Editorial Feature

Wie kuratiert man eine Ausstellung über Magie?

Hintergrundinformationen zur Ausstellung "Harry Potter: A History of Magic"


Die faszinierende Ausstellung Harry Potter: A History of Magic (Harry Potter: Eine Geschichte voller Magie) in der British Library fachte unsere Neugier auf die Welt der Magie neu an. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des ersten Harry Potter-Buchs von J. K. Rowling führte uns die Ausstellung auch in die Zeit zurück, in der Magie und Mythos ihren Anfang nahmen.

Die Ausstellung wurde in Räume aufgeteilt, die den in Hogwarts gelehrten Fächern entsprechen, zum Beispiel "Zaubertränke", "Wahrsagen" und "Verteidigung gegen die dunklen Künste". Diese sind ein Spiegel der Geschichten, die die British Library anhand einer Reihe faszinierender Online-Exponate auf unserer Plattform veröffentlicht hat.

In der realen Ausstellung sahen die Besucher – neben originalen, noch nie gezeigten Entwürfen und Zeichnungen von J. K. Rowling und Jim Kay – seltene Bücher, Manuskripte und magische Gegenstände aus der Sammlung der British Library, die die Traditionen von Brauchtum und Magie darstellen. Von der Ripley-Schriftrolle aus dem 16. Jahrhundert, die erklärt, wie man einen Stein der Weisen erschafft, bis hin zur Möglichkeit, den Nachthimmel auf einer großen Himmelskugel mithilfe Augmented Reality zu studieren, wurde eine Welt voller Magie enthüllt.

Um besser zu verstehen, was nötig ist, um eine Ausstellung über etwas so Vielfältiges und Geheimnisvolles wie Magie zu kuratieren, sprachen wir mit dem Lead Curator der Ausstellung, Julian Harrison. Er berichtet uns von dieser Mammutaufgabe und den Herausforderungen, mit denen das Team konfrontiert war.

"Sie werden viele Probleme bekommen", in "Wie man die Zukunft aus Teeblättern liest", übersetzt aus dem Chinesischen von Mandra, 2. Ausgabe, 1925 (aus der Sammlung der British Library)
Sloane-Schriftrolle (aus der Sammlung der British Library)
Harry Potter: A History of Magic exhibition view, The British Library

Warum braucht die Welt diese Ausstellung Ihrer Meinung nach – unabhängig vom Anlass des 20-jährigen Jubiläums von Harry Potter?

Die Menschen waren schon immer an der Geschichte der Magie und an der Welt um sie herum interessiert. Das ist es, was wir beim Aufbau der Ausstellung festgestellt haben, und die Reaktion der Öffentlichkeit hat dies bestätigt. Es herrscht eine weltweite Faszination an Dingen, die unerklärlich sind.

Jede Ausstellung muss ein zentrales Thema haben, das die Menschen inspiriert und einbezieht. In diesem Fall sind die Geschichte der Magie sowie die Traditionen und die Mythologie, die damit zusammenhängen, das eigentlich Faszinierende.

Warum ist die British Library hierfür der perfekte Ausstellungsort?

Wir sind eine der größten Bibliotheken weltweit mit ungefähr 200 Millionen Exponaten. Wir besitzen eine unglaubliche Vielfalt an Materialien, nicht nur von den Britischen Inseln, sondern aus der ganzen Welt, was uns für diese Art Ausstellung geradezu prädestiniert.

Besonders begeistert waren wir davon, dass wir in unseren asiatischen und afrikanischen Sammlungen Zaubereihandbücher aus Äthiopien, chinesische Orakelknochen sowie alle möglichen anderen Dinge fanden, die für das Thema relevant waren.

Wie kuratiert man eine Ausstellung über Magie? Wie haben Sie angefangen?

Wir hatten etwa ein Jahr Zeit, um diese Ausstellung zusammenzustellen. Das heißt, dass wir die Exponate sehr schnell auswählen mussten, da wir gleichzeitig auch das Design der Ausstellung und das zugehörige Buch entwarfen.

