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Die Kunst, die Touristen in Scharen auf eine Grand Tour nach Italien lockte

Es gab viele Gründe dafür, dass Reisende im 18. und 19. Jahrhundert beschlossen, auf eine Grand Tour durch Europa zu gehen. Der wichtigste war aber ganz sicher, die Kunstschätze Italiens aus der Antike und der Zeit der Renaissance zu bewundern. Tatsächlich tun viele das heute noch.

Wer auf einer Grand Tour unterwegs war, besuchte nicht nur die größten Schätze der Geschichte, sondern gab auch häufig neue Kunstwerke in Auftrag. Oft ließen sich wohlhabende Reisende von professionellen Zeichnern begleiten, deren einziger Zweck darin bestand, Souvenirs zum Mitnehmen nach Hause zu schaffen. Wenn dies nicht möglich war, ließen sie sich Kunstwerke in Italien anfertigen. Ein während der Zeit der Grand Tour sehr beliebter Zeichner war Giovanni Battista Piranesi; seine Drucke werden noch heute in den Adelsfamilien von Generation zu Generation weitergegeben. Einige kreativer veranlagte Touristen zeichneten selbst ihre italienischen Landschaften. Das Erlernen der Kunst aus erster Hand war letztendlich für eine solche prägende intellektuelle Reise von zentraler Bedeutung.

Begeben Sie sich auf einen virtuellen Rundgang durch die Hotspots der Kunst Italiens von Rom bis Venedig und entdecken Sie die Kunst, der die Reisenden der Grand Tours nachjagten, sowie die Kunstwerke, die sie selbst schufen.

Rom: die Hauptstadt der Welt

Das Basisprogramm einer Grand Tour durch Italien bestand aus Besuchen in so obligatorischen Städten wie Venedig, Florenz, Neapel und manchmal auch Sizilien. Und dann war da natürlich Rom. Jede dieser italienischen Städte war von immenser historischer Bedeutung in Bezug auf die griechisch-römische Antike, die Kunst und Kultur der Renaissance und ihre Barockarchitektur. Aber Rom hatte von alldem etwas.

Rom galt als die ultimative Station der Grand Tour, weil es sowohl das Tor zu einer jahrtausende zurückliegenden Epoche als auch ein modernes Wunderwerk barocker Kunst und Architektur darstellte. Es wurde als Stadt Ciceros, Geburtsort von Julius Caesarund Heimstatt einiger der bedeutendsten Werke Michelangelos gepriesen.

Nachdem die Touristen bisher nur Geschichten über Meisterwerke wie die Sixtinische Kapelle gehört hatten, verstanden sie, dass ein persönlicher Besuch der Stadt der einzige Weg war, italienische Kunst und Kultur hautnah zu erleben.

Gian Lorenzo Berninis barocke Meisterwerke hinterließen in ganz Rom ihre Spuren und machten außergewöhnliche Kunst an Orten wie der Piazza Navona und der Spanischen Treppe zu einer alltäglichen Erfahrung. Die Touristen wurden von Orten wie dem Titusbogen, dem Kolosseum und der Porta del Popolo angezogen.

"Soll ich jemals die Empfindungen vergessen, die ich beim langsamen Abstieg über die Hügel und beim Überqueren der Brücke über den Tiber erlebt habe, als ich eine Allee zwischen Terrassen und verzierten Toren von Villen betrat, die zur Porta del Popolo führt..." – William Beckford, Brief von der Grand Tour, 1780

Venedig: die schwimmende Stadt des Reichtums und der Kunst

Venedig wird oft als eine der faszinierendsten und magischsten Städte der Welt angesehen, was auch bei den Reisenden der Grand Tours nicht anders war. Es war ein Pflichtpunkt auf jeder Grand Tour, vor allem wegen des Reichtums, den die Stadt durch Handel und eine mächtige Marine angehäuft hatte. Für einen britischen Reisenden des 18. Jahrhunderts waren dies bewundernswerte Eigenschaften.

