Die Bremer Kogge

Leibniz-Gemeinschaft

Im Rahmen der simultanen Ausstellung "8 Objekte, 8 Museen" der Leibniz-Forschungsmuseen stellt das Deutsche Schiffahrtsmuseum Bremerhaven die Bergung, Rekonstruktion, Konservierung und Präsentation der Bremer Kogge vor.

Die Bremer Kogge ist das besterhaltene Handelsschiff des nordeuropäischen Mittelalters. Ihre Bergung und der Beschluss, sie zu konservieren und auszustellen, führten zur Gründung des Deutschen Schiffahrtsmuseums, das 1975 in Bremerhaven eröffnet wurde.

Ein sensationeller Fund
1962 entdeckte man das erstaunlich gut erhaltene Wrack der Bremer Kogge bei Arbeiten zur Hafenerweiterung in der Weser. Der sensationelle Fund stellte Forscher vor große Probleme: Baggerarbeiten für den Hafenausbau und der drohende winterliche Eisgang auf der Weser gefährdeten den Fundort. Die Neugier der Menschen und illegale Versuche, Teile des Wracks zu bergen, erhöhten den Zeitdruck.

Aufgrund seines Aussehens wurde das Wrack als Kogge identifiziert. Dies war – wie wir heute wissen – problematisch, denn man kannte den Schiffstyp nur von künstlerischen Darstellungen, wie Buchillustrationen und mittelalterlichen Siegeln der Hansestädte.

Als Koggen bezeichnet wurden größere Lastschiffe, die mit einem Rahsegel getakelt und nur mit Einschränkungen hochseefähig waren. Ob Kogge einen eigenen Schiffstyp mit bauchigem Rumpf und hohem Achterkastell oder generell Lastschiffe meinte, ist unsicher.

Seit dem 19. Jahrhundert galt die idealisierte Kogge als erfolgreichster Schiffstyp ihrer Zeit im Norden und als Symbol der Hanse. Die Hanse (wörtlich: Schar), die sich im 12. Jahrhundert bildete, war zunächst ein loser Verbund von Kaufleuten, seit dem 14. Jahrhundert von Städten. Sie sollte ihren Angehörigen Hilfe, Schutz und politischen Einfluss an fremden Handelsplätzen verleihen.

Die Bergung – ein Wrack taucht auf
Das Wrack wurde in drei Bergungen, darunter eine Notbergung, gesichert. Die Kogge konnte nicht im Ganzen geborgen werden: Die Hölzer wären ohne die sie stützenden Sandmassen auseinander gefallen. Daher wurde das Schiffswrack in Einzelteile zerlegt und an Land verbracht. Es blieb dennoch eine große Herausforderung, die Lage der einzelnen Schiffshölzer in einer Rekonstruktionszeichnung exakt zu vermerken.

Um die weit verstreuten Teile zu bergen, kam 1965 das Taucherglockenschiff Carl Straat zum Einsatz.

Zu den Funden, die gemeinsam mit der Bremer Kogge geborgen wurden, gehörte auch ein einzelner Lederschuh.

Ebenfalls geborgen wurden diese hölzernen Juffern. Sie dienten dem Spannen der Wanten der Bremer Kogge. Wanten sind Seile, mit denen die Masten verspannt werden.

Eine Schiffstoilette befand sich ebenfalls noch an Bord des Bremer Wracks.

Die Rekonstruktion – sieben Jahre puzzeln
Auf Basis der Rekonstruktionszeichnung und mit Hilfe von Fotoaufnahmen machte sich ein Team unter der Leitung des Holzbootsbauers Werner Lahn an den millimetergenauen Wiederaufbau des Schiffes. Für den Wiederaufbau musste die ursprüngliche Form der Hölzer natürlich unbedingt erhalten bleiben. Aber nasses Holz schrumpft durch das Trocknen an der Luft und verformt sich. Deshalb galt es, die Hölzer nass zu halten.

In einer großen Halle des neu errichteten Deutschen Schiffahrtsmuseums sorgten Werner Lahn und seine Helfer mit Rasensprengern für eine kontinuierliche Befeuchtung der ausgebreiteten Koggehölzer.

