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Szenen aus dem Leben des hl. Bertin - Verkündigung mit Propheten und Evangelisten

Simon Marmion1459

Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Berlin, Deutschland

Simon Marmion, der in Amiens, in Valenciennes und vorübergehend auch in Tournai arbeitete, gehört zu den hervorragendsten französischen Meistern der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Schon die ältesten Nachrichten rühmen ihn als »Prince d’enluminure«, dessen Miniaturen aufgrund ihrer reichen Ausstattung mit landschaftlichen Details große Bewunderung hervorriefen. Das Hauptwerk Marmions und der Ausgangspunkt für die Rekonstruktion seines Schaffens, in dem sich Elemente der französischen und niederländischen Kunst miteinander verbinden, bildet der Altar für die Benediktinerabtei St. Bertin in der damals zur Grafschaft Flandern gehörenden Stadt Saint-Omer.
Auftraggeber des Retabels, das 1459 auf dem Hochaltar der Abteikirche aufgestellt wurde, war Guillaume Fillastre, Bischof von Verdun (1437–49), Bischof von Toul (1449–60), Abt von St. Bertin (1450–73), Bischof von Tournai (1460–73), Kanzler des Ordens vom Goldenen Vlies und ein enger Vertrauter des mächtigen Herzogs von Burgund, Philipps des Guten. Das kostbare Altarwerk hat sich bis 1791 an seinem Platz in der Abtei befunden, ist dann jedoch wie so viele Kirchenschätze der Französischen Revolution zum Opfer gefallen. Der mit Skulpturen in kostbarer Goldschmiedearbeit reich geschmückte Mittelschrein wurde zerstört, das Gold eingeschmolzen. Erhalten blieben die von Marmion geschaffenen, beidseitig bemalten Flügel. Sie waren ursprünglich durch zinnenartige Aufsätze überhöht, die jedoch zu Beginn des 19. Jahrhunderts abgetrennt wurden und heute in der National Gallery in London bewahrt werden. Die beiden Altarflügel vermögen heute nur noch einen unvollkommenen Eindruck von der monumentalen Wirkung des ungewöhnlich aufwendigen Retabels zu vermitteln, das in geöffnetem Zustand eine Breite von über sechs Metern aufwies. Die Flügel sind auf den Rückseiten, den einstigen Außenseiten, mit Malereien in Grisaille geschmückt. Im geschlossenen Zustand des Altars bildeten sie dessen »Werktagsseite«.
Wir sehen links Markus und Micha, Johannes und Salomo sowie den Erzengel Gabriel, der auf die Maria der Verkündigung auf der rechten Seite bezogenist, neben der David, Matthäus, Jesaias und Lukas dargestellt sind. Die Könige, die Propheten und die vier Evangelisten, die Spruchbänder tragen und durch Beischriften bezeichnet sind, rahmen paarweise in gemalten Nischen die Verkündigungsszene. Sie weisen zugleich auf das Programm des kostbaren Altarschreins voraus, in dessen Zentrum die Kreuzigung Christi zu sehen war, überragt von dem vergoldeten Stamm des Lebensbaums als Sinnbild für das Erlösungswerk Christi, durch das der Menschheit der Wein des eucharistischen Bluts zuteilwurde.
Besondere Beachtung verdienen die Innenseiten der beiden Altarflügel, die einst den goldenen Mittelschrein flankierten. Sie bestechen durch eine brillante Farbgebung von fast kristalliner Klarheit und einen außergewöhnlichen Detailreichtum. Zusammengenommen bilden sie einen breit angelegten Zyklus von jeweils fünf durch reichgegliederte Architektur getrennten Szenen, die von Ereignissen
aus dem Leben des heiligen Bertin, des Gründers und Titelheiligen des Klosters, berichten. Der heilige Bertin, geboren um 615 bei Coutances (Manche), gestorben am 5. September 698, ist in Luxeuil (Haute Saône) ins Kloster eingetreten. Er war Bischof von Thérouanne (Pas-de-Calais) und gründete das Kloster Sithiu – seit 1100 St. Bertin genannt –, dessen Abt er von 670 bis zu seinem Tod gewesen ist. Seit dem Jahre 745 wird er als Heiliger verehrt.
Die Szenenfolge beginnt in der linken Ecke des linken Altarflügels. Hier ist der Stifter Guillaume Fillastre dargestellt, der im bischöflichen Ornat vor einem aufgeschlagenen Missale kniet. Hinter ihm steht ein Kaplan. Ein über ihm schwebender Engel trägt sein Wappen. Auf dem einst darüber angebrachten Aufsatz, der sich heute in London befindet, sind singende und musizierende Engel zu sehen. Der Blick des Stifters gilt den sich anschließenden Begebenheiten aus dem Leben des
