Antwerpen, das sich durch seine liberale Handelspolitik schon im 15. Jahrhundert zur ernsthaften Konkurrentin von Brügge und Gent aufgeschwungen hatte, entwickelte sich um 1500 zur größten Hafen- und Handelsstadt des gesamten Nordens. Den Listen der Malerzunft entnehmen wir, daß Künstler von überall her nach Antwerpen strömten, daß eine große Anzahl von Ateliers bestand und ein reger künstlerischer Austausch unter den einzelnen Werkstätten stattgefunden hat. Es waren nicht mehr die Wünsche eines einzelnen Auftraggebers, sondern der Geschmack und die Nachfrage einer breiten Schicht von Käufern, für die Kunstwerke auf Vorrat gemalt wurden, um damit auch den Exporthandel mit Kunst zu beliefern. In den Werkstätten der zahlreichen Meister, die uns heute größtenteils nur unter ihren Notnamen bekannt sind, entstanden Andachtsbilder sowie mit Bildwerken und Malereien geschmückte Altäre, die von Skandinavien bis nach Portugal exportiert wurden. Zu dieser Gruppe von Künstlern, die in Antwerpen zu Beginn des 16. Jahrhunderts arbeiteten und bestimmte Bildthemen in immer neuen Variationen malten – was sich auch in den Notnamen ausdrückt – gehören unter anderen der Meister der Antwerpener Anbetung, der Meister der Johannes-Martyrien, der Meister von 1518 und der Meister der Münchner Anbetung, der auch unter dem Namen Pseudo-Bles bekannt ist. Dieser zuletzt genannte Meister, von dessen Hand die in München (Alte Pinakothek) bewahrte Anbetung der Könige mit der falschen Signatur »Henricus Blesius« stammt, ragt aus der Vielzahl der anonymen Künstler heraus, die man als Antwerpener Manieristen bezeichnet. Seinem Schaffen kann auch die Tafel mit der Enthauptung Johannes des Täufers zugeschrieben werden, ein Werk, das sich durch seine hohe Qualität deutlich von der Durchschnittsproduktion abhebt. Ein freier Platz, der an der linken Seite und im Hintergrund von hoch aufragenden Bauwerken mit Rundtürmen, Säulen und schmalen Fenstern begrenzt wird, bildet die phantasievoll gestaltete Kulisse für die Hinrichtungsszene. Wir sehen den Henker mit dem Schwert in der Hand, der Salome, die von zwei Dienerinnen begleitet wird, das abgeschlagene Haupt des Johannes auf die silberne Schüssel legt. Am Boden liegt der Körper des Geköpften. Strahlen von Blut entspringen dem Stumpf des Halses. Daneben steht ein prunkvoll gerüsteter Soldat, der sich mit zwei Männern unterhält, von denen einer einen Falken auf der Hand trägt. Im Hintergrund sehen wir Johannes, der, gefesselt, vom Henker und einem Soldaten zur Hinrichtung geführt wird. In der offenen Halle des Palastes tanzt Salome vor Herodes, um im Anschluß daran den Tod Johannes’ des Täufers zu verlangen. Ganz rechts blickt man in eine bergige Landschaft mit Männern an einem Feuer. Allem Anschein nach handelt es sich hierbei um die Darstellung der Verbrennung der Gebeine des Johannes, die später auf Befehl des Kaisers Julian Apostata stattgefunden hat. Die brillante Farbgebung der virtuos behandelten Komposition, die reiche Architektur und die phantastischen Kostüme zeugen von den hohen handwerklichen Fähigkeiten des Künstlers. Dies alles wie die Vorliebe für die kunstvoll artistischen Bewegungen und überlangen Proportionen der Bildfiguren sind Wesensmerkmale der Kunst der Antwerpener Manieristen, die das Formgefühl von Spätgotik und Renaissance zu verbinden suchten.| 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019
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