Wir sind sehr froh darüber, dass wir uns frühzeitig dafür entschieden haben, den Schwerpunkt auf die verschiedenen Fächer des Hogwarts-Lehrplans zu legen. In Bezug auf die Astronomie mussten wir zum Beispiel eine Bestandsaufnahme der verschiedenen Arten von Material machen, die uns zur Verfügung standen, und mögliche Exponate vorschlagen. Eines davon war ein beeindruckender Himmelsglobus, ein anderes Leonardo Da Vincis Notizbuch. Im Anschluss daran mussten geeignete Objekte gefunden werden, die die Geschichte der Astronomie darstellen. Anhand von Gegenständen wie dem ältesten Atlas des Nachthimmels in unserer chinesischen Sammlung konnten wir eine Erzählung dazu beginnen.

Ein Phönix, in "L'Histoire et description du Phoenix" von Guy de la Garde, 1550 (aus der Sammlung der British Library)
Ein explodierter Kessel, 20. Jahrhundert (aus der Sammlung der British Library)
Harry Potter: A History of Magic exhibition view, The British Library

Halten Sie sich beim Kuratieren an ein bestimmtes Verfahren?

Das hängt vom Projekt ab. Beim Aufbau einer Ausstellung folge ich der Philosophie, Objekte zu wählen, die ansprechend, aber auch lehrreich sind. Das ist für Besucher der Ausstellung vor Ort und im Internet sehr wichtig. Außerdem muss eine Verbindung zwischen den Exponaten bestehen.

Welche Beziehung besteht zwischen den auf Harry Potter basierenden Exponaten und dem realen Archivmaterial?

Es war eine interessante Arbeit, eigene Zeichnungen und Entwürfe von J. K. Rowling aus den Büchern mit der Geschichte der Ausstellung zu verknüpfen. Bei der Auswahl der Exponate aus der British Library waren wir sehr darauf bedacht, Objekte zu finden, die einen Bezug zu den Harry-Potter-Geschichten hatten. Zum Beispiel wird die Schilderung über den Anbau einer Alraune im naturkundlichen Teil der Ausstellung präsentiert. Wir haben versucht, die historischen Beispiele für ihre Ideen neben die Darstellung in den Büchern zu platzieren.

Was können Sie uns sonst über die Atmosphäre sagen, die in den Ausstellungsräumen geschaffen wurde?

Wir haben sehr eng mit den Designern von Easy Tiger zusammengearbeitet und jeder Bereich wurde etwas unterschiedlich gestaltet. Die Ausstellung ist ein Weg durch die verschiedenen Fächer und überall gibt es interessante Details zu entdecken.

Im Bereich "Zaubertränke" ist die Beleuchtung der Form von Kesseln nachempfunden. Im Bereich "Astronomie", der in das Licht des Nachthimmels getaucht ist, hängen Teleskope von der Decke und im Bereich "Magische Geschöpfe" gibt es eine Wand aus Kreaturen, die ständig am Besucher vorbeiströmen.

Skizze von Hogwarts, von J. K. Rowling (aus der Sammlung der British Library)
John Evelyn, Hortus Hyemalis oder Pflanzensammlung, 1645 (aus der Sammlung der British Library)
Harry Potter: A History of Magic exhibition view, The British Library

Worin bestanden die Herausforderungen bei diesem Projekt?

Zum einen war es anspruchsvoll, die Ausstellung so zu gestalten, dass sie für alle Besuchertypen attraktiv ist. Es kamen dann viel mehr Familien als üblich und darauf sind wir stolz.

Gelegentlich mussten wir Exponate umstellen, weil sich keine Interaktion mit den anderen Objekten ergab. Die sechs Meter lange Ripley-Schriftrolle stellte auch eine interessante Herausforderung dar – wo gibt es ausreichend Platz dafür, sodass der Besucherstrom nicht beeinträchtigt wird? Es war außerdem nicht einfach, den Himmelsglobus so zu platzieren, dass er voll zur Geltung kommt.

