Fluxus Croak

Frogs & Friends

Ben Patterson und die Frösche

Benjamin Patterson (*1934 Pittsburgh - 2016 Wiesbaden)
Benjamin Patterson war Musiker, Künstler und Gründungsmitglied von Fluxus, eine Kunstrichtung, die in den frühen 60-er Jahren entstand. In seiner sehr einflussreichen künstlerischen Praxis kombinierte er Musik, bildende Kunst und Performance, entsprechend dem Fluxus-Ethos, der die traditionelle Kunstproduktion herausforderte. Die Fluxisten verfolgten eine Bandbreite experimenteller Praktiken, vor allem aber den Gebrauch von alltäglichen Materialien und Gesten, Aktion und Zufall. Pattersons Konzept „Aktion als Komposition“, in dem Klang das Resultat einfacher und komplexer Aktionen wird, die er als Partituren niederschrieb, wurde zu seinem Markenzeichen. Frösche hüpfen und quaken bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt in sein Werk und behielten ihre prominente Rolle seither. Immer wieder hat Patterson die Systeme von Kunst, Musik und Texten untersucht. Wie viele andere Fluxisten auch hat er das Verhältnis zwischen Publikum und Aufführenden thematisiert und bereichert und Situationen geschaffen, in denen sich das Publikum direkt beteiligen muss. Viele seiner Werke sind voller ironisch hintergründigem Humor und legen seine Fluxus-Wurzeln dar.

When Elephants Fight, It Is The Frogs That Suffer - A Sonic Graffiti
Bernd Schultheis (Realisation)
in Kooperation mit
Nassauischer Kunstverein Wiesbaden
E. Gruhn & B. Patterson

Eine Maxime bei Fluxus ist generell das Negieren eines (musealen) Endproduktes, welches eine künstlerische Ausdrucksweise prägt, hingegen ist der Weg dorthin von deutlich größerer Bedeutung. So entsteht das Kunstwerk erst im Kopf des Rezipienten, sichtbar bleibt am Ende häufig nahezu nichts. Ben Patterson (Pittsburgh 1934 - 2016 Wiesbaden) wurde noch zu Lebzeiten von Adam Szymczyk, dem künstlerischen Leiter der documenta 14, eingeladen und konnte umfassende Teile seiner Soundinstallation vor Ort in Athen und Kassel vor seinem plötzlichen Tod konzipieren und planen.
Mehr Infos:
Nassauischer Kunstverein Wiesbaden  

When Elephants Fight, It Is The Frogs That Suffer - A Sonic Graffiti
Bernd Schultheis (Realisation)
in Kooperation mit
Nassauischer Kunstverein Wiesbaden
E. Gruhn & B. Patterson

Inspiriert von der überwältigenden Präsenz der Graffitis im gesamten Stadtraum des vibrierenden und gleichzeitig prekären Athens träumte Ben Patterson von einer Froschsymphonie in der Form eines, wie er es selbst nannte, „Sonic Graffiti“ (Klang-Graffiti), das aus Überlagerungen und Durchmischung von natürlichen Froschtönen, versteckten politischen Botschaften und philosophischen Weisheiten mit Hilfe von Chören entstehen sollte. Ausgehend von Pond, eine seiner sehr frühen eigenen Partituren von 1962, dem Initialjahr von Fluxus, wollte er sich auf zwei weitere künstlerische Quellen beziehen: Der Froschkönig (Gebr. Grimms Kinder und Hausmärchen Nr.1, 1812 herausgegeben) und Aristophanes Komödie Die Frösche (405 v. Chr. im Athener Dionysischen Theater uraufgeführt). Mit dieser implizierten Zeitreise befördert Ben Patterson seine Rezipienten in einen Zeitraffer der westlichen Kulturgeschichte.
Mehr Infos:
Nassauischer Kunstverein Wiesbaden

