Der damals noch unbekannte Pastellmaler Thomas Lawrence kam 1787 nach London. Schon drei Jahre später hatte er erreicht, dass er ein lebensgroßes Porträt der Königin Charlotte (London, The National Gallery) malen durfte. Lawrence' Erfolg kündigte an, dass er vor den älteren Hoppner und Raeburn der eigentliche Nachfolger des alten Reynolds sein könnte. Er wurde mit Bildnisaufträgen überhäuft und, was wichtiger war, er fand freundschaftlichen Anschluss bei den großen Familien wie den Locks, Boucheretts und den Angersteins. Vor allem der reiche Bankier John Julius Angerstein (1735– 1823), Mitbegründer von Lloyd’s und Berater des Premier Pitt, war sein väterlicher Freund, finanzieller Ratgeber in seinen oft sehr verworrenen Vermögensverhältnissen und Auftraggeber zugleich. Lawrence beriet Angerstein beim Aufbau der Sammlung Alter Meister, die dann nach dessen Tod von der englischen Regierung angekauft wurde und den Grundstock der 1824 gegründeten National Gallery bildete.Zu den zahlreichen Porträts, die Lawrence für die Angerstein-Familie malte, gehört auch das Berliner Bild. Es wurde am 17. August 1807 begonnen, als der Maler sich in dem Landhaus Woodlands aufhielt. Aber schon zwei Tage später beklagte er sich in einem Brief, er müsse dieses schwierigste aller Themen in einem unruhigen Durchgang malen. Jedermann, die Kinder und andere, renne hin und her, und er könne nichts dagegen sagen. Ob aus diesem oder aus anderen Gründen – das Bild wurde nicht vollendet, wie auch sonst oft bei Lawrence, aber dennoch im folgenden Jahr in der Royal Academy ausgestellt.Die vier Enkelkinder des alten John Julius Angerstein, zwei Jungen und zwei Mädchen, sind beim Spiel in einem Park dargestellt. Rechts, abgehoben von den anderen, hält der Älteste, John Julius Angerstein (1801–1866), einen Besen. In der Mitte hantiert der Jüngste, Henry Frederick (1805–1821), tollpatschig mit einem viel zu großen Spaten, während seine Schwester Carolina Amelia (1802[?]–1879) ihn noch festhalten muss und Elisabeth Julia (1803[?]–?) hinüberschaut zu ihrem Bruder. Diekunstvoll aufgebaute, in sich abgeschlossene Figurenkomposition steht noch ganz in der klassischen Tradition des 18. Jahrhunderts. Die dargestellte Unbekümmertheit, vor allem aber die warmen, leuchtenden Farben zwischen dem gedeckten Weiß, dem leuchtenden Rot und dem dunklen Hintergrund weisen Lawrence als echten Romantiker aus. Gerade bei den Kinderbildnissen und den Mutter-Kind-Gruppen gelangen dem notorischen Junggesellen Lawrence die schönsten Formulierungen romantischer Bildkunst in England. Ihr Ausdruck reicht von natürlicher Unbefangenheit bis zur elegischen Sentimentalität. Ihre scheinbare Spontaneität lässt aber fast nie seine langsame, genau kalkulierte Arbeitsweise erkennen. Auf diesem Bild gibt es jedoch Spuren dieser dauernd neuen Überlegungen. So lag vorn links zum Beispiel noch ein kleiner Eimer, der dann übermalt wurde; und der rote Vorhang oben, der als traditionelles Würdesymbol auf die repräsentative Aufgabe eines solchen Bildnisses hinweisen soll, ist erst nachträglich hinzugefügt worden. Hennig Bock | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei - Gemäldegalerie Berlin, 2019
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