Dargestellt ist die Entschlafung Mariens, ein Bildthema, das sich aus apokryphen Quellenschriften speist, von denen die wichtigste ein mit »Transitus Mariae« überschriebener Text eines anonymen Autors (Pseudo-Meliton) ist, der von Gregor von Tours (538–594) modifiziert wurde. Aufgrund dieser Vorlagen redigierte Jakobus da Voragine seine Version des Geschehens für die Legenda aurea, eine Sammlung mit den Lebensbeschreibungen der Heiligen. In allen Quellen wird zwischen verschiedenen, zeitlich aufeinanderfolgenden Ereignissen unterschieden: Marias Bitte, im Kreise der Apostel, Patriarchen und Engel sterben zu dürfen, ihrer eigentlichen Entschlafung, den Exequien (Trauerfeier), der Grablegung sowie der Auferweckung und Himmelfahrt. Giotto hat mehrere Elemente dieser Ereignisse auf der Berliner Tafel in einer einzigen Darstellung synthetisiert. Das Sujet des Bildes ist hier demnach weniger als »historia« (Bilderzählung) zu bezeichnen, sondern vielmehr als eine ohne zeitliches Kontinuum formulierte Inszenierung des Totenkults, als Darstellung des Rituals gemeinschaftlicher Erinnerung aufzufassen.
Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht wunder, dass Giottos Komposition zahlreiche Verweise auf das mittelalterliche Bestattungsritual enthält. Dazu zeigt die Tafel Anwesende verschiedener Kategorien: Neben den Aposteln kommt insbesondere den Engeln eine wichtige Rolle zu. Bei Exequiendarstellungen und in der Grabmalsikonografie treten sie als Liturgen auf und spenden – dem Text der Apokalypse folgend – den Weihrauch. Hier übernimmt ein Engel in der rechten Bildhälfte
diese Aufgabe. Mit vollen Wangen bläst er in ein Rauchfass, um die Glut darin zu entfachen. Zudem sind, am linken Bildrand, Frauen gegenwärtig, die Gefährtinnen Mariens. Sie können gleichzeitig als Verweise auf die zum Trauergeleit gehörenden Frauen im realen Bestattungskult verstanden werden. Neben dem Sarkophag steht ferner beidseitig ein Engelpaar mit speziellen gedrehten Kerzen, die beim Sterbesegen entzündet wurden. Es folgte die Totenklage. Auf der Berliner Tafel vollführen die prominent über dem Haupt Mariens positionierten Apostel Gesten der Trauer. Der Klerus versammelte sich anschließend zur Vigil, die Bußpsalmen wurden gelesen, und der Körper wurde mit Weihwasser besprengt. Wir sehen Petrus auf der linken Seite aus den Psalmen rezitieren, während Andreas, in grüner Gewandung, von rechts das Aspergill mit dem Weihwasser führt. In anschließender Prozession geleitete man den Leichnam unter Gebet und Gesang zu Grabe.
Wenn sich diese Momente des Geschehens auf dem Bild allesamt finden lassen, dann deshalb, weil das Flachgiebeldossale um 1310 auf einem am Lettner befindlichen Seitenaltar des Florentiner Humiliatenkonvents zu Ognissanti aufgestellt war, der explizit der Verrichtung von Totenoffizien und Memorialgottesdiensten zugeeignet war. Unmittelbar vor ihm befanden sich Bodengräber. Das Kultbild war demnach thematisch auf das liturgische Ritual abgestimmt, das sich davor ereignete,
während das Zeremoniell selbst wiederum eine visuelle Überhöhung durch das im Altarbild inszenierte Geschehen erhielt. Mit der Entschlafung Mariens verbindet sich die christliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Das kultische Handeln um Tod und Memoria war für den Humiliatenorden von großer Bedeutung, denn mit dieser seelsorgerischen Tätigkeit waren wichtige Einnahmen verbunden, die den Mönchen durch Anteile am Nachlass Verstorbener zukamen. Als 1296 der innerstädtische Friedhof in Florenz aufgelöst wurde, zählte der außerhalb des Stadtzentrums
gelegene Konvent von Ognissanti für einige Jahre zu den wichtigsten Kirchen für den Bestattungskult, da sich in unmittelbarer Nähe ein großer Friedhof befand, der unbeschränkt ausgedehnt werden konnte. Dieses für die Existenz des Ordens wichtige Bildwerk gaben die Mönche bei dem bedeutenden Florentiner Maler Giotto di Bondone in Auftrag, der es, auf der Höhe seines reifen Schaffens, um 1310 ausführte. Die tiefenräumliche Erscheinung des Geschehens ist durch die Positionierung massiver Figuren und ihre säulenartige Staffelung erwirkt. Bildeinführend kniet einer der Apostel vor dem bildparallel gestellten Sarkophag mit dem darauf ausgestreckten Körper Mariens. Dahinter wird die in hellem Gewand mittig stehende Figur Christi von zwei Aposteln in grüner Toga flankiert. In der rosa- und cremefarbenen Gewandung ist die Gestalt Christi mit den Engelpaaren verbunden, die links und rechts vom Sarkophag stehen: Vorder- und Mittelgrund sind durch derartige Farbklänge kunstvoll miteinander verwoben. Von der mittig vor dem Sarg knienden Figur des Engels entfaltet sich die Handlung hinüber zu den Seiten, hin zum Blau des links stehenden Engels, der seine Hände ringt, und zu jenem auf der rechten Seite, der seine Ellenbogen in seinen Umhang hineindrückt. Es ist auch die prononciert vorgetragene Körperlichkeit, die Giottos Figuren von der vorhergehenden byzantinischen Formensprache abhebt, weshalb der Maler seit frühester historiografischer Tradition als Vater der modernen Malerei gilt.
Im Verlauf seiner bewegten Geschichte hat die Malschicht des Berliner Retabels stark gelitten. Das Flachgiebeldossale wurde im Zuge diverser Umgestaltungen der Ognissanti-Kirche (Entfernung des Lettners und Barockisierung des Raums im 16. Jahrhundert) von seinem Altar entfernt, schließlich veräußert und gelangte im 19. Jahrhundert nach England in die Sammlung des Reverend Walter Davenport Bromley. 1913 wurde es von dem Londoner Kunsthändler Robert Langton Douglas erworben, der es dem Kaiser Friedrich Museumsverein verkaufte. Nachdem dieses wichtige Werk zunächst hinsichtlich der Autorschaft diskutiert wurde, gilt es inzwischen unbestritten als autografes Werk des großen Florentiner Meisters, Farbkomposition und Figurenstil bestätigen dies. Stephan Weppelmann | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019
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