Editorial Feature

Der anhaltende Zauber des "Harry-Potter-Effekts" 20 Jahre später

Rebecca McNally, Publishing Director für Kinderbücher bei Bloomsbury, spricht über die Kraft, die die Serie immer noch hat


Rebecca McNally ist Verlagsleiterin bei Bloomsbury Children's Books, und ein Teil ihres Jobs ist es, dafür zu sorgen, dass die Harry-Potter-Bücher, die der Verlag herausgibt, neue Generationen von Lesern erreichen. Das zeigt sich in Projekten wie den neuen, von Jim Kay illustrierten Ausgaben der Harry-Potter-Bücher von Bloomsbury. "Das Tolle an der Welt der Kinderbücher ist, dass es immer wieder 8- bis 9-Jährige gibt, die die Freude an Harry Potter noch nicht entdeckt haben", so McNally.

"Es ist sehr wirkungsvoll, ein Kinderbuchautor zu sein, denn deine Bücher sind in ihren Händen und bieten ihnen manchmal eine Flucht, wenn sie sich an einem wirklich dunklen Ort befinden", fährt sie fort. "Emotionen, Gefahr, Nervenkitzel, Dunkelheit und Liebe vom Sessel aus zu erleben – das macht die Magie des Lesens aus. Und genau diese Elemente sind in allen sieben Harry-Potter-Büchern so stark vertreten."

McNally weiß, wie Harry Potter es geschafft hat, die Phantasie von Kindern – und Erwachsenen – weltweit zu fesseln. Hier erklärt sie die Auswirkungen des sogenannten "Harry-Potter-Effekts" und was er für den Kinderbuchbereich bedeutet. Neben den Antworten von McNally können Sie einige von J. K. Rowlings kommentierten Entwürfen, groben Charakterzeichnungen und detaillierten Plänen sehen und erhalten so noch mehr Einblick in die Entstehung einer der erfolgreichsten Buchreihen aller Zeiten.

Greenhouse, Bloomsbury Publishing (aus der Sammlung der British Library)

Was ist mit dem Begriff "Harry-Potter-Effekt" gemeint?

Es ist wahrscheinlich treffender, über die Effekte im Plural zu reden. Eine exakte Definition fällt schwer, aber es können einige wirklich konkrete Effekte beobachtet werden. Einer davon sind die Zahlen von UK Bookscan [der Organisation, die die Umsätze in Buchläden in Großbritannien erfasst]. Im Jahr 1998 wurden rund 34 Millionen Kinderbücher verkauft, 2016 waren es 64 Millionen, das ist ein sehr spürbarer Harry-Potter-Effekt. Es ist sicherlich nicht der einzige Faktor, der dafür verantwortlich ist, aber ich glaube schon, dass Harry Potter zu einem Paradigmenwechsel geführt hat, der dies möglich machte.

Der andere wichtige und wunderbare Effekt ist der Zauber, der dem Lesen der Bücher innewohnt, und die Wirkung, die sie auf ihre Leser haben. Die erste Generation von Lesern, die damit aufgewachsen sind, erlebten sie völlig neu. Niemand wusste, was in den Büchern geschehen würde, und die Leser warteten immer sehnsüchtig auf das nächste Buch. Plötzlich wurde die Veröffentlichung eines Buchs zu einem Ereignis.

Auf dem Gebiet der Kinderbücher gibt es heute sehr viele Talente, und eine neue Generation von Schriftstellern wird sichtbar: ursprüngliche Potter-Fans, deren Liebe zu Büchern und Lesen von dieser außergewöhnlichen Erfahrung geprägt ist.

In welcher Weise hat Harry Potter Kinder motiviert, weiter zu lesen?

Das Harry-Potter-Phänomen führte in jenen frühen Jahren dazu, dass man sich mit Bücher und Lesen gemeinsam beschäftigte und dies übte eine große Anziehungskraft auch auf Menschen aus, die keine gewohnheitsmäßigen Leser waren.

