veronika Giglberger

Virtuelle Ausstellung:
Christian Eidloth

Credits: All media
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