Für Auge und Ohr - Die Chorbücher der Bayerischen Staatsbibliothek

Bavarian State Library

Die Chorbuchsammlung der Bayerischen Staatsbibliothek
Die Chorbuchsammlung der Bayerischen Staatsbibliothek mit ihren rund 170 Handschriften bildet einen Bestand von weltweitem Rang. Der Großteil der Werke stammt aus dem 16. und 17. Jahrhundert und wird vor allem durch das Repertoire der Münchner Hofkapellmeister und Hofkomponisten der Epoche geprägt. Die prominentesten Namen sind dabei Ludwig Senfl und Orlando di Lasso. Ebenso beinhalten die Chorbücher aber auch zeitgenössische Abschriften einer Vielzahl weiterer Renaissancekomponisten, wie Josquin Des Prez, Cipriano de Rore oder Heinrich Isaac, die zwar nicht im Dienste der Wittelsbacher standen, deren Kunst am Münchner Hof jedoch hoch geschätzt wurde. Teil des Bestandes sind überdies auch wertvolle Fragmente mit mehrstimmiger Musik, die bis in die Notre-Dame-Epoche (12. und 13. Jahrhundert) zurückreichen. Einige Exemplare der Sammlung wurden noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts angefertigt und markieren damit zugleich auch einen Schlusspunkt der Ära dieser speziellen Handschriftengattung. Die Ausstellung zeigt einen Querschnitt aus dem Bestand und gibt einen Überblick über die Geschichte, die Funktion und den Gebrauch der Chorbücher. 
Von der Aufzeichnung mehrstimmiger Musik des Mittelalters bis zum Chorbuch der Renaissance
Im Chorbuch sind, anders als in der modernen Partitur, mehrere synchron zu singende Stimmen in unter- und nebeneinander dargestellten Lesefeldern angeordnet. Dadurch können, ebenso wie in der modernen Partitur, auf jeder Seite mehrere Sänger gleichzeitig den Notentext ihrer jeweiligen Stimme verfolgen. Dieses Prinzip reicht zurück bis zu den Anfängen der „komponierten“, polyphonen Musik. Die Exponate zeigen die Entwicklung dieser Notationsform vom 13. bis zum 16. Jahrhundert.
Überlieferungsformen: Stimmbücher – Chorbuch – Tabulatur
Je nach Verwendungszweck wurde die Vokalmusik des 16. und 17. Jahrhunderts in unterschiedlichen Formen aufgezeichnet. Neben der Überlieferung in Stimmbüchern zählt das Chorbuch zu den gängigsten Formen der Musiktradierung dieser Zeit. Daneben finden sich aber auch Übertragungen der Vokalsätze für Instrumente, in Orgel- und Lautentabulaturen, sogenannte Intavolierungen.
Vom Druck zur Feder: Einblicke in die Werkstatt
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts etablierte sich durch die Innovationen des venezianischen Musikverlegers Ottaviano Petrucci (1466-1539) der Notendruck als maßgebliche Technik zur Aufzeichnung und Verbreitung von Musik. Während Chorbücher weiterhin vorwiegend von Hand geschrieben wurden, waren es vor allem Stimmbücher und Tabulaturen, die mehr und mehr als Drucke Verbreitung fanden. Das gezeigte Stimmbuch aus der Werkstatt Petruccis überliefert die höchste Stimme (Cantus) des Kyrie aus der Missa de Beata Virgine von Josquin des Prez (1450/55-1521) in einem Druck von 1514. Bei der Übertragung der einzelnen Stimmen in ein Chorbuch waren verschiedene Gegebenheiten zu berücksichtigen: Zunächst wurde eine sinnvolle Einteilung der einzelnen Stimmfelder getroffen, da die Länge des Notentextes für die einzelnen Stimmen oft stark variiert. Ebenso musste Raum für Initialen und mögliche Verzierungen durch Buchmalereien in das Seitenkonzept mit einbezogen werden. Auf den ersten beiden Seiten des Chorbuchs Mus.ms. 510 lässt sich dieser Arbeitsprozess nachvollziehen. Diese unvollendete Handschrift wurde von Kaiser Maximilian I. (1459-1519) in Auftrag gegeben und sollte als kostbares Geschenk an Kardinal Matthäus Lang von Wellenburg (1468-1540) übergeben werden.
