Atelier Thomas Kosma

Thomas Kosma. Bildhauer

Die Wahl des Materials hat mit der Form zu tun. Nur mit der Form. Material und Form bedingen einander.

Bacon and Ribs war meine Diplomarbeit. Zuerst habe ich mich zeichnerisch Francis Bacon genähert. Ich habe die Zeichnung immer weiter reduziert, um in den Raum gehen zu können.

Spareribs. Rippenstücke, variabel: auf dem Boden liegend, gegen die Wand gelehnt. Schwarz: dunkler Zement. Rost- ­rot: mit Gußeisen vermischt. Das Ganze rostet in sich.

Überall Rippenstücke, auf Sockeln und am Boden. Flat Ribs. Ein Stück Fleisch mit Knochen. Das war die Vorlage. Zitate der Anatomie. Weil man der Materie näherkommt, wenn man von ihr abstrahiert.

Knochen formen die menschliche Figur. Knochen tragen die menschliche Figur. Knochen sind zerbrechlich. Knochen sind ein Symbol des Todes. Knochen sind oft das einzige, was übrigbleibt. Knochen und künstlerische Artefakte

In situ ist die Rekonstruktion einer Hockerbestattung, früh- ­bronzezeitlich. Was Knochen war, ist Metall.

Das ist das Archäologische: das Kulturelle und das Natürliche. Eine Urform gibt es nicht, nur das Artefaktische.

Das sind alles Erinnerungsstücke. Nicht Natur, sondern kulturelle Zeichen. Das ist immer interpretierte Natur.

Durch die Verfremdung ist der naturalistische Eindruck stärker als durch die Nachbildung.

Das Mammut war eine Auftragsarbeit. Das steht in Nußdorf ob der Traisen, vor dem Urzeitmuseum. In Originalgröße. Aus Beton, mit Stoßzähnen aus Kunststoff.

Ich bin mit Archäologie aufgewachsen. Meine Mutter restauriert historische und vorgeschichtliche Keramik.

Kontrapost. Standbein und Spielbein.Das Standbein ist aus Stahl und das Spielbein ein Betonguss. Ausgangspunkt war ein Hüftknochen und eine Gelenkschale. Ein Hüftknochen, kombiniert mit einer Wade. Innere Struktur und äußere Erscheinung.

Pas de deux ist ein Tanz: Berührung, Verschmelzung, Teilung. Eine Figur geht aus der andern hervor und wieder in die andere über. Der männliche und der weibliche Teil. Und der Raum zwischen den Teilen. Weil Formen auch den Raum dazwischen definieren.

Männliche Figur. Pfahl. Das ist eine Schiene, zerschnitten und gegengleich montiert. Den Spitz hab ich hinzugefügt. Das Stück stammt von der Nußdorfer Zahnradbahn.

Doppelmond im Stier. Picasso zugeeignet, seinem Stierkopf aus Fahrradsattel und –lenkstange. Auch meine Skulptur ist ein objet trouvé. Die Mondhälften habe ich gefunden, und den Eisenblock auch.

Januskopf. Die oberen Teile, die Kopfformen sind Fund- ­stücke. Der Hals ist gemacht, der Sockel. Der Sockel ist Teil der Skulptur.

Auseinander. Der Titel ist Teil der Skulptur, in Metallbuch­- staben auf den quadratischen Sockel geschrieben, die einzelnen Silben, eine auf jeweils eine Seite des Sockels: AUS EIN AN DER. Die vier Stelen sind auch aus einem Block geschnitten. Ein 500 Kilogramm schweres Stück Metall. Das Metallstück war ein Fundstück.

Ich sammle Material auf Vorrat. Bis es soweit ist.

Die vier Stelen waren ursprünglich ein Block. Der wurde zerschnitten, und die Teile habe ich wieder zueinander in Beziehung gesetzt. Die unterschiedliche Biegung der Stelen ist eine Folge der Schneidhitze. Das ist Zufall. Kalkulierter Zufall. Die Metallarbeit wird im Schnitt wieder organisch.

Um die Schwingung aufzufangen, wenn man gegen eine der Stelen schlägt – um die Skulptur zum Klingen zu bringen, genügt ein Schlag mit der flachen Hand – der Klang hat die Intensität einer Kirchenglocke – um die Schwingung auf­- zufangen, sind die Stelen miteinander verbunden, mit einer Distanz.

Die Distanz habe ich selbst eingeschweißt. Als Bildhauer bin ich immer auch Handwerker. Alle Arbeiten entstehen im Austausch mit Handwerkern. Machen oder machen lassen – das hängt von den technischen Möglichkeiten ab.

Mein Lieblingswerkzeug ist der Winkelschleifer.

Die Female Ribs wurden in der VOEST geschnitten. Die Vorlage ist eine 7. weibliche Rippe: der Schlagschatten davon. Der fotografische Schlagschatten, transformiert in den Raum.

Drei verschieden große Rippen, und jede ist absolut harmonisch ausbalanciert. Jede Rippe hat ihr eigenes Gleichgewicht. Die größte Rippe wiegt 550 Kilo und ist 3 Meter lang. Das ist ein Drittel der idealen Größe. Die Skulptur soll Adam heißen, als 7. Rippe der Frau. Adam soll 10 Meter lang werden und in einem Außenraum stehen, in Beziehung zu einem fließenden Gewässer.

Die Skulptur soll bewegt werden können, von jedem, mit der Hand. Sie soll schaukeln.

Die Statik entsteht automatisch, aus dem Arbeitsprozeß. Der Raum für die Skulptur, den habe ich immer im Kopf.

Lucas Cejpek. Schriftsteller

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