Tubas and Frogs
Die Assemblagen Pattersons vereinen in ihrer farbenfrohen Material-Mix-Zusammenstellung Humor und geistreichen Witz. Während in Folge von Duchamps Ready Made Alltagsobjekte zum Kunstwerk erhoben wurden, geht die Fluxus-Strategie noch einen Schritt weiter – die Unterscheidung von Leben (in diesem Zusammenhang ist auch der häufige Bezug zu medizinisch / humanbiologischen Themen auffällig) und Kunst wird komplett aufgehoben. Die Tautologien wiederkehrender Elemente in seinem Werk repräsentieren daher nichts anderes als das, was sie tatsächlich sind. Ein Boomerang ist ein Boomerang, ein Würfel ist ein Würfel, ein Messinstrument ist ein Messinstrument,.... Dennoch verweisen gerade sie auf die innere Struktur jeder einzelnen Leinwand – wie eine Schautafel, fast immer mit Beschriftung geben sie eine humorvolle und sehr konkrete Hilfestellung, um sich der Thematik zu nähern.1994 finden sich zahlreiche Werke mit ähnlichen Prints anatomischen Materials, stilistisch lässt sich die undatierte Leinwand Tuba And Frogs allerdings eher in eine Werkserie um 2007 einordnen.

Lachbrunnen
Die ausgetretenen Stufen der Steintreppe führen hinab in den dunklen Keller des ehemaligen Pfarrhauses von Wiesbaden-Erbenheim. Die erste Wahrnehmung ist ein muffiger Geruch - eine Mischung aus den Gerüchen eines unangenehm feuchten Kellers und eines indischen Duftes. Dann plötzlich – Licht und Musik! Vor sich sehen Sie eine runde Brunnenwand aus rotem Sandstein mit einem Eimer, der an einem schwarz-rot-goldenen Seil mit einem Flaschenzug an der gewölbten Decke des Kellers befestigt ist. Hinter diesem Brunnen, an der Rückwand ,ist ein Quasi-Wandgemälde: Die obere Hälfte ist gemalt, die untere ist eine Assemblage von Objekten. Irgendwie erinnert Sie der Gesamteindruck des Wandgemäldes an „Der Abendstern" von Caspar David Friedrich. Aber, die Objekte der Assemblage sind direkt dem Walt-Disney-Märchen „Schneewittchen und die Sieben Zwerge" entnommen.

Und schließlich die Musik: Einige (wahrscheinlich betrunkene) Menschen singen einen verrückten Kanon mit einem Text über (was steht auf dem Brunnen? I love Fluxus ...? )"Ich liebe Fluxus, ich liebe Fluxus, lach mit mir, lach mit mir, jetzt gehen wir schwimmen, jetzt gehen wir schwimmen, glup, glup, glup, glup, glup, glup"! Und dann schließlich Orchester Musik von Gabriel Fauré: Pelléas et Mélisande, Op. 80 - Prélude. Der Besucher bewegt sich durch den Raum und sieht, hier und dort, an den Backsteinmauern verschiedene Kitschsouvenirs und Objekte montiert. Schließlich setzt er sich auf eine gepolsterte Steinbank in einer Ecke des Raumes, um darüber nachzudenken, „Was die Bedeutung von alldem sei?" Nun, wenn Sie nicht sofort zu lachen angefangen haben, als die Lichter angingen und die Musik begann, dann werden Sie wahrscheinlich niemals die Antwort finden!

All you need to know from ‘Once Upon a Time’ to ‘Happily Ever After’ 3. The Hero

Der zumeist namenlose Held kann in Märchen die verschiedensten Erscheinungsformen haben. Maskiert oder verzaubert als Frosch, thront der goldgestiefelte Prinz in der mit der göttlichen Zahl Drei versehenen Tafel im Bild. Dieser kann ein Jedermann sein, da dieser weder über besondere Kräfte, noch über Weisheit verfügt, sondern vielmehr die Gefahr (zumeist im dritten Versuch) durch Glück und Magie besiegt.

