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Wie sich der Tourismus seit der Grand Tour nicht verändert hat

Sonne, Meer, Sex und Kunst

Vor Hunderten von Jahren begaben sich Touristen aus Großbritannien, Deutschland und sogar Amerika auf ihre Grand Tour durch Europa und besuchten Frankreich, Italien und reisten - in einigen seltenen Fällen - sogar weiter südlich nach Griechenland.

Was ist das Besondere an dieser Zeit des Reisens vom 17. bis 19. Jahrhundert? Wir wissen, dass der Mensch seit der Antike nach nah und fern reist und der menschliche Sehnsucht nach Entdeckung nachgibt. Die Grand Tour stellte allerdings eine etwas radikalere Periode in der Geschichte des Reisens dar. Es entstand das, was wir als modernen Tourismus bezeichnen, und einige der damals entstandenen Trends sind uns seit Jahrhunderten treu geblieben.

Hier ein Blick auf 7 Arten, auf die sich der Tourismus seit über 300 Jahren nicht verändert hat.

Beliebte Routen von Reisenden auf der Grand Tour, die immer noch genutzt werden

Für die Grand Tour nach Italien gab es kein festgelegtes Programm, wie etwa:

Sixtinische Kapelle am Vormittag besuchen; mittags ein Selfie von Pincio aus mit Michelangelos Kuppel im Hintergrund schießen, mit Einheimischen ein Glas Wein auf der Piazza Navona mit Blick auf die barocke Architektur von Bernini genießen.

Oder doch? Die Touristen des 16. Jahrhunderts begaben sich auf 1- bis 3-jährige Europareisen, um die wichtigsten Meisterwerke der Kunst zu sehen – etwas, das sich nicht allzu sehr von einem modernen Auslandsjahr oder einem Studium im Ausland unterscheidet.

Eines hat sich in 300 Jahren nicht geändert: die europäischen Städte, deren Besuch sozusagen Pflicht ist, sind ziemlich die gleichen geblieben. Wir träumen immer noch davon, Paris, Rom, Venedig, Florenz und Neapel zu bereisen. Die reisenden Adeligen waren gut informiert, als sie Reiserouten für einige der bedeutendsten Kunststädte der Welt erstellten.

Die Portraits der Reisenden auf der Grand Tour sind die Vorfahren der Selfies

Damals, wenn man diese teure, prägende Reise durch Italien unternahm, um in Kunst und Kultur einzutauchen, wollte man dies anderen unter die Nase reiben, wenn man wieder zuhause war. Die wohlhabende (und erst recht gesunde) Elite, die sich eine so aufwendige Reise leisten konnte, bewies dies, indem Porträts ihrer selbst mit berühmten italienischen Landschaften im Hintergrund in Auftrag gegeben wurden. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Das Konzept des prahlerischen Selfies entstammt jedoch nicht der Grand Tour. Die Idee, sich selbst in Kunstwerken darzustellen, ist so alt wie die Zeit selbst; antike griechische und römische Büsten vermitteln uns eine Vorstellung davon, wie die Menschen danach streben, in Erinnerung zu bleiben. Doch während der Grand Tour erreichte das Reiseporträt seinen Höhepunkt. Adlige brachten Kunstwerke von Pompeo Batoni und Angelica Kauffmann mit, die beide noch heute so manche Wand in dem einen oder anderen Adelshaus schmücken.

Die Verherrlichung der „Ich habe es zuerst gesehen“-Kultur

Reisende auf der Grand Tour kamen nach Italien, indem sie die Alpen zu Fuß überquerten – im 17. Jahrhundert gab es weder Direktflüge noch Autobahnen. Das war keine einfache Reise. Warum traten sie sie also an?

In einer Welt ohne Fotografie war dies ein kleiner Preis, der zu zahlen war, um die Werke von Michelangelo und Leonardo da Vinci zu studieren oder alte Ruinen wie das Kolosseum zu zeichnen, von denen die meisten Menschen nur Geschichten gehört hatten. Wenn man einer der wenigen Privilegierten war, die Zugang zur Sixtinischen Kapelle oder zu Botticellis Geburt der Venus erlangten, dann war man tatsächlich berechtigt, zu sagen „Ich habe es zuerst gesehen“.