Dieser Ruf mag der Grund gewesen sein, der die Touristen nach Venedig lockte, aber Kunst und Kultur der venezianischen Renaissance brachten sie dazu, immer wiederzukommen.

Die Touristen besuchten Venedig, um Bilder der großen Maler wie Giovanni Bellini, Jacopo Bassano zu sehen und natürlich wollte man eine Skizze von Giovanni Battista Piranesi mit nach Hause nehmen.

Ein sehr bekannter Maler von Stadtansichten war Canaletto. Seine ausgeprägte Liebe zum Detail hob ihn von anderen ab; er hielt lebensechte Szenen fest, die den Touristen das Gefühl gaben, dass sie fast ein wirkliches Stück der Stadt mit nach Hause nehmen würden.

Pompeji & Neapel: antike Ruinen, Sonne & Licht

Es gab einige Reisende, die sich auf ihrer Grand Tour für weniger besuchte Städte einsetzten und oft den direkten Weg nach Neapel nahmen – in das Land der Sonne, der Kultur, der Opera buffa und einiger der großen Werke Caravaggios. Neapel war im späteren Teil der Grand Tour ein beliebtes Ziel für britische Touristen, wobei Reisende wie J. W. Goethe die Stadt besonders priesen.

„Neapel ist ein Paradies, jedermann lebt in einer Art von trunkener Selbstvergessenheit. Mir geht es ebenso, ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch. Gestern dacht' ich: »Entweder du warst sonst toll, oder du bist es jetzt«.“ – Goethe

Orte wie Pompeji und Herculaneum trugen dazu bei, dass man auf der Suche nach den Ruinen, die die Gegenwart mit ihren historischen Wurzeln verbanden, weiter in den Süden Italiens reiste. Als die italienischen Behörden 1738 mit den Ausgrabungen von Herculaneum und 1748 in Pompeji begannen, hatte man als Tourist noch mehr Grund, in die Geheimnisse einer antiken Vergangenheit einzutauchen... und dabei ein wenig Sonne an der Küste zu genießen.

Florenz: Britischer Adel trifft auf Hochrenaissance

Florenz wird als Geburtsort der Renaissance bezeichnet, weshalb dieses Reiseziel bei der Grand Tour nur selten ausgelassen wurde. Florenz war, einfach ausgedrückt, ein Paradies der Kunst – ohne Zweifel dank der kunstvollen, beeindruckenden Architektur, die beispielsweise in der Kathedrale von Florenz und der Kuppel Filippo Brunelleschis sichtbar ist.

Doch gab es eine Attraktion, die fast perfekt mit der Ankunft des Tourismus in Italien zusammenfiel – die Idee von Cosimo I de' Medici, die Kontrolle über eine Reihe von florentinischen „Büros“, besser bekannt als die „Uffizi“ oder „Uffizien“, zu erlangen. Diese Verwaltungsbüros sollten bald sowohl Verwaltungs- als auch Gerichtsgebäude werden, mit einer Galerie im zweiten Stock, damit die neu erworbene Kunst angemessen genossen werden konnte.

Die Galerie der Uffizien, wie wir sie kennen, ist erst seit 1765 für die Öffentlichkeit zugänglich, aber einige glückliche Reisende (die zum größten Teil selbst Adlige oder von hohem sozialen Status waren) wurde während ihrer Grand Tour ein Blick auf die Werke von Leonardo da Vinci und Michelangelo gewährt.

Als er die Sammlung der Uffizien sah, sagte Thomas Beckford, ein bekannter Kunstsammler...

“…Ich fiel in ein entzücktes Delirium, das nur Seelen wie wir erleben, und unfähig, meine Verzückung zu kontrollieren, flog ich wahnsinnig von Büste zu Büste und Schrank zu Schrank, wie ein Schmetterling verwirrt in einem Universum von Blumen...“

Die Uffizien sind nach wie vor eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten von Florenz.

Words by Louise Vinciguerra
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