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Documents from Gilberto Gil's Private Archive

Instituto Gilberto Gil

Instituto Gilberto Gil
Brazil

  • Title: Documents from Gilberto Gil's Private Archive
  • Transcript:
    Der Tagesspiegel /Kultur S. 24 15.05.2006 Der süße Barbar Runde Mythen: ein Gespräch mit Brasiliens Kulturminister und Musik-Legende Gilberto Gil. Am 25. Mai spielt er in Berlin Herr Gil, Sie haben zur Fußball-WM den Song,Balé de Berlim" komponiert. Haben Sie als Kulturminister eigentlich noch Zeit, neue Songs zu schreiben? Diese Spieler müssen nicht nur Fußball spielen, sie müssen lernen, sich in einer anderen Kultur zu bewegen. Was zeichnet in Ihren Augen die brasiliani- schen Fußballer aus? Unsere Spontaneität, unser Talent zu Leider nur sehr wenig. Seit ich Minister bin, habe ich ganze drei Songs geschrie- ben, einer ist ,,Balé de Berlim". kommunizieren und zu verführen, die Magie des brasilianischen Lebens - all das prägt auch die brasilianische Fußball- kultur. Das sieht man schon an der Art, wie die Spieler den Ball berühren, wie sie das Feld aufteilen. Und auch im Fußball zeigt sich unsere Fähigkeit, sich fremde Einflüsse einzuverleiben und in etwas Ei- genes zu verwandeln. 1/2 Pressespiegel Pelé, Ronaldo, Ronaldinho, die berühmtes- ten Fußballspieler Brasiliens, sind alle afrobrasilianischer Herkunft. Welche poli- tische Relevanz hat der Fußball bei Ihnen? Wenn Sie sich die Spielerlisten der brasi- lianischen Fußballvereine ansehen: 60 bis 70 Prozent der Kicker sind Schwarze oder Mulatos. Fußball ist eines der Instru- mente für die zweite Phase der Wieder- gutmachung: Hier wurde eine histori- sche Schuld aus der Zeit der Sklaverei be glichen. Der Sport ganz allgemein und die Musik haben die Emanzipation der Schwarzen in Brasilien vorangebracht. in Ihrer politischen Karriere haben Sie sich von Anfang an für die Rechte der Afrobrasi- lianer eingesetzt, für ein schwarzes Selbst- bewusstsein gekämpft. Wie hat sich die Si- tuation der Afrobrasilianer verändert? Es ist uns gelungen, ein verändertes Be- wusstsein unter den Afrobrasilianern selbst und auch beim Rest der Gesell- schaft zu schaffen. Die ganze brasiliani- sche Gesellschaft muss ja diesen Emanzi- pationsprozess mittragen. Wir haben neue Gesetze auf den Weg gebracht. Seit letztem Jahr etwa sind die Schulen ver- pflichtet, afrikanische Geschichte zu un- terrichten. Das ist jetzt Teil des Curricu lums. Es gibt immer mehr schwarze Abge- ordnete und Bürgermeister, Männer wie Frauen. Und Brasilien hat einen schwar- zen Kulturminister! Als Präsident Lula da Silva Thnen vor- schlug, Kulturminister zu werden, haben Sie da gezögert? Den Samba für Berlin werden Sie bei Ih- rem Auftritt am 25. Mai im Haus der Kultu- ren der Welt singen. Mit dem Berliner Kon- zert eröffnen Sie die Copa da Cultura, eine Präsentation brasilianischer Kultur in Deutschland. Das Festival ist doch wohl mehr als nur ein Vorspiel zur WM? Die Fußball-Weltmeisterschaft haben wir zum Anlass genommen, unsere kultu- rellen Aktivitäten zu verstärken. Viele der präsentierten Arbeiten beziehen sich tura ist offen für alle Formen des künstle- rischen Ausdrucks. Fußball ist neben der Musik ein Leitbild Nein. Ich habe natürlich darüber nachge- dacht, welche Verantwortung der Posten mit sich bringt; mir war aber auch klar, welch enorme symbolische Bedeutung meine Ernennung haben würde. Als Künstler müssen