1919 bis 1935

Das Saarland - Eine europäische Geschichte

Staatskanzlei des Saarlandes

Teil I - Vom Völkerbund ins Reich
Landesarchiv des Saarlandes / Staatskanzlei des Saarlandes, Öffentlichkeitsarbeit

Saarland. Eine Europäische Geschichte.

 

Das Saarland ist ein modernes und weltoffenes Bundesland im Herzen Europas. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Frankreich und Luxemburg hat sich hier eine Region entwickelt, in der internationale Kooperationen in Politik und Wirtschaft ebenso selbstverständlich geworden sind wie ein grenzüberschreitendes Kultur- und Alltagsleben. Europäisches Bewusstsein und ein vom französischen Geist inspiriertes Lebensgefühl verbinden die Menschen im jüngsten der alten Bundesländer.

Der besondere Charakter des Saarlands ist das Produkt einer langen, abwechslungs-, oft aber auch konfliktreichen Geschichte. In dieser Ausstellung werden die Spuren einer solchen europäischen Geschichte bis zu den staatlichen Anfängen des Saarlands vor knapp hundert Jahren zurückverfolgt. Dabei soll gezeigt werden, dass das saarländische Selbstbewusstsein und das besondere Verhältnis zu den europäischen Nachbarn nicht erst im Bundesland herangewachsen sind. Vielmehr hat eine solche Profilierung Wurzeln, die bis in die Zeit der Völkerbundsregierung während der 1920er Jahre zurückreichen. Gleichwohl konnten erst nach den leidvollen Erfahrungen zweier Weltkriege und den konfliktreichen Erlebnissen zweier Volksabstimmungen jene Lernprozesse in Gang kommen, die den Geist der Freundschaft und der Versöhnung dauerhaft etablierten und aus dem Saarland das französischste und das europäischste der bundesdeutschen Länder machten.

Saarland - Eine europäische Geschichte - Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer
La Saare - une histoire européene - Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer

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Vom Saargebiet zu SaarLorLux: Eine Region in europäischer Perspektive

Staaten, Länder, Kreise und Kommunen haben zumeist eine lange zurückreichende Geschichte. Sie sind historischen Wechsellagen unterworfen, erfahren Vergrößerungen und Verkleinerungen, gewinnen oder verlieren Souveränität und Selbstbestimmungsrechte. In der Regel besitzen sie aber einen festen territorialen Kern, der sich oft über Jahrhunderte nicht verändert hat. Ob Bayern oder Hessen, Kärnten oder die Steiermark, die Schweizer Kantone, die Normandie oder die Bretagne – fast alle diese Namen bezeichnen nicht nur einen bestimmten Landstrich, sondern auch eine politisch gewachsene Verwaltungseinheit und stehen als Synonym für die kollektive Identität der dort lebenden Menschen.

Das Saarland stellt in dieser Hinsicht eine Ausnahme dar. Zwar ist auch die Saarregion eine alte Kulturlandschaft, die einst von Kelten, Römern und Germanen besiedelt war und im Hochmittelalter zum fränkischen Zwischenreich Lotharingia gehörte. Allerdings entstand hier niemals ein zusammenhängendes politisches Gebilde: Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gehörte die Region teilweise zu Lothringen, Kurtrier, Pfalz-Zweibrücken und vereinigte zudem auf kleinstem Raum viele verschiedene weltliche und geistliche Herrschaften. In den Revolutionskriegen und unter Napoleon, dem großen Flurbereiniger der deutschen Geschichte, entstand erstmals ein „Departement de la Sarre“, das aber nur kurze Zeit Bestand hatte. Auf dem Wiener Kongress im Jahre 1815 wurden die „Saarlande“ hauptsächlich zwischen Preußen und Bayern aufgeteilt, während kleinere Gebietsteile Sachsen-Coburg und Oldenburg zufielen.

Zwischen 1815 und 1918 waren die Saarländer demnach Preußen und Bayern, vor der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 zugleich Bewohner des Grenzlandes zu Frankreich und deshalb vielleicht umso stärker mit König und Kaiser verbunden. Noch am Vorabend des Ersten Weltkriegs hätte es wohl kaum jemand für möglich gehalten, dass die Saarregion einmal etwas anderes sein könnte als preußische oder bayerische Provinz – geschweige denn, dass die Saarländer sich jemals zu einer eigenständigen politischen Landsmannschaft entwickeln könnten. Immerhin: Die Region erlebte seit der Industriellen Revolution einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung und entwickelte sich zu einem der größten Montanreviere Europas, des- sen Bevölkerung sich in wenigen Jahrzehnten vor allem durch Zuwanderung aus den angrenzenden Gebieten vervielfachte. So kam es durchaus vor, dass ein „Bayer“ aus dem Bliestal in einer preußischen Grube arbeitete oder es einen „Preußen“ in eine bayerische Glashütte verschlug. Wirtschaftlich wuchs die Saarregion immer stärker zusammen, wobei sich schon Ende des 19. Jahrhunderts ein Montandreieck mit Lothringen und Luxemburg herausbildete. Die wirtschaftliche Verflechtung änderte jedoch nichts an den verschiedenen staatlichen Zugehörigkeiten und politisch-kulturellen Traditionen.

Das Saarland gab es also im Jahr 1918 noch nicht. Es ist ein Produkt der internationalen Friedensverhandlungen nach Ende des Ersten Weltkrieges und wurde durch den Versailler Friedensvertrag als eigenständige Gebietskörperschaft zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich geschaffen. Das damals so genannte „Saargebiet“ maß knapp 1900 Quadratkilometer und umfasste damit sowohl die industrielle Kernzone zwischen Saar und Blies als auch die Wohngebiete der mit dem Zug einpendeln - den Industriearbeitschaft.

