Unheimliche Masken, kunterbunte Kostüme und süße Perlentäschchen – im MEK (Museum Europäischer Kulturen) finden sich einige Objekte, die im ersten Moment bizarr erscheinen. Vorhang auf für die zehn schrillsten und skurrilsten Ausstellungsstücke!

Das MEK (Museum Europäischer Kulturen) beherbergt ca. 280.000 Objekte zur europäischen Alltagskultur vom 18. bis zum 21. Jahrhundert. Einige davon erscheinen auf dem ersten Blick sehr skurril und schräg. Dabei sind uns diese Gegenstände nicht nur räumlich nah, sondern auch in der Zeit nicht weit von uns entfernt, denn sie sind meistens gar nicht sehr alt. Und sie erzählen von der bezaubernden Vielfalt der Kulturen in Europa, zeigen aber auch gemeinsame Ideen und Kenntnisse, technische Fähigkeiten, ästhetische Vorstellungen und Wissen. Hier sind die Top 10 der schrillsten und skurrilsten Objekte:
10. Die Pudeltasche

Die rote Vorderseite dieser Tasche ziert ein grau-weißer Pudelkopf, der eine Plaidhülle in seiner Schnauze trägt. Doch der Pudel blickt uns nicht nur mit seinem Hundeblick an, sondern erzählt von einem Fieber in Europa – dem Perlenfieber.

Die Tasche gehörte zum repräsentativen Reisegepäck, das um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Mode kam. Ebenfalls zu der Zeit im Trend: Perlenarbeiten jeglicher Art! Die Perlenindustrie in Böhmen erlebte einen gewaltigen Aufschwung und trat mit den venezianischen Perlenfabriken in Wettbewerb. In Berlin wurden zeitgleich Musterbögen für die Wollstickerei produziert. Die gemalten Vorlagen wurden dann mit Glasperlen bestickt. Eine aufwändige Arbeit: Jede Perle wurde einzeln auf Leinengarn gefädelt und mit einem halben Kreuzstich fixiert.

Europa war im Perlenrausch: In den Städten zierten Perlen Röcke, Schals, Umhänge und Mäntel. Perlenbesetzte Kämme und Nadeln waren Teil modischer Frisuren. Man fand Perlen auf Taschen, Sonnenschirmen und Schuhen. Und rasch gewannen die beperlten Objekte an Größe: Kissen, mit Perlen bestickte Stühle, Pantoffeln, Tabakbeutel, Barometer, Notizbücher, Taschenkalender und auch Reisetaschen reihten sich mit ein. Die Pudeltasche ist im Stil der Berliner Stickvorlagen gestaltet. Sie wurde mit Wolle und venezianischen Perlen gestickt.

9. Eine stachlige Gebärmutter

Dieses Objekt sieht gefährlich aus. Doch die eirunde Holzkugel mit eingeleimten Stacheln ist keine schmerzhafte Waffe. Sie ist ein Votiv gegen Krankheiten der Gebärmutter oder gegen Kinderlosigkeit.

Votive sind Gegenstände, die als symbolische Opfer zu kultischen Stätten gebracht werden. Bereits in der Antike wurden Votive aus Ton geopfert, die in verkleinerter Darstellung ein Leiden repräsentierten. In der katholischen Kirche bringt man Votive meist für die Bitte um Heilung oder aus Dank für eine Genesung dar.

Dabei werden die einzelnen Erkrankungen plastisch dargestellt. Innere Organe wie Herz, Lunge oder Gebärmutter wurden häufig aus Holz gearbeitet, Tier- und Menschvotive oft aus Metall. Aus Wachs stellt man bis heute Votive mit Hilfe von Holzmodeln her. Dieses hölzerne Gebärmuttervotiv entstand Ende des 19. Jahrhunderts in Italien. Am Eirund ist eine Drahtschlinge zum Aufhängen angebracht.

8. Geduld in der Flasche

Hier kann man einiges entdecken: In der 32 Zentimeter hohen Flasche sind kleine, bemalte Glas-, Papier- und Holzobjekte sowie Kunstblumen aus Stoff versammelt. Mit ruhiger Hand wurde das Objekt 1889 in Österreich gefertigt. Solche so genannten Eingerichte erfordern ein hohes Maß an handwerklichem Geschick in ihrer Herstellung. Darum nennt man sie auch Geduldsflaschen.