Interessanterweise gab es zur gleichen Zeit in den späten 90er Jahren und Anfang der 2000er Jahre viele wirklich positive Initiativen zum Thema Lesen und Lese-/Schreibkompetenz, die diese Entwicklung förderten. Das Jahr 1998 war ein nationales Jahr des Lesens, das von der Regierung unterstützt wurde, später wurde Bookstart ins Leben gerufen, ein Programm zur kostenlosen Bereitstellung von Büchern für Vorschulkinder.

Harry Potter selbst ist ein Symbol für die Magie des Lesens, das Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten angezogen hat – und es wirkt immer noch!

Handschriftlicher erster Entwurf des 17. Kapitels von "Harry Potter und der Stein der Weisen", J. K. Rowling, Bloomsbury Publishing (aus der Sammlung der British Library)

An welchem Punkt entwickelte sich Harry Potter über eine Buchreihe hinaus zu einem kulturellen Phänomen? Gab es so etwas wie einen Wendepunkt?

In brutalen Verkaufszahlen ausgedrückt war es die Veröffentlichung des Gefangenen von Askaban – ab diesem Zeitpunkt ging es richtig los. Später kam durch die Filme ein neues Publikum hinzu, was das Feuer weiter anfachte.

Ich glaube, dass wir erst heute sicher sagen können, dass Harry Potter ein dauerhaftes, wichtiges kulturelles Phänomen ist. Seit der Veröffentlichung des ersten Buchs sind 20 Jahre vergangen und Phänomene kamen und gingen, aber Harry ist eindeutig gekommen, um zu bleiben.

Worin unterscheidet sich Harry Potter von vorangegangen erfolgreichen Serien wie Fünf Freunde oder Die Chroniken von Narnia?

Harry Potter brach sehr viele Regeln in der Welt der Kinderbücher. Früher war man der Meinung, ein Kinderbuch sollte nie länger als 60.000 Wörter sein und dass die Figuren während einer gesamten Reihe immer das gleiche Alter haben sollten.

Kommerzielle, fiktionale Buchreihen waren manchmal recht stereotyp, wenn auch mit hohem Suchtpotenzial. Man erwartete bestimmte Dinge, die diese Bücher auch lieferten. Mit Harry Potter stieß man hier in völlig neue Dimensionen vor.

Es gibt Elemente in Harry Potter, die natürlich auch in anderen Büchern enthalten sind, aber was diese Bücher so unglaublich frisch und anders machte, war die Kombination von Dingen, die sehr vertraut sind, mit einer außergewöhnlichen Explosion der Phantasie. Verbunden mit der Sicherheit bei der Erkundung extrem düsterer Themen hatte man dabei immer noch das Gefühl, ein Kinderbuch zu lesen. Das gilt heute noch genauso.

Synopsis of Harry Potter and the Philosopher's Stone by J.K Rowling, Bloomsbury Publishing (From the collection of The British Library)

Es wurde damals nicht erwartet, dass die Bücher ein Hit werden würden, warum? Wie sah die Verlagslandschaft zu jener Zeit aus?

Als 1997 das erste Buch erschien, unterhielten die meisten großen Verlage eine Kinderabteilung, aber niemand verknüpfte besondere kommerzielle Erwartungen damit. Es gibt viele Legenden über die Ursprünge von Harry Potter, zum Beispiel, dass das Buch von zwölf Verlagen abgelehnt wurde, bevor es bei Bloomsbury eintraf. Man kann jedoch nicht behaupten, dass Bloomsbury keine ehrgeizigen Ziele damit verfolgte.

Ich war damals nicht dabei, aber ich weiß, dass es spürbar Aufregung um das Buch gab. Vor dem Kauf wurde das Buch in einem Meeting unter dem Vorsitz unseres Gründers und Geschäftsführers Nigel Newton besprochen. Herr Newton gab die drei Kapitel, die er mit nach Hause nehmen durfte, seiner 8-jährigen Tochter, die ihm auf einem Zettel mitteilte, dass sie sofort den Rest lesen möchte. Obwohl die Geschichte auf große Begeisterung stieß, ist es schon wahr, dass Bloomsbury nicht allzu viel dafür bezahlte, aber damals tat das für Kinderbücher niemand. Ich gehe auch davon aus, dass was damals als erfolgreiches erstes Kinderbuch betrachtet wurde, nichts im Vergleich mit dem war, was wirklich passierte.