Unter dem Völkerbund

Bereits im November 1918 war die Saarregion von französischen Truppen besetzt. Der französische Premierminister Clemenceau hatte als Verhandlungsführer in Versailles Annexionsansprüche seines Landes geltend gemacht, konnte sich damit aber nicht gegen den amerikanischen Präsidenten Wilson durchsetzen, der das Selbstbestimmungsrecht der Saarländer gewahrt wissen wollte. So einigte man sich auf eine Übergangslösung, durch die das neu entstandene „Saargebiet“ für 15 Jahre einer internationalen Regierungskommission des Völkerbundes unterstellt wurde. Nach Ablauf dieser Frist sollte über den endgültigen politischen Status in einer Volksabstimmung entschieden werden, die drei Optionen zur Wahl stellte: die Beibehaltung des Status quo, die Angliederung an Frankreich oder die Rückgliederung in das Deutsche Reich.

Als der Versailler Vertrag in Kraft trat, waren die Bewohner der Saarregion, politisch betrachtet, keine Deutschen mehr. Sie waren „Saareinwohner“, fühlten sich aber expatriiert, weil sie – ähnlich wie etwa die Seestadt Danzig – Mandatsgebiet des Völkerbundes und somit Experimentierfeld für eine neue Form der internationalen Ordnungspolitik waren. Neben den französischen Besatzungstruppen, die unter der Bezeichnung „Bahnschutz“ im Land blieben und durch englische Kontingente ergänzt wurden, kamen mehrere hundert ausländische Funktionsträger ins Land, die nicht nur vier der fünf Regierungsämter bekleideten, sondern auch fast alle Spitzenpositionen in Verwaltung und Justiz einnahmen. Nicht zuletzt musste sich die Bevölkerung auch auf wirtschaftlichem Gebiet auf grundlegend neue Verhältnisse einstellen. Als Ausgleich für die im Weltkrieg erlittenen industriellen Kriegsschäden erhielt Frankreich den Besitz über die Saargruben und wurde dadurch zum Arbeitgeber von mehr als 70.000 Bergleuten. Auch in anderen Wirtschaftszweigen – etwa dem Bankwesen, der Eisenindustrie und der Elektrizitätswirtschaft – gewann Frankreich eine dominierende Stellung, eine Entwicklung, die 1923 mit der Schaffung einer saarländisch-französischen Währungs- und Zollunion institutionell abgesichert wurde. Der internationale Einfluss war im Alltag der Menschen vielfältig spürbar, sei es durch französische Banknoten oder zweisprachige Verordnungen, sei es durch französische Vorgesetzte in Gruben und Hütten oder den international besetzten obersten Gerichtshof, durch französische Werksschulen, Buchläden, Modegeschäfte oder Lebensmittel.

Die Bevölkerung arrangierte sich mit den neuen Machthabern, ließ aber den Glauben an die Legitimität der Völkerbundsregierung vermissen; zuweilen fühlte sie sich durch die fremden Militärs bedroht und distanzierte sich in zunehmendem Maße von den französischen Arbeitgebern. Man begriff sich als Opfer eines unrechtmäßigen Diktatfriedens, klammerte sich um so fester an die deutsche Sprach- und Kulturtradition und beschwor in unzähligen kollektiven Treuegelöbnissen, die auf Schul- und Vereinsfesten ebenso wie bei kirchlichen oder politischen Veranstaltungen geleistet wurden, den Willen zur alsbaldigen Wiedervereinigung mit dem Deutschen Reich.

Die Frontstellung zwischen internationaler Völkerbundsregierung und französischer Wirtschaftselite einerseits und der „deutschen“ Saarbevölkerung andererseits führte zu mannigfachen kleineren und größeren Konflikten, zu Streiks, politischen Ausweisungen, Ein- und Ausreiseverboten und vielfältigen politischen Drohgebärden. Diese erreichten ihren Höhepunkt im Hundert-Tage-Streik der Bergarbeiter 1923 und der Rheinischen Jahrtausendfeier 1925 und belasteten das politische Klima auch in den späteren Jahren nachhaltig. Trotzdem gab es – insbesondere in der Ära der Verständigungspolitik Stresemanns und Briands – auch manch fruchtbare Kontakte oder gar Freundschaften zwischen Mitgliedern des saarländischen Bürgertums und der internationalen Administration auf privater, informeller Ebene, die eine gewisse Weltoffenheit und ein neues Bewusstsein erkennen ließen. Die Idee, dass die Saargegend einmal eine Brückenfunktion zwischen Deutschland und Frankreich in einem vereinten Europa einnehmen könne, wurde in den späten 1920er Jahren in einem kleinen Kreis sozial- demokratischer Intellektueller geboren; der Weg dorthin sollte jedoch weitaus steiniger werden, als es sich die Zeitgenossen im Entferntesten hätten vorstellen können.

Das Beben des 30. Januar 1933, als Hitler in Berlin die Macht übernommen und mit der Auflösung des Weimarer Verfassungs- und Rechtsstaates begonnen hatte, erschütterte auch die politische Landschaft im Saargebiet. Viele tausend Emigranten, vor allem Juden, Kommunisten oder Sozialdemokraten, suchten Zuflucht an der Saar. Auf der anderen Seite gerieten große Teile der saarländischen Bevölkerung immer stärker in den Sog der „nationalen Wiedergeburt“ und fühlten sich geradezu magnetisch von Macht und Glanz des nach innen geschlossen erscheinenden „Neuen Deutschlands“ angezogen. In Erwartung des 1935 anstehenden Plebiszits entwickelte sich seit dem Herbst 1933 ein dramatischer Abstimmungskampf zwischen der rückgliederungswilligen „Deutschen Front“ und den Status-quo- Befürwortern der antifaschistischen „Einheitsfront“, in deren Reihen sich neben Sozialdemokraten und Kommunisten auch engagierte Katholiken fanden. Nicht nur für die Saarländer, auch für das Dritte Reich stand viel auf dem Spiel, und schließlich war auch der Völkerbund bemüht, seine politische Autorität zu wahren. Um eine reguläre Abstimmung unter internationaler Kontrolle zu garantieren, wurden 4000 britische, niederländische, italienische und schwedische Soldaten an die Saar entsandt: der erste „Blauhelm“-Einsatz in der Geschichte der Völkergemeinschaft. Der von einem Heer internationaler Beobachter dokumentierte Volksentscheid endete mit einem überwältigenden Votum (90,7%) für Deutschland und wurde zum ersten außenpolitischen Triumph für das Dritte Reich. Während Hitler am 1. März 1935 von jubelnden Massen in Saarbrücken empfangen wurde, gingen Tausende von Hitler-Gegnern über die französische oder luxemburgische Grenze ins Exil. Keine andere Region Deutschlands erlebte nach der nationalsozialistischen Machtergreifung einen solchen Exodus wie das Saargebiet.