Sie da Opfer bringen. Das schon, aber es ist auch spirituell sehr erfüllend, wenn man in der Lage ist, die Geschichte ein wenig voranzubringen. Sie haben schon vorher viel bewegt. Sie ha- Sie beziehen sich auf das Manifesto An- tropófago" von Osvald de Andrade, ein surrealistisches Bekenntnis zur Menschen. fresserei. Das zielt auf einen Aneignungs als Umdeutungsprozess zur Gewinnung ei- gener Identität. niert, in den Sechzigerjahren waren Sie eine der Leitfiguren des Tropicalismo. Was war de tekrar för riehen Wie konnte der Osvald de Andrade war eine der Ikonen das schockierend Nene dieser Bewegung. I gie-Bewegung in Brasilien. Von ihm stammt diese Definition brasilianischer Kultur: sich fremde Elemente einverlei- ben, sie verdauen und umdeuten. die die gesamte brasilianische Kunst er- fasste: Musik, Film, Literatur und Thea- ter. In den Sechzigern standen die Zei- chen international auf Revolte. Tropica- lia war die brasilianische Antwort auf diese Kulturrevolution. ? Unsere ganze kulturelle Seele kommt beim Fußballspielen zum Ausdruck. Denn Fußball in Brasilien ist eng ver- knüpft mit Musik, Tanz, Capoeira, mit Karneval und unserer Lust am Feiern. Haben Sie selber einmal Fußball gespielt? rühmter Fußballer zu werden? Und womöglich davon geträumt, ein be- Als ich jung war, habe ich eine Zeit lang gespielt. Ich war Torwart. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich nicht das nötige Talent habe. Und ich hatte ja die Musik. Die Spieler der Selecao, der brasilianschen Nationalmannschaft, kommen oft aus ar- men Verhältnissen, ihnen ist ein rasanter so- zialer Aufstieg gelungen. Nun hat Sócrates, der frühere Kapitänder brasilianischen Na- tionalmannschaft, in einem Interview be- hauptet, Ronaldinho sei ein schlechtes Vor- bild, weil er den Jugendlichen suggeriert: Man kann reich und berühmt werden ohne eine gute Schulausbildung. Die brasilianischen Fußballspieler kom- men zumeist aus bildungsfernen Schich- ten, aber wenn sie eine Profikarriere star- ten, müssen sie den Umgang mit Medien und Managern lernen. Sie müssen das Spiel, die Strategien der Kommunikation beherrschen, um sich erfolgreich in ih- clever und informiert sein und sich stän- dig fortbilden. Nehmen Sie die brasiliani schen Spieler, die in europäischen Verei- nen spielen. Ronaldo hat zuerst Hollän- disch gelernt, dann Spanisch und Italie- Als Sie 1975 zusammen mit Gaetano Ve- Album aufnahmen, nannten Sie sich „Do- loso, Gal Costa und Maria Bethania ein ces Bárbaros“. Was führten die „süßen Bar- baren“ im Schilde? Wir waren Barbaren in dem Sinn, dass wir in die Zentren der kulturellen Macht, die Bastionen der Tradition eingedrun- gen sind. Aber wir waren friedliche Inva- soren. Sehr süß. Wir brachten Musik und gute Neuigkeiten. Wir haben für die sexu- elle Befreiung gekämpft, neue Werte pro- pagiert. Musikalisch, so haben Sie einmal erklärt, war der Tropicalismo nie ein bestimmter Stil wie Bossa Nova, sondern eine Lebens- haltung. Sie haben Aspeite der traditionel- len Musik Brasiliens hervorgehoben und die Türen geöffnet für Einflüsse aus Ame- . rika und Europa. Als Sie bei einem Konzert zur elelctrischen Gitarre griffen, wurden Sie mit Tomaten beworfen! Wir kamen mit neuen Instrumenten, neuen Ideen und Konzepten. Und wir mussten erst die Barrieren beseitigen. Wir mussten den Boden neu bereiten, erst dann konnten wir säen.
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