Patterson startete 1988 mit seiner Rückkehr in die Kunst seinen dritten künstlerischen Anlauf. Hatte er zuvor bereits als Kontrabassist und Fluxuskünstler bedeutende künstlerische Erfolge gefeiert, blieb sein Sieg gegen die Rassendiskriminierung noch aus. Sein dritter (bürgerlicher) Beruf als Bibliothekar und Kulturmanager in New York hatte es ihm allerdings durch einige von ihm initiierte gezielte Förderprogramme ermgölicht, an den Stellschrauben der Anti-Diskriminierung zu manipulieren. Die zentrale, übergroße Darstellung des Froschkopfes innerhalb der Bildtafel verweist auf die herausragende Rolle des Frosches - des (verkannten) Helden. Es läge nicht die Brillanz Pattersons vor, wäre die Wahl des Froschs als Symbol im Portrait des Helden nicht von entscheidender Aussage.

Bereits der von Patterson hoch geschätzte Nam June Paik setzte die Überlieferung, dass Fluxus-Gründer George Maciunas als Frosch wiedergeboren werden wollte, künstlerisch um. Der Frosch ist hier nicht nur als Sinnbild für den über den Dingen thronenden Fluxus-Chairman präsent, sondern verweist zudem unmittelbar auf Zeitgeschichtliches.

Sind bis 2009, dem Jahr, in dem Barack Obama sein Amt als 44. Präsident der USA antritt, alle Disney-Heldinnen und -Helden hellhäutig, so zeigt erstmals die 49. abendfüllende Zeichentrickverfilmung aus den Walt-Disney-Studios "Küss den Frosch" eine afroamerikanische Protagonistin aus New Orleans.

Ben’s Bar - Why People Attend Bars: To Be Heard, To Be Seen, To Be There (Gesamtansicht)
Ben’s Bar entstand 1990 für die Gruppenausstellung Fluxus Closing in der Galerie Salvatore Ala in Soho / New York. Im Jahr 2002 kam die Installation aus ihrem Lagerhaus in New York nach Deutschland und „reinkarnierte“ (BP) in dem Environment Ben’s Bar, in den Social Headquarters der Fluxus-Freunde Wiesbaden, seit 2007 ist sie im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden zu sehen. Die Idee hinter dem Environment Ben’s Bar war die eines Treffpunkts für Menschen, die an Fluxus interessiert sind. Als die Installation Why People Attend Bars aus New York 2002 eintraf, fiel diese Idee zusammen mit der in der ganzen Stadt an verschiedenen Orten stattfindenden, von René Block und Regina Bärthel kuratierten Ausstellung 40 Jahre: Fluxus und die Folgen. Der Raum erinnert in seiner Atmosphäre an eine ehemals luxuriöse Bar in einem Rokoko-ähnlichen Stil.

Ben’s Bar - Why People Attend Bars: To Be Heard, To Be Seen, To Be There (Detail)

Der erste Blick richtet sich auf einen goldenen Brunnen und ein verführerisches Abbild einer Venus in einem ebenfalls goldenen Rahmen. Das gesamte Environment enthält zahlreiche Symbole, die diesen geschriebenen Worten eine tiefere Bedeutungsebene verleihen. Venus, die römische Göttin der Liebe, die Mutter aller (römischen) Menschen, nach der auch der das Wochenende einleitende Freitag (ital.: vernerdi / franz.: vendredi) bezeichnet ist, erstrahlt stählern im barocken Rahmen aus der Reflexion eines goldenen, muschelförmigen, mit drei Wasser speienden Forellen umrahmten Brunnen.

Ist die Muschel noch ein üblicher Hinweis auf die Herkunft der Göttin aus dem Meer, sind die drei Forellen eine deutliche Manipulation Pattersons der bekannten Ikonografie, die dort bestenfalls Delphine ansiedelt.

Quelle: Nassauischer Kunstverein Wiesbaden

Ben’s Bar - Why People Attend Bars: To Be Heard, To Be Seen, To Be There (Detail)

Ist es das tragische Schicksal des quirligen, unbekümmert gegen den Strom schwimmenden Süßwasserfisches in der berühmten Vertonung von Franz Schubert, an die der Musiker Ben Patterson erinnert? Wie im Lied ist der Blick ins reine Wasser beim Betreten der Bar zunächst ungetrübt.