Der Saarstaat

Die lang ersehnte „Heimkehr“ ins Reich entwickelte sich für die Saarländer nach 1939 zum Trauma mit der Erfahrung von Krieg, Verfolgung und totalem Zusammenbruch. Um die Jahreswende 1944/45 lag das Land in Trümmern, im März 1945 wurde es von den Amerikanern besetzt, die es vier Monate später in die Obhut der Franzosen übergaben. Da man in Paris aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hatte, wurde eine Annexion der Saar nicht mehr ernsthaft in Erwägung gezogen. Statt dessen wurde ein eigenständiger Saarstaat unter französischem Patronat aus der Taufe gehoben, deutlich beschränkt in seiner Souveränität, aber erstmals mit einer frei gewählten Regierung. Die Präambel der saarländischen Verfassung von 1947 schloss eine politische Rückgliederung an Deutschland aus und schrieb eine Währungs- und Wirtschaftsunion mit Frankreich für die Zukunft fest. Nicht alle Saarländer waren mit dieser Festlegung einverstanden. Allerdings konnte sich niemand der Einsicht entziehen, dass es besser war, die ausgestreckte Hand Frankreichs zu ergreifen, als in Obstruktion zu verfallen und die Siegermacht politisch herauszufordern.

Die Jahre 1946/47 riefen bei den Saarländern in mancher Hinsicht beklemmende Erinnerungen an die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wach: die Zollhäuschen, die an der Grenze zu Deutschland errichtet wurden, die französischen Geldscheine, mit denen seit 1947 saarländische Waren bezahlt wurden, die Militärparaden zu den Klängen der Marseillaise, das französische Führungspersonal, das auf den Saargruben erneut das Sagen hatte. Doch neben Altbekanntem waren die Zeichen einer neuen Zeit unübersehbar. Frankreich kam diesmal nicht nur als Sieger an die Saar, sondern auch als Partner und Kulturnation, die die einheimische Bevölkerung durch konstruktive Aufbauarbeit und zukunftsweisendes Kulturschaffen zu gewinnen suchte. Der wirtschaftliche Wiederaufbau gelang an der Saar schneller als in den deutschen Besatzungszonen, und bereits nach wenigen Jahren besaß das Land eine Rundfunkanstalt, eine Universität, ein Konservatorium und eine Kunstschule, die überregional auf sich aufmerksam machten.

Statthalter Frankreichs an der Saar war der Hohe Kommissar Gilbert Grandval, der zusammen mit Ministerpräsident Johannes Hoffmann bis 1955 die Grundlinien der saarländischen Politik bestimmte. Hoffmann, der Vorsitzende der tonangebenden „Christlichen Volkspartei“, war als Remigrant kein Einzelfall: Im Unterschied zur Entwicklung in der jungen Bundesrepublik wurde der demokratische Neubeginn an der Saar maßgeblich von heimgekehrten Hitlergegnern getragen. Der Umstand, dass sie politisch unbelastet und mit Frankreich durch jahrelange Exilerfahrungen verbunden waren, machte es ihnen leichter, die französische Suprematie anzuerkennen und dennoch rückhaltlos für saarländische Interessen zu streiten. Zugleich waren sie als im NS-Regime Verfemte und Heimatlose mental eher dazu bereit, die nationalstaatliche Tradition hinter sich zu lassen, neue Konzepte für die Saar-Politik auszuloten und das Experiment eines „dritten Weges“ zwischen Frankreich und Deutschland zu wagen.

Fast alle Politikentwürfe der unmittelbaren Nachkriegszeit waren demgemäß bestrebt, unter Rückgriff auf deutsche und französische Traditionen eine saarländische Synthese entstehen zu lassen. Die Sozialpolitik zum Beispiel knüpfte an die deutsche Sozialversicherung an, adaptierte mit den Familienzulagen aber zugleich ein der Bevölkerung willkommenes französisches Element. In der Schulpolitik hielt man am konfessionellen Unterricht fest, setzte jedoch mit Schulnotensystem und Zentralabitur „französische“ Akzente. Zweisprachigkeit wurde allenthalben gefördert, vor allem an der neu gegründeten Universität, wo Deutsch und Französisch von Anfang an als gleichberechtigte Unterrichtssprachen fungierten.

Als der alte Kontinent zu Beginn der 50er Jahre erstmals von einer breiten Europabegeisterung erfasst wurde, schlug sich dies auch in der Politik der saarländischen Führung nieder. Saarbrücken bewarb sich um den Sitz der europäischen Montanunion, das Saarland sollte als Vorreiter eines künftig vereinten Europas zum ersten europäisierten Staat werden. In der europäischen Idee schien der junge Saarstaat endlich seine Staatsräson zu finden, mit der er den Charakter des Provisoriums abstreifen und seine Zukunft sichern konnte.

Anfänglich fand Europa auch in der saarländischen Bevölkerung breite Zustimmung. Sowohl die christdemokratischen „NEI-Saar“ als auch die sozialdemokratische „Europa-Union“ verzeichneten regen Zulauf, veranstalteten europäische Jugendcamps und führten zahlreiche Informationsabende durch. Die grün-weiße Europafahne fand Verbreitung, in der Saarbrücker Innenstadt eröffnete die erste „Europa-Bar“ und selbst im Handel wurde der Europagedanke („Europa-Motorenöl“) zu Werbezwecken eingesetzt. Als erste Hochschule verwendete die Saar-Uni die Bezeichnung „europäische Universität“ und schuf mit dem Europa-Institut sowie dem Institut für die Vergleichung und Annäherung europäischen Rechts wegweisende Einrichtungen. Die Europa-Idee bewegte die Köpfe vieler junger Menschen, die die neuen Möglichkeiten zu internationalen Begegnungen und Kontakten nutzten. Dies galt nicht nur für die Studenten, sondern auch für die Sportler, die das Privileg genossen, ihren jungen Staat bei internationalen Wettkämpfen bis hin zur Olympiade in Helsinki zu repräsentieren.

