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Der Dornauszieher

Unbekannt-225/-200

Altes Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Altes Museum, Staatliche Museen zu Berlin

Nur der Torso der Marmorstatue ist antik. Kopf, Arme, Beine, Fels und Basis hat der Bildhauer Emil Wolff ergänzt nach einer frühaugusteischen Bronzefigur im Konservatorenpalast in Rom. Dieser Spinario war wohl nie unter die Erde gekommen; er wird bereits Mitte des 12. Jahrhunderts von einem Oxforder Magister Gregorius in seinem Führer »Über Wunderdinge der Stadt Rom« erwähnt und ist eine der seit der Frührenaissance gerühmten, oft gezeichneten und kopierten antiken Statuen, z. B. von Filippo Brunelleschi 1401 für den Entwurf der Bronzetür des Nordportals am Baptisterium San Giovanni in Florenz. Dargestellt ist ein Knabe, der auf einem Felsblock sitzt und den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel gelegt hat. Er beugt sich vor, umfasst den Rist mit der linken Hand und bemüht sich, mit Daumen und Zeigefinger der Rechten einen Dorn aus der Fußsohle zu ziehen. Die Komposition lenkt den Blick auf die Aktion der Hände am verletzten Fuß. Im Gegensatz zu der natürlichen Bewegung des nackten Jungen hängt das lange Haar der Bronze- und Marmorfiguren nicht herunter, sondern es liegt kunstvoll frisiert mit eingedrehten Locken und einem doppelten Knoten über der Stirn. Der Kopf mit dem ›klassischen‹ Profil gehört nicht zu diesem Knabenkörper, sondern der römische Kopist hat die hellenistische Figur mit dem Kopf eines stehenden Knaben von einem griechischen Original um 460 v. Chr. veredelt – ein Stilbruch, der häufig an römischen Nachbildungen griechischer Statuen zu beobachten ist. Eine römische Marmorkopie des Dornausziehers aus der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. im British Museum London, 1874 auf dem Esquilin in Rom gefunden und aus der Sammlung Castellani erworben, überliefert das hellenistische Vorbild mit einem jungenhaften, kurzgelockten Kopf und kindlichen Zügen, den Mund in der Anspannung leicht geöffnet, bruchlos auf einem stärker bewegten und gedrehten Körper. Wie vorbildlich diese Darstellung eines einfachen Hirtenjungen bereits bald nach seiner Erfindung gewirkt hat, zeigt eine ins Groteske übersteigerte Tonfigur aus Priene, die in einem ›Herrenzimmer‹ (andron) des 2. Jahrhunderts v. Chr. gefunden worden ist. Wie bei der Statue des alten Fischers wird nicht die Idylle vom ›fröhlichen Landleben‹ geschildert, sondern die beschwerliche Wirklichkeit harter körperlicher Arbeit. Ein barfüßiger Hirtenjunge hat sich auf einen Felsbrocken gesetzt, um einen schmerzhaften Dorn aus dem Fuß zu entfernen. Von all dem sind die römischen Kopien unberührt. Ob der kaiserzeitliche Torso in Berlin nun wie die eklektisch klassizistische Variante des »Spinario« oder wie die hellenistische Version des Dornausziehers Castellani zu ergänzen ist: In jedem Fall diente er wie andere Statuenkopien als Dekoration vermutlich im Garten der Villa eines noblen römischen Kunstkenners.

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  • Titel: Der Dornauszieher
  • Ersteller: Unbekannt
  • Datierung: -225/-200
  • Ort: Villa Aldobrandini, Rom
  • Abmessungen: h82,5 cm
  • Typ: Sculptur
  • Material: Marmor
  • Sammlung: Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
  • Inv.-Nr.: Sk 485
  • ISIL-Nr.: DE-MUS-814319
  • Externer Link: Altes Museum, Staatliche Museen zu Berlin
  • Copyrights: Text: © Scala Publishers / Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin / Andreas Scholl Audio: © Tonwelt / Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz || Photo: © b p k - || Photo Agency / Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin / Johannes Laurentius

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