In der weltoffenen Handelsstadt Antwerpen, wo Patenier seit 1515 als freier Meister arbeitete, war er 1520/21 mit Albrecht Dürer zusammengetroffen, der ihn in seinem Reisetagebuch als den »gut Landschaftmaler« bezeichnete und diesen Terminus damit erstmals verwendete. Patenier, der durch Hieronymus Bosch, Gerard David und Quinten Massys beeinflußt wurde, hat mit seinen Landschaften, in denen sich die kosmische Ordnung mit den vielfältig beobachteten Einzelheiten der Natur verbindet, den Weg für Pieter Bruegel d. Ä. gewiesen. In der Landschaft mit der Ruhe auf der Flucht nach Ägypten hat Patenier die groß im Vordergrund dargestellte Madonna nicht selbst gemalt, sondern diese Arbeit einem Künstler aus dem Atelier Joos van Cleves anvertraut, der seinerseits auf das Vorbild der Madonna am Kamin (St. Petersburg, Eremitage) des Meisters von Flémalle zurückgriff. Wie im Vogelflug gleitet der Blick über die weite Landschaft. Gleich einem bunten Teppich breitet sich das Land vor unseren Augen aus. Es ist eine Natur, die als Teil des Kosmos der göttlichen Ordnung unterstellt ist. Ihr verdankt die Tiefe des Raumes und die Weite des Himmels ihre Einheit. Die von Gott geordnete Natur setzt sich aus einer Fülle genau beobachteter Einzelheiten zusammen, die sich zu einem Gesamtbild formieren, das immer neue Einblicke offenbart. So dringt der Blick in die Tiefe, erfaßt die bizarren, bis in die Wolken aufragenden Felsen und schweift ungehindert in die Ferne, wo sich schier endlos dehnende Wälder erstrecken und Schiffe auf die unbegrenzte Weite des Meeres hinaussegeln. Es sind wenige Lokalfarben, die in mannigfaltiger Abstufung von Grün und Braun bis hin zu einem lichten, kristallinen Blau den Eindruck von Tiefe und Weite vermitteln. Mit dieser meisterlichen Farbbehandlung und eingehenden Berichterstattung verbindet sich eine gewissenhafte Schilderung der Begebenheiten, die sich um die Berichte von der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten ranken. Nicht der Bibel, sondern den apokryphen Schriften verdanken wir die zahlreichen wundersamen Begebenheiten, die sich auf der Flucht zugetragen haben. Es ist vor allem das apokryphe Evangelium des Pseudo-Matthäus gewesen, das auf Literatur und Kunst vom Mittelalter bis in die Renaissance stärkeren Einfluß auszuüben vermochte als die Bibel. Hier wird berichtet, wie die Heilige Familie in die Stadt Sotinen gereist war und wie beim Betreten des Tempels die heidnischen Götzenbilder zu Boden stürzten. Wir sehen den hoch in der Flanke des Bergmassivs gelegenen Tempel und das neben dem Weg zum Heiligtum errichtete Standbild, das von seiner Säule herabstürzt. Die im Vordergrund an den Wurzeln des Baumes entspringende Quelle weist auf ein weiteres Wunder hin, das sich der Legende zufolge ereignet hat. Die zutraulichen Vögel nahe der Gottesmutter und dem Kind zeigen, daß auch die Kreatur ihren Herrn erkennt. In Bethlehem, einem ärmlichen Dorf nahe dem rechts ins Meer mündenden Fluß, sehen wir die von Herodes ausgesandten Soldaten, die die unschuldigen Kinder töten. Voller Verzweiflung suchen die wehklagenden Mütter ihre Kinder zu schützen. Patenier hat die aufeinanderfolgenden Ereignisse zeitgleich im Bild festgehalten, um zu verdeutlichen, daß die Darstellung erst angesichts der Chronologie der Geschehnisse ihre besondere Bedeutung erhält. Zu diesen Geschehnissen gehört auch die in der niederländischen Kunst oft geschilderte Legende des Erntewunders. Als die Heilige Familie aus Furcht vor den Soldaten des Herodes Bethlehem verließ, kam sie an Bauern vorbei, die Korn aussäten. Joseph trug ihnen auf, den Verfolgern zu sagen, daß sie vorbeigezogen seien, als das Getreide gesät wurde. Durch ein Wunder reifte das Korn über Nacht und konnte schon am nächsten Morgen geschnitten werden. Auf diese Weise wurden die Soldaten durch die wahrheitsgemäße Auskunft der Bauern getäuscht und dadurch veranlaßt, ihre Verfolgung aufzugeben. Patenier hat die Legende im Nebeneinander des frisch bestellten und des erntereifen Feldes am Rande Bethlehems sowie die Befragung der Bauern durch Soldaten sinnfällig gestaltet. Nicht nur die in der Landschaft angesiedelten Szenen, sondern auch Blumen und Pflanzen dienen dem tieferen Verständnis der geschilderten Begebenheit. So weist die neben der Quelle im Vordergrund blühende Schwertlilie ebenso wie die dornige Distel symbolhaft auf die bevorstehende Passion Christi hin, die der Menschheit die Erlösung gebracht hat. Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019
Interessiert am Thema „Visual arts“?
Mit Ihrem personalisierten Culture Weekly erhalten Sie Updates
Fertig!
Sie erhalten Ihr erstes Culture Weekly diese Woche.