Am Rande des Sandkastenteichs sitzt sprungbereit zudem ein vergoldeter Frosch. Mit dem ironischen Zitat der Formensprache des Rokoko erinnert das Environment an die Möglichkeiten des leichtfüßigen, feinsinnigen Lebensgefühls, gepaart mit einer vornehm-zarten Sinnlichkeit, galanten Umgangsformen und einer kultivierten Lebensführung auf der Rückenflosse des von der Decke hängenden Schwertfisches ist es ein letzter Hinweis vor dem endgültigen Abtauchen.

Quelle: Nassauischer Kunstverein Wiesbaden

Pond
Mit seinem 1962 erstmalig aufgeführten Score Pond bringt Patterson das Spielerische, die Zufallsoperation und musikalische Komponenten zusammen.

Das Stück besteht aus einem 8-Fuß-Raster, das mit Klebeband direkt auf dem Boden angebracht wird. Das Score des Künstlers gibt vor, dass acht Performer um dieses Quadrat angeordnet sind, die entsprechende, zuvor gewählte Laute von sich geben, je nachdem in welchen Quadranten ihr Aufziehfrosch hüpft.

„Die Stimmen der Performer wiederholen ihre Klänge, nachdem die Frösche in die jeweilige Zone des abgesteckten Bodens eintreten.“

Die Performance eskaliert in eine Klang-Kakophonie wenn mehr und mehr Froschtöne beginnen, und erwecken den Eindruck eines realen Froschkonzertes am Teich.

50 Jahre später, 2012 entwickelte Ben Patterson ein Up-Date zu dieser Version.

Pond
Mit seinem 1962 erstmalig aufgeführten Score Pond, bringt Patterson das Spielerische, die Zufallsoperation und musikalische Komponenten zusammen.

Das Stück besteht aus einem 8-Fuß-Raster, dass mit Klebeband direkt auf den Boden angebracht wird. Das Score des Künstlers gibt vor, das acht Performer um dieses Quadrat angeordnet sind, die entsprechende, zuvor gewählte Laute von sich geben, je nachdem in welchen Quadranten ihr Aufziehfrosch hüpft.

„Die Stimmen der Performer wiederholen ihre Klänge nachdem die Frösche in die jeweilige Zone des abgesteckten Bodens eintreten.“

Die Performance eskaliert in eine Klang-Kakophonie wenn mehr und mehr Froschtöne beginnen, und erwecken den Eindruck eines realen Froschkonzertes am Teich.

50 Jahre später, 2012 entwickelte Ben Patterson ein Up-Date zu dieser Version.

Frogs & Friends
Mitwirkende: Geschichte

Eine Ausstellung von
Frogs & Friends
und
Nassauischer Kunstverein Wiesbaden

Erstellt von
Björn Encke (Frogs & Friends)
und
Elke Gruhn (Nassauischer Kunstverein Wiesbaden)

Texte: Elke Gruhn (Nassauischer Kunstverein Wiesbaden), Ben Patterson (Lachbrunnen)

Inhalte von:
Barbro Patterson
Nassauischer Kunstverein Wiesbaden

Video Installation documenta 14:
Björn Encke
Bernd Schultheis (Komposition)

Fotos von:
Hartmut Jahn
Christian Lauer
Janine Drewes
Thorsten Jansen
Barbro Patterson
Horst Ziegenfusz
Bernd Schultheis

Mit Unterstützung der Interactive Media Foundation gGmbh (IMF)

Quelle: Alle Medien
Der vorgestellte Beitrag wurde möglicherweise von einem unabhängigen Dritten erstellt und spiegelt nicht zwangsläufig die Ansichten der unten angegebenen Institutionen wider, die die Inhalte bereitgestellt haben.
Mit Google übersetzen
Startseite
Erkunden
In der Nähe
Profil