Kein ungewöhnliches Konzept für den modernen Tourismus. Keith Harings Fans sind mehr als glücklich, wenn man sie während einer Ausstellung im Guggenheim belauscht: „Ich kannte seine Arbeit lange vor allen anderen, als er noch ein unbekannter Graffiti-Künstler auf den Straßen von New York war.“ Die „Ich habe es zuerst gesehen“-Kultur strebte während der Grand Tour auf und besteht nun seit über 300 Jahren.

Reisende auf der Grand Tour waren wie Reiseblogger ohne Internet

„Mein Ziel bei dieser wunderbaren Reise ist nicht, mich selbst zu täuschen, sondern mich in den Objekten zu entdecken, die ich sehe.“, fasst Goethe Reiseberichte perfekt zusammen. Touristen auf der Grand Tour und moderne Touristen haben etwas gemeinsam, das sie von denen unterscheidet, die vor ihnen kamen – beide haben ein Interesse am „Geschichtenerzählen“ in Tagebüchern und Briefen, einer Erzählung, die ausschließlich von dem inspiriert ist, was auf Reisen erlebt wurde.

Die „originalen“ Reiseerzählungen, wie Joseph Addisons Remarks on Several Parts of Italy, Goethe und viele andere, haben Generationen dazu inspiriert, die Schönheit des Reisens und der Kultur nicht nur zu erfahren, sondern auch schriftlich festzuhalten.

Reisen zum Vergnügen, nicht fürs Geschäft

Was passiert, wenn eine Gruppe junger, wohlhabender Briten auf eine Gruppe italienischer, von der Renaissance inspirierter Künstler trifft? Eine großartige Zeit.

Das Konzept des Reisens um seiner selbst willen untermauerte die Grand Tour, eine Idee, die bisher fast unbekannt war. Zeit in Kunststädten verbringen, neue Kulturen erkunden und genießen, Meisterwerke sehen, von denen man nur Geschichten gehört hat - dieser Drang zur Erleuchtung stand im Mittelpunkt der Tour.

Ab dem 17. Jahrhundert wurde das Reisen zum Vergnügen mehr denn je zu einem gesellschaftlichen und modischen Trend, nicht nur unter den Briten, sondern in ganz Europa. 300 Jahre später haben wir immer noch dieses Bedürfnis nach Pausen vom Alltag und von der Arbeit.

Neapel ist immer noch ein Ziel, das „abseits der ausgetretenen Pfade“ liegt

„Neapel sehen und sterben“, ein Zitat aus Goethes Briefen aus Italien, sagt alles. Die italienische Stadt Neapel war während der Grand Tour keine der Kunststädte, die man unbedingt sehen sollte, obwohl hier außergewöhnliche Werke von Caravaggio zu sehen waren, und seltsamerweise ist das auch heute noch so. Ja, moderne Touristen strömen an die Amalfiküste, aber die authentische Kultur Neapels wird heute wie vor 300 Jahren von zu wenigen erforscht. Vielleicht bleiben die meisten Reisenden einfach an der Schönheit des nahen Roms hängen. Wie dem auch sei, Neapel und seine Authentizität haben das Herz von Goethe und unzähliger moderner Reisender nach ihm erobert. So wird die Stadt immer ein italienisches Juwel bleiben.

Sonne, Sex & Reisen – Freizeitaktivitäten der Grand Tour

Einige glauben, es sei das sonnige Klima Italiens gewesen, andere sagen, es lag am reichlichen Alkoholgenuss, aber was auch immer die Ursache war: während der Grand Tour gab es so einige „sündige“ Momente hinter verschlossenen Türen. Tony Perrottet, Autor von The Sinner's Grand Tour, gewährt uns einen Einblick in die verruchte Seite des damaligen Tourismus.

Es war einfach, in diesen prägenden Jahren der Versuchung nachzugeben. Schließlich handelt es sich um eine vor-viktorianische Zeit, in der Casanova aus Venedig den Gelegenheitssex verherrlichte und erotische Badezimmerfresken – gemalt vom großen Raffael selbst – den Vatikan schmückten.
Der Sex ohne Verpflichtungen ist zwar keine Erfindung der Grand Tour, doch entstanden nun Geschichten, die selbst moderne Reisende 300 Jahre später noch erröten lassen.

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