Inwiefern hat Harry Potter andere Jugend- und Kinderliteratur inspiriert?

Ich glaube, dass es heute eine ganze Generation von Schriftstellern gibt, die deshalb Schriftsteller geworden sind, weil sie sich wegen Harry Potter ins Lesen verliebt hatten. Das heißt aber nicht, dass es eine direkte Verbindung zwischen dem Inhalt der Harry-Potter-Bücher und ihrer Arbeit gibt.

Natürlich gab es nach Harry Potter eine Reihe von wirklich sehr erfolgreichen Buchreihen wie Biss und Die Tribute von Panem, die eigenständige Phänomene waren. Interessant an den Phänomenen der Jugendliteratur ist, dass sie eher zyklischer Natur sind, zum Beispiel dominierte die Biss-Reihe die Bestsellerlisten über drei oder vier Jahre und danach kamen die Die Tribute von Panem. Harry Potter unterscheidet sich davon, weil die Reihe so langlebig ist. Selbst letztes Jahr, am 20. Jahrestag, lag unsere normale Ausgabe von Harry Potter und der Stein der Weisen in der Liste der meistverkauften Kinderbücher auf dem 10. Platz.

Skizze von Hogwarts, J. K. Rowling, Bloomsbury Publishing (aus der Sammlung der British Library)

Was sind die Herausforderungen, wenn eine Buchreihe solch ein Erfolg wird? Können andere Bücher da mithalten?

Der Punkt ist, dass Bücher nicht wirklich miteinander im Wettbewerb stehen. So sehr man es als Verleger oder Schriftsteller auch liebt, wenn Bücher Preise gewinnen oder sich gut verkaufen – auf lange Sicht liegt der Wert von Büchern in der Erfahrung, sie zu lesen.

Nichts kann wirklich mit Harry Potter konkurrieren, denn letztendlich handelt es sich hier um ein Phänomen, das nur einmal in einer Generation auftritt. Kürzlich wurde bekannt gegeben, dass mittlerweile 500 Millionen Bücher der Reihe verkauft wurden, eine außerordentlich große Menge.
Als die Sache an Schwung gewann, gab es da Druck, die nächste große Reihe zu finden?
Zu diesem Zeitpunkt herrschte ganz bestimmt eine Art Aufbruchstimmung. Ich glaube, dass Potter konkret dies im Kinderbuch-Verlagswesen bewirkte. Man konnte dies als Druck empfinden oder als Möglichkeit, eine neue Sicht auf Kinderbücher zu bewirken.

Die Verleger waren begeistert von dem Potenzial eines Buches, ein wirklich breites Publikum zu erreichen, und die Wirkung ist auch heute noch sichtbar – der Kinderbuchmarkt wächst seit fünf Jahren kontinuierlich.

Mit welchem Argument würden Sie versuchen, jemanden, der die Harry-Potter-Bücher nicht gelesen hat, davon zu überzeugen, sie zu lesen?

Zu jemanden, der die Bücher nicht gelesen hat, würde ich sagen, dass man sich die Zeit und den Raum für die Erfahrung nehmen muss, die ganze Reihe zu lesen. Lassen Sie es zu, sich in den Geschichten zu verlieren.

Besonders für erwachsene Leser wird die literarische Breite und Ambition von Rowling im Gefangenen von Askaban deutlich. Ich glaube, es gibt einen richtigen Entwicklungssprung. Er deutet sich in Der Stein der Weisen und Die Kammer des Schreckens an und explodiert förmlich im dritten Buch. Askaban ist mein persönlicher Favorit, aber verraten Sie das bloß niemanden!

Handschriftliche Liste mit Fachlehrern und Hippogreif-Namen von J. K. Rowling, Bloomsbury Publishing (aus der Sammlung der British Library)
Words by Rebecca Fulleylove
Quelle: Alle Medien
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