Seit der ersten Veröffentlichung von Frans Hals „Malle Babbe“ 1869 durch Thoré-Bürger erfuhr das Bild große Bewunderung und Anerkennung für seine herausragende Ausdrucksstärke, meisterliche, skizzenhafte Modellierung und Spontanität. Man scheint bereits früh dafür gesorgt zu haben, dass die Dargestellte auch für spätere Generationen noch zu identifizieren war. Dies legt zumindest eine vermutlich noch aus dem 17. Jahrhundert stammende Aufschrift auf der Rückseite des Gemäldes nahe: „Malle Babbe van Haerlem […] Frans Hals.“ Erst vor einigen Jahren konnte durch Archivforschungen belegt werden, dass es sich hierbei um Barbara Claes (gest. 1663) handelt, eine geistig zurückgebliebene, „verrückte“ [malle] Frau aus Haarlem. 1646 wurde sie wegen unsittlichem Verhalten in das sogenannte „werkhuis“, eine Unterbringung für geisteskranke Menschen, eingewiesen, wo sie insgesamt 15 Jahre verbrachte. Die am Stadtrand gelegene Einrichtung war gleichzeitig Irrenanstalt und Armenhaus, Zuchthaus für Gewalttätige und Besserungsanstalt für sozial Auffällige. Auch ein Sohn und die älteste Tochter von Hals wurden hier zeitweilig aufgenommen, allerdings erst Jahre, nachdem das Berliner Bild entstanden sein dürfte. Vermutlich kannte Frans Hals die „Malle Babbe“ als eine stadtbekannte, berüchtigte Bewohnerin Haarlems und fertigte ihr Abbild an, welches sich zwischen naturalistischem Porträt und idealtypischem Genrebild bewegt.
Das Gemälde zeigt die lebensgroße, an einem Tisch sitzende Figur der Malle Babbe. Mit ihrer rechten Hand ergreift sie den Henkel eines Zinnkrugs mit aufstehendem Deckel. Auf ihrer linken Schulter sitzt eine Eule. Durch die komplexen, gegenläufigen Bewegungsmotive scheint die Figur spontan und wie in einer Momentaufnahme festgehalten. Während ihr Oberkörper nach links zur Tiefe hin ausgerichtet ist, scheint sie ihren Kopf eben gerade lachend nach links gedreht zu haben. Nur der auf dem Tisch abgestellte Zinnkrug setzt in der von kreuzenden Diagonalen bestimmten Komposition als einzige Lotrechte im Bild einen stabilisierenden Akzent. Auch die offene Pinselführung, die sich nur im Gesicht zu dichterer Modellierung schließt, die Formangaben ansonsten jedoch summarisch – in schlagartig gesetzten Zügen – belässt, trägt zu dem Eindruck einer spontan und wie zufällig erfassten Momentaufnahme bei.
Die auf der Schulter von der „Malle Babbe“ sitzende Eule darf wohl als Symbol der Trunksucht gelesen werden und auf die zeitgenössische Redewendung »zoo beschonken als een uil« (so betrunken wie eine Eule) anspielen. Als Personifizierung eines vergleichbar verurteilenswerten Lasters – dem Rauchen - wurde die „Malle Babbe“ auch auf dem Berliner Bild „Wie die Alten sungen, so pfeifen die Jungen“ von Jan Steen aufgenommen (Kat.Nr. 795D).
Im Zentrum des Bildes steht – auch malerisch - das Lachen. Als „Meister des Lachens“ wusste Frans Hals seinen Bildern und Porträts eine bis dahin ungekannte Lebendigkeit zu verleihen. Etliche seiner meist volkstümlichen Figuren malte er mit einem offenen Lachen und entblößten Zähnen – eine Darstellungsform, die für Porträts aufgrund der gültigen Verhaltensregeln im calvinistisch geprägten Holland unmöglich gewesen wäre. Das unmäßige, vom Alkohol entgleiste Lachen der „Malle Babbe“ stellt denn auch einen deutlichen Verstoß gegen die gültigen Moralvorstellungen der Zeit dar und ist nur für gesellschaftliche Außenseiter als Darstellung denkbar. Durch die offene, ungestüme Malweise fordert Frans Hals ein Zurückweichen des Betrachters vom Bild und verhilft der gesellschaftlich ausgegrenzten, abschreckenden Figur der „Malle Babbe“ so zu eigener Freiheit und Autonomie. Katja Kleinert | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019
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