Wie die Zeit des Völkerbundes war auch die Ära des Saarstaates von starken internationalen Einflüssen geprägt. Anders als in den 1920er Jahren wurde diese Internationalität in den 1950er Jahren von der Gesellschaft aber bereitwillig angenommen, die dadurch neues Selbstbewusstsein gewann und sich allmählich als „saarländisch“ zu begreifen lernte. Spätestens jetzt wurde „Europa“ – als überstaatliche Entscheidungsinstanz und als politische Idee – zu einem konstitutiven Faktor der saarländischen Geschichte. Denn die Saarfrage blieb nicht nur ein virulentes Problem der europäischen Nachkriegsordnung. Auch das politische Selbstverständnis des Saarstaates war europäisch, so dass die Auseinandersetzung mit Europa zu einem Meilenstein im kollektiven Selbstfindungsprozess der Saarländer werden konnte.

Das erste europäische Referendum

War die internationale Saarpolitik 1945 bis 1947 im Wesentlichen Gegenstand interalliierter Absprachen und Kompromisse gewesen, so entwickelte der 1949 entstandene westdeutsche Teilstaat überraschend schnell ein so starkes politisches Gewicht, dass er bei der Lösung der Saarfrage kaum noch übergangen werden konnte. Die junge Bundesrepublik trat mit dem Anspruch auf, politischer und ideeller Kernstaat für Gesamtdeutschland zu sein, weshalb sie im Hinblick auf die Oder-Neiße-Linie keiner endgültigen Regelung der Saarfrage zustimmen konnte, die nicht unter dem Vorbehalt eines späteren Friedensvertrages getroffen wurde. Umgekehrt ging es für Frankreich gerade darum, das Provisorium Saarstaat auf eine völkerrechtlich verbindliche Grundlage zu stellen und zumindest den eigenen wirtschaftspolitischen Einfluss auf die Saar für die Zukunft abzusichern.

Obwohl die Saarfrage weder für die deutsche noch für die französische Politik Priorität besaß, wurde sie von beiden Seiten immerhin für so wichtig erachtet, dass ihre Lösung ein jahrelanges diplomatisches Tauziehen verursachte. Erst auf amerikanische und britische Vermittlung hin wurden konkrete Vorschläge erarbeitet, die zunächst im sogenannten Van-der-Goes-van-Naters-Plan des Europarates Gestalt annahmen und 1954 in den Pariser Verträgen schließlich zu greifbaren Ergebnissen führten. Vereinbart wurde ein „Europäisches Statut“ für das Saarland, das dieses der neu gegründeten Westeuropäischen Union unterstellte und durch Beibehaltung der saarländisch-französischen Währungsunion auch die Pariser Wirtschaftsinteressen befriedigte. Nach der Ratifizierung des Saarabkommens durch die französische Nationalversammlung und den Deutschen Bundestag bedurfte es nur noch der Zustimmung der saarländischen Bevölkerung, die am 23. Oktober 1955 in einem Referendum zur Entscheidung aufgerufen war. Aus Sicht der internationalen Diplomatie schien die Abstimmung nur eine Formsache zu sein. Doch bereits dieses erste „europäische“ Referendum bewies, was auch viele nachfolgende Abstimmungen zeigen sollten: Fragen der nationalen Zugehörigkeit sind hoch emotionale Kernfragen politischer Identität, die immer auch das unkalkulierbare Risiko heftigster innenpolitischer Auseinandersetzungen in sich tragen. Während sich die saarländische Regierung unter Johannes Hoffmann von Anfang an hinter das europäische Statut stellte und die Vision eines saarländischen Kernstaates in einem künftigen vereinten Europa kurz vor ihrer Realisierung sah, gewannen in der saarländischen Bevölkerung Zweifel und Skepsis aus vielfältigen Gründen die Überhand. Zum einen war durch das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft 1953 viel politisches Vertrauen in die Kraft der europäischen Idee verloren gegangen. Zum andern blieb ein latentes Misstrauen gegenüber der „Siegermacht“ Frankreich bestehen, stand sie doch bei vielen Saarländern in Verdacht, ihre hegemonialen Ansprüche auf die Saar unter dem Deckmantel der Europäisierung aufrecht zu erhalten. Schließlich wuchs der Widerstand gegen die Regierung Hoffmann, die jahrelang mit autoritären Mitteln regiert und jede pro-deutsche Opposition unterdrückt hatte. Die kulturellen und religiösen Bindungen der Saar an Deutschland waren jedoch lebendig geblieben. Und die politische Idee der Nation war weder diskreditiert noch im Niedergang begriffen, zumal die Bundesrepublik mit ihrem beginnenden „Wirtschaftswunder“ zusehends an Attraktivität gewann.

Eigentlich sollte im Referendum vom 23. Oktober 1955 über Zustimmung oder Ablehnung des Europäischen Statuts entschieden werden. In Wahrheit ging es in dem drei Monate währenden Abstimmungskampf aber um die Frage, ob die Saarländer bereit waren, ihren Sonderstatus dauerhaft zu akzeptieren und ihre deutsche Identität aufzugeben. Es entwickelte sich eine erbitterte Wahlschlacht, die zum größten Medienereignis der saarländischen Geschichte wurde. Zigtausende von Plakaten mit über hundert verschiedenen Motiven hingen an Litfaßsäulen und Plakatwänden. Schaufenster und Verkehrsschilder wurden mit Flugzetteln überklebt, viele Wahlversammlungen waren hoffnungslos überfüllt. Vor allem in der heißen Auftaktphase kam es auch zu handgreiflichen Auseinandersetzungen, zum Einsatz von Wasserwerfern und polizeilichen Festnahmen. Ja-Sager und Nein-Sager prallten unversöhnlich aufeinander, sie verunglimpften ihre politischen Gegner mit Polemik und Hetzkampagnen. Gleich einem ausufernden Familienzwist entwickelte sich der Wahlkampf zum „totalen“ gesellschaftlichen Konflikt, der alte Wunden aufbrechen und vormals unausgesprochene Ängste und Beschuldigungen laut werden ließ. Hier wurde nicht nur um die Zukunft gerungen, sondern vor allem mit der Vergangenheit des politischen Gegners abgerechnet. Die Aktivisten des „Nein“ warfen ihren Kontrahenten Separatismus und Landesverrat vor, ein Verdikt, mit dem sie vor allem Ministerpräsident Hoffmann („Der Dicke muss weg!“) politisch zu vernichten suchten. Die Verfechter des „Ja“ brandmarkten ihre innenpolitischen Gegner als unbelehrbare Nationalisten, hielten ihnen ihre Verstrickung in den NS-Staat vor und bezichtigten sie der Mitschuld an Tod und Leid von Millionen Kriegsopfern.