Die Konservierung – achtzehn Jahre in Kunstwachs
600 Jahre lag die Bremer Kogge in der Weser. Ihr Holz war weich und schwammig geworden. Kunstwachs sollte das im Holz enthaltene Wasser ersetzen und das Zellgerüst stabilisieren. Die konservierten Hölzer hätten aber vermutlich an Elastizität verloren – der Wiederaufbau des Schiffes wäre so erschwert worden. Daher wurde das Schiff erst zusammengesetzt und danach mit Polyethylenglycol (PEG) getränkt. Achtzehn Jahre dauerte es, bis das Holz bei geringer Schrumpfung und natürlichem Aussehen stabilisiert werden konnte.

Für die Konservierung von nassorganischen archäologischen Objekten ist Polyethylenglycol ein Standardmaterial. Das Kunstwachs kann in festem oder flüssigem Zustand vorkommen und ist in Wasser vollständig löslich.

Das Deutsche Schiffahrtsmuseum entwickelte ein zweistufiges Konservierungsverfahren mit unterschiedlichen PEG-Lösungen für verschiedene Schädigungsgrade der Hölzer. Um den Endpunkt der Konservierung zu bestimmen, wurden zweimal im Jahr Holzproben genommen und die Verteilung des PEG im Holz gemessen.

Hier sieht man getrocknete Bootsmodelle aus nassem archäologischem Holz. Das linke ist ohne Konservierung getrocknet, das rechte nach einem Tränkebad in PEG.

Unter Beobachtung – die Kogge lebt!
Nach der Konservierung wurde die Kogge effektvoll an der Hallendecke aufgehängt und im Jahr 2000 dem Publikum präsentiert. Allerdings ist das Holz der Kogge auch im konservierten Zustand ein lebendiges Material: Es ist elastisch, reagiert auf Temperaturschwankungen und Feuchtigkeit. Bald stellte sich heraus, dass sich der Schiffsrumpf sehr viel stärker verformte als angenommen. Das lag auch an dem Eigengewicht des geräumigen Rumpfes, dem kein Wasserdruck mehr entgegenwirkte.

Die Kogge wird nun provisorisch durch Metallstützen in Form gehalten und mittels 3D-Vermessungsmethoden beobachtet. Um ein zuverlässiges Überwachungssystem und langfristiges Konzept für die Präsentation der Kogge zu entwickeln, vergleicht das Deutsche Schiffahrtsmuseum die gewonnenen Daten per Datenfusion.

Bei der Photogrammetrie wird aus einer Vielzahl fotografischer Aufnahmen ein 3D-Modell erstellt. Problematisch: Für eine wirkliche Aussagekraft der Aufnahmen müssen sie von exakt denselben Stellen und unter vergleichbaren Lichtverhältnissen gemacht werden.

Beim Laser-Scan wird das Objekt von Laserstrahlen erfasst. Aus den Daten berechnet man ein dreidimensionales, drehbares Abbild des Schiffes, das Beobachtungen aus unterschiedlichen Perspektiven erlaubt. Problematisch: Je nach Winkel des Scanners werden die Dimensionen der Objekte nicht richtig erfasst und in der Darstellung verzerrt.

Beim Messverfahren der Total Station wird eine bestimmte Anzahl von Punkten am Schiff aufgenommen. Sie bilden das Gerüst für die Konstruktion eines 3D-Objekts. Durch die Konzentration auf Fixpunkte ist das Verfahren sehr präzise. Problematisch: Ein engmaschiges Netz von dauerhaft installierten Vermessungspunkten schränkt die Sicht auf das Objekt ein.

Keine der möglichen Beobachtungsmethoden ist absolut zuverlässig. Deshalb führt das Deutsche Schiffahrtsmuseum die Werte der verschiedenen Messungen per Daten-Fusion zusammen.