Heiligen. Auch wir sehen nacheinander dessen Geburt und seine Einkleidung im Kloster von Luxeuil. Demutsvoll kniet er unter dem Kirchenportal und ein weiteres Mal betend vor dem Lettner der Kirche. Die folgende Szene berichtet von der Pilgerschaft Bertins, der in Begleitung der Mönche Ébertramne und Momelin in Thérouanne vom heiligen Omer empfangen wird. Im Anschluss daran sind die
Gründung und der Bau des neuen Klosters dargestellt. Der heilige Bertin und der Grundherr der Gemarkung, Ritter Adrowald, besiegeln die Schenkung. In der Landschaft erhebt sich die nahe dem Fluss Aa gelegene Burg des Ritters. Auf dem Wasser treibt das Boot mit dem Heiligen und seinen Begleitern, geleitet von einem Engel, der ihnen die von Gott vorbestimmte Stelle für den Bau des
Klosters angezeigt hat.
Die Ereignisse setzen sich auf dem rechten Flügel mit der Legende des Weinwunders fort. Sie berichtet davon, wie Ritter Waldbert auf der Jagd vom Pferd stürzte, da er es versäumt hatte, den Segen des Klosters einzuholen. Er sandte daraufhin seinen Knappen aus, der ihm einen vom heiligen Bertin gesegneten Trunk bringen sollte. Durch ein Wunder hatte sich ein leeres Fass mit Wein gefüllt.
Wir sehen den Mönch Duodon, der vor dem Fass kniet, den Knappen und den heiligen Bertin, unter dessen Augen sich das Wunder vollzieht. Die daran anschließende Szene zeigt den Ritter, der, geheilt und bekehrt, mit seinem Sohn der Welt entsagt und ins Kloster eintritt. Danach werden auch vier bretonische Edelleute vom Heiligen in den Orden aufgenommen. Hinter beiden Szenen öffnet sich der Blick in einen gotischen Kreuzgang, dessen Wände mit der umlaufenden Darstellung eines Totentanzes bemalt sind. Wir sehen junge Männer von Adel ergriffen die Malereien betrachten, die von der Vergänglichkeit alles Irdischen zeugen. Irdischen Anfechtungen war freilich auch der heilige Bertin ausgesetzt, wie die sich anschließende Szene verdeutlicht. Eine verführerische, modisch aufgeputzte Frau ist dem Heiligen erschienen, um ihn zu versuchen. Die unter ihrem Kleid hervorschauenden Krallenfüße zeigen, dass sie ein Dämon des Bösen ist, der jedoch durch den heiligen Martin von Tours gebannt und bezwungen wird. In der letzten Szene der Bilderfolge sehen wir den heiligen Bertin auf dem Totenbett, betrauert von einem vornehmen Gönner des Klosters und den Mönchen, die ihn mit den Sterbesakramenten versehen. Der einst über dieser Szene angebrachte Aufsatz, der in London bewahrt wird, zeigt die Aufnahme der Seele des Heiligen in den Himmel.
Die Brillanz der Farben und der Detailreichtum der Szenen zeugen davon, dass Marmion vor allem auch ein Miniaturist von außergewöhnlichen Fähigkeiten war. Bewundernswert ist zumal die differenzierte Behandlung des Lichts, das sich in vielfältigen Abstufungen an der Architektur bricht und den stillen Räumen eine unverwechselbare Atmosphäre verleiht. Ausgehend von der Zelle des Stifters und dem Sterbezimmer des Heiligen erfährt die Lichtführung eine zunehmende Steigerung bis hin zu den Ausblicken in die helle, lichtdurchflutete Landschaft, die zum Mittelschrein mit seinem goldenen Skulpturenschmuck überleiteten. Rainald Grosshans | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019

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  • Titel: Szenen aus dem Leben des hl. Bertin - Verkündigung mit Propheten und Evangelisten
  • Ersteller: Simon Marmion
  • Datierung: 1459
  • Abmessungen: 058,5 x 146,4
  • Typ: Altarflügel
  • Externer Link: Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
  • Material: Eichenholz
  • Sammlung: Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
  • Künstlerdaten: 1420 - 1489
  • Inv. Nr.: 1645A
  • ISIL-Nr.: DE-MUS-017018
  • Erworben: 1905 Ankauf aus der Sammlung der Fürstin zu Wied in Neuwied
  • Copyright Bild: Photo: © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Image by Google
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