Der Abstimmungskampf wurde zur Projektionsfläche einer unbewältigten Vergangenheit, was die eigentliche Frage des Referendums zunehmend in den Hintergrund treten ließ. Dabei lagen die Kontrahenten mit ihren politischen Bekenntnissen bei genauer Betrachtung gar nicht so weit auseinander. Befürworter und Gegner des Statuts ließen nämlich keinen Zweifel daran, dass sie ein vereintes Europa grundsätzlich bejahten, wobei die Nein-Sager allerdings nicht als autonome Saarländer, sondern als Deutsche Mitglied des übergreifenden Europa werden wollten. Mit ihrer Entscheidung für diese Option stellte die Mehrheit der Saarländer nicht nur die Weichen für die saarländische Geschichte, sondern setzte darüber hinaus Maßstäbe für den Fortgang der europäischen Einigung.

Vor 1955 wurde im Europarat auch eine Zukunftsordnung verfochten, die Europa als Alternative zu den alten Vaterländern begriff. Nach 1955 dagegen wurde ein „Europa der Vaterländer“ kaum mehr ernsthaft in Frage gestellt. So gesehen kann man nicht nur davon sprechen, dass das kleine Saarland eine europäische Geschichte hat. Umgekehrt ist mit dem Referendum von 1955 auch ein Kapitel des großen Europa „auf saarländisch“ geschrieben worden.

Modellregion SaarLorLux

Die Ablehnung des Europäischen Saarstatuts bedeutete keineswegs das Ende der europäischen Politik im Saarland. Vielmehr folgte dem von zwei Dritteln der Saarländer ausgesprochenen „Nein“ eine spürbare Entspannung der Verhältnisse, innerhalb der saarländischen Gesellschaft eben wie im deutsch-französischen Dialog. Die Regierung Hoffmann trat noch am Wahlabend zurück, Frankreich akzeptierte das Votum der Bevölkerung ohne Wenn und Aber und zeigte sich zur Rücknahme früherer Forderungen bereit. Die „kleine Wiedervereinigung“ des Saarlandes mit der Bundesrepublik Deutschland erfolgte am 1.1.1957, zweieinhalb Jahre später wurde sie mit der Ablösung des Franc durch die D-Mark wirtschaftspolitisch vollendet. Der Luxemburger Vertrag zwischen Frankreich und Deutschland, der die Modalitäten der Rückgliederung festgeschrieben hatte, markierte auch den Beginn einer neuen Ära und wurde zum Fundament der europäischen Zusammenarbeit im SaarLorLux-Raum. Der Abschluss der dort vereinbarten Kanalisierung der Mosel wurde 1964 von den Staatsoberhäuptern und zahlreichen Menschen aus den Anrainerstaaten als erstes großes grenzüberschreitendes Infrastrukturprojekt gefeiert.

Schon vier Jahre zuvor öffnete an der Grenze bei Saarbrücken eine deutsch-französische Gartenschau ihre Pforten, die unübersehbar den Geist der Versöhnung atmete. Auf den Schlachtfeldern der Kriege, die hier zwischen 1870 und 1945 getobt hatten, wuchs nun buchstäblich neues Leben an einem von hunderttausenden Menschen diesseits und jenseits der Grenze besuchten Ort der Begegnung. Zur gleichen Zeit wurde im Saarland erstmals eine „Französische Woche“ veranstaltet, die danach zur festen Einrichtung wurde. Begleitet von einem kulturellen Rahmenprogramm, wurde nun ein Mal im Jahr für den Absatz zollfreier Waren aus Frankreich geworben, während die Saarländer die Gelegenheit erhielten, die angenehmen Seiten des „savoir vivre“ näher kennen zu lernen. Ebenfalls noch 1960 wurde ein „Centre Culturel Français“ ins Leben gerufen, und ein Jahr später entstand in Saarbrücken mit dem bundesweit ersten Deutsch-Französischen Gymnasium eine zukunftsweisende Bildungsinstitution, deren Schüler ein binationales Abitur erwerben konnten. Der Europagedanke wurde also im Saarland nach dem Referendum nicht still und leise zu Grabe getragen, sondern weiterhin mit Nachdruck gepflegt. Noch in den 1950er Jahren wurde in Spiesen der Grundstein zum „Europadorf Albert Schweitzer“ gelegt, und der Grenzraum zwischen Bliesbruck und Reinheim wurde zur Ausgrabungsfläche für eine archäologische Spurensuche, aus der sich ein gemeinsamer europäischer Kulturpark entwickelte. Pionierarbeit leistete die 1959 wieder eröffnete „Europäische Akademie Otzenhausen“, die mit Fortbildungsseminaren, Forschungsvorhaben und Expertisen bis heute das Ziel verfolgt, die gesellschaftliche und politische Einigung Europas voranzutreiben. Schließlich startete der Saarländische Rundfunk 1964 mit der „Europawelle Saar“ ein neues Programmformat, während die Saarmesse sich als „Wegbereiter der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ zu profilieren suchte.