Gab es etwas, was nicht funktionierte und deshalb nicht in die Ausstellung aufgenommen werden konnte?

Bei der Entscheidung, welche Themen in der Ausstellung behandelt werden sollten, spielten wir mit "Eine Geschichte voller Magie", aber so wie diese in den Büchern beschrieben wird, geht es dabei um Rebellionen von Kobolden und dergleichen.

Es war unvermeidlich, dass wir mehr zusammentrugen, als wir zeigen konnten – das war eine der Schwierigkeiten. Unsere Entscheidungen basierten auf einem intensiven Prozess, bei dem wir verschiedene mittelalterliche Schriften analysierten und uns darüber Gedanken machten, mit welcher wir die beste Geschichte erzählen konnten.

Tea-Cup Reading and the Art of Fortune-Telling by Tea-Leaves, von einem Wahrsager/einer Wahrsagerin aus den Highlands, 1920 (aus der Sammlung der British Library)
Kristallkugel mit Sockel, 19./20. Jahrhundert (aus der Sammlung der British Library)
Harry Potter: A History of Magic exhibition view, The British Library

Welchen Druck empfanden Sie, etwas mit einem solch starken Kultcharakter unbedingt richtig machen zu müssen?

Der Druck kam durch die Leidenschaft der Fans. Es war mir sehr wichtig, die Geschichten nicht zu verfälschen und etwas zu schaffen, das jeder Ausstellungsbesucher zu schätzen weiß – nicht nur die Harry-Potter-Fans.

Die Reaktion der Öffentlichkeit war unglaublich. Wir haben viele Menschen sehr glücklich gemacht, das hatten wir so niemals erwartet. Es hat sich also gelohnt, dass wir so viel Zeit und Energie investiert haben.

Welche Reaktion war die beste, die Sie bezüglich der Ausstellung erhalten haben?

Am Ende der Ausstellung gibt es eine Wand, an der man Kommentare zur Ausstellung hinterlassen kann – eine spannende Lektüre für einen Kurator. Diese Kommentare kommen von Kindern, Erwachsenen, vielen internationalen Besuchern. Einige hinterlassen Zeichnungen und andere schreiben, welches ihre Lieblingsexponate waren. Viele Menschen teilen mir mit, dass sie ein völlig neues Objekt entdeckt haben, das sie total faszinierte – für mich heißt das, dass wir gut gearbeitet haben.

Hexenkunst der Kapitänin Elin, 1700 bis 1800 (aus der Sammlung der British Library)
Liebeszauber, 20. Jahrhundert (aus der Sammlung der British Library)
Einhörner, in "Histoire générale des Drogues, traitant des plantes, des animaux et des mineraux" von Pierre Pomet, 1694 (aus der Sammlung der British Library)

Haben Sie im Laufe des Projekts neue Erkenntnisse über die Magie gewonnen?

Das Projekt erinnert stark daran, dass frühere Generationen in einem Maße mit der natürlichen Welt verbunden waren, das uns heute fehlt. Früher nutzten die Menschen natürliche Substanzen und wussten dabei genau, wie sie in Kombination Schutz boten oder Krankheiten heilten. Wir haben uns davon entfernt. Wenn wir krank sind, wenden wir uns an Ärzte oder Apotheker.

Was haben Sie aus der Arbeit an einer solchen Ausstellung in Bezug auf die Kuration gelernt?

Dies ist mittlerweile die dritte große Ausstellung, für die ich verantwortlich bin. Ich habe eine über die Magna Carta, Shakespeare und nun Harry Potter geleitet. Jede davon war eine Lernerfahrung, aber diese hat uns im Hinblick auf das Thema und die Art, wie wir es kreativ umgesetzt haben, eine ganz neue Dimension eröffnet. Die Reaktion der Öffentlichkeit war wirklich wichtig und wird uns dazu bringen, in Zukunft gemeinsam mutigere Entscheidungen zu treffen.

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