Der Vater der Bremer Kogge – Werner Lahn (1922-2003)
Die Kogge ist sein Lebenswerk: Mit langjähriger Erfahrung im Holzschiffbau wirkte Werner Lahn (links im Bild) ab 1966 insgesamt ein Vierteljahrhundert an Wiederaufbau mit – zunächst am Focke-Museum in Bremen, dann am neu gegründeten Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven.
Das Deutsche Schiffahrtsmuseum
Das Deutsche Schiffahrtsmuseum wurde 1975 in Bremerhaven eröffnet und ist das größte seiner Art in Deutschland. Im Zentrum von Sammlung, Forschung und Ausstellung steht das Thema „Mensch und Meer“. Hier finden sich zehn Originalschiffe im Museumshafen, ein großer Bestand an Schiffsmodellen, Signalwaffen, Seekarten, Selbstzeugnissen und Bildquellen.

Der Museumsbau von oben.

Gleich daneben befindet sich der Museumshafen.

Im Museumshafen können Besucher das Innere eines Walfängers, eines Bergungsschleppers, eines U-Boots oder des Großseglers „Seute Deern“ betreten und einen Eindruck vom entbehrungsreichen Leben auf See gewinnen.

Das Deutsche Schiffahrtsmuseum ist im Besitz wertvoller Originalschiffe und Schiffswracks. Schiffahrtsgeschichte spiegelt sich aber auch in einem historisch bedeutsamen Bestand von ca. 3000 Schiffsmodellen wieder, die aus dem 18.-20. Jahrhundert stammen.

Der Forschungsschwerpunkt des Museums liegt auf historischen Fragen – es beschäftigt sich z. B. mit der Geschichte der Seehäfen und der Handelsschiffahrt. Ein aktuelles Forschungsprojekt geht der Frage nach, wie Seefahrt und Handel zwischen den nordatlantischen Inseln und den Hansestädten funktionierten, als der Kampf um den Handel mit dem Stockfisch ausbrach.

Mitwirkende: Geschichte

„8 Objekte, 8 Museen“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Leibniz-Forschungsmuseen und des Leibniz-Instituts für Wissensmedien in Tübingen zum Leibniz-Jahr 2016.

Forschungs- und Ausstellungsprojekt des Deutschen Schiffahrtsmuseums zur »Bremer Kogge von 1380«

Alle Dokumente und Fotos:
Deutsches Schiffahrtsmuseum, Fotografien: Captair, Felix Clebowski, Per Hoffmann, Erik Hoops, Hans-Jörg Kröhnert, Egbert Laska, Günter Meierdierks, Frederic Theis, Annika Thöt, Daniela Wittenberg
British Museum
Focke-Museum, Bremen

Text und Objektauswahl: Ruth Schilling, Stephan Speicher, Frederic Theis
Mitarbeit: Marleen von Bargen, Amandine Colson, Sunhild Kleingärtner, Tobias Wulf

Übersetzung: Hendrik Herlyn

Literatur:

Mike Belasus, Tradition und Wandel im neuzeitlichen Klinkerschiffbau der Ostsee am Beispiel der Schiffsfunde Poel 11 und Hiddensee 12 aus Mecklenburg-Vorpommern (Rostock 2014).

Jörgen Bracker (Hrsg.), Die Hanse. Lebenswirklichkeit und Mythos (Hamburg 1989).

Amandine Colson – Julien Guery – Massimiliano Ditta, „Bremen Cog“ – Long term monitoring of deformation process, in: Condition, conservation and digitalisation. Conference proceedings, Gdansk National Maritime Museum (Danzig 2015), 107-111.

Gabriele Hoffmann – Uwe Schnall (Hrsg.), Die Kogge. Sternstunde der deutschen Schiffsarchäologie, Schriften des Deutschen Schiffahrtsmuseums 60 (Hamburg 2003).

Natascha Mehler – Mark Gardiner, On the Verge of Colonialism: English and Hanseatic Trade in the North Atlantic Islands, in: Peter Pope – Shannon Lewis-Simpson (Hrsg.), Exploring Atlantic Transitions: Archaeologies of Permanence and Transience in New Found Lands. Society of Post-Medieval Archaeology Monograph 8 (Woodbrige 2013), 1–15.

Quelle: Alle Medien
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