Perfekt in die Glasflaschen eingepasst zeigen sie religiöse Szenen und Darstellungen. Häufig wird, so wie hier, die Kreuzigung Jesu gezeigt oder ein Kruzifix auf einem Altar nachgestellt.

7. Eine merkwürdige Maske

Ganz schön gruselig: Diese Maske stellt einen gehörnten Tierkopf mit langem, spitzem Schnabel und dornartigen Zähnen dar. Die untere Hälfte des Schnabels ist dabei sogar beweglich. Doch nicht genug:

Vor den flügelförmigen Ohren sind an den Wangen kleine Hände angebracht. Es ist eine Perchten-Maske aus dem Salzburger Land in Österreich und stammt aus dem 18. Jahrhundert. Die Perchten ziehen in den ‚Rauhnächten‘ – das sind die zwölf Tage zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag – durch die Dörfer, um das ‚Böse und Dunkle‘ zu vertreiben.

Der Gebrauch von Masken und Verkleidungen ist traditionell in verschiedenen Teilen Europas üblich. Die Vermummungen lehnen sich an regionale Sagenwesen an und stellen dämonische, geisterhafte Geschöpfe dar. Die Verkleideten genießen meist ‚Narrenfreiheit‘: Während der Zeit, in der die Masken zum Einsatz kommen, werden den Maskenträgern Scherze eher verziehen. Durch lärmende Umzüge sollen die ‚bösen Geister‘ der dunklen Jahreszeit vertrieben werden.

Während diese Absicht in unterschiedlichen Gegenden gleich ist, so unterscheiden sich die Masken von Region zu Region doch stark in ihrer Gestaltung. Diese beeindruckende Maske besteht aus Holz, Leder, Filz und Glas und wird gekrönt von echtem Horn.

6. Eine elektronische Gebetshilfe

Tasbih nennt man muslimische Gebetsketten, die zur Unterstützung des Gebets dienen: Mit ihrer Hilfe werden die 99 Namen Allahs rezitiert. Gewöhnlich besteht eine Kette aus 99 Perlen, die man verschiebt, um sich nicht zu verzählen. Während die Tradition des islamischen Gebets fortlebt, wurden manche religiösen Objekte neu erfunden. Heutzutage gibt es auch elektronische Tasbih.

Darin ist gleichzeitig ein Kompass zur Bestimmung der Lage Mekkas enthalten, in deren Richtung Muslime sich beim Beten wenden. Wie praktisch!

5. Ein Krug mit Hut

Wer ist der Kerl, der uns hier zuprostet? 1712 schuf John Arbuthnot die Figur des John Bull, die zunächst durch britische Verlage publiziert wurde, später auch durch den deutsch-amerikanischen Illustrator Thomas Nast Verbreitung fand.

John Bull wird gewöhnlich als korpulenter Mann dargestellt, dessen Kleidung – Frack, Kniebundhosen, eine Union-Jack-Weste sowie ein Zylinderhut – ihn als Mitglied der britischen Mittelschicht ausweist. In zahlreichen Variationen tritt er in britischen Cartoons des 19. und frühen 20. Jahrhundert. auf. Während der Zeit des Ersten Weltkrieges wird er auf deutscher Seite gerne als Karikatur des Gegners England verwendet.

4. Die Gondel vom Halensee

Die Gondel ist das Symbol für Venedig. Inbegriff romantischer Sehnsucht und abgründiger Träume. Doch wie kommt sie nach Berlin und was hat sie erlebt?

Die ca. 700 kg schwere, schwarze Prachtgondel wurde 1975 einem Berliner Geschäftsmann von einem Kaufmann aus Venedig geschenkt. Anfangs nutzte dieser sie für Fahrten auf dem Halensee, doch dann verfiel sie und wurde schließlich 1982 in einer spektakulären Fahrt über den vereisten See zum Depot des damaligen Museums für Völkerkunde überführt. 1985 konnte man die Gondel nach einer dreijährigen Restaurierung erstmals öffentlich bestaunen, und zwar in der Ausstellung „Boote der Welt“. Seit 201 1ist sie dauerhaft im MEK zu sehen.

