01.06.2006 scheinschlag
WM im Kiez
UM ÖFFENTLICH FUSSBALL ZU FEIERN,
MUSS MAN NICHT UNBEDINGT ZU ADIDAS
Die Fußball-Weltmeisterschaft kann man, muss man aber nicht
zu Hause vor dem Fernseher verfolgen. Im Zentrum der Stadt gibt
es zahlreiche Alternativen: Auf der Straße des 17. Juni, der offi-
ziellen Fanmeile
Berlins, werden die Spiele auf LED-Großlein-
wänden übertragen, ebenso im Sony-Center (durch das ZDF), am
Platz der Republik vor dem Reichstag (adidas), auf dem Kultur-
forum (»Heimatklängew)
, in der Kulturbrauerei oder im Pfeffer-
berg. Man muss sich aber gar nicht so weit weg bewegen. Wer die
Anonymität der Massenveranstaltungen nicht mag und im Kiez
bleiben will, dem sei das Kunsthaus ACUD empfohlen: Auf dessen
Vorplatz an der Veteranenstraße werden sämtliche Spiele auf ei-
ner Großleinwand gezeigt - in kleinerem Maßstab bei freiem Ein-
tritt und mit der Möglichkeit, in der Kantina, preisgünstig ein
entsprechendes Nationalgericht zu bekommen.
Kommentatorenwettbewerb und Panini-Tausch-
börse
Natürlich kann man auch einfach in die Kneipe gehen: überall,
wo ein Fernseher steht, wird er wohl auch angeschaltet. Viele zei.
gen die Spiele auch auf einer Leinwand. Besondere Gebühren für
den Veranstalter fallen dafür übrigens nicht an. Wenn für das
» Public Viewing kein Eintritt erhoben wird und auch keine Spon-
sorenwerbung stattfindet, sind nur die üblichen GEMA-Gebüh-
ren zu entrichten. Etwas Besonderes hat sich die Buchhandlung
in der Tucholskystraße 32 einfallen lassen: dort finden zu den
Spielen Kommentatorenwettbewerbe statt: Live und ungeschnit-
ten, es gilt das gesprochene Wort!
Die lokale Fachkneipe für Fußballfans bleibt nach wie vor Schup-
pe's Sport-Klause Acker-Ecke Torstraße. Hier gibt es zusätzlich
zu den Spielübertragungen auch Tippspiele, und ein WM-Quiz,
außerdem wird eine Panini-Tauschbörse für Fußballerbildchen
eingerichtet. Zu den Geheimtipps der WM gehören auch diverse
MASSER
Pressespiegels
S. 11
afrikanische Mannschaften. Wer deren Spiele in besonderer At-
mosphäre genießen und danach afrikanisch feiern will, der sollte
ins Kokobe auf dem Hinterhof der Weiberwirtschaft (Anklamer
Straße 38) gehen.
WM-Kultur
Parallel zur Fußball-WM gibt es zudem zahlreiche Kultueran-
staltungen in der Stadt. Das brasilianische Kultureerium
zum Beispiel veranstaltet mit dem Haus der Kulturen der Welt
zusammen den »Copa da Cultura, mit Konzerten, Lesungen,
Ausstellungen - und natürlich auch Live-Übertragungen der
Spiele. Von den von der Bundesregierung unterstützten kultu-
rellen Veranstaltungen im Umfeld der WM haben es auch einige
in den Kiez geschafft. Die sind aber nicht immer unbedingt nur
Fußballfans gedacht. So findet zum Beispiel in den Sophiensae-
len vom 8. bis 11. Juni die Menschenparkarena« der Aktions-
truppe » United Unidos« um den Künstler Volker März statt -
auch während des Eröffnungsspiels. Aber Vorsicht: Die Perfor-
mance wird als politisch unkorrekt und als » Tabubohren gegen
jede Form von Patriotismus angekündigt!
Zum Umfeld der WM gehören ferner Festivals wie »sonambiente
Berlin 2006. Hier wird Klangkunst präsentiert - auch in der Kir-
che St. Johann Evangelist in der Auguststraße. Hier wird Andreas
Oldörp singende Klänge erzeugen. Das Projekt heißt ABSEITS 2006
und nimmt damit indirekt auf die
Fußball-WM Bezug. Auch zahl-
reiche Ausstellungen werden sich an dem Großerereignis reiben
im Kiez zum Beispiel »this ball is squaren in der Galerie Dre-
scher, Auguststraße 61.
All das ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was sich zur WM hier
abspielen wird. Vieles wird auch spontan entstehen: einen Fern-
seher auf die Straße zu stellen erfordert keine große Übung. Es
spricht zudem einiges dafür, dass zumindest im Kiez nicht der
große patriotische
Deutschland-Taumel ausbrechen wird. Die
Deutschland-Fähnchen und Fanartikel in den Supermärkten la-
gen zumindest wenige Wochen vor dem Beginn des Spektakels
immer noch bergeweise in den Regalen. Schwerer zu bekommen
waren dagegen Brasilien-Flaggen. Vielleicht ändert sich das noch
im Laufe des Turniers, möglicherweise werden auch ganz andere
Farbkombinationen aktuell, Orange, weiß und grün zum Bei-
spiel - wie Irland, nur umgekehrt: die Fahne der Elfenbeinküste.
PG. NEL