Der bei Les Andelys in der Normandie geborene Maler lebte quasi seit 1624 in Rom. Einzig die Jahre 1640 bis 1642 führten ihn ein letztes Mal glücklos in seine französische Heimat – nach Paris. In der Ewigen Stadt dagegen zollte man ihm große Anerkennung. Poussin gehörte auf Empfehlung des Poeten Giovanni Battista Marino seit 1626 zur Klientel des kunstliebenden Kardinals Francesco Barberini. Vom Jahre 1632 an unterhielt Poussin ein Atelier in der Via Paolina. Der Künstler schildert sich mit einem Malkreidehalter und einem Skizzenbuch, was seine Vorliebe für die strenge Bildzeichnung betont. In diesem Sinne fühlte sich Poussin den besten Kunstleistungen von Antike und italienischer Hochrenaissance verbunden. Er bevorzugte das gedämpfte Lokalkolorit. Ohne sonderliche Tiefenräumlichkeit ist das Bildnis von einem gemalten Relief (trompe l’oeil) hinterfangen. Es zeigt Putti mit einem Lorbeerfeston, die möglicherweise als allegorische Darstellungen der Kinder der Nacht, Tod (Thanatos) und Schlaf (Hypnos), zu denken sind. Die durch hintergründige Melancholie be stimmte Komposition erinnert an ein Epitaph. Arbeiten des mit dem Maler befreundeten flämischen Bildhauers François Duquesnoy scheinen hier als Anregung gedient zu haben. Aber auch römisch-kaiserzeitliche Sarkophagreliefs beeindruckten Poussin. Eine kurze biographische Inschrift informiert unter anderem darüber, daß er seit 1633 Senator der Kunstakademie seiner römischen Wahlheimat sowie seit 1639 Hofmaler des bourbonischen Königshauses war. Sie ist von fremder Hand nachgetragen worden, kurz bevor Jean Pesne spätestens 1660 das Gemälde in einem Kupferstich dokumentierte. Er beweist, daß das Berliner Bildnis später an seinem oberen Rand um einige Zentimeter beschnitten wurde. Die Buchrückenbeschriftung »DE LVMINE ET COLORE« erfolgte gleichfalls zwischen 1649 und 1660 außerhalb von Poussins Atelier. Sie ist deshalb bei der Restaurierung des Gemäldes im Jahre 1993 (reversibel) übermalt worden. Obgleich der Klassizist Nicolas Poussin die Porträtmalerei äußerst distanziert betrachtete – die Ursache mag in der biologischen und motorischen Wandlungsfähigkeit des menschlichen Antlitzes gesucht werden –, entsprach er dem Wunsch seines Pariser Freundes, Paul Fréart de Chantelou, nach einem Selbstbildnis. Er war jedoch anfänglich mit der ersten (Berliner) Fassung unzufrieden. Im Juni 1649 versprach er dem Auftraggeber ein neues Porträt. Diese zweite Fassung wurde 1650 fertiggestellt und befindet sich heute im Louvre. Offensichtlich hatte Poussin inzwischen die erste Fassung überarbeitet, so daß er sie bedenkenlos dem Pariser Bankier und Seidenfabrikanten Jean Pointel überlassen konnte, wie man einem Brief an Chantelou vom 29. Mai 1650 entnehmen kann. Das in Rom entstandene Selbstbildnis kaufte im Jahre 1821 der preußische König Friedrich Wilhelm III. für die geplante Berliner Gemäldegalerie. Rainer Michaelis | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019 SIGNATUR / INSCHRIFT: Spätere, nicht eigenhändige Inschrift im gemalten Relief des Hintergrundes:
NICOLAVS POVSSINVS ANDELYENSIS ACADEMICVS ROMANVS PRIMVS / PICTOR ORDINARIVS LVDOVICI IVSTI REGIS GALLIÆ. ANNO Domini / 1649.Roma. / ÆTATIS SVÆ. 55
DE LVMINE ET COLORE
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