Seit etwa 1400 wurden Gondeln dieser Art als Fahrzeuge auf Lagunen und Kanälen im venezianischen Raum für den Nahverkehr verwandt. Seit dem 19. Jahrhundert gelten sie als beliebte Beförderungsmittel für Touristen. Sie zeichnen sich durch ihre schlanke und leicht asymmetrisch gebogene Form aus, die der besseren Manövrierfähigkeit dient. Bug und Heck sind mit einem flachen Dach versehen, auf dem der Gondoliere steht.

In der Mitte der Gondel befinden sich Sitzgelegenheiten für Fahrgäste. Das technisch bedeutsamste Gerät ist die Holzgabel für das Ruder. Üppiges Reliefschnitzwerk und Blattgoldverzierungen machen die Gondel zu einem prächtigen Repräsentationsobjekt.

3. Ein prunkvoller Karren

Über und über mit bemalten Schnitzereien dekoriert ist dieses eindrucksvolle Souvenir. Diese Prunkversion eines für Sizilien typischen bunten Karrens brachte Kaiser Wilhelm II. von einer Reise nach Sizilien mit. Lange stand er in den Römischen Bädern vom Park Sanssouci in Potsdam.

Die von Eseln gezogenen zweirädrigen Karren wurden bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Sizilien und in großen Teilen des Mittelmeerraums als Transportmittel benutzt – heute gehören die carretti, nachgebildet als kleine Souvenirs, in den Bereich der Folklore, während die historischen Originalkarren auf Festumzügen und in Museen auf Sizilien gezeigt werden.

2. Ein bedeutender Spieß

Brottasche, Soße, wahlweise Kräuter, Knoblauch, Salat sowie gegrillte Fleischscheiben vom Spieß – so kennen und lieben viele Menschen auf der ganzen Welt den Döner Kebab. Dieses Fast-Food-Gericht wurde in den frühen 1970er-Jahren in Berlin entwickelt. In Deutschland gibt es etwa 16.000 Döner-Imbiss-Betreiber, die jährlich über 720.000.000 Döner verkaufen.

Die rotbraune Dönerattrappe imitiert einen echten Döner aus aufgeschichtetem gewürztem Fleisch; grüne Peperoni und eine Tomate vervollständigen die Illusion. Die Plastikfigur wird als Außenwerbung für Imbissläden verwendet. Auf einem Metallträger am oberen Ende lässt sich ein Werbeschild der jeweiligen Imbissbude kleben.

1. Conchita Wurst auf der Mondsichel

Die nahezu lebensgroße Skulptur zeigt eine Person mit schwarzen langen, gewellten Haaren und einem dunklen Bart. Den Kopf ziert eine aufgesetzte goldfarbene Krone. Abgesehen von diesen Fassungen ist der Rest der Plastik in der Farbe des hellen Holzes der Zirbelkiefer belassen, einem Material, das insbesondere in der traditionellen Heiligenschnitzerei der alpinen Regionen benutzt wurde. Zur Gestaltung gehört ein faltenreiches, bis zu den Füßen reichendes, eng anliegendes Gewand.

Dargestellt ist die Kunstfigur Conchita Wurst, in deren Gestalt der Travestiekünstler Thomas Neuwirth den Eurovision Song Contest 2014 in Kopenhagen gewann. Sie steht auf einer silberfarbenen Sichel, mit der rechten Hand ein goldfarben gefasstes Standmikrofon greifend.

Der angedeutete Ausfallschritt mit dem linken Bein, auf dessen Oberschenkel die linke Hand liegt, verleiht der Skulptur einen dynamischen Charakter. Die Sichel befindet sich mittig auf einem gewölbten Fundament in Form eines unregelmäßigen Oktagons, dessen Seiten ebenfalls goldfarben gefasst sind. Das Motiv einer Frauenfigur auf einer Mondsichel erinnert an für das Mittelalter typische Madonnendarstellungen.

Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin
Mitwirkende: Geschichte

Text: Kulturkontakte. Leben in Europa, hrsg. von Elisabeth Tietmeyer und Irene Ziehe für das für das Museum Europäischer Kulturen – Staatliche Museen zu Berlin, Koehler & Amelang Verlag 2011.

Konzept / Redaktion / Umsetzung: Alina Helwig, Lisa Janke

Foto: Ute Franz-Scarciglia

© Staatliche Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz

www.smb.museum
Museum Europäischer Kulturen

Quelle: Alle Medien
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