In den 1960er Jahren wuchs beim Blick über die Grenze auch das Bewusstsein dafür, dass die ökonomischen Bedingungen der Nachbarregionen sehr ähnlich waren und dass es überall die gleichen Krisen in Bergbau und Stahlindustrie zu meistern galt. Aus dieser ökonomischen Perspektivierung heraus entstanden Idee und Begriff von „SaarLorLux“ als einprägsame Abkürzung des alten Montandreiecks und in Anlehnung an die dem Sprachgebrauch bereits vertrauten Benelux-Staaten. Die regionale Kooperation konzentrierte sich anfangs auf zwei Großprojekte: den Aufbau einer petrochemischen Verbundwirtschaft mit grenzüberschreitenden Produktionsstätten und die Errichtung eines deutsch-französischen Groß- und Freihandelszentrums zwischen Saarbrücken und Sarreguemines. Auch wenn die „SaarLor“-Industrie schließlich scheiterte und die „CECOFA“ im Planungsstadium stecken blieb, wurde hier vieles von dem vorausgedacht, was erst Jahrzehnte später beim Zusammenwachsen der europäischen Märkte realisiert werden sollte. Erfolgreicher war das Raumordnungs- und Strukturprogramm, dem ebenfalls die Vorstellung einer gemeinsamen europäischen Kernregion zugrunde lag. Das Saarland besaß bereits 1969 den bundesweit ersten Autobahnanschluss an Frankreich, und die Elektrifizierung der Strecke Frankfurt-Saarbrücken ermöglichte auch im Schienenverkehr relativ früh einen „Brückenschlag“. Die fortschreitende Vernetzung warf viele juristische und politische Fragen auf, die nach neuen gesetzlichen und administrativen Rahmenbedingungen verlangten. Initialwirkung besaß hierbei der deutsch-französische Gipfel von 1969, der die Einsetzung einer bilateralen Regierungskommission für grenzüberschreitende Fragen im Saarland, in Lothringen und Rheinland- Pfalz beschloss, der sich bald auch die luxemburgische Seite anschloss. Wenig später konstituierte sich dann eine „Regionalkommission Saarland-Lothringen-Luxemburg-Rheinland-Pfalz“, die zur Mutter aller späteren Institutionen in SaarLorLux geworden ist.

Mittlerweile ist die um Wallonien erweiterte Großregion von einem Netz administrativer und gouvernementaler Einrichtungen überspannt, das vor allem seit den 1980er Jahren immer dichter wurde. Dabei reichen die Formen der Kooperation vom kommunalen „Eurodistrikt“ über die Arbeitsgemeinschaften der Wirtschaftskammern und den Interregionalen Parlamentarierrat bis hin zum Gipfel der Großregion, der 1995 auf Initiative Luxemburgs und des Saarlandes eingerichtet wurde und seither in regelmäßigen Abständen tagt. Die Regierungs- und Verwaltungschefs aus Lothringen und Wallonien, aus Luxemburg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland vertreten damit auch gegenüber der Brüsseler Zentrale die Interessen von 11 Millionen Bürgern aus vier Mitgliedsstaaten, die in der größten Grenzregion der Europäischen Union leben und grenzüberschreitend arbeiten.

Gerade der grenzüberschreitende Arbeitsmarkt ist ein Merkmal, das SaarLorLux von allen anderen Großregionen der EU unterscheidet. Denn nirgendwo sonst in der Union haben so viele Menschen national unterschiedliche Wohn- und Arbeitsorte: Jeder vierte europäische Grenzgänger lebt in SaarLorLux. Und mit zunehmenden Arbeitskontakten wachsen auch die kulturellen Austauschbeziehungen, angefangen mit Städte- und Vereinspartnerschaften über gemeinsame industrietouristische Projekte bis hin zum Austausch von Mitarbeitern an Kindergärten und Écoles maternelles oder einem gemeinsamen Hochschulorchester. Bemerkenswert sind die „Perspectives du théatre“, die als erstes und bislang einziges französisches Theaterfestival auf deutschem Boden seit 1978 jährlich in Saarbrücken stattfinden. Und mit der Deutsch-Französischen Hochschule in Saarbrücken, die kurz vor der Jahrtausendwende ihre Arbeit aufnahm, besitzt das Saarland auch im Bildungswesen eine Institution, die seine Bedeutung als Brücke zwischen den Nationen unterstreicht.

Knapp 50 Jahre sind seit den Anfängen von SaarLorLux vergangen, ein halbes Jahrhundert, das deutliche Spuren hinterlassen hat. Aus dem einstmals umkämpften Grenzgebiet ist eine neue Region im Herzen Europas entstanden. Alte Grenzen sind verschwunden und vieles von dem, was die Gründungsväter Europas nur zu träumen wagten, ist inzwischen zur Realität geworden. Dennoch: Heute wie damals bedarf es mutiger Ideen und visionärer Vorstellungen, um die Integration verschiedener Staaten und Kulturen weiter voranzutreiben. Zu Anfang des neuen Jahrtausends ist deshalb die „Santer-Kommission“ mit dem Ziel zusammen getreten, ein Bild von SaarLorLux im 21. Jahrhundert zu entwerfen. Dieses „Zukunftsbild 2020“ ist unter saarländischer Präsidentschaft beim 7. Gipfel der Großregion 2003 in Saarbrücken vorgestellt worden. In dieser Zukunftsprojektion werden die politischen Geschicke in SaarLorLux von gemeinsamen Institutionen gelenkt, kommunizieren die Bürger wie selbstverständlich in mehreren europäischen Sprachen, haben regionale Eigenheiten in einer kulturellen Vielfalt ihren Platz gefunden. Wie auch immer die Zukunft in 20 Jahren tatsächlich aussehen mag: Die europäische Geschichte des Saarlandes und der Großregion wird weitergehen.