Parodie und Kontrafaktur: Weltliches Lied in geistlichem Gewande
Das Repertoire der Chorbücher setzt sich mit Ausnahme weniger weltlicher Motetten oder Liedsätze überwiegend aus geistlichen Kompositionen zusammen. Ein immer wiederkehrendes Prinzip ist dabei die Parodie oder Kontrafaktur. Dies bedeutet, dass eine bereits existierende Melodie aufgegriffen und in kunstvoller Weise in ein neues Werk eingearbeitet wurde. Ein Beispiel hierfür ist die Chanson Myn hert heeft altijd verlangen des franko-flämischen Komponisten Pierre de La Rue (ca. 1452-1518). Eine zeitgenössische Abschrift hat sich in den vier gezeigten Stimmbüchern erhalten. Dieser weltliche Liedsatz wurde in einer Reihe von geistlichen Kompositionen verarbeitet, von denen sich auch zwei in den Chorbüchern der Bayerischen Staatsbibliothek wieder finden: In der Handschrift Mus.ms. 34 ist ein Salve Regina überliefert, in Mus.ms. 7 greift die Missa Myn hert heeft altyt verlanghen die Chanson von Pierre de la Rue auf. Beide Kontrafakturen stammen von seinem französischen Zeitgenossen Mathieu Gascogne (frühes 16. Jh.).
Für Auge und Ohr: Gebrauchshandschrift und Prachtkodex
Das Chorbuch diente neben der schriftlichen Fixierung einer Komposition insbesondere als Aufführungsmaterial. Im Rahmen der Liturgie war es ein unverzichtbares Medium für Sänger und Kleriker. Im Chorbuch mit der Signatur Mus.ms. 1 haben sich sogar präzise Angaben zu einer bestimmten Aufführung erhalten: Die Eintragungen von der Hand Orlando di Lassos, der hier 33 Sänger namentlich vermerkt. Die Chorbücher dienten im liturgischen Rahmen jedoch nicht nur als Träger besonders kunstvoller Musik: Reich illuminierte Handschriften unterstrichen den feierlichen Rahmen und das Maß religiöser Ehrerbietung. In gleicher Weise dienten prachtvoll gestaltete Chorbücher aber auch weltlichen Repräsentationszwecken. Diese wurden als wertvolle Geschenke in Auftrag gegeben und gehandelt oder als Preziose und zur Selbstdarstellung eines Herrscherhauses angefertigt. In einem der prominentesten Prachtchorbücher der Bayerischen Staatsbibliothek, einem Auftragswerk von Herzog Albrecht V. (1528-1579), befindet sich die für die Thronbesteigung Albrechts komponierte Staatsmotette Mirabar solito laetas. Sie ist mit einem reichen Bildprogramm zur Verherrlichung des Fürstenhauses ausgestattet.
Das Chorbuch im Chorbuch: Ikonographische Nachweise zur Aufführungspraxis
Zeitgenössische Abbildungen zum Gebrauch der Chorbücher finden sich gelegentlich in den Handschriften selbst. Diese Darstellungen geben wertvolle Hinweise zu Fragen der Aufführungspraxis. Die Abbildungen des Singens aus Chorbüchern erlauben nicht nur Rückschlüsse auf die Anzahl, die Organisation und Anordnung der Sänger. Ebenso lässt sich nachvollziehen wie zu konkreten Anlässen gesungen wurde und in welchem gesellschaftlichen Kontext die Aufführungen standen.
Credits: Story

Eine Ausstellung der Bayerischen Staatsbibliothek
anlässlich der Internationalen Tagung „FÜR AUGE UND OHR. Die Chorbücher der Bayerischen Staatsbibliothek“, 17. – 19. März 2016
https://www.chorbuch2016.de/tagung/

Verantwortlich für den Inhalt:
Bernhard Lutz und Dr. Veronika Giglberger

Virtuelle Ausstellung:
Christian Eidloth

Filme:
Christian Eidloth
Theodoros Dimitriadis

Credits: All media
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