Unter dem Völkerbund

Internationales Mandatsgebiet

Die Entstehung des „Saargebietes“ war ein Ergebnis internationaler Politik. Gemäß dem Versailler Friedensvertrag von 1919 wurde das zuvor zu Preußen und Bayern gehörende Industriegebiet an der Saar vom Deutschen Reich abgetrennt und als selbstständige Verwaltungseinheit dem Völkerbund unterstellt. Vier der fünf Regierungsmitglieder waren Nicht- Saarländer, wie auch viele höhere Beamte, die aus dem europäischen Ausland rekrutiert wurden. Die öffentliche Ordnung garantierte ein aus französischen und britischen Truppen bestehender „Bahnschutz“. Wirtschaftlich wurde das Saargebiet 1923 mit dem französischen Zoll- und Währungsgebiet verbunden. Zugleich war der französische Staat seit 1919 Besitzer der Saargruben und damit größter Arbeitgeber. Auch im Alltag war der internationale Einfluss spürbar, wenngleich persönliche Kontakte zwischen Einheimischen und „Ausländern“ selten blieben.

Nach Plünderungen in Geschäften der Innenstadt von Neunkirchen sorgt französische Kavallerie wieder für Ruhe.
Französische Soldaten ziehen nach der deutschen Kriegsniederlage durch Saarbrücken.
Aus dem Saargebiet ausgewiesene Bewohner werden in Sulzbach abgeführt.
Das offizielle Wappen des Saargebietes mit heraldischen Bestandteilen der Städte Saarlouis, St. Ingbert und Saarbrücken
Die zweite internationale Regierungskommission des Saargebietes mit ihrem französischen Präsidenten Victor Rault (sitzend m.) amtierte 1923–1925.
Das Gebäude der Regierungskommission am Saarufer von Saarbrücken
Schematische Darstellung des Saargebietes und seiner angrenzenden Territorien
Verlautbarung über die Bildung des Saargebietes nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages
Kommissionspräsident Wilton mit dem englischen Kommandeur bei der Verabschiedung der englischen Truppen vor der Saarbrücker Ulanenkaserne
Bekanntmachung über den Zusammentritt der ersten Regierungskommission im Jahr 1920
Soldaten des britischen Bahnschutzes ziehen Ende September 1929 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zur Abreise an den Saarbrücker Hauptbahnhof.
Die Grenze des Saargebiets – nach dem Wortlaut des Versailler Vertrages eingerichtet – hat auf der Karte noch nicht ihren endgültigen Verlauf gefunden.
An der Grenze des Saargebietes zum Deutschen Reich: Soldaten der Abstimmungsschutztruppen verlassen das "Land“.
Küchenmeister und Ordonnanzen der französischen Unteroffiziersmesse in einer saarländischen Kaserne 1927
Französische Soldaten feiern am Rande Saarbrückens,auf dem alten Festplatz am Kieselhumes, ein Volksfest.
Französische Besatzungssoldaten asiatischer Herkunft, so genannte Anamiten, von einem Privatfotografen in Dudweiler in Szene gesetzt
Zum Unterhaltungsprogramm der französischen Soldaten im Saargebiet gehörten auch musikalisch-circensische Darbietungen mit dem populären Soldatenlied „La Madelon“. 
Die Bergwerksdirektion in Saarbrücken ist am 14.Juli 1934 anlässlich des französischen Nationalfeiertages mit der Trikolore geschmückt.
Die französische Grubenverwaltung droht im Bergarbeiterstreik von 1923 die Entlassung von länger als drei Tagen streikenden Mitarbeitern an.
Eine Firma im saarländischen Dillingen bewirbt ihre Maschinen für die Montanindustrie.
Zum Straßenbild während der Völkerbundszeit gehören auch französische Buchhandlungen, wie hier in der Saarbrücker Kaiserstraße.

Status Quo? – Heim ins Reich!

Insbesondere in den Anfangsjahren 1920 – 1925 war die Völkerbundsregierung in der Bevölkerung sehr unbeliebt. Diese betrachtete den Versailler Vertrag als internationales Unrecht und protestierte gegen die als frankophil empfundene

Politik der Regierung durch parlamentarische Denkschriften, Streiks und vielfältige (deutsch)nationale Kundgebungen. Erst im Zuge des Locarno-Prozesses kam es zu einer innenpolitischen Beruhigung,wurde von saarländischen

Politikern erstmals über eine Brückenfunktion der Saar zwischen Deutschland und Frankreich nachgedacht.

Die nationalsozialistische Revolution schuf dann aber eine völlig neue Situation. Immer stärker wurde das politische Leben an der Saar nun von Berlin aus ferngesteuert. Wie im Deutschen Reich lösten sich die bürgerlichen Parteien selbst auf und wurden von der nationalsozialistisch geführten „Deutschen Front“ aufgesogen. Auf der Gegenseite formierten sich Kommunisten, Sozialdemokraten und oppositionelle Katholiken zu einem historisch einmaligen Abwehrbündnis, der antifaschistischen „Einheitsfront“.

Der Kampf im Saarland gegen die Machtübernahme durch die Nazis 1933-1935
Der „Raub des Saargebietes“, trotz internationaler Mandatsausübung meist den Franzosen unterstellt, zieht sich wie ein Leitmotiv durch den nationalen Widerstand an der Saar seit 1920.
Der frankophile „Saarbund“ galt nicht nur den Vorkämpfern einer „deutschen Saar“ als Inbegriff einer vaterlandsverräterischen Organisation.
Häuser mit Inschriften gegen den Status quo und die „französische“ Fremdherrschaft sowie für eine „Heimkehr“ ins Reich waren im Vorfeld der Abstimmung 1935, wie hier in St.Wendel, überall im Saargebiet zu finden.
Beim Festzug in Hannover 1925 präsentiert sich der Bund der Saarvereine mit einem Wagen, der die saarländische Montanindustrie in Szene setzt.
Mit großem Aufwand und großer Euphorie feiern Hunderttausende im Saargebiet im Juni 1925 die Jahrtausendfeier des Rheinlandes als Bekenntnis zu Deutschland.
Überall in den Städten des Saargebietes werden aus Anlass der Jahrtausendfeier Triumphbögen errichtet, das Bild zeigt die „Alte Brücke“ in Saarbrücken.
Die Saarbrücker Bahnhofstraße im Schmuck der kaiserzeitlichen Deutschlandfahne anlässlich der Rheinischen Jahrtausendfeier
Zum HJ-Treffen in der saarländischen Gemeinde Dudweiler kommen im Frühjahr 1934 auch viele Delegationen der nationalsozialistischen Nachwuchsorganisation aus dem „Reich“ an die Saar.
Im Sommer 1934 werden Bürgermeister und Funktionsträger der „Deutschen Front“ aus dem Saargebiet von Hitler in der Berliner Reichskanzlei empfangen.
Zur Abschlusskundgebung der „Deutschen Front“ sind am 6. Januar 1935 trotz zum Teil heftigen Schneetreibens bis zu 300.000 Menschen auf den Saarbrücker Wackenberg gekommen.
Das berühmteste Plakat aus dem ersten saarländischen Abstimmungskampf: Die„Deutsche Mutter“ nimmt ihren saarländischen Sohn, der die Ketten der Fremdherrschaft gesprengt hat, erleichtert in die Arme.
Der Status quo, der sozialdemokratische, kommunistischeund kirchliche Hitlergegner vereint, wirbt mit der schützenden Treueschwurhand über der saarländischen Heimat.
Auf dem Saarbrücker Kieselhumes findet mit der Abschlusskundgebung des Status quo die letzte oppositionelle Großveranstaltung vor der nationalsozialistischen Machtübernahme statt.
60.000 Antifaschisten sind noch einmal zusammengekommen, um den Menschen klarzumachen, dass Hitler Krieg bedeutet. Die Warnungen verhallen fast ungehört.
Bei einer Fahrt nach Speyer legen Protestanten aus dem Saargebiet bei einer vom Bund der Saarvereine organisierten Veranstaltung auch ein emphatisches Bekenntnis zur „deutschen Saar“ ab.
Die Menschen im Saargebiet zählen die Tage bis zum sehnsüchtig erwarteten Abstimmungstermin.

Im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit

Laut Versailler Vertrag sollte die Bevölkerung nach 15 Jahren entscheiden dürfen, ob sie den Status quo beibehalten, zu Frankreich gehören oder an das Deutsche Reich rückgegliedert werden wollte. Bis 1932 wollten fast alle Saarländer zurück zu Deutschland. Mit Hitlers Machtergreifung 1933, in deren Folge viele tausend deutsche Flüchtlinge ins Saargebiet kamen, brach der Konsens in der saarländischen Gesellschaft dann aber auf. Das politische Leben radikalisierte sich, Drohgebärden und Einschüchterungen dominierten die Szenerie. Zur Sicherstellung eines fairen und ordnungsgemäßen Plebiszits entsandte der Völkerbund 1934 eine internationale Abstimmungskommission und eine militärische Schutztruppe, die als historische Vorstufe heutiger Blauhelm-Missionen der UNO betrachtet werden kann.

Die Volksabstimmung wurde genauestens überwacht, über 90 Prozent der Abstimmungsberechtigten entschieden sich in ihr für die Rückkehr nach Deutschland. Trotz internationaler Garantien für eine Übergangszeit wählten tausende von Saarländern unmittelbar nach der Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses den Weg in die Emigration.

Britische Soldaten der Abstimmungsschutztruppe haben sich mit kleinen Saarländern angefreundet.
Britische Soldaten der Abstimmungsschutztruppe haben sich mit kleinen Saarländern angefreundet.
Italienische Schutzsoldaten im fröhlichen Dialog mit jungen Saarbrückern.
"Mustergültig“ geschmücktes Haus eines Befürworters der „Heimkehr ins Reich“ in Hassel.
Die „amerikanischen Saarländer“ in Berlin, wo sie nach der Schiffsankunft in Hamburg auf ihrem Weg ins Saargebiet einen politisch motivierten Zwischenhalt einlegten.
Alte und kranke Menschen werden von verschiedenen Hilfsorganisationen, meist unter der Regie der „Deutschen Front“, am Abstimmungstag zum Wahllokal gebracht.
In Krankenhäusern und Gefängnissen (hier in der Saarbrücker Vollzugsanstalt) findet der Urnengang bereits eine Woche vor dem 13. Januar statt.
Kameraleute verfolgen die Ankunft von Abstimmungstruppen am Saarbrücker Hauptbahnhof im Dezember 1934.
Die abstimmungsberechtigten „Saar-Einwohner“ aus Übersee werden nach ihrer Ankunft in Saarbrücken von der Bevölkerung euphorisch begrüßt.
Mitglieder der Abstimmungskommission warten in der Saarbrücker „Wartburg“ auf das Ende der Stimmenauszählung.
Auf der Bühne des großen Saals der „Wartburg“ sitzt das Präsidium der Abstimmungskommission, von hier gibt der schwedische Präsident Rodhe am15. Januar das amtliche Ergebnis für die Weltöffentlichkeit bekannt.
Im Saal der „Wartburg“ werden nach dem Transport der Wahlurnen aus dem ganzen Land die Stimmen aus den Gemeinden und Städten des Saargebietes ausgezählt.
Jubelfeiern mit Hakenkreuzen und „deutschem Gruß“ finden nach der Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses auf allen Straßen des Saargebietes statt.
An vielen Orten wird der „Status quo“ nach seinem vergeblichen Kampf gegen die Rückgliederung der Saar nach Hitlerdeutschland symbolisch hingerichtet.
Soldaten der Abstimmungsschutztruppen werden verabschiedet. 
Unmittelbar nach der Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses verlassen viele Gegner des nationalsozialistischen Deutschlands das Saargebiet, hier eine Gruppe von Emigranten am Bahnhof des französischen Grenzortes Sarreguemines.
Viele Familien kehren der Saar den Rücken und emigrieren meistens über Frankreich in eine ungewisse Zukunft.
Am 1. und 2. März 1935 nehmen die Nationalsozialisten das Saargebiet in Besitz. Formationen von SA und Partei marschieren über den Rathausplatz und defilieren an Hitler vorbei.
Am 1. und 2. März 1935 nehmen die Nationalsozialisten das Saargebiet in Besitz. Formationen von SA und Partei marschieren über den Rathausplatz und defilieren an Hitler vorbei.
Saarland Geschichte 1920 bis 1955
Mitwirkende: Geschichte

Landesarchiv des Saarlandes
Staatskanzlei des Saarlandes, Öffentlichkeitsarbeit

